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Es war einmal...

SammlungMystery / P12 / Mix
05.10.2014
16.12.2020
20
42.310
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05.10.2014 1.911
 
Es war einmal ein Mädchen, das mit seiner Mutter in einem kleinen Dorf am Rande eines dichten Waldes lebte. Beide arbeiten als Weberinnen und hatten so genügend, um zu leben. Als das Mädchen jedoch älter wurde und zu einer jungen Frau heranwuchs, wurde die Mutter schwer krank und starb kurz darauf.  Das Mädchen war allerdings noch zu jung, um alleine leben zu können - das fand zumindest ihre Verwandschaft. Diese hatte zwar auch missbilligt, dass ihre Mutter nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr geheiratet hatte, aber das Mädchen musste sich ihnen fügen. So lebte sie nun bei ihrem Onkel, der sie allerdings hart arbeiten, vor Morgengrauen aufstehen und erst nach Sonnenuntergang aufhören ließ.

Zu ihren Aufgaben gehörte es auch, die Kühe zu melken.  Eines Morgens erhielt sie die Aufgabe,  anschließend die Milchkannen in die Stadt zu bringen, um sie dort gewinnbringend zu verkaufen. Als Proviant gab ihr Onkel ihr ein altes Brot, einem Stück Schinken und eine Feldflasche Wasser mit und schickte sie dann mit dem Karren los.

Unterwegs hörte das Mädchen eine Wölfin heulen. Als sie dem Geräusch nachging, sah sie sie mit der rechten Vorderpfote in einem Wolfseisen stecken. Da das Mädchen von ihrer Mutter wusste, dass Wölfe meistens mehr Angst vor Menschen hatten, als diese vor ihnen, versuchte sie näher an die Wölfin heranzukommen und die Pfote aus dem Eisen zu befreien. Nach einer kurzen Inspektion des Eisens fand sie den Mechanismus zum Öffnen und befreite die Wölfin, die sich aufgrund ihrer Wunde am Bein nicht weit fortbewegen konnte. Danach gab es ihr den Schinken und etwas vom dem Wasser und aß nur das Brot selbst, weil das der Wölfin nicht geschmeckt hätte. Anschließend spülte das Mädchen die Wunde der Wölfin aus und suchte einige Kräuter, die helfen würden, dass die Wunde schneller heilen würde. Das wilde Tier schien es zu schätzen,  dass sie ihr Bein behandelte und bedankte sich mit einem Stupsen ihres Kopfes.

Schließlich ließ das Mädchen die Wölfin wieder alleine und erledigte ihre Aufgaben. Einige Zeit später musste sie wieder in die Stadt, diesmal um einige ihrer Stoffe zu verkaufen. Ihr Onkel gab ihr wieder etwas Brot, Fleisch und Wasser mit und wieder sah das Mädchen die Wölfin, deren Bein es besser ging als beim letzten Mal.  Sie versorgte wieder die inzwischen vernarbende Wunde und gab ihr zu fressen. Diesmal allerdings streichelte das Mädchen die Wölfin, die das einfach zuließ und sie dadurch auch über ihren scheußlichen Alltag hinwegtröstete. Aber nach einer Weile musste sie weitergehen, um ihre Aufgaben zu erfüllen.

Einige Wochen später musste das Mädchen ein drittes Mal in die Stadt, diesmal mit einer Horde störrische Schafe, die ihr absolut nicht gehorchen wollten und mal hierhin, mal dorthin liefen. Zum dritten Mal  fand sie  die Wölfin, die auf sie scheinbar gewartet hatte. Ihrem Bein ging es diesmal schon viel besser, eigentlich war es wieder verheilt,  aber von ihrer Wunde würde eine Narbe bleiben. Routinemäßig schaute sich das Mädchen ihr Bein trotzdem noch einmal an und gab ihr wie die Male zuvor wieder etwas Fleisch. Diesmal blieb sie am längsten bei der Wölfin, weil es ihr so vorkam, als wollte diese Lebewohl sagen.  Schließlich richtete sich das Mädchen auf und wollte mit den Schafen weitergehen, als die Wölfin auch aufrichtete und die Schafe zusammentrieb. Auf diese Weise verstand das Mädchen, wollte sich die Wölfin bedanken und sie trieb ihr die Schafe sogar fast bis vor die Stadttore. Kurz davor verschwand sie im Wald, aber die Schafe folgten dem Mädchen jetzt brav in die Stadt und zum Verkauf.

Das Leben des Mädchens wurde nach dem Verschwinden der Wölfin nicht besser, vor allem, weil ihr Onkel sie weiterhin ausnutzte und allmählich- als das Mädchen immer mehr zu einer schönen Frau wurde, auf die Idee kam, sie zu verheiraten, damit er seinen sozialen Status aufpolieren konnte. So überfiel er sie eines Abends mit dem Plan, sie könnte doch als seine Nichte mit dem Sohn eines reichen Bekannten verheiratet werden, der im Pelzgeschäft reich geworden war. Dieser wohnte einige Tagesreisen entfernt, sodass das Mädchen, um zu ihm zu kommen, mit einer Kutsche durch den Wald fahren musste.

Am nächsten Tag brach das Mädchen  traurig auf. Ihr Onkel hatte sie, seit er die Idee mit der Heirat hatte, deutlich besser behandelt, aber sie wollte keinen Pelzhändlererben heiraten, der ihr als Verlobungsgeschenk neben einem Ring einen Wolfspelz hatte zukommen lassen. Denn dieser erinnerte sie an die Wölfin, die ihr geholfen hatte und die überhaupt nicht so war, wie ihr Onkel immer sagte. Ihre Mutter dagegen hatte Wölfe geliebt und das tat das Mädchen auch. Aber sie musste jetzt zu ihrem Verlobten fahren, ihn heiraten und mit ihm leben. Denn das Mädchen konnte nichts dagegen tun.

Unterwegs mussten sie im Wald übernachten, beim ersten Mal sogar ohne Unterkunft. Die Begleiter des Mädchens hielten Nachtwache, weil sie wussten, dass es in diesem Wald ein Wolfsrudel gab. Sie selbst war allerdings nicht beunruhigt, weil sie kein Heulen hörte. Gleichzeitig wusste sie, dass die Wölfe in Sicherheit vor den Männern waren, die sie sicher töten würden, wenn sie sich nähern würden.

In der nächsten Nacht fanden sie Unterschlupf in einem kleinen Haus im Wald, in dem eine Familie mit einem erwachsenen Sohn und mehreren Töchtern lebte. Die Mutter bot dem Mädchen an, sich im Waschbottich zu waschen und ihr Zimmer zu beziehen. Da die junge Frau den Dreck der Reise gerne loswerden wollte, willigte sie ein und ließ sich von der älteren Frau waschen. Dabei bemerkte das Mädchen, dass diese Frau eine gut verheilte Narbe am rechten Unterarm hatte,  nach deren Ursprung die junge Frau jedoch nicht fragte.

Nachdem die Mutter sie gewaschen hatte, brachte diese sie ins Esszimmer, um das Abendessen einzunehmen. Außer den Begleitern des Mädchens war noch die Familie der Frau anwesend, unter anderem der Sohn, der dem Mädchen deutlich besser gefiel als ihr Verlobter bislang, den sie zwar noch nicht kannte, aber eigentlich schon anhand des Wolfspelzes  aussortiert hatte.

Die restliche Reise verlief ohne Zwischenfälle und einige Tage darauf kam die Kutsche des Mädchens in der Stadt ihres Verlobten an. Dieser erwartete das Mädchen schon direkt an der Kutsche und war ihr nun sofort unsympathisch. Allein schon, weil er als Sohn des Pelzhändlers gleich verschiedene Arten von Pelzen tragen musste. Da war der Hermelinkragen, das Mädchen schauderte, wenn sie an das arme Tier denken musste oder noch schlimmer der Mantel aus Wolfspelz, für den ein Wolf genauso wie die Wölfin, die sie aus der Falle befreit hatte, leiden hatte müssen. Vermutlich hätte man sie für den gleichen Zweck gefangen.

Unglücklich stieg das Mädchen aus der Kutsche und begrüßte den jungen Mann. Er war scheinbar hellauf begeistert von ihr und brachte sie ins Haus, an dem er glückstrahlend verkündet, dass sie es bald führen würde. Ihr Verlobter redete gleich über seine Eltern, die sich schon auf die Hochzeit freuen würden, das Hochzeitskleid sei schon fertig und man warte nur noch auf sie. Zudem erklärte er, dass es einerseits gut sei, dass sie auf keine Wölfe gestoßen waren, weil er sie nicht unnötig in Gefahr bringen wollte, andererseits wäre es um der Pelze wegen ihm auch recht gewesen.

Dem Mädchen war speiübel bei dem Gedanken daran, dass er so leichtfertig über den Tod von Tieren sprach und sie sogar töten ließ. Zudem schauderte sie beim Gedanken daran mit ihm zusammenleben, diesen Vortrag häufiger zu hören, ihn zu heiraten und mit ihm ein Bett zu teilen. Deswegen fragte das Mädchen nur, wann Hochzeit wäre und ihr Verlobter antwortete glückselig, morgen. Das Mädchen war verzweifelt, aber wusste auch, dass sie sich wohl fügen würde. Die ganze Nacht lag sie wach, betete zu ihrer toten Mutter und dachte schlussendlich, wenn es sein muss, dann versuche ich eben den Tieren zu helfen.

Am nächsten Morgen wurde sie von ihrer Schwiegermutter in spe geweckt und von ihr auf die Hochzeit vorbereitet. Das Mädchen ließ alles apathisch mit sich geschehen und dachte sich, vielleicht hilft mir jemand, aber glaubte nicht mehr wirklich daran.  Ihre Haare wurden hochgesteckt und sie wurde in ein schönes Hochzeitskleid-wenigstens das ohne Pelz- gesteckt.  Zum Glück sah ihr niemand die Traurigkeit an und das Mädchen versuchte etwas zu lächeln.

Die Mutter ihres Verlobten führte sie zur Kirche, die mit vielen Blumen im Stile einer Hochzeit dekoriert war.  Es hingen Blumengirlanden aus und alles strahlte im schönsten Weiß, das so gar nicht zur Stimmung des Mädchens passte. Auch befanden sich in der Kirche eine strahlende Hochzeitsgesellschaft und der Rest ihrer zukünftigen Familie.  Ihr zukünftiger Ehemann erwartete sie bereits mit dem Priester am Altar, allerdings würde die Zeremonie ohne ihren Onkel ablaufen. Scheinbar lächelt, schritt das Mädchen auf sie zu und verlor mit jedem Schritt mehr Hoffnung auf Rettung. Als sie schließlich vor dem Altar stand und alle Hoffnung aufgegeben hatte, flog die Kirchentür auf und die Frau aus dem Wald stürmte mit ihrem Sohn herein.

„Dieser Mann hat veranlasst, mich zu fangen und meinen Pelz zu verkaufen!“, schrie sie wütend und deutete auf dem Pelzhändler, während sie ihre Narbe am Arm zeigte. „Mich, die Wolfsfrau- Herrin der Wölfe- ,der die Wölfe des Waldes gehorchen! Ich wollte, dass du dich einmal selbst in ein Wolfseisen stellst. Ich möchte gerne sehen, ob du es danach immer noch so gerne benutzt!“

Die Leute in der Kirche waren entsetzt. Natürlich hatten sie schon von der Wolfsfrau gehört, aber es gewöhnlich für eine alte Sage gehalten und nicht gewusst, dass es die Wolfsfrau wirklich gab. Jemand fragte, ob sie etwas tun könnten, worauf die Wolfsfrau antwortete: „Das Mädchen am Altar soll die Braut meines Sohnes werden und die Pelzhändler sollen niemals wieder ein Tier nur für Profit jagen. Sollten sie es dennoch tun, werde ich die Wölfe auf sie hetzen und ich selbst werde sie führen und töten.“

Der Pelzhändler stand da wie vom Donner gerührt und wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Denn er musste der Wolfsfrau wohl oder übel nachgeben und seine Existenzgrundlage aufgeben, wenn er nicht sterben wollte. Der Pelzhändler wusste genauso wie die Leute, um die alte Sagen, in denen die Wolfsfrau nicht nur an demjenigen, der sie verärgert hatte, Blutrache nahm, sondern das ganze Tal mit Unwetter und Missernten bestraft hatte. Deswegen gab er einem der Ministranten einen Wink, das Mädchen vom Altar zu holen und zur Herrin der Wölfe zu bringen.  Diese nahm sie in Empfang und ging langsamen Schrittes und mit einer letzten Drohung, dass das ihre letzte Warnung sei, mit ihr aus der Kirche. Ihr Sohn folgte ihnen.

„Warum hast du mich eigentlich gerettet?“, fragte das Mädchen, als sie schon eine ordentliche Wegstrecke zwischen ihnen und den ehemaligen Pelzhändlern gebracht hatten.

Die Wolfsfrau lächelte und antwortete: „Erinnerst du dich an die Wölfin, die du aus dem Wolfseisen befreit hast und dann gefüttert hast? Das war ich, denn solange ich heile, kann ich es nicht riskieren, mich wieder in eine Frau zu verwandeln, weil das alles nur noch schlimmer machen kann. Ohne dich wäre ich vermutlich entweder verkrüppelt oder tot und ein Wolfspelz. Außerdem musste ich diesen Idioten sowieso einen Denkzettel verpassen und ich habe gesehen, wie mein Sohn und du euch angesehen habt.“

Nur zwei Tage später fand die Hochzeit zwischen dem Mädchen und dem Sohn der Wolfsfrau statt. Die beiden lebten zusammen glücklich bis an ihr Lebensende. Auch das Wolfsrudel war sicher und glücklich, denn niemand jagte es mehr. Manche verehrten die Wölfe sogar, denn sie wussten, solange die Wölfe sicher waren, war auch das Tal sicher.


Ich hoffe, das Märchen hat euch gefallen. Das nächste wird demnächst kommen, sein Arbeitstitel lautet "Das Rabenmädchen"
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