Die Großherzogin

GeschichteRomanze, Familie / P12
Fantaghiro Romualdo
04.10.2014
19.11.2016
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1. Kapitel: Unauffindbar

Vor vielen Jahren lebte ein alter König mit seinen drei Töchtern in seinem Reich. Die Prinzessinnen waren alle samt wunderschön, doch die Schönheit der jüngsten Königstochter überstieg alles, denn sie war die Schönste, doch zum Übel ihres Vaters auch sehr ungehorsam. Sie weigerte sich, sich einen künftigen Gatten auszuwählen und erlernte viele Dinge, die eine Frau nicht können sollte. Ihr Name war Fantaghiro. Sie war ein 16-jähriges Mädchen mit kastanienbraunen, lockigem Haar und blauen Augen. Der endlos gehende Krieg, der seit undenkbaren Zeiten in ihrem Land herrschte, war ihr ein Dorn im Auge. Sie wollte ihn endlich beenden, damit ihr Volk wieder in Frieden leben konnte. Sie ritt als Ritter verkleidet zu einem Duell, das der feindliche junge König vorgeschlagen hatte. Der junge König hatte ihre schönen blauen Augen einmal tief im Wald erblickt und sich in sie verliebt. Überall in seinem Reich suchte er nach dem Mädchen, dem diese wunderschönen Augen gehörten. Diese fand er schließlich in den Augen seines Gegners. Diese Augen konnten aber unmöglich einem Mann gehören. Da er sich nicht sicher war über das wahre Geschlecht seines Gegners, beschloss er den Grafen auf die Probe zu stellen. Zu seinem Leidwesen bestand die verkleidete Prinzessin die Prüfung und er war kein Stück weiter. Auch ein Schwimmwettbewerb brachte ihm keine Klarheit, da sie das Entkleiden herauszögerte. Schließlich kam es aber doch zu einem Duell. Das Duell der Kontrahenten verlief aber anders, als angenommen, denn gleich nach dem Duell verließ Fantaghiro den Platz, ohne Romualdo getötet zu haben. Romualdo hatte den Sieg des Grafen von Walddorf anerkannt. Der General wurde im Schloss verhaftet und des Hochverrats angeklagt, doch von der jüngsten Königstochter fehlte jede Spur. Sie war wie am Erdboden verschwunden.

Fantaghiro war unmittelbar nach dem Duell fort geritten, doch sie war nicht nach Hause geritten, sondern zum Hof einer Großherzogin, die ihre Tante war, denn sie war die Schwester ihrer verstorbenen Mutter. Die Großherzogin lebte im Reich Romualdo's, weil sie dort einen Großherzog geheiratet hatte, der aber seit vielen Jahren schon tot war. Die Tante war für sie fast wie eine Ersatzmutter, die für ihre Nichten immer Verständnis zeigte. Besonders Fantaghiro war ihr sehr ans Herz gewachsen.
Großherzogin Florentine von Rosenstern und ihre Tochter Flora saßen gemeinsam am Tisch im Speisesaal und frühstückten. Tante Florentine war eine gestandene Frau mittleren Alters. Ihre Haare waren braun und immer zusammengesteckt. Ihre Augen waren blau. Ihre Tochter, Prinzessin Flora war ein blondes Mädchen von 14 Jahren, die ihre Haare meist geflochten trug und tief blauen Augen hatte. Sie war recht verspielt und beschäftigte sich die meiste Zeit mit ihrem Hund. Die Großherzogin seufzte: „Unglaublich, dass Fantaghiro das wirklich getan hat“, staunte die Großherzogin noch immer. „Aber ihr Mut ist königlich!“, schwärmte Flora. Tante Florentine sah Flora mahnend an. „Das hätte auch nach hinten losgehen können. Was wäre wohl geschehen, wenn man sie erkannt hätte. Es wäre eine Katastrophe gewesen, sowohl für Fantaghiro als auch für ihren Vater“, erklärte Tante Florentine streng. Flora schaute auf den dritten Teller am Tisch. „Wo bleibt sie nur?“, fragte sich Flora.
In jenem Moment öffnete sich die Tür und Fantaghiro trat ein. Ihre Haare waren wieder lang und wellig. Sie trug ein einfaches Kleid, dass einmal ihrer Tante gehörte. Fantaghiro schnaubte in ein Taschentuch, das sie bei sich hatte. Sie hatte sich erkältet, da Romualdo sie während des Kampfes ins Wasser geworfen hatte. „Guten Morgen, meine Liebe! Wie hast du geschlafen?“, wollte Tante Florentine wissen. Fantaghiro setzte sich. „Eigentlich gut! Bis auf die Tatsache, dass ich ständig husten und niesen musste“, antwortete Fantaghiro schwer atmend. Fantaghiro goss sich heiße Schokolade ein. Jene liebte sie. „Du kannst heilfroh sein, dass du nicht erkannt worden bist“, sagte Tante Florentine. Fantaghiro seufzte: „Das weiß ich, doch ich musste es doch tun. Unseres Volkes willen. Es leidet schon lange wegen dieses schrecklichen Krieges!“ Tante Florentine legte ihre Hand auf die ihrer Nichte. „Das weiß ich doch, mein Schatz. Doch diesen Krieg zu beenden ist die Sache deines Vaters! Er kümmert sich darum“, legte Tante Florentine ihr nah. „Wenn er das bloß täte!“, meinte Fantaghiro und hustete. Anschließend schnaubte sie in ihr Taschentuch. „Fantaghiro! Dein Vater ist nicht mehr der jüngste und er hat nun mal keinen Sohn, der an seiner statt kämpfen könnte!“, tadelte Tante Florentine ihre Nichte streng. „Er braucht keinen Sohn! Er hat seine Töchter! Er hat mich“, bemerkte Fantaghiro und hustete erneut. Die Großherzogin betrachtete sie. Dann legte sie die Hand an Fantaghiro's Stirn, um zu fühlen, ob sie erhöhte Temperatur hatte. Sie hatte erhöhte Temperatur. „Du gehörst ins Bett! Ich werde deinem Vater schreiben, dass du einige Zeit hier bleibst!“, erklärte Tante Florentine. Fantaghiro nahm einen kleinen Schluck. „Ok“, sagte sie nur. Sie fühlte sich wirklich schlecht. Tante Florentine ließ den Arzt kommen. Dieser verordnete der Prinzessin Bettruhe.

Romualdo vereinbarte mit dem alten König einen Friedensvertrag, um einen immerwährenden Frieden zu sichern. Doch er war sich sicherer den je, dass sein Gegner in Wirklichkeit eine Frau war. Seinen Kameraden, Ivaldo und Kataldo sagte er dies als sie wieder im Schloss waren.
„Ich muss sie finden“, rief Romualdo als erstes, als sie den großen Saal betraten. „Sie! Nicht Er!“, rief Kataldo fragend. „Der Graf ist eine Frau, ganz sicher!“, sagte Romualdo zu seinen Freunden. „Bist du dir sicher?“, wollte Ivaldo wissen. Romualdo nickte. „Als wir gekämpft haben und zu Boden fielen, da spürte ich ihre Brust und es war nicht die eines Mannes“, erklärte Romualdo jubelnd. Ivaldo und Kataldo erinnerten sich an den Tag. „So wird es sein, aber warum verkleidet sich eine Frau als Mann und Ritter, um zu kämpfen?“, fragte sich Ivaldo. „Ich weiß es nicht! Aber ich muss sie finden!“, bestimmte Romualdo. Kataldo überlegte: „Wir werden dir helfen nach ihr zu suchen“, entschloss sich Kataldo grinsend. „Natürlich helfen wir dir! Schließlich kennen wir ihr Gesicht! Wir werden sie erkennen“, sagte Ivaldo. Die drei Männer waren sich einig, dass sie alle nach dem verschwundenen Mädchen suchen würde.

Es waren seit dem Duell mehrere Tage ins Land gezogen. Romualdo wollte nicht aufgeben und ließ nach einem Mädchen mit langem braunen lockigen Haar und braunen Augen suchen. Doch die Augen der Frau, die er so sehr liebte, blieben verschwunden.
Romualdo war schlecht gelaunt und deprimiert, weil keiner seiner Soldaten im Stande war sie zu finden. Er saß im großen Saal am Tisch und trank Wein. Ivaldo und Kataldo betraten den Saal. Sie wussten nicht mehr, was sie mit Romualdo machen sollten. Er war so am Boden zerstört, weil niemand seine Geliebte fand. Sie konnten es nicht mehr mitansehen wie sich Romualdo quälte.
Sie setzten sich zu ihm. „Wir haben sie leider nicht gefunden! Es tut uns leid“, sagte Ivaldo.
„Schon gut“, sagte Romualdo sehr lustlos. Er befürchtete, dass man sie nicht finden würde.
„Es mag herzlos klingen, doch du quälst dich nur selbst, wenn du so oft an sie denkst!“, sagte Kataldo, „Deswegen versuch nicht so oft an sie zu denken!“ Romualdo empfand diese Worte wie ein Messerstich ins Herz. Er sprang auf und lief umher. „Das kann ich nicht“, rief er zornig. „Wir haben mit dem Feind Frieden geschlossen. Das ist doch ein Grund zum Feiern“, rief Ivaldo. Romualdo erwiderte: „Ja schon, aber wenn ich sie nicht finde, ist mir nicht zu feiern zumute!“ Kataldo erhob sich gleichfalls. „Lass uns doch ein Fest geben, um den Frieden zu feiern“, schlug Kataldo vor. „Es wird dir Spaß machen und dich ablenken“, fügte Ivaldo hinzu.
Romualdo blickte die beiden grübelnd an. Es stimmte schon, dass der Frieden ein sehr guter Grund zum feiern war. „Na schön, meinetwegen“, gab sich Romualdo geschlagen. „Lass uns nur machen“, rief Kataldo. Doch die Aussicht auf ein Fest und junge Frauen, die sich im an den Hals warfen, stimmten den jungen König überhaupt nicht fröhlich oder gar glücklich.

Tante Florentine erhielt wenige Tage später den Brief ihres Schwagers. Sie öffnete ihn und begann zu lesen.

„Verehrte Schwägerin,

ich danke für die Mitteilung, dass meine jüngste Tochter zurzeit in Euren Mauern weilt. Ich habe nichts dagegen wenn sie vorerst bei Euch bleibt. Es wäre gewiss nicht gut gewesen, wenn sie hier dem jungen König begegnet wäre. Möglicher Weise hätte er sie erkannt und die Tatsache, dass mein gesandter Krieger eine meiner Töchter war, als Grund für eine Kriegserklärung gesehen. Kümmert Euch bitte um sie. Ich weiß, wie groß die Zuneigung aller meiner Töchter zu Euch ist, besonders die Fantaghiro's. Ich schicke gleich eine Truhe mit ihren Kleidern mit. Sie kann so lange bei Euch bleiben, wie sie will.

Hochachtungsvoll König Heinrich

Sehr kritisch betrachtete Tante Florentine den Brief ihres Schwagers. Er hatte nicht nach dem Gesundheitszustand seiner Tochter gefragt. Nicht, weil sie seine Tochter war, sondern weil sie die Tochter war, die er eigentlich nicht wollte, weil er sich einen Sohn gewünscht hatte. Das wusste sie.    Tante Florentine mochte ihren Schwager nicht besonders, denn er behandelte seine Töchter nicht gleich und dafür verachtete die Großherzogin ihn.

Fantaghiro's Erkältung war noch nicht ganz weg. Sie hustete noch ein wenig. Sie saß auf ihrem Bett und lass ein Buch. An der Tür klopfte es. „Ja bitte“, rief Fantaghiro hinein. Ihre Tante trat ein. „Tante? Gibt es etwas?“, fragte Fantaghiro und beugte sich vor. Tante Florentine hielt einen Brief in der Hand. „Dein Vater hat geschrieben und gleich deine Kleider mitgeschickt!“, erklärte Tante Florentine. „Er hat auch an dich geschrieben, Liebes“, erklärte Tante Florentine. Sie reichte ihrer Nichte des Brief. „Tragt sie herein“, rief die Großherzogin in den Flur. Wenig später brachten zwei Diener eine große Truhe herein. Fantaghiro öffnete rasch den Brief ihres Vaters.

„Liebe Tochter,

deine Tante schrieb mir, dass du bei ihr bist und vorerst dort bleibst. Tue das ruhig und gehorche deiner Tante! Solange du bei ihr bist, ist sie für dich verantwortlich. Mit dem jungen König haben wir inzwischen Frieden geschlossen. Ich schicke deine Kleider mit!

Dein Vater

„Das ist alles?“, dachte Fantaghiro enttäuscht. Der Brief ihres Vaters war kurz und gefühllos, wie sie fand. Es stimmte sie traurig, dass es ihren Vater offenbar so überhaupt nicht interessierte, wie es ihr ging. War er vielleicht enttäuscht, weil sie Romualdo nicht getötet hatte, wie es ihre Pflicht als Sieger gewesen wäre. Doch das hatte sie nicht gekonnt! Sie konnte nicht töten. Weder Menschen noch Tiere.
Tante Florentine und die Diener waren inzwischen gegangen und Fantaghiro begann ihre Truhe auszupacken. Fantaghiro war elend zumute. Sie hatte schwere Schuldgefühle, ob sie recht gehandelt hatte oder nur aus Selbstsucht danach zu tun, was sie wollte. Etwas in ihr sagte, dass sie das rechte getan hatte, doch ein anderer Teil in ihr zweifelte. Plötzlich hörte sie ein Pferd im Hof. Sie trat ans Fenster und schaute in den Hof. Ihr Stockte der Atem, als sie den Reiter erkannte. Es war Ivaldo, einer der Freunde des jungen Königs. Sie wurde kreidebleich. Ivaldo stieg von seinem Pferd und übergab einem Stahlburschen die Zügel des Pferdes. Er blickte sich um und sah plötzlich zu dem Fenster, an dem Fantaghiro stand. Sofort wich Fantaghiro vom Fenster zurück, als sie seinen Blick zu ihr bemerkte. Atemlos und erstarrt vor Schreck entfernte sich Fantaghiro so weit wie möglich vom Fenster. Ivaldo war etwas irritiert. Er hatte sie nicht genau erkennen können, hatte aber sehen können, dass es sich um ein Mädchen mit langen braunen Haare handelte. „Seltsam“, dachte er, „Ich dachte, die Tochter der Großherzogin wäre blond! Wer ist dieses Mädchen?“ Wie ein Blitz schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf. „Könnte es sein, dass . . . Nein! Wäre das möglich!“ Er hoffte einen Moment, dass sie sich noch einmal zeigen würde, doch dies geschah nicht.

Ivaldo wurde angemeldet und in dem Salon, wo Tante Florentine Besucher empfing, geführt. Er verneigte sich vor Tante Florentine. Auch Tante Florentine zeigte sich achtend. „Ich heiße Euch willkommen, Euer Gnaden! Welcher Ehre verdanke ich Euren Besuch!“, begrüßte Tante Florentine
den Grafen. „Seine Majestät beschloss auf Grund des geschlossenes Friedens mit dem anderen König morgen Abend ein Fest zu geben. Er lädt Euch und Eure Tochter herzlich dazu ein“, erklärte Ivaldo. „Vielen Dank! Wir werden gerne kommen“, erwiderte Tante Florentine und nahm das Einladungsschreiben, das Ivaldo dabei hatte, entgegen. „Ich sah grade vom Hof aus ein Mädchen am Fenster stehen. Doch ich dachte, Eure Tochter hätte blondes Haar“, hackte Ivaldo absichtlich  nach. Erst überlegte Tante Florentine. Dann verstand sie. „Ich glaube, Ihr meint meine Nichte! Sie besucht uns für einige Zeit!“, erklärte Tante Florentine. „Ich verstehe! Dann schließt die Einladung Eure Nichte selbstverständlich mit ein“, fügte Ivaldo hinzu. Die Großherzogin nickte dankend und meinte: „Ich werde sie mitbringen!“ Ivaldo verneigte sich und ging. Im Hof sah er noch einmal zu dem Fenster hinauf, wo er das Mädchen gesehen hatte. Doch es zeigte sich niemand. Er stieg auf sein Pferd und ritt zurück zum Schloss.
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