Das Tor zu Hades Reich

von Siam
KurzgeschichteDrama / P16 Slash
Alexander Cassander Cleitus Hephaestion Philotas
03.10.2014
16.11.2014
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Ohne ein kleines Vorwort komme ich hier nicht hin, also:

Hephaestion wird hier nicht nur als schillernder Held dargestellt, die Geschichte ist aus der Sicht von Kleitos geschrieben, P16 nicht nur wegen des Slash, außerdem muss man vielleicht vor der ein oder anderen antiken Sicht auf die Dinge warnen und davor, dass ich mir ein paar kleinere historische Freiheiten erlaubt habe, die einem vielleicht gar nicht auffallen. Das weiß ich nicht.

Ein Teil wird noch folgen und dann ist mein kleiner Ausflug in den Alexander-Fandom auch schon wieder beendet, die Idee kam mir heute sehr plötzlich und hat mich nicht mehr losgelassen. Die letzten Stunden habe ich tippend am Laptop verbracht und das ist dabei entstanden.

Und los geht´s:


*****



Kleitos betrachtete Hephaestion bereits seit einer Weile. Nun, wenn er ehrlich zu sich selbst sein sollte, dann war kein Tag in den vergangenen Jahren vergangen, an dem er ihn nicht eingehend betrachtet hatte.
Es war immer und immer wieder diese eine Frage gewesen: Was sah Alexander in dem Jungen, was er in den anderen seiner Umgebung nicht entdecken konnte? Was machte Hephaestion zu so etwas Besonderem? Warum war Hephaestion auserwählt worden der Seelenverwandte des Königs zu sein, während bessere Männer wie Philotos, Ptolemaios oder Kassander vollkommen außer Acht gelassen wurden? Natürlich nicht vollkommen. Alle Jungen, die mit Alexander von Aristoteles in Pella unterrichtet worden waren,hatten mittlerweile ehrenvolle Posten bekommen und waren zu erfolgreichen Generälen aufgestiegen. Sie waren erwartungsgemäß zu dem geworden, zu dem man sie ausgebildet hatte. Alles andere wäre undenkbar gewesen. Aber warum – bei den Göttern – war von all diesen Männern Hephaestion derjenige, der so besonders für Alexander war?
Als Kind war Hephaestion unscheinbar gewesen, der ewige Schatten, der es niemals schaffen würde aus Alexanders Licht herauszutreten und auch heute war es noch irgendwie so. Alexander glänzte und Hephaestion stand daneben und erfreute sich am Glanz des Königs. Er war ruhig, ernst, trank nicht oder kaum. Immer nur Wein mit Wasser verdünnt. Selbst an Festtagen wie diesen hier! In jeder Sekunde seines Lebens schien Hephaestion für sich beschlossen zu haben einen vollkommen klaren Kopf zu haben und wenn Kleitos einmal ehrlich zu sich sein sollte, dann war das vielleicht eine gar nicht so unkluge Entscheidung. Es gab viele Männer, die Hephaestion nicht so weit trauen würden wie sie spucken konnten – zu groß war dessen Einfluss auf den König. Aber warum war das so?
Gut, Kleitos wusste, dass Hephaestion der einzige war, der Alexander stets die Wahrheit sagte. Hephaestion redete ihm nicht nach dem Mund, Hephaestion sagte, was er dachte und er war der einzige Mensch auf dieser Welt, der sich diese Freiheit nehmen konnte ohne fürchten zu müssen dafür mit seinem Leben bezahlen zu müssen. Aber irgendwie musste er sich diese Freiheit verdient haben, oder nicht? So etwas kam nicht von heute auf morgen. So etwas entwickelte sich durch einen langen Zeitraum hinweg, gerade bei Alexander, der von Kindesbeinen an gelernt hatte, in die tiefen Abgründe der Menschen zu schauen. Kleitos liebte Philipp, er war sein Gönner gewesen, es hatte einen kurzen Zeitraum in seinem Leben gegeben, da hätte er für Philipp zu dem werden können was Hephaestion für Alexander war. Aber er hatte sich dagegen gewehrt und doch war er ein guter Freund und großer Bewunderer Philipps geblieben. Und er hatte ihn akzeptiert und ab und an hatte er sogar auf seinen Rat gehört. Was hätte man sich mehr wünschen oder gar erhoffen dürfen? Als einfacherer Soldat, der er einst gewesen ist.
Kleitos lächelte düster in seinen Weinkelch und nahm einen großen Schluck davon. Der Wein war zu süß, zu schwer, er benetzte seine Lippen ebenso wie er sein Hirn vernebelte. Ein schöner Nebel, dem er sich nur zu gerne hingab. Vielleicht auch zu oft, mittlerweile. Das Trinken hatte er auch von Philipp gelernt und manchmal hatte er den Verdacht, dass genau das der Grund war, warum Alexander und Hephaestion so wenig tranken, weil sie an Alexanders Vater gesehen hatten, dass die größte Gabe Dyonisos auch zu einem Fluch werden konnte.
Kleitos schaute zu Hephaestion, der lächelnd neben Alexander saß, während dieser sich angeregt mit Parmenion unterhielt.
Wie immer hielt Hephaestion sich im Hintergrund und wie immer lauschte er aufmerksam jedem gesagten Wort. Kleitos war sich ziemlich sicher, dass Hephaestion alles Gesprochene spätestens morgen noch einmal mit Alexander durchgehen würde. Ja, es war wirklich gut, dass man Hephaestion nicht traute. Hephestion hatte viel Macht, auch wenn er sich dessen noch nicht bewusst war, aber was wenn es ihm eines Tages bewusst werden würde?
Wahrscheinlich wäre es wesentlich klüger, wenn man Hephaestion nicht all zu deutlich zeigen würde wie sehr man ihn doch verachtete. Doch manchmal wenn das Klugsein auch mit Feigheit einherging, entschied sich ein Mann von Ehre gerne gegen das kluge Handeln. Und noch war Hephaestion stets im Hintergrund zu finden und er hatte eigentlich nie Ambitionen gezeigt jemals in den Vordergrund rücken zu wollen. War auch besser so. Sicher, Hephaestion war ein passabler Kämpfer, immerhin war er von den Besten, unter anderem von Kleitos selbst, darin ausgebildet worden. Aber er war zu ruhig, er trank zu wenig, er war nicht wild genug, die Männer würden ihn nie richtig ernst nehmen und deswegen war Hephaestion wahrscheinlich zu einem Leben im Schatten von Alexander verdammt, aber er schien ja damit zufrieden zu sein.
Nein, eine direkte Gefahr würde von Hephaestion wahrscheinlich nie ausgehen. Er hatte kein Interesse an Macht, das konnte man ihm ansehen und das musste man ihm auch anerkennen. Er hatte Interesse an Alexander. Seine Interessen waren die des Königs. Machte ihn das am Ende doch gefährlich?
Kleitos nahm noch einen Schluck und versuchte seine wirren Gedanken mit diesem Schluck herunter zu spülen. Er sah wie sich Alexanders Hand auf das Knie von Hephaestion legte und er konnte sich in diesem Moment ein dreckiges Grinsen nicht ganz verkneifen.
Natürlich. Durch diese eine Sache hatte sich Hephaestion es sich vielleicht doch verdient an Alexanders Seite zu sein.
War es nicht blanker Hohn, dass ein Mann, der nach dem Gott der Schmiedekunst, der so hässlich war, dass Zeus ihn nach seiner Geburt aus dem Olymp geworfen hatte, benannt war, einer der schönsten Männer war, die man im Hofstaat von Alexander finden konnte? Schon allein “schön” im Zusammenhang mit einem Mann zu denken, erschien Kleitos als falsch, aber er konnte es bei Hephaestion nicht anders benennen.
Frauen wie Männer würden sich ihm zu Füßen werfen, wenn sie dadurch die Chance hätten auch nur eine Nacht in den Genuss seiner Lenden zu kommen. Und er war sich dessen noch nicht einmal bewusst. Oder wenn er sich dessen bewusst war, dann war es ihm egal, denn er hatte nur Augen für Alexander, seinen Achilles.
Kleitos schüttelte den Kopf, als er sich in Erinnerung rief wie die beiden sich nannten. Er hatte es einmal gehört, als er an Alexanders Zelt vorbei gelaufen war und die beiden sich innen unterhalten hatten. Und vielleicht war das sogar der Moment gewesen, in dem Kleitos bewusst geworden war, wie stark das Band war, das sich zwischen Alexander und Hephaestion gebildet hatte. Alexanders Mutter warnte ihn davor, das wusste Kleitos, aber wahrscheinlich war es gerade diese Warnung, die dafür sorgte, dass Alexander sich immer mehr und mehr seinem Hephaestion zuwandte.
Kleitos seufzte. Es war zum Verzweifeln. Er hatte Hephaestion gegenüber so viele widersprüchliche Gefühle. Natürlich war da auch irgendwie der Stolz des Lehrers, das all seine Zöglinge es so weit geschafft hatten und dass sie auch immer noch lebten. In ihren ersten Schlachten hatten sie sich alle meisterhaft geschlagen und Kleitos war sich sicher, dass die gute Ausbildung, die sie eben auch durch ihn bekommen hatten, dazu beigetragen hatte.
Nun, er war also stolz auf Hephaestion, er misstraute ihm wegen seiner hohen Position, die er vielleicht auch nicht unbedingt verdientermaßen erhalten hatte und er kam nicht umhin ihm zuzugestehen, dass er ein begehrenswerter Mann war.
Kleitos trank seinen Becher in einem Zug aus und drückte ihm einen Pagen in die Hand, als er das Festzelt verließ. Eines war ihm klar: das war eine unglückliche Mischung an Gefühlen, die er da hatte und er musste vorsichtig sein, wenn er leben wollte.


***


Sie tanzte.
Oh, wie sie tanzte! Diese baktrische Hure! Diese Wilde, die Alexander zu seiner Königin auserkoren hatte.
Sie alle hatten ihm davon abgeraten sie sich zur Frau zu nehmen.
Sie alle hatten auf ihn eingeredet es nicht zu tun, damit entehrte er die makedonischen Frauen.
Damit trat er gute, alte Traditionen mit seinen mit Duftöl gesalbten Füßen.
Doch es war Alexander egal gewesen, denn Hephaistion hatte sich für diese Heirat ausgesprochen, weil es den Baktrern wohl den Anschein gab, dass sie mit ihnen gleich gestellt waren. Kleitos spuckte auf den Boden und winkte einen der Jungen herbei, die mit ihren gut gefüllten Weinkaraffen umherliefen.
“Mehr”, knurrte er, als er der Junge bei ihm angekommen war. Eingeschüchterte, braune Augen schauten zu ihm auf, während der Junge seinen Kelch füllte. “Mehr”, knurrte Kleitos, als sein Kelch bereits gefüllt war.
“Aber, Herr…”, war die helle Antwort des Jungen. Er war noch nicht einmal im Stimmbruch. Kleitos schnaubte verächtlich.
“Aber, Herr…”, macht er den armen Jungen nach, der doch nichts für Kleitos schlechte Laune kannte und nahm ihm die Karaffe aus der Hand. “Gib das und verschwinde!” Er stellte die Karaffe neben sich ab und setzte sich so hin, dass er den schnellen Tanz dieser Wilden nicht länger mit ansehen musste. Sie konnte sich bewegen, das gestand er ihr zu, aber sie bewegte sich wie ein Raubtier, das man gefangen hatte und nicht wie eine kultivierte Frau, die sie sein sollte, wenn sie die Ehefrau ihres Großkönigs sein würde.
Kleitos brauchte Wein, mehr Wein und später vielleicht eine Frau, die nicht wie ein wildes Tier aussah und roch. Wenn Alexander sich herabwürdigen wollte, sollte er das tun. Er würde bei makedonischen Blut bleiben! So wie es sich gehörte.

“Du hast ihn verschreckt.” Jemand setzte sich neben ihn und als Kleitos aufschaute, konnte er erkennen, dass sich dieser jemand als Kassander herausstellte.
“Was habe ich?”
“Den Jungen. Du hast ihm Angst gemacht und ich bin mir sicher, dass er vom Schankmeister die Ohren langgezogen bekommen wird, weil du ihm die Karaffe genommen hast.” Die Karaffe, die sich Kassander im Übrigen direkt nahm, um seinen halb leeren Becher zu füllen.
“Dann hätte er seine Arbeit besser erledigen sollen und sich die Karaffe nicht wegnehmen lassen sollen”, erwiderte Kleitos stur und nahm sie wieder an sich, bevor Kassander sie ganz leeren könnte.
Kassander lachte und schüttelte den Kopf.
“Hast du etwa Mitleid mit dem Jungen?”, neckte Kleitos ihn.
“Mitleid ist ein Wort, das nicht in meinem Sprachgebrauch auftaucht. Auch wenn ich gestehen muss, dass es vielleicht doch aufkommt, wenn ich ihn betrachte.” Kassander nickte in eine bestimmte Richtung und Kleitos brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass Kassander von Hephaestion sprach, denn er hatte den Jungen, dem er die Karaffe genommen hatte, dort erwartet.
Hephaestion lehnte sich mit versteinerter Miene gegen eine Säule und klammerte sich an einem goldenen Becher fest, während er unverwandt auf Alexander starrte. Er schien keinen Blick für die schönen Leiber der Frauen zu haben, die für Alexander tanzten. Sie waren ihm wahrscheinlich nicht männlich genug. Kleitos Blick wurde verächtlich, er war schon früher am Abend mit Hephaestion aneinander geraten. Ptolemaios war es gewesen, der sich zwischen sie gedrängt hatte und verhindert hatte, dass Hephaestion die Tracht Prügel bekam, die er verdient hätte. Dabei sah er jetzt schon aus wie ein geschlagener Hund.
“Er hat sich ganz schön verschätzt, als er Alexander zu der Heirat geraten hat”, sagte Kleitos schließlich.
“Er begehrt sie wirklich. Kaum zu glauben, oder?”, fragte Kassander und Kleitos zuckte einfach nur mit den Schultern. Alexander war schon immer wunderlich gewesen. Und hin und wieder wurde es verdammt ärgerlich, wenn er so war wie er war. Wie auch heute.
“Wer hätte gedacht, dass Hephaestion vielleicht doch eines Tages mal unserer Meinung sein könnte. Mittlerweile ist er sicher auch gegen diese Heirat”, Kassander grinste in sich hinein, ehe er einen Schluck von dem Wein nahm. Kleitos nickte langsam. Er ahnte, dass Hephaestion hin und her gerissen war. Hephaestion war immerhin intelligent genug um von der Notwendigkeit eines legitimen Sohnes zu wissen. Doch wie sollte das Kind dieser Wilden je von einem Makedonen bei Verstand als ein guter Erbe für Alexanders großartiges Reich anerkannt werden? Das würde niemals geschehen und sollte diese Ehe tatsächlich Früchte tragen, würde Alexander gut daran tun seine Kinder zu schützen.
So sehr Hephaestion wohl wusste wie wichtig ein Sohn für die Verfestigung von Alexanders Macht war, so sehr litt er auch darunter. Das konnte man ihm ansehen. Kleitos schüttelte den Kopf, wie jemand der eine Fliege vertreiben wollte, die um ihn herum flog. Nur war das, was Kleitos an die Nerven ging keine Fliege, die man auch einfach erschlagen könnte sondern diese plötzliche Empathie und das Verständnis für Hephaestion.

Die gröhlende Menge lenkte Kleitos Aufmerksamkeit wieder auf Alexander, der sich erhoben hatte, um mit seiner Frau die Hochzeitsnacht zu begehen. Kleitos und Kassander stimmten in den Jubel genauso wenig mit ein wie es Hephaestion tat und Kleitos merkte, dass es tatsächlich ein seltsames Gefühl war mit Hephaestion in irgendeiner Weise im Einklang zu sein.
Er blieb sitzen, trank schweigend und bemerkte aus dem Augenwinkel wie Hephaestion in einem dunklen Gang verschwand und er ahnte, was der Jüngere tun würde.


“Du hast dich erniedrigt, stimmt´s? Bist vor ihm auf die Knie gefallen, hast ihm deine Liebe und Zuneigung versichert. Stimmt´s? Stimmt´s!?”

Kleitos hatte keine Ahnung wie das geschehen konnte, aber mit einem Mal stand er in Hephaestions Gemächern und schrie ihn an.
Hephaestion war von der Liege, auf der er eben noch Platz gefunden hatte, aufgesprungen und hatte alarmiert nach einem Dolch gegriffen, der wie bei wahrscheinlich jedem General in der Nähe seiner Schlafstätte zu finden war.
“Kleitos? Bei den… Was machst du hier?”
Zu Kleitos eigener Zufriedenheit senkte Hephaestion seinen Dolch nicht, auch wenn er Kleitos erkannt hatte. Es bedeutete, dass Hephaestion auf der Hut war und es bedeutete, dass Hephaestion Respekt vor ihm hatte.
“Du hast dich vor Alexander erniedrigt und du wirst es wieder und wieder tun. Dazu habe ich dich nicht erzogen!”

Hephaestion schaute ihn verwundert an. Kleitos sah wie der Jüngere versuchte ihn zu fixieren, was an dem Wein im Blut des Mannes eindeutig scheiterte. Kleitos konnte sich nicht erinnern Hephaestion jemals zuvor betrunken gesehen zu haben und dass er es jetzt war, zeigte nur zu deutlich wie verzweifelt er doch sein musste. Wenn sogar Kassander sich zu ein wenig Mitleid für Hephaestion herablassen konnte, dann wurde es für Kleitos nun vielleicht auch Zeit.

“Wir wurden erzogen, um Alexander zur Seite zu stehen und das so gut wie wir es können und wenn es nötig ist sogar darüber hinaus. Und genau das tue ich.” Hephaestion ließ den Dolch langsam, kaum merklich sinken, aber er war immer noch auf der Hut. Jeder Muskel seines sehnigen Körpers war angespannt und das war auch gut so. Kleitos wusste selbst nicht, was er hier eigentlich wollte. Er konnte sich ja noch nicht einmal erinnern hierher gelaufen zu sein!

“Ja, dazu wurdet ihr erzogen und doch erniedrigst du dich”, Kleitos machte einen Schritt auf ihn zu und der Dolch in Hephaestions Hand wanderte wieder ein Stück in die Höhe. “Mit den Augen, die du dir auf persiche Art und Weise schwärzt”, Kleitos spuckte auf den Boden vor Hephaestions Füßen. “Mit ihren Sitten und Gebräuchen, die du so einfach annimmst, weil Alexander es für richtig hält.” Er ging noch einen Schritt auf ihn zu. “Und jetzt hast du dich und unser ganzes Volk damit erniedrigt, dass du ihm diese Wilde ins Bett gelegt hast! Und du bereust es. Du bereust es nicht aus den richtigen Gründen, nicht weil unser Volk zu stolz für so etwas wäre, sondern weil sie deinen Platz einnehmen wird und das spürst du. Du spürst es tief in deinem Inneren.”

Der Dolch in Hephaestions Hand begann zu zittern und ob er es wollte oder nicht, damit gab er Kleitos Worten recht. “Den Platz in seinem Bett, nicht in seinem Verstand”, kam es dann schließlich schwerfällig über die bebenden Lippen.

Kleitos schaute ihn lange an. Hephaestion musste wirklich betrunken sein, wenn er das so offen aussprach. Das stand fest. “Und das ist ein Platz, den du nur ungern räumen würdest.” Kleitos machte noch einen Schritt auf Hephaestion zu, mit seiner Hand umschloss er das Handgelenk des anderen, bevor er mit seinem Dolch vielleicht auch nur aus bloßem Reflex zustoßen konnte. “Ich werde dir jetzt etwas sagen, dass du nur einmal in deinem Leben von mir zu hören bekommen wirst, deswegen höre gut zu. Dein Einfluss auf Alexander ist enorm und ich bin mir sicher, dass er auch gut ist. Ich hasse es, dass du diesen Einfluss hast und die meiste Zeit hasse ich auch dich dafür, aber ich weiß, dass du ihn lenken kannst, wenn du es für nötig hältst und ich weiß auch, dass du damit schon so manches befriedetes Volk vor einem grausamen Schicksal bewahrt hast.” Wenn auch nicht jedes, aber das war eben so, wenn man sein Reich erweitern wollte. Und Alexander war im Inbegriff das größte und damit auch friedlichste Reich aller Zeiten zu erschaffen und dafür mussten Opfer gebracht werden. “Ich weiß, was du tust und auch wenn ich es nicht zeige, weiß ich es doch auch hin undwieder zu schätzen. Aber ich hasse es, dass du dich für ihn verbiegst. Auf alle anderen wirkst du so stolz, so erhaben und doch bist du heute in seine Gemächer geschlichen wie ein getretenes Schoßhündchen. Was macht er nur mit dir? Benimm dich mehr wie ein Krieger, wie jemand der mehr ist als nur ein Hund, der auf Kommando mit dem Schwanz wedelt. Sei…”

Kleitos spürte Hephaestions Lippen auf seinen. Und nun da er sie auf seinen Lippen spürte, wurde ihm bewusst, dass genau das der Grund gewesen war, warum er in Hephaestions Gemächer gekommen war. Das war der Grund für all die heimliche Verachtung und doch auch Wertschätzung, die er für den Jüngeren immer wieder empfand. Er wollte ihn haben. In Besitz nehmen, wenn auch nur für eine Nacht. Und auch wenn er sich nicht sicher war, ob Hephaestion sich dessen bewusst war, aber mit diesem Kuss, hatte er ihm gerade genau dafür die Erlaubnis gegeben.

“Was du da gesagt hast, ist Verrat!”, flüsterte Hephaestion gegen seine Lippen.

“Was wir hier tun ist Verrat.” War Kleitos stoische Erwiderung und er öffnete die Nadel, die Hephaestions Mantel über den Schultern zusammen hielt.

“Wenn er das herausfindet, dann…” Selbst wenn Hephaestion sich gegen das, was immerhin er angefangen hatte, wehren wollte, schien er es nicht mehr zu können, denn auch seine Hände machten sich selbstständig und wanderten zu den silbernen Nadeln, die Kleitos Chiton zusammen hielten.

“Ich wünschte du würdest diesen persischen Mist nicht tragen. Griechen sind leichter zu entkleiden”, murrte Kleitos, während er sich mit Hephaestions Gewändern abmühte und Hephaestion dadurch ein Lachen entlockte. Er ging mit voller Absicht nicht auf Hephaestions unvollendeten Satz ein, denn er wollte nicht darüber nachdenken, was all das bedeuten könnte, sollte ER es erfahren.
Aber wie solle er? Er war mit seiner jungen Wilden beschäftigt, während Kleitos damit beschäftigt war Alexanders Schoßhund zu verwöhnen und wenn dieser Schoßhund nicht reden würde, dann würde es ein Geheimnis zwischen ihnen bleiben und damit hatte sich die Sache erledigt. Zumindest für ihn. Zumindest für diesen Moment. Zumindest jetzt gerade, wo er betrunken und sein Hirn vernebelt war.

Endlich hatte er Hephestion von diesen lächerlichen Stoffen befreit und als das letzte Stück Stoff fiel, konnte er ihn genau betrachten. Er kannte diesen Körper, hatte ihn schon oft gesehen und doch war es dieses Mal etwas anderes, als er mit dem Finger über die lange Narbe, die er der Schlacht von Gaugamela und einem glücklicherweise schlecht gezieltem Speerwurf zu verdanken hatte, fuhr.
Kleitos sah den gleichen hungrigen Blick, mit dem er Hephaestions Körper betrachtete, in den Augen des anderen.  In diesem Moment war alles vergessen, was sonst das Zusammensein der beiden unerträglich machte. In diesem Moment zählte nur die Trunkenheit ihrer Körper, die aneinander gerieten und die Enttäuschung über ihren König, in den sie, wenn auch aus vollkommen anderen Perspektiven, so Großes gesetzt hatten.
Es war kein langsames Erkunden des jeweils fremden und doch so vertrauten Körpers. Nein, sie beide ließen ihren Frust, ihre Enttäuschung ihrem Rausch freien Lauf und ihnen beiden war bewusst, dass das Spuren hinterlassen würden, doch mit einem kurzen, angedeuten Nicken im rechten Moment hatten sie einander die Erlaubnis dafür gegeben.

Kleitos gab Hephaestion mit einem leichten Stoß gegen die Schultern zu verstehen, dass dieser sich hinzulegen hatte und Hephaestion tat ihm den Gefallen nur zu gerne. Als er sich auf die Felle legte und dabei seine Beine spreizte, sah er aus wie eine von Aphrodite persönlich geschickte Versuchung. Und wahrscheinlich war er das auch, denn als Kleitos sich über ihn beugte und begann ihn auf sein Eindringen mit seinen Fingern vorzubereiten, beschlich ihm zum ersten Mal die kalte Ahnung, dass diese Nacht früher oder später sein Untergang besiegeln würde. Doch er schob diesen Gedanken bei Seite, als Hephaestion sich auf die Lippen biss, seinen Kopf zurück warf und ihm seine Hüfte entgegen streckte.
“Alexander ist ein Narr, dass er dich gegen dieses Tier austauscht”, murmelt er leise, ehe er sich langsam in Hephaestion schob und das Stöhnen das gleichermaßen über ihre beide Lippen kam, mit einem langen Kuss ersterben ließ.

Kleitos war geschockt, als er am nächsten Morgen wach wurde und der schlafende, nackte Hephaestion neben sich ihm wieder in Erinnerung rief, was sie gestern getan hatten. Natürlich hatte auch Kleitos hin und wieder einen jungen Mann bei sich im Bett, es gehörte dazu und solange man dennoch plante eines Tages auch eigene Kinder in die Welt zu setzen, schenkte man solchen Zusammenkünften keinerlei Beachtung. Aber Hephaestion war dem Alter, in dem man ihm im Bett eines Generals vermuten würde, eigentlich bereits entwachsen. Gut, gerechterweise müsste man dann auch sagen, dass er dem Alter entwachsen war, in dem er im Bett des Großkönigs liegen durfte, aber in der Hinsicht bildete Hephaestion eine große Ausnahme und das war nun ein Problem. Das hätte nicht passieren dürfen. Sicherlich war der Wein mit blauem Lotus versetzt gewesen, anders konnte sich Kleitos einen solchen Ausfall seines logischen Denkvermögens nicht erklären. Und einen solchen Ausfall musste er gehabt haben, denn sonst würde Hephaestion nicht neben ihm im Bett liegen.
Hephaestion, der gerade seine Augen aufschlug und sich ein wenig verwundert umschaute bis sein Blick auf Kleitos fiel und er sich so abrupt aufsetzte, dass Kleitos gegen seinen Willen zusammenzuckte, denn mit einer solchen schnellen Bewegung hatte er nicht gerechnet, musste Hephaestion doch an diesem Morgen mit einem ebenso großen Kater geplagt sein wie er selbst.

“Das ist nie passiert”, sagte Hephaestion harsch, während er seine Kleidung zusammen suchte und sie sich überstreifte. “Wenn ich diese Räume verlasse, werden wir wieder zu unserer gegenseitigen Verachtung übergehen und alles ist so wie es zu sein hat.”

Kleitos würde Hephaestion gerne sagen, dass er ihn nicht verachtete. Das hatte er nie und das würde er auch niemals. Seine Gefühle gegenüber Hephaestion waren sicherlich nie durch und durch positiv, aber es war sicher keine Verachtung dabei. Nicht immer zumindest.
“Wenn dir dein Leben lieb ist, dann…”
“Jaja…”, unterbrach Kleitos ihn hastig. “Keiner wird etwas erfahren. Ich kann mich ohnehin an keine Einzelheiten mehr erinnern. Meinst du es war blauer Lotus im Wein?”
Ein verwirrter Blick war die Antwort, die er von Hephaestion bekam, während er bedauernswerterweise in seinen Chiton stieg und somit den braungebrannten Körper wieder verhüllte. “Blauen Lotus gibt es in Ägypten und wenn die Schriften der Quartiermeister stimmen, ist er uns schon vor langer Zeit ausgegangen.”
Kleitos winkte ab. Es war wirklich besser, wenn Hephaestion wieder zu seinem König verschwand und dort gemeinsam mit Alexander das Leben nur von der ernsten Seite aus betrachtete.
Hephaestion verschwand und ließ Kleitos zurück. Er hatte die Nacht mit Hephaestion verbracht und Kleitos hoffte für sich und vor allem für sein Leben, das Hephaestion darüber Stillschweigen bewahren würde.

Aber würde er das?


***
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