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Die Unterhändlerin

GeschichteFamilie, Freundschaft / P12
03.10.2014
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Jetzt habe ich es auch noch geschafft! :D Die Puzzlegeschichte ist für Frogger, deren Geschichte für mich ich nun auch lesen werde, wollte nur meine erst noch beenden.
Es ist eine dieser Geschichten, die man beginnt und schreibt und die einen selbstständig durch die Geschichte führt. Ich war mehr Beobachter als Autor. ^^'' Hoffe jedoch, dass sie auf Liebe stößt bei ihrer Auftraggeberin und dass ich die Vorgaben alle umgesetzt habe.
Die Vorgaben:

Wetter: Sturm
Gegenstand: Plüsch-Panda
Szene: Jemand stolpert
Das Individuelle: Baue Zeilen eines Liedes ein, das dir viel bedeutet

- Viel Spaß! :)




Teil 1




„Was hat der Arzt gesagt?“ Es klackerte. Ich konnte mir genau vorstellen, wie Paul mit dem stumpfen Ende seines Bleistiftes seine Zähne antippte, seine Art sich zu konzentrieren.
Von all meinen Brüdern war ich mit Paul immer schon am besten ausgekommen. Er war nur fünf Jahre älter als ich und keine acht wie Walter oder gar zehn, wie Heinrich, und er hatte mich als einziger in dieser Familie immer ernst genommen. Wir waren nicht nur Geschwister, sondern auch Freunde.
Ich überflog meine Notizen.
„Mutter spricht auf die Bestrahlung nicht an. Die Biopsie und die anschließende histologische Untersuchung – also sie haben ihr Gewebe aus dem Unterleib entnommen und das unter dem Mikroskop begutachtet – haben ergeben, dass der Krebs ziemlich groß ist, aber noch keine Lymphknoten befallen sind. Das ist gut, denn die Lymphknoten sind die Umschlagplätze für die Flüssigkeitsautobahnen im Körper, von dort könnten sich wandernde Krebszellen überall absiedeln und neue Krebsherde, Metastasen, bilden. Sie hat auch noch keine Metastasen. Aber die Teilungsrate der entarteten Zellen ist sehr hoch, deshalb ist der Krebs bereits so groß. Dr. Bielefeld meinte, dass es wirklich großes Glück ist, dass Mama in diesem frühen Stadium Beschwerden entwickelt hat.“
„Und du klingst, als hättest du Material für eine Reportage gesammelt.“
„Ich habe mir bloß alles ganz genau erklären lassen!“
Paul gluckste.
„Ist ja gut, soviel weiß ich auch nicht über Gebärmutterhalskrebs. Und, was steht auf deinem Block noch alles?“
Ich grinste, wurde aber gleich wieder ernst.
„Sie werden sie nun auf jeden Fall operieren, vollstädige Entnahme des Uterus, samt Eierstöcke.“
„Hysterektomie?“
„Genau.“
„Oh je. Das wird Mama überhaupt nicht gefallen.“
Ich schnaubte.
„Du hast gut reden. Famos, mir diese Aufgabe zuzuschieben! Nur, weil ihr denkt, ich bin ja ein Mädchen, das ist Frauenkram – oder wie darf ich das verstehen?“
„Du weißt, dass es mir Leid tut. Aber mein Arbeitgeber hat mein Anfrage auf unbezahlten Urlaub abgelehnt. Du bist nun mal die einzige Freiberuflerin unter uns.“
„Mein Job ist nicht so wichtig wie eure, das meinst du wohl? Meinst du, mein Chef war begeistert, als ich gesagt habe, ich brauche vier Tage frei, um meine Mutter zu besuchen? Weißt du, was eine Fahrt von Hamburg in dieses Kaff hier kostet?“
„Und du weißt, wer die Klinikkosten trägt?“
Ich grummelte.
„Heinrich.“
„Und?“
„Und du und Walter.“
„Von dem Gehalt eines Buchhalters mit drei Kindern, eines Elektrikers mit zwei Kindern und eines wissenschaftlichen Assistenten. Du bist ein wenig ungerecht, Kordis.“
Er war der einzige, der mich Kordis nannte, des Herzens. Ich seufzte.
„Ich weiß, das bin ich schnell. Tut mir Leid. Ich hab nur Angst, meinen Job zu verlieren.“
Paul lachte.
„Du bist eine großartige Jounalistin, die gerade einen aufsehenerregenden Artikel veröffentlich hat. Das werden sie nicht wagen.“
„Danke.“ Ich kratzte mich an der Nase.
„Also, sie wollen Mutter operieren. Hoffen wir mal, dass Mutter da mitmacht.“
„Ja, und nachdem sie operiert wurde, wollen sie wahrscheinlich eine Chemotherapie einleiten, mit etwas ziemlich Üblem, das Cis-Platin heißt.“
„Oh. Ja, ich weiß, was das ist. Davon muss man ständig brechen.“
Ich stöhnte.
„Das sag ich Mutter noch nicht, was meinst du?“
„Besser nicht. Ich muss jetzt auflegen, aber halte mich bitte auf dem Laufenden. Ich gebe den anderen Bescheid.“
„Ist gut. Wann soll ich wieder anrufen?“
„Heute abend, so gegen acht?“
Ich nickte, meinte dann: „Ist gut.“
„Und, Kordelia?“
„Ja?“
„Danke.“

Freitag, 1. Oktober 1965

Ich war am Morgen in dem Provinznest angekommen, hatte meine zwei Koffer bergauf zu der Pension Deutscher Hof geschleppt, das Zimmer, welches ich telefonisch reserviert hatte, bezogen und mich dann sogleich auf dem Weg zur Spezialklinik mit angegliedertem Rehabilitationszentrum gemacht, die auf dem gegenüberliegenden Berg lag. Das Städtchen selbst lag in der Talsohle. Anscheinend hatte man in Süddeutschland nur die Wahl zwischen Berg und Tal.

Der Arzt, ein aroganter Chauvinist namens Bielefelder, hatte zunächst zögerlich – immerhin war ich jung, hübsch und weiblich, wie käme ich denn dazu, auch noch dazu, intelligent zu sein? - dann aber doch ganz passabel Auskunft erteilt über Mutters Gesundheitszustand: nicht so schlimm wie befürchtet, jedoch auch nicht so gut wie erhofft.

In Hamburg stapelten sich sicher die Anfragen und Aufträge, mir wird ganz schlecht, wenn ich daran denke. Ein guter Artikel reicht nicht, um als guter Journalist zu gelten. Gottseidank sitze ich morgen Abend wieder im Zug gen Wahlheimat.

Ich hatte Mutter im Dorf einen Strauß Herbstblumen gekauft und mich nach dem Gespräch mit dem Arzt und dem Telephonat mit Paul in der Eingangshalle des Krankenhauses zu ihr durchgefragt. Dass sie sich der Operation würde unterziehen müssen, ließ ich vorerst ungesagt; stattdessen ertrug ich wie eine wahrhaftige Heilige sämtliche Kritteleien, der Liebesbeweis einer Mutter an ihr Nesthäkchen und einzige Tochter.


Mutter hatte in Hut und Mantel auf ihrem Zimmer auf mich gewartet. Ich hatte ihr geschrieben, dass ich zur Mittagszeit eintreffen würde, nun war es bereits zwei Uhr. Ihr vorwurfsvoller Blick hätte mich beinahe wieder aus dem Zimmer befördert.
„Du liebe Güte, Kordelia – hast du vergessen, dass du eine Frau bist? Wieso trägst du immer diese furchtbaren Hosen. Und deine Haare, du hast du so schöne Haare, Mädchen.“
Ich hatte meine Haare etwa vier Zentimeter unter dem Kinn abschneiden lassen, im Stil von Jackie Kennedy, doch ohne sie zu toupieren, dafür hatte ich weiß Gott keine Zeit.
„Ein bisschen Schminke würde dir auch ganz gut tun.“ Sie deutete auf den Spiegel, in dem ich meine Reflexion begutachten und für mangelhaft erklären solte. Große, dunkle Augen, die unter meinem liebgewonnen Stetson (ja, ich trug einen Männerhut) hervorlugten, schwarzbraune Haare, schmales Gesicht, geschwungene Augenbrauen, lange, gerade Nase, schmale Lippen. Nicht zu gewöhnlich, nicht zu ausgefallen, eine Grundlage für eine Journalistin.
„Mama“, stöhnte ich, als mir das Zupfen und Klagen zuviel wurde.
„Drei Minuten mit dir und ich sehne mich nach meinem cholerischen Chef – freu dich doch, dass ich dich besuche, leg dir deinen Schal um, und lass uns einen Spaziergang machen – bitte!“
Frieda Moisko schürzte die knallroten Lippen und zog ihre absrasierten und mit einem braunen Stift nachgezogenen Augenbrauen bis kurz vor den blondierten Haaransatz.
„Halte an dich, Kordelia, mit einem solch losen Mundwerk habe ich dich nicht in die Welt entlassen. Aber“, sie griff nach ihrer Handtasche, „wo du recht hast, hast du recht. Lass uns gehen.“
Ich seufzte leise und öffnete die Tür.
„Wunderbar.“

Mutter führte mich wieder ins Tal und redete dabei ohne Unterlass: von Freundinnen, die geschrieben hatten und sie besuchen wollten, von meinen großartigen Brüdern – Heinrich war befördert worden, Walters Frau Heidrun zum dritten Mal schwanger und sein ältester Sohn Michael war gerade zwei Jahre alt geworden (als ob ich das nicht alles wüsste) – dass in Vietnam Krieg geführt wurde, empfand sie als unanständig und entgegen jedlichen guten Geschmacks, am besten sprach man gar nicht darüber, und ob ich denn nicht gedenke, mich endlich nach einem Mann umzusehen.
„So jung bist du ja nicht mehr. Ich war habe mit achtzehn geheiratet – damals musste sogar noch meine Mutter zustimmen. Aber August war so ein schmucker Mann, wie hätte sie da nein sagen können!“
„Ich schau mal“, murmelte ich und beobachtete die Wolken, die über den stahlblauen Herbsthimmel zogen. Sie hatten die Farbe von gestärktem Leinen. Und von Leichntüchern. Ich schloss die Augen. Sowas darfst du nichtmal denken.
„Ja ja, meinetwegen auch einer von diesen Sozialisten.“
„Mutter! Das sind keine Sozialisten, das sind Journalisten!“
„Alles die gleich rote Farbe, Kordelia.“ Meine Mutter lächelte mich an als wollte ich, dass sie mir das Einmaleins beibrachte.
„Gott möge uns Adenauer noch eine Weile erhalten, der Gute ist ja auch nicht mehr der Jüngste.“
Ich klappte den Mund zu. Gegen Gott, meine Brüder und Adenauer kam ich einfach nicht an.
In diesem Moment raste ein quietschgelber VW – Bus mit ebenso schrillen Bremsen um die, so schien es mir, einzige Kurve des Ortes, die nicht einzusehen war.
Bevor ich darüber nachdenken konnte, was ich tat, hatte ich meine Mutter bei den Schultern gepackt und zurückgerissen. Meine Hand riss etwas zu fest an ihrem feinen Wollmantel. Ich hörte noch, wie das Material riss, doch vielmehr spürte ich, wie ich das Gleichgewicht verlor, in meinen Pumps mit Blockabsatz rutschte, umknickte und der Länge nach auf dem Kopfsteinpflaster aufschlug.
„Argh!“ Durch Hände, Knie, Rippen, Kinn und Nase fuhr ein
„Kordelia? Kordelia!“
Ich stöhnte und wollte gerade zu einer beißenden Antwort über süddeutsche Autofahrer im Allgemeinen und schwäbische Hinterwäldler im Besonderen ansetzen, als ein Paar fremde Hände mich packten und auf die Seite drehten.
„Fräulein, Fräulein, sind Sie in Ordnung? Um Himmels willen, das wollte ich nicht, ich fahre Sie sofort ins Krankenhaus!“
„Da komm' ich doch gerade her“, schnappte ich und versuchte, mich aus seinem Griff zu befreien.
„Lassen Sie mich los, Sie tun mir weh!“ Ich fuchtelte und zappelte so lange, bis der Druck auf meinen Oberarmen nachließ. Erst dann schlug ich die Augen auf.
Das erste, das ich sah, waren meine blutigen, aufgeschürften Hände. Sofort schmerzten meine Handflächen ein bisschen mehr.
Dann blickte ich das Gesicht von
„Jesses Maria!“, rief ich aus, „ich bin von Jesus angefahren worden.“
„Kordelia!“ Rote Flecken zierten Hals und Wangen meiner Mutter. Leicht derangiert in zerrissenem Mantel und verrutschtem Hut blickte sie mit weit aufgerissenen Augen auf mich hinab – gefangen zwischen der Freude darüber, dass ich am Leben und wohlauf war und dem Zorn über mein Mundwerk, das genauso widerstandsfähig war wie der Rest ihres Wildfangs.
Jemand lachte. Überrascht blinzelte ich und drehte mich zu dem jungen Mann mit schulterlangen, dunklem, leicht lockigen Haar, Vollbart, Bluejeans, weißem, kragenlosem indischem Hemd und Holzperlenkette um, der Jesus mit dem gelben VW Bus.
„Fräulein, es tut mir wirklich furchtbar Leid, sie angefahren zu haben, und selbstverständlich werde ich sie ins Krankenhaus fahren – aber Sie sind aus Titan, nicht?“
„Aus Kryptonium, wenn Sie Superman sind!“, zischte ich fuchsteufelswild. Das Lachen erstarb.

Auszug aus Trái tim – Vietnam, Herzensangelegenheit von Kordelia Elisabeth Moisko
Unsere Begegnung stand wahrhaft unter keinem guten Stern. Ich war wütend, vor allem war es jedoch die Angst, die mich so reagieren ließ. Hamburg kam mir damals vor wie All-in beim Kartenspiel: entweder würde ich über Mutter und ihre restriktive Vorstellungen, was das Leben einer Frau betraf, triumphieren, oder ich stünde planlos und pleite auf der Reeperbahn; wie die verlorene Tochter nach Hause zurückzukehren, das käme für mich nicht in Frage.
Holgers Vater war der großartige Dr. Alfred Handtmann, der meinen Knöchel verband und fixierte, und nicht einmal mit der Wimper zuckte, als ich wetterte, dass ich den Fuß unmöglich nicht belasten könne – als trage er die Schuld an diesem Schlamassel.
„Dann werden Sie wohl eine Krücke brauchen“, war seine einzige Antwort.
Holger wollte Mutter und mich noch als Wiedergutmachung zum Essen einladen, denn inwzischen war der frühe Abend hereingebrochen. Doch ich lehnte ab.
„Vielen Dank, und danken Sie noch einmal ihrem Vater, aber ich glaube, Ihre Gesellschaft schadet meiner Gesundheit.“ Ich wundere mich bis heute über sein dickes Fell. Er grinste bloß und wünschte uns einen schönen Abend.

Freitag, 1. Oktober 1965

Wir aßen im Deutschen Hof zu Abend, für Mutter und meine Verhältnisse erstaunlich friedlich und angeregt. Immer wieder setzte ich an, die Unterhaltung auf ihre Erkrankung zu lenken, doch alle Manöver wurden gekonnt abgeschmettert. Friedas Sehnsucht nach einer heiteren Konversation war so groß, dass sie sich am Riemen riss und sämtlichen Gelegenheiten, einen Streit vom Zaun zu brechen, auswich – wie damals bei Eriks Beerdingung. Ach, es macht mich traurig, an meinen Bruder zu denken. Eriks Abwesenheit wirft lange Schatten. Zwei Freigeister, hineingeboren in eine Familie voller Realisten und Langweiler, hatten wir einander in unseren Träumen bestärkt.


„Gute Nacht, Mama.“ Ich küsste sie auf die Wange. Wir standen in der Eingangshalle des Klinikums. Gleich war die Besuchszeit vorbei.
„Gute Nacht, Kordelia.“ Frieda strich mir mit dem Zeigefinger über die Wange. „Du kommst morgen früh wieder, nicht wahr?“
„Aber sicher!“ Ich lächelte.
„Gegen neun Uhr?“
Frieda nickte. Ihre feinen, blonden, in Wellen gelegten Haare, die mit einem Knoten im Nacken zusammengebunden hatte, schimmerten golden im Licht des Foyers. Mein Blick wanderte über die Krähenfüße hin zu den weichen Konturen der Kinnpartie.Keine Wimperntusche, kein Lidschatten und kein Puder und keine scharfen Worte konnten mich darüber hinwegtäuschen. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass Mama letztes Jahr fünfzig geworden war und dass sie schwer krank war. Dass sie vielleicht nur noch fünf Jahre zu leben hatte. Die Angst über diesen Verlust traf mich unvorbereitet und beschäftigte mich immernoch, als ich die Klinik verließ.

„Und, was hat sie gemeint?“ Paul sprach mit vollem Mund. Zwei Scheiben Vollkornbrot mit Margarine und Schnittkäse, dazu drei kleine Tomaten un vier Gewürzgürkchen und Sprudel. Jeden Abend. Ich würde wahnsinnig werden, aber Paul liebte seine Routine. Im Hintergrund lief der Fernseher. Tagesschau.
„Ich habe sie noch nicht gefragt.“ Ich stand an der Rezeption des Deutschen Hofs. Mit den Ellebogen stützte ich mich auf den Tresen ab, den Hörer zwischen Kinn und Schulter geklemmt.
„Was? Weshalb?“
„Weil ich erst auf Mama sauer war, dann fast überfahren worden wäre, dann selbst zum Arzt musste und während des Abendessens ist sie mir konsequent ausgewichen! Ich versuch's morgen nochmal, aber heute“, ich seufzte.
„Du liebe Güte, in dem Kaff gibt es Autos?“
„Kaum zu glauben, aber wahr.“
„Du musst dringend mit ihr reden.“ Es krachte. Paul hatte gerade auf eine Gewürzgurke gebissen.
„Nen Guten.“
„Damge“, nuschelte er.
„Ich weiß, dass ich mit ihr reden muss, und ich weiß auch, dass, wenn die Ärzte es zuerst tun, sie sich mit Sicherheit nicht behandeln lässt und sie sterben wird. Paul! Ich habe mit dem Arzt gesprochen. Es war zwar ein Idiot, aber die Botschaft war klar – wenn sie sich der OP nicht unterzieht, wird sie qualvoll sterben.“ Ich seufzte.
„Morgen, nach dem Frühstück werde ich mit ihr sprechen.“
„Tut mir Leid, dass ich nicht dabei sein kann“, meinte Paul leise, nachdem er geschluckt hatte.
„Schwamm drüber“, brummte ich, verabschiedete mich und legte auf.

„Ihre Mutter hat Krebs?“
Ich drehte mich um. Holger Handtmann, das rasende Jesuskind.
„Belauschen Sie immer die Konversationen anderer Menschen?“ Ich hob meine Augenbrauen.
„Tut mir Leid. Ich...“, er kratzte sich am Hinterkopf, „ich wollte nur noch einmal vorbeisehen, ob es Ihnen auch wirklich gut geht, und da habe ich Ihren letzten Satz mitbekommen. Sie waren auch nicht gerade leise.“ Er grinste entschuldigend. Ich schnaubte.
„Mir geht es so gut wie es jemandem gehen kann, der von einem quietschgelben VW Bus mit Jesus hinter'm Steuer angefahren wird. Gute Nacht, Herr Handtmann.“
„Jetzt geh'n sie ins schlafen?“ Holger lachte auf. „Übrigens, ich heiße Holger. Herr Handtmann ist mein alter Herr. Sie können mich auch gern so nennen, wie alle in diesem Nest: der Gammler, der nach Goa abgehauen ist, anstatt wie ein anständiger Sohn Medizin zu studieren und eines Tages die Praxis des Herrn Vater zu übernehmen.
Ich war sprachlos.
„Sie kommen doch aus Hamburg. Da geht doch kein Mensch in unserem Alter an einem Freitag um halb neun ins Bett! Gehen wir in die Wirtschaft? Die hat zwar nur bis elf offen aber immerhin.“
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