Monster

von Arionell
GeschichteDrama, Romanze / P16
01.10.2014
01.12.2015
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Auch am zweiten Tag ihres Praktikums war für Meiko Kitazono noch alles fremd an dieser Schule. Zu Beginn hatte sie es noch verwundert, dass sie für ihr Praktikum, das sie als angehende Lehrerin im Rahmen ihres Studiums absolvieren sollte, gerade dieser Schule zugeteilt wurde.  Nicht, dass ihr diese Schule zuwider war, es war einfach nicht das, womit sie gerechnet hatte.

Die Oso Akademie, die eine reine Mädchenschule war, hatte den Ruf, dass hier darauf geachtet wurde, alte Werte und Normen an die jungen Mädchen zu vermitteln, sodass sie zu guten Frauen und musterhaften Ehefrauen heranwachsen konnten.

Meiko wusste, dass es anmaßend gewesen wäre, über sie zu urteilen und doch konnte sie nicht anders, als irgendwo Mitleid für diese Mädchen zu empfinden, denn die Zukunft dieser Mädchen aus gutem Hause war quasi schon zu dem Zeitpunkt festgelegt, in dem sie geboren waren.

Mit einem Blick aufs Display, versicherte sich Meiko abermals, dass sie nun eine Freistunde hatte und sie wusste auch schon, wie sie diese verbringen würde. Bereits gestern hatte sie erfahren, dass diese Schule eine kleine Bibliothek besaß, die allerdings, wie der Direktor gesagt hatte, so gut wie gar nicht mehr benutzt wurde.

In dieser Gesellschaft war das nichts ungewöhnliches, denn man konnte sich jegliche Art von Büchern oder die gebrauchten Informationen  digital herunterladen. Dafür musste man nicht mehr zwingend aus dem Haus um eine Bibliothek aufzusuchen.

Doch dies war seltsamerweise etwas, was Meiko sehr gerne tat. Schon sehr früh hatte sich ihr Interesse für Bücher ausgeprägt und sie liebte es, ein Buch in der Hand zu halten.

Sie unterschied stets zwischen den digitalen E-Books und den „echten“ Büchern. Die, die aus Papier waren und deren Geruch sie so liebte. Sie zog sie den digitalen Exemplaren vor, doch sie hatte nie einen triftigen Grund dafür nennen können.

Es war einfach so, dass sich die Bücher für sie „realer“ anfühlten und jedes Mal, wenn sie ein volles Bücherregal vor sich sah, machte ihr Herz einen Sprung.

***

Genauso, wie auch in diesem Moment, als sie die Bibliothek, die in einem solch abgelegenen Winkel des Gebäudes lag, dass man sie hätte übersehen können, endlich gefunden hatte.

Mit einem leicht melancholischen Ausdruck in den Augen ging sie die Regale mit den darin angreihten Büchern entlang. Sie schloss die Augen und genoss für einen Moment die Stille, während sie einmal tief durchatmete.

Als sie die Augen öffnete, stand sie vor einer Abteilung, zu der sie ihr Unterbewusstsein hergeführt haben musste. Es war die Abteilung für „verbotene Bücher“.

So hatte man diese Bücher betitelt, denn es bestand bei diesen Exemplaren immer ein gewisses Risiko, dass wenn man sie las, sich der eigene Psycho Pass trüben konnte, da sie so aufwühlend auf die Psyche einwirken konnten.

Genau aus diesem Grund hatte sie das Sibyl System als „verboten“ kategorisiert.

Meiko seufzte kurz und fragte sich, warum sie sich ausgerechnet für diese Art Bücher interessieren musste.

Unwillkürlich musste sie sich fragen, ob es etwas im Menschen gab, das sich vom Verbotenen angezogen fühlte, sodass der menschliche Verstand ständig auf die Probe gestellt wurde.

Bereits während des Studiums für Literaturwissenschaften hatte das Seminar, in dem sie solche Art Bücher thematisiert hatten, ihr Interesse geweckt wie kein anderes, ohne dass sie genau sagen konnte, warum.

Doch sie war belastbar, das wusste sie. Das Lesen der Bücher war auf eigene Gefahr und Meiko kannte sich soweit selbst ganz gut, als dass sie wusste, dass sich ihr Psycho Pass aufgrund solcher Literatur nicht so einfach trüben würde. Das hatte sich bereits in dem Seminar gezeigt, als sie Auszüge aus solch verbotenen Büchern durchgegangen waren.

Neugierig ging sie den Flur entlang und musterte die Bücher, die in den Regalen standen. Instinktiv griff sie nach dem, was ihr in diesem Moment am interessantesten erschien. „Nineteen Eighty-Four …der Autor ist…George Orwell“, las sie leise für sich vor, während sie den Einband musterte.

***

„Ein gutes Buch…“, hörte sie plötzlich jemanden sagen und fuhr sogleich zusammen, da sie bis zu diesem Zeitpunkt gedacht hatte, dass sie in diesem Abteil alleine wäre.

Augenblicklich wanderte ihr Blick in die Richtung, aus der sie die Stimme vernommen hatte. Dort sah sie ihn an der Fensterbank lehnen.

Ein junger Mann mit heller haut und schneeweißen Haaren sah sie aus seinen gold-gelben Augen interessiert an.

„Habe ich Sie erschrocken? Das tut mir leid“, fügte er mit einem kleinen Schmunzeln hinzu.

Meiko konnte ihren Blick nicht abwenden. Noch nie war sie jemandem mit dieser Art von Ausstrahlung begegnet.

„Sie sind die neue Praktikantin, nicht wahr?“, sprach er weiter und ging nun auf sie zu. Schließlich reichte er ihr die Hand. „Ich bin ebenfalls Lehrer, gestern war ich allerdings verhindert, weshalb wir noch nicht das Vergnügen hatten. Mein Name ist Shibata Yukimori.“

„F-freut mich. Ich bin Kitazono Meiko“, sagte sie schließlich und erwiderte etwas unsicher seinen Händedruck.

Dann deutete sie auf das Buch. „Sie würden es mir also empfehlen?“, fragte sie immer noch etwas verlegen, jedoch mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.

„Wenn Sie diese Art von Literatur interessiert, dann durchaus“, hörte sie den Weißhaarigen sagen.

„Hmh…verbotene Literatur…irgendwie hat sie mich schon immer interessiert“, sagte Meiko mit einem leicht verträumten Gesichtsausdruck und schien dabei mehr mit sich selbst zu sprechen, anstatt dass sie ihm antwortete.

„Nur habe ich noch nie gesehen, dass eine Bibliothek eine eigene Sparte dafür hat“, fügte sie noch hinzu und schien dabei auf einen imaginären Punkt an der Wand zu blicken.

Als sie bemerkte, was sie da über ihre Interessen preisgegeben hatte, schreckte sie kurz hoch. „Also ich meine…im Rahmen meines Studiums hatte mich das interessiert und…eh wahrscheinlich sollte ich mich als angehende Lehrerin, und somit als Vorbild für andere, nicht zu sehr mit so etwas befassen“, erwiderte sie etwas nervös.

Ihr Großvater hatte sie doch immer darauf hingewiesen, mit ihrer Faszination für verbotene Literatur nicht hausieren zu gehen, da es der Gegenüber schnell mal in den falschen Hals bekommen könnte.

Makishima bedachte sie kurz mit einem Blick. Für den Bruchteil einer Sekunde war das Lächeln aus seinem Gesicht gewichen. Doch im nächsten Moment war es wieder da, sodass sich Meiko fragen musste, ob sie sich dieses kalte Aufblitzen in seinen Augen bloß eingebildet hatte.

„Warum sollten Sie sich nicht dafür interessieren dürfen? Das schreibt Ihnen doch niemand vor…Meiner Meinung nach, sollten gerade Sie, in ihrer Position, sich mit dieser Art Literatur auseinandersetzen um Ihren Horizont zu erweitern. Es sei denn, Sie haben zu viel Angst davor, dass sich Ihr Psycho Pass trüben könnte“, sagte er, während er sie musterte. „Aber dafür scheint mir Ihr Interesse zu groß zu sein“, fügte er noch feststellend hinzu.

Verblüfft sah sie ihn an. „Sie scheinen aber eine sehr gute Menschenkenntnis zu haben, Shibata-San.“

„Nicht doch. Ich beobachte nur gerne“, erwiderte er abwehrend.

„Und auch ich hege Interesse an solcher Literatur, sonst wäre ich nicht hier“, sagte er schließlich.

Meiko schmunzelte kurz. „Schade nur, dass die Bücher nicht ausgeliehen werden dürfen“, sagte sie etwas enttäuscht.

„Es besteht ein zu großes Risiko, dass es Menschen mit schwacher psychischer Konstitution in die Hände fällt. Selbst die Einsicht darin obliegt nur den Lehrpersonen“, fügte sie noch hinzu.

„Ich hätte da noch so ein Exemplar“, sagte Makishima und sah in ihren Augen, dass sich Verwunderung darin widerspiegelte.

Meiko fragte sich, warum er so etwas besaß, doch gleichzeitig stellte sie es nicht infrage, da ihr Interesse daran größer war.

„Soll ich es Ihnen ausleihen?“, fragte er amüsiert.

Im nächsten Moment war die Schulglocke zu hören, was Meiko erneut zusammenfahren ließ. „Oh ich habe jetzt eine kurze Besprechung mit meiner Mentorin. Und ähm…ja ich würde es gerne ausleihen“, erwiderte sie etwas zögerlich.

„Es war nett, Sie kennenzulernen, Shibata-San. Es scheint, als hätten wir zur gleichen Zeit eine Freistunde. Dann…bis zum nächsten Mal“, fügte sie schließlich hinzu und sah noch mal kurz über ihre Schulter, bevor sie die Bibliothek verließ.

Einen letzten Blick warf er ihr nach, bevor Makishima sich wieder seinem Buch widmete.
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