Verrückt, dass Fallen wie Fliegen ist... (feat. Jako)

KurzgeschichteDrama, Angst / P16
Fewjar
01.10.2014
01.10.2014
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"...als würde es kein morgen geben." kommt mir in den Sinn. Doch was, wenn es tatsächlich kein morgen geben würde? Für ihn? Für mich? Für... Uns? Was, wenn morgen alles vorbei wäre, alles enden würde? Würde dann alles so bleiben wie es ist? In diesem Moment? Auf Ewigkeit? Jedenfalls in den Erinnerungen? Es würde nie wieder so werden wie früher. So dunkel. So voller Schmerzen. So... leer!

Mit einem Blick, den ich nicht zu deuten verstehe tritt er einen Schritt auf mich zu. Dann noch einen. Noch einen. Und noch einen. Sodass er direkt vor mir steht.
Ein Gedanke reift in mir. Ein Gedanke, den mein Menschenverstand zu verdrängen versucht, mein Gefühl jedoch, und mein stärkster Wille, penetrant in den Vordergrund pressen.
Könnte ich... NEIN! Aber... NEIN!

Ich senke meinen Blick.
"Komm, lass uns gehen."
Nicht gerade gefühlvoll zerrt er mich am Arm aus dem Raum.

Die laute Musik klingt plötzlich gedämpft, als die schwere Tür zugefallen ist.  Der Bass lässt den Schlüssel im Schloss klirren und er zerrt mich weiter in Richtung Fahrstuhl.

Seine Gefühllose Art macht mich innerlich fertig - soweit das überhaupt noch möglich ist - jedoch habe ich nun etwas in meinem Besitz, was mir die ganzen letzten dunklen Jahren gefehlt hat. Etwas, wovon ich so lange geträumt habe. Etwas, was meinen Verstand verrücktspielen lässt: Seine Nähe. Und seine Aufmerksamkeit.

Der Fahrstuhl öffnet sich, wir treten ein. Er drückt auf den Knopf "E", ich auf die "9".
Fragend schaut er mich an.
Zu meinem Glück bewegt sich der Fahrstuhl nach oben, sodass ich kurz später im neunten Stockwerk aussteige. Die Bässe der Musik kann man hier oben nur noch erahnen.
"Was willst du denn hier? Komm, ich bringe dich nach Hause."
Seine hilflose Mine verrät seine Nervosität.
Ich bewege mich in Richtung Wendeltreppe, die auf die Dachterrasse führt.
Mit einem Seufzer tritt er aus dem Aufzug und folgt mir.

Mein Gefühl scheint über meinen Verstand zu siegen. Was tue ich hier? Bin das wirklich ich?
Mein Atem geht schwer, als ich die Tür die auf das Dach führt öffne und mir ein kalter, starker Wind ins Gesicht peitscht.
"So kalt, wie die letzten Jahre." denke ich mir. Vielleicht auch so kalt wie die nächsten? Aber die kommenden werden nicht so schmerzhaft. Nein, das ist unmöglich. Nicht einmal ein körperlicher Schmerz könnte so weh tun wie die letzten Jahre.

Meine Beine bewegen sich in Richtung Rand, der nur durch einen Kniehohen Zaun angedeutet wird.
"Geh nicht so nah dran." höre ich Jakob hinter mir sagen, "der Wind ist ziemlich stark."
Klingt seine Stimme wirklich so sanft? Oder bilde mich das gerade nur ein? Ist das Wunschdenken?
Ich gehe einen letzten Schritt, sodass meine Knie fast den Zaun berühren.
"Komm zurück, dann fahren wir nach Hause.". War das ein Flehen?

Soll ich? Soll ich wirklich? Soll ich nicht?

Jetzt höre ich Schritte hinter mir. Kurz später spüre ich seine Hand auf meiner Schulter, die mich sanft in seine Richtung zieht.
Ich bleibe Standhaft.
Er kommt einen weiteren Schritt auf mich zu.
"Bitte..."
Seine Stimme ist ganz nah an meinem Ohr.
So nah wie noch nie.
So nah, wie mir noch nie jemand war.

Ich lege meinen linken Arm um seine Tallie und gehe einen Schritt nach vorne.
Einen letzten Schritt. Einen allerletzten Schritt.
Einen Schritt über den Zaun.
Einen Schritt, der mein Leben verändert. Verändert? Beendet? Mein? Sein? ...unser?
Ich lasse ihn nicht los.

Ich merke, wie der Widerstand an meinem linken Arm größer wird, doch lasse ich mich trotzdem fallen.
Es ist still. Sehr still, als sich der Widerstand wieder aufhebt.
Sein rechter Arm krallt sich an meinem T-Shirt fest. Ein T-Shirt, dass er einmal selbst bedruckt hat.

Wir fallen.
Der Boden kommt näher.
Wir kommen der Erlösung näher. Wir? Ich?
Es ist wie Fliegen. Als wäre ich endlich frei. Als wäre ich das erste Mal in meinem Leben glücklich.
Nur ist er das auch?




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