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...und es gierig verschlang!

GeschichteAllgemein / P16
Deutschland England Frankreich Preussen Russland Weißrussland
28.09.2014
26.04.2015
10
11.111
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Dieses Kapitel
1 Review
 
28.09.2014 2.014
 
Ich werde niemals um Gnade bitten!


Danke an Chazca anmeldefaul  für ihre Review ^^

Schreie zerrissen die staubige Luft, als die Handgranate nicht weit entfernt von Gilbert in den Boden einschlug und zwei seiner Kameraden mit sich riss. Der Weißhaarige zwang sich dazu seinen Blick nicht zur Seite abzuwenden, sondern den Feind ausfindig zu machen. Immer wieder flogen Gewehrkugeln haarscharf an seinem Kopf vorbei.
Der Geruch von Pulver und Blut lag in der Luft, lies die Augen der Kämpfenden tränen und sie fast erblinden. Fahrig fuhr sich der Albino mit dem Ärmel seiner Uniform über die Augen und schüttelte leicht seinen Kopf um das langsam aufkommende Taubheitsgefühl loszuwerden. Eine plötzliche Druckwelle schleuderte ihn nach hinten wodurch er schmerzhaft auf dem Boden aufschlug.
Ein unangenehmes Knacken war zu hören und er wusste, dass sein Handgelenk gebrochen war. Keine fünf Meter von ihm entfernt hatte sich ein kleiner Erdhaufen angesammelt, also biss der Preuße seine Zähne fest zusammen und kroch dahinter.

Er erstarrte.
Hinter dem Hügel lag einer seiner Kameraden. Tot.

Die Augen waren weit aufgerissen und ein glasiger Schleier hatte sich über die Iris gelegt. Der Kopf lag schräg, sodass der Mund leicht offenstand, ein schmerzverzerrter Ausdruck zierte den Toten. Ein Arm war merkwürdig verdreht, die Fingerknochen schienen zersplittert. Eine Blutlache hatte sich unter dem regungslosen Körper gebildet, vollendete das Bild des Grauens.
Kurz musste der Albino schlucken, ehe er seine unverletzte Hand ausstreckte und seinem ehemaligen Kameraden die Augen schloss. Die Welt schien geräuschlos als er auch seine eigenen Augen schloss und ein kurzes Gebet flüsterte. Seine Stimme klang rau und kratzig. Mit bleiernen Gliedern lies er sich neben den Körper fallen und betrachtete sein Handgelenk. Es war merkwürdig verkrümmt, in die falsche Richtung gebogen, aber immerhin war es kein offener Bruch. Erneut schloss Gilbert die Augen, versuchte den Schmerz auszublenden der wie ein Feuer durch seinen Körper jagte. Entschlossen für sein Vaterland zu kämpfen setzte er sich auf, kniete sich hin und griff nach der Waffe des Toten.
Er hatte Glück, sie war kurz vor dessen Tod frisch geladen worden. Ohne lange zu überlegen stützte er das Gewehr auf den kleinen Erdhügel. Die gebrochene Hand lies er an seiner Seite hängen, die andere legte er an den Abzug. Um das Gewehr vor dem Rückstoß zu bewahren presste er seine Brust leicht dagegen. Er wusste, dass es leichtsinnig war, aber er musste seinen Kameraden helfen, musste, wenn nötig sein Leben geben um sein Land vor dem Feind zu beschützen. Er drückte ab und augenblicklich wurde ihm die Luft aus der Lunge gepresst.
Ächzend versuchte er dem Druck standzuhalten. Er hörte, wie Befehle geschrien wurden, die er nicht verstand.

Der Feind war vorgedrungen.
Wie viele seiner Freunde waren tot?
Wie viele seiner Kameraden lagen schwer verletzt am Boden?
Wie viele schafften es in dieser aussichtslosen Situation noch zu kämpfen?

Keuchend lies Gilbert das Gewehr fallen und sackte zurück. Mit zusammengebissenen Zähnen umklammerte er sein gebrochenes Handgelenk. Sein Herz schlug schnell gegen den schmerzenden Brustkorb. Ein Gefühl der Übelkeit stieg seine Speiseröhre empor und breitete sich in seinem Mund aus. Er versuchte den Brechreiz zu unterdrücken.
Erschrocken zuckte er, als er das Klicken an seine Ohr hörte.
Wie in Zeitlupe hob er den Kopf und starrte in ein Paar sturmgrauer Augen.
Diese Uniform war ihm durchaus bekannt. Bekannter als er es sich eingestehen wollte.
Er war entdeckt worden.

Sein Atem ging flach, das kalte Metall der Pistole an seiner Schläfe. Trotz seines Stolzes begann er zu zittern, die Angst, die Schmerzen und seine Situation hätten auch den Stärksten zum Zittern gebracht.
Doch um Gnade flehen würde er nicht.
Niemals.

Hastig begann er zu überlegen, lies jedoch keine Regung in seinem Gesicht zu.
Sein Gegenüber runzelte leicht die Stirn, als er die Auszeichnungen auf Gilberts Brust sah, teils zerfetzt und teils lose herab hängend, doch sie waren da, zeigten wer er war.
Zeigten, dass er sein Land bis zum letzten Atemzug verteidigen würde.
Der Albino bemerkte, dass die Konzentration seines Feindes nicht mehr auf ihn gerichtet war und setzte alles auf eine Karte. Er ließ seinen rechten Fuß nach vorne schnellen und trat dem feindlichen Soldaten die Füße weg. Ohne lange zu überlegen riss er dem am Boden Liegenden die Pistole aus der Hand, zielte und betätigte den Abzug.
Der überraschte Gesichtsausdruck fiel in sich zusammen.
Dumpf schlug der Kopf seines Opfers auf dem Boden auf. Der Weißhaarige blickte angestregt um sich, versuchte weitere Feinde ausfindig zu machen.

Erschöpft sackte er in sich zusammen. Ihm stieg der widerliche Geruch von frischem Blut in die Nase, doch er versuchte es zu ignorieren. Kurz glimmte eine Frage in seinem Kopf auf.
Wieso hatte der Soldat ihn nicht sofort erschossen?
Doch er hatte keine Zeit zu überlegen. Um ihn herum wurde noch immer geschossen und es sah immer schlechter aus für sein Heimatland.
Er wusste, dass seine Leute niemals aufgeben würden, doch ihre Chancen standen schlecht. Sie waren überrascht worden, niemand hatte mit dem Angriff dieses mächtigen Landes gerechnet!
Er war grundlos erfolgt, heimtückisch und strategisch äußerst gut geplant worden. Sie hatten die Landesgrenze an mehreren Stellen gleichzeitig angegriffen und waren ohne großen Widerstand erwarten zu müssen weiter vorgedrungen. Zwar hatten die Deutschen schnell reagiert und innerhalb kürzester Zeit hatte sich ein Stellungskrieg entwickelt, doch für die Verteidiger schwand die Hoffnung immer mehr. Am Anfang waren sie zuversichtlich gewesen den Feind in kurzer Zeit vertreiben zu können, aber sie hatten sich geirrt.


Immer wieder wurde ihr Feind mit neuen Truppen versorgt. Die Müdigkeit lastete auf den Deutschen und Gilbert wusste, dass sie vergeblich kämpften. Doch sie würden nicht aufgeben. Sie durften einfach nicht.
Tief durchatmend linste Gilbert über den Rand seines Schutzes hinweg und versuchte die Lage einzuschätzen. Es war nicht schwer zu erkennen; es stand schlechter für sein Land als er gedacht hätte.
Er erkannte die Leichen seiner Männer in einem Meer aus Blut. Dazwischen immer wieder der tote Körper eines Feindes. Zahlreiche Krater zierten den Boden.
Gerade noch rechtzeitig duckte sich Gilbert, ehe eine heftige Explosion den Boden erschütterte und ihm durch Mark und Bein ging. Seine roten Augen waren weit aufgerissen und sein Atem flach. Eine gewaltige Staubwolke legte sich über den Kampfplatz, vertuschte die wahren Ausmaße der Verwüstung. Hustend richtete sich der Weißhaarige erneut auf. Eine trügerische Stille hatte sich über das Szenario gelegt. Vorsichtig erhob er sich.
Wenn er zurück zu den anderen gelangen konnte, dann hätte er eine Chance. Doch er war keine drei Schritte gekommen, als ein lauter Knall, nicht weit von ihm, ertönte und sich ein brennender Schmerz in seine Schulter bohrte.

Ein gellender Schrei entfuhr den zusammengepressten Lippen und Gilbert sackte zu Boden. Wimmernd krampfte er sich zusammen, Tränen liefen in Strömen sein Gesicht hinab und ließen es seltsam verzerrt wirken.
In seinem Strudel aus Schmerz bemerkte er die Person nicht, die sich ihm unaufhaltsam näherte.
Harsch wurde der Preuße auf den Rücken gedreht, was ihm erneut einen Schrei entfahren ließ. Durch seinen Tränenschleier hindurch konnte er ein langes, weißes Stück Stoff erkennen, welches die Person um den Hals gewickelt hatte. „Nein!“, keuchte Gilbert, ehe ihn die Dunkelheit Willkommen hieß, ihm alle Schmerzen nahm und sein Bewusstsein unter ihre Kontrolle riss. Er regte sich nicht mehr.


Er sah nichts. Um ihn herum war alles schwarz.
Ruhig versuchte er mit den Händen sein Gesicht zu berühren, doch etwas verweigerte ihm diese simple Geste. Alles was er hörte war sein eigener Atem. Er fühlte sich merkwürdig leicht, fast so, als ob er aus Luft bestände. Es war ein schönes Gefühl. Es befreite ihn.
Was war passiert?
Diese Frage geisterte ihm schon seit einiger Zeit durch den Kopf, doch er kam auf keine vernünftige Antwort. Es war, als hätte sich eine undurchdringliche Nebelwand um sein Gedächtnis geschlungen. Unerwartet durchzuckte ein Schmerz seine rechte Körperhälfte.
Er wollte sich zusammenkrümmen, doch wieder wurde ihm die Bewegung verweigert. Ein Keuchen hallte durch die Schwärze. So schnell, wie der Schmerz kam war er auch wieder verschwunden. Er versuchte seinen Kopf zu bewegen und zu seiner Verwunderung lies sein Körper die Bewegung zu. Sein Nacken fühlte sich steif an.
Wie lange hatte er sich nicht bewegt?
Prüfend öffnete er den Mund und leckte sich über die trockenen Lippen. Angestrengt versuchte er etwas zu erkennen. Doch wie schon zuvor war alles schwarz.

Ein Flüstern durchdrang die Stille und lies ihn aufhorchen. Er konnte vereinzelt Stimmen hören, nicht weit entfernt. „Hallo?“, rief er leise, seine Stimme heißer, seine Kehle trocken. Kurz verstummte das Flüstern.
Noch einmal rief er nach den Stimmen. Da! Erneut konnte er sie vernehmen, diesmal lauter als zuvor und sie schienen immer lauter zu werden. Er blinzelte und der Schmerz schlug wie eine Welle auf ihn ein. Er riss die Augen weit auf, weißes Licht flutete den Raum. Die Stimmen waren jetzt sehr nahe. Obwohl er hektisch atmete nahm er die Umrisse von zwei Personen wahr. Eine davon legte ihm einen kühlen Lappen auf die Stirn, die andere stand mit verschränkten Armen neben ihm.
Wieder erkannte er den weißen Schal, ehe ihn die Ohnmacht von Neuem mit sich riss.

Leise stöhnend griff sich der Albino an den Kopf. Alles schien wie in Watte gepackt als er seine Augen blinzelnd öffnete. Seine Sicht war verschwommen, aber er erkannte dass er nicht mehr in demselben Raum war in dem er zuletzt gelegen hatte. Im Hintergrund hörte er ein leises, unregelmäßiges Knacken. Langsam klärte sich sein Sichtfeld und er sah, was das Knacken verursachte. Ein Kamin stand in einer der Ecken seines neuen Zimmers und knisterte fröhlich vor sich hin. Still beobachtete er das Feuer, beobachtete, wie es sich um das wehrlose Holz wand und es gierig verschlang.
Gilbert hätte vermutlich ewig in das Feuer gestarrt, wäre die Tür nicht aufgerissen worden. Yekaterina stand in der Tür und hielt einen kleinen Stapel Holz für den Kamin in der Hand. Sie schien ein Lied zu summen, doch als sie in seine roten Augen sah verstummte sie. Ein fröhliches Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. „Du bist wach!“, stellte sie erfreut fest. Stumm beobachtete Gilbert sie, wie sie den Holzstapel ablegte und sich wieder ihm zuwandte. „Wie geht es dir?“, fragte sie ihn. „Mir ging es schon besser.“, antwortete er wahrheitsgemäß, wobei seine Stimme nicht halb so fest klang wie er gehofft hatte. Anstatt fest und befehlsgewohnt war sie rau und brüchig.
Bevor er etwas dagegen tun konnte hatte sich Yekaterina in ihrer fürsorglichen Art schon zu einem Krug Wasser und einem Becher neben seinem Bett gebeugt und schenkte ihm ein, wobei er unweigerlich auf ihre großen Brüste starren musste. Er nahm ihr den Becher ab und bemühte sich seinen verletzten Arm nicht mehr als nötig zu belasten. „Ich werde Ivan bescheid sagen, dass du wieder bei Bewusstsein bist.“ Innerlich zuckte Gilbert bei diesen Worten zusammen, doch äußerlich war ihm nichts anzumerken.
Seine Mimik blieb steif.
Mit einem Lächeln erhob sich die vollbusige Ukrainin und verlies den Raum. Die Hand des Preußen verkrampfte sich. Still beobachtete er die Flammen.

Er spürte, wie sein Herz von Minute zu Minute schneller schlug. Als sich die Tür erneut öffnete presste er seine Lippen hart aufeinander, sodass sie kaum mehr als ein Strich in seinem Gesicht waren. Unruhig huschten seine Augen zur Tür und sein Mund wurde trocken als er den Russen durch die Tür kommen sah. Sein Atem ging flach. „Priwjet Gilbert.“, wurde er von der bleichen Gestalt begrüßt. Kurz zögerte der Rotäugige, er durfte Ivan gegenüber keine Schwäche zeigen! Er durfte niemandem gegenüber Schwäche zeigen! Er riss sich zusammen und grüßte den Russen mit einem Kopfnicken. „Wahrscheinlich fragst du dich, warum ich dich nicht einfach habe sterben lassen, oder warum ich dich in mein Haus gebracht habe, richtig?“, es war mehr einen rhetorische Frage und das wusste Gilbert, doch er musste es wissen. „Warum?“, war das einzige, was er über die Lippen brachte.
Kurz gluckste der Schalträger, ehe er sich wieder zur Tür umwandte: „Wir werden sehen!“, beantworte er die Frage und leise schloss sich die Tür hinter ihm.
Lange ruhte der Blick des Albinos auf der Tür, ehe er ihn abwandte.

Still beobachtete er das Feuer, beobachtete, wie es sich um das wehrlose Holz wand und es gierig verschlang!



Gebetat von: yujii
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