What have I done?

von karyuu
KurzgeschichteMystery, Angst / P16 Slash
Alexander von Brennenburg Daniel
27.09.2014
27.09.2014
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Dunkle Wolken bedeckten den nächtlichen Himmel, ließen kein Mondlicht, kein Sternenlicht hindurch. Stundenlang schon lag ich in meinem Bett und sah aus dem Fenster, beobachtete den Regen und den dichten Wald um Schloss Brennenburg herum. Manchmal, wenn ich genau hinsah, nahm ich Bewegungen in der Finsternis wahr. Furchteinflößende Gestalten, die im Dunkeln wandelten, nur darauf wartend, dass sich jemand in der Nacht verirrte. Die Dunkelheit in diesen Wäldern war unnatürlich, ein scheußlicher Schatten schien alles zu verschlingen. Allein der Gedanke daran ließ mich erschaudern, also schob ich diese Wahrnehmungen auf den Schlafentzug. Ich seufzte. Das würde wohl eine weitere schlaflose Nacht in diesem verfluchten Schloss werden. Die Angst und die Albträume hielten mich wach, entzogen meinem Körper immer mehr Kraft. Hoffentlich war das alles bald vorbei.

Ich beschloss, dem Baron ein wenig Gesellschaft zu leisten. Ich wusste nur zu gut, was er in einer solchen Nacht machte. Obwohl ich den Weg hinunter in die Kerker und Verliese kannte, war es unheimlich, alleine durch die Dunkelheit zu schreiten. Ich hörte Geräusche, wo keine sein dürften, den Laut von Schritten, welcher verstummte, wenn ich in die Richtung sah, aus die er kam.

Ein wenig erleichtert atmete ich aus, als ich die Folterkammern erreicht hatte. Vorsichtig sah ich mich um, doch ich konnte nichts Verdächtiges erkennen. Doch trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden.

Schmerzerfüllte Schreie einer jungen Frau drangen an mein Ohr, verrieten mir, dass Alexander bei ihr war. Langsam begab ich mich in den Raum, aus dem die schrillen Geräusche drangen. Ich lehnte mich an den Türrahmen, beobachtete den Baron dabei, wie er der Frau ein Messer ins Herz stach, hörte, wie ihre Stimme allmählich verstummte. Ich trat näher heran, stoppte jedoch sofort, als ich die blutverschmierte Leiche genauer sah. Die Erkenntnis versetzte mir einen Schlag in die Magenkuhle, mir wurde augenblicklich übel. Schnell presste ich die Hand vor den Mund. Das war keine Frau, die ich hatte schreien hören. Nein. Das war ein kleines Mädchen.

Entsetzt sah ich Alexander an, der mir immer noch den Rücken zugewandt hatte und die so wertvolle Essenz in einen Behälter tröpfeln ließ. Ich musste mich zusammen reißen. Er hatte seine Gründe, ich hatte meine Gründe für all das. All unsere Opfer waren Sünder, sie waren es nicht wert zu leben. Sie hatten es doch verdient, bestraft zu werden! Nicht wahr?!

Das dunkle und wissende Lachen des Barons drang an mein Ohr.
»Ich habe dich bereits erwartet, Daniel.«

Eine merkwürdige Härte lag in seiner sonst so weichen und geduldigen Stimme mir gegenüber, als er meinen Namen aussprach, und es lief mir eiskalt den Rücken herunter. Er stellte das Gefäß ab und wischte sich die blutverschmierten Hände an einem alten Stück Stoff ab, ehe er sich umdrehte und mir entgegen schritt.

Das Blut des Mädchens färbte sein weißes Hemd dunkelrot. Den Mantel hatte er wie immer, wenn er seine Gefangenen folterte, um an Vitae zu gelangen, abgelegt. Ich kannte seine Angewohnheiten, half ihm schon so lange bei dieser grauenvollen Arbeit, beendete schon so viele Leben.

Alexander blieb nur wenige Zentimeter vor mir stehen, lächelnd. Ich zwang mich in seine heterochromen Augen zu sehen, eines goldbraun, das andere kalt und blau. Er war ein kleines Stück größer als ich, dünner und deutlich älter. Seine Haare waren etwa schulterlang und weiß, er muss als junger Mann gut ausgesehen haben, denn selbst im Alter besaß er noch gewisse Reize.

»Warum musste sie sterben?«

Weitestgehend versuchte der Baron unsere Opfer nach der Tortur am Leben zu lassen, sie ihre Schmerzen vergessen zu lassen, ihnen die Erinnerung an ihre Angst zu nehmen. Nicht aus Gnade, nein, nur um weiterhin ihre Lebensessenz zu erhalten.

»Sie war uns nicht mehr von Nutzen.«

Sein Gesichtsausdruck war ernst, auch ihm wäre es lieber gewesen, das Mädchen am Leben zu lassen. Jedoch nicht, weil sie noch ein Kind gewesen war. Während meiner Zeit auf Schloss Brennenburg habe ich Alexander schon so viele Menschen töten sehen, egal ob Männer, Frauen oder Kinder.

Tat er das alles nur um mir zu helfen? Waren das seine Beweggründe? Er schien so hilfsbereit, so gütig.

Ich erschrak, als seine Hand sich auf meine Wange legte, als sein Daumen sanft über meine Lippen strich. Er sah mir in die Augen, und dieses verständnisvolle Lächeln umspielte seine schmalen Lippen, dieses mir nur allzu bekannte Lächeln, voller Barmherzigkeit. So gut es ging versuchte ich sein Lächeln zu erwidern.

Ein überraschtes Keuchen entfuhr mir, als ich seine Lippen auf den meinen spürte. Eine seltsame Wärme erfüllte meinen Körper, ließ mich all meine Sorgen und Bedenken für einen Moment vergessen. Eine Hand des Barons legte sich auf meine Taille, zog mich noch näher an ihn heran. Ich konnte seinen Körper an meinem fühlen, die Wärme die von ihm Ausging, den süßen Geruch.

Lächelnd unterbrach er nach einer halben Ewigkeit den Kuss.
»Wir sind für heute fertig. Versuch zu schlafen, Daniel.«  

Müdigkeit benebelte meinen Geist, ließ mich vergessen, was mir nächtelang Albträume bereitete. Ich wollte nur noch in mein Bett, wollte nur noch schlafen. Doch eine Frage ließ mir keine Ruhe.

»Alexander?«

Augenblicklich wich das Lächeln aus seinem Gesicht.

»Ja?«

Ich deutete mit meinem Blick auf die Leiche des Mädchens.

»Was hat sie getan, dass sie hier gelandet ist?«

Alexander sah mich an, sein Gesichtsausdruck war für mich unmöglich zu deuten. So viele Emotionen spiegelten sich darin wider. Sein Blick war ernst, voller Schmerz und Hass. Er nahm seine Hand von meinem Gesicht, trat einen kleinen Schritt zurück.
»Nichts. Sie war unschuldig.«

Der Baron ging an mir vorbei, hinaus aus dieser schrecklichen Folterkammer, aus dem seichten Licht der Kerzen heraus, tief in die alles verschlingende Dunkelheit hinein. Starr vor Schreck blieb ich stehen, starrte auf den leblosen Körper vor mir. Die Erkenntnis durchfuhr mich wie ein Blitzschlag.
Was hatten wir getan? Was hatten wir all diesen Menschen nur angetan? Wer waren wir, dass wir entschieden, wer leben durfte und wer nicht? Wer war ich, dass ich mein eigenes Leben über das dieser Menschen stellte. Dieses Mädchen war nicht die einzige unschuldige Person, dessen war ich mir nun bewusst. War überhaupt jemand von diesen Leuten schuldig?

Meine Beine wollten mich nicht mehr tragen, ich fiel auf die Knie, stützte meine Hände auf dem blutbedeckten Boden ab, atmete schwer.

Ich musste all dem ein Ende bereiten. Ich musste Alexander aufhalten, musste mich selbst aufhalten. Mein Blick fiel zu dem Amnesie-Trank auf einem kleinen Tisch in einer Ecke des Raumes. Mit letzter Kraft zwang ich mich, dorthin zu kriechen. Ich musste all dem endgültig ein Ende bereiten. Doch nicht so. Meine Angst ließ mich die Kontrolle über meinen Körper verlieren. Ich musste sie vergessen, musste alles, was geschehen war, vergessen. Das letzte Mal würde ich mir erlauben, über das Schicksal eines Menschen zu entscheiden.

Alexander musste sterben.
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