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Der Fall "Schneewittchen"

GeschichteAngst, Fantasy / P16 / Gen
Peter/Peter Pan
24.09.2014
24.09.2014
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Der Fall „Schneewittchen“

„Diese Nacht ist so kalt, so öffne mir,
denn morgen wird’s zu spät sein“
- Faun / Diese kalte Nacht


Für LittleSnowWhite


„Du warst so wunderbar, mein Schatz. Die Leute lieben dich!“
Mit einem breiten, höhnischen Grinsen blickte Jenna White zu ihrer Tochter Mary. Die irren, grünen Augen durchstachen sie. Jenna hatte stets ein irres Grinsen im Gesicht, war stark überschminkt und kleidete sich nur mit den besten Klamotten, die sie in die Hand bekam. Sie war eine Diva. Jemand, der wusste, wo er im Leben stand. Sie nahm sich was sie wollte, selbst wenn sie dabei gewisse Opfer erbringen musste.
Mary dagegen war einem Engel gleich. Rabenschwarzes Haar, welches ihr bis zu den Schultern fiel. Blasse, nahezu schneeweiße Haut und volle kirschrote Lippen. Scharf zog Mary die Luft ein und krallte sich mit ihren Händen in die roten Manteltaschen.
Ich will nicht nach Hause, schoss es ihr durch den Kopf. Du wirst mir wehtun. So wie du es immer tust, nach jedem Auftritt.
Mary war kein gewöhnliches Kind der Stadt New York. Als mit sechs Jahren ihr Vater verstarb, war Jenna alles an Familie, was übrig geblieben war. Ihre Mutter war bei ihrer eigenen Geburt verstorben. Dann hatte ihr Vater Jenna kennen gelernt, ehe er Mary selber verließ. Zehn Jahre waren seitdem vergangen. Mary war mittlerweile ein Star am Broadway, gedrillt und hergerichtet von ihrer eigenen Stiefmutter. Sie konnte singen, keineswegs, doch das war nicht das Leben wie sie es leben wollte. Jenna hatte alles zerstört. Vor allem ihre Kindheit.
„Ist dir aufgefallen das Richard Burklin ein Auge auf dich geworfen hat? Immer, wenn du singst und dich auf der Bühne rekelst haften seine Augen an dir. Es wird Zeit, dass ich euch endlich einander vorstelle.“
Jenna lachte amüsiert auf und kniff Mary übertrieben in die Wange. Richard Burklin war ein knapp 30 Jahre alter Geschäftsmann, der am Broadway einen großen Namen hatte.
Du willst, dass er mir an die Wäsche geht, du elendige Schlampe.
Mary zwang sich zu einem Lächeln, so wie sie es immer tat. Ihr ganzes Leben lächelte sie schon und tat das, was ihre Stiefmutter von ihr verlangte. Doch sie hasste ihr Leben. Einmal hatte sie sogar versucht sich umzubringen, doch an ihrem Handgelenk konnte man nur noch eine leichte Narbe erkennen.
Schritt für Schritt gingen die beiden voran, in Richtung des Loft, welches sie mitten in der Stadt von New York besaßen. Das Loft hatte nur einen schönen Faktor für Mary. Der Ausblick über die Stadt. Die Lichter, die sie sehen konnte, jeden Abend und jeden Morgen, wenn in der Stadt ein neuer Tag anbrach.
Das Einzige, was sie am Leben hielt. Die Lichter, das Gefühl wenigstens für einen Moment die Freiheit der Stadt greifen zu können.

Pfeifend lief er durch die Gassen. Die schwarze Kapuze seines Hoodies hatte er weit ins Gesicht gezogen. Dennoch konnte man ein schelmisches Grinsen erkennen. Für die meisten musste er aussehen wie ein Junkie mit diesem Hoodie und der schwarzen, kaputten Jeans. Doch das war er nicht. Nicht im geringsten. Hier und da wich er den Leuten aus, die aus dem Theater am Broadway strömten. Es hatte ihn nicht einfach so herverschlagen, dass wusste er. Das Gefühl der Neugier hatte ihn gelockt. Jemand dem er helfen musste war hier, ganz in der Nähe. Und er bahnte sich seinen Weg weiter durch die Mengen der Leute. Nach und nach wurden es weniger. Es dämmerte bereits, bald würde die Sonne ganz verschwunden sein und die Stadt hell erleuchtet, durch bunte Lichter.
Mit der nahenden Dunkelheit kroch die Kälte herbei und ließ die Menschen schaudern. Der Sommer war bereits vorüber. Die Menschen trugen Mäntel, Mützen und teilweise sogar Handschuhe. Hin und wieder warf man ihm einen Blick zu. Sicherlich hielten sie ihn allein dafür verrückt, weil er recht dünn gekleidet war. Der Hoodie, die Jeans und dann diese einfachen, schwarzen Boots. Er legte nicht viel Wert auf seine Kleidung. Sein Interesse lag an diesem Abend ganz woanders.

Mary stand vor dem großen Fenster und blickte hinaus auf die Stadt. Die Lichter ließen alles erstrahlen und sorgten dafür, dass sich ein Lächeln auf das Gesicht der sechzehnjährigen schlich. Für einen Moment vergaß sie den Schrecken, der ihr bevorstehen würde. Gleich, wenn Jenna wieder zu ihr kommen würde. Sie stand noch immer in ihrem roten Mantel, der engen, schwarzen Jeans und ihren Schnürstiefeln da. Sie wollte sich nicht ausziehen. Dann hatte sie mehr Angriffsfläche.
„Mary meine Schöne!“, hörte sie Jenna aus dem Bad trällern. Ekel kroch Marys Kehle hoch und Tränen sammelten sich in ihren Augen.
Lass ein Wunder geschehen, flehte sie innerlich und drehte sich um. Da stand sie. Jenna. Nur in einen Bademantel gehüllt, eine Zigarette in der Hand. Ihre Haare waren ein wenig zerzaust und wieder spiegelte sich das Grinsen in ihrem Gesicht wieder. Dieses verhöhnte, herablassende Grinsen.
„Wieso hast du deine Sachen noch an? Glaubst du ich lasse die Finger von dir, nur weil du hässliches Miststück angezogen bleibst? Du hast deinen Körper nicht verdient, sieh es doch ein mein Kind. Ohne mich wärst du schon längst tot.“
Ohne dich würde ich in Freiheit leben.

Just in dem Moment klingelte es an der Tür. Jenna hob eine Augenbraue.
„Vielleicht ist das Richard. Dann hat er meine Einladung dich flach zu legen wohl schneller angenommen als gedacht“, sprach Jenna und nahm einen Zug von ihrer Zigarette. Als sie die Tür öffnete fand sie jedoch niemanden vor.
„Ist das ein verfickter Witz von dir, du dummes Kind?!“, schrie sie zu Mary und knallte die Tür keine Sekunde später wieder zu. Mary schluckte und trat zurück, bis sie an die Scheibe gelehnt war, die den Ausblick nach draußen zeigte.
Jenna schlug ihr ins Gesicht. Sofort wurde die Wange rot und Tränen liefen automatisch über das Gesicht von Mary.
„Wann wirst du es endlich lernen, dass du mir gehörst du dreckige Hure?“, zischte Jenna Mary jetzt bedrohlich zu. Mary zitterte am ganzen Körper. Sie wollte sich nicht ausziehen, damit Jenna wieder ihre Wut an ihr auslassen konnte. Langsam hob Mary ihren Kopf und sah ihrer Stiefmutter jetzt direkt in die Augen. Da war es, dieses giftige Grün. Doch dann fiel ihr noch etwas auf. Oder eher gesagt jemand. Wie von selbst riss Mary die Augen auf.
„Was? Was ist?“, fuhr Jenna sie an.
Marys Herzschlag ging heftig. Wer auch immer diese Person war. Es konnte ihr Schlüssel zur Freiheit sein. Und so biss sie Jenna in die Hand.
Diese schrie auf und warf Mary mit einem Schlag zur Seite.
„Was fällt dir ein du elendige-“
„Was fällt dir ein, dein Kind zu schlagen?“
Jenna drehte sich ruckartig um. In ihrer Wohnung stand wirklich jemand und sprach sie an. Mary robbte sich von Jenna weg und starrte sie jetzt wütend an.
„Ich bin nicht ihre Tochter. Diese Schlampe ist meine Stiefmutter.“
Die Person in dem Hoodie und der Jeans blickte erst zu Mary und dann zu Jenna.
„Ist das so?“
„Was geht dich das an du scheiß Junkie? Besorgst du es ihm Mary? Ist er deswegen hier?“
Mary wusste nicht wer er war. Doch ihr Gefühl sagte ihr, dass er ihr nichts tun würde. Langsam schritt er jetzt auf Jenna zu und schob sich dabei die Kapuze vom Kopf. Rote, wuschelige Haare kamen hervor. Ein blasses Gesicht, mit Sommersprossen verziert. Und noch dazu spitze, elfenhafte Ohren.
„Ich glaube du solltest jetzt die Wohnung verlassen“, sprach er ganz locker zu Jenna. Diese fing daraufhin an zu lachen.
„Du hast mir gar nichts zu sagen, du bemitleidender Junkie. Und jetzt verschwinde, oder ich rufe die Polizei“
„Um ihnen zu sagen, dass eine vollgedröhnte Frau, die ihre Stieftochter schlägt, Hilfe braucht?“
Er hob eine Augenbraue und legte grinsend den Kopf schief.
„Was fällt dir ein!?“
Im nächsten Moment lief Jenna auf ihn zu und wollte ihn am Kragen packen. Doch er wich aus, beugte sich kurz nach links und rechts, als sie versuchte ihn erneut zu packen und stellte ihr dann schließlich ein Bein, wodurch sie zu Boden fiel. Jenna schrie vor Wut und Mary hatte sich mittlerweile aufgerafft. Sie konnte nicht richtig fassen, was gerade geschah, doch Jenna hatte es verdient. Nach all dem was sie ihr angetan hatte, hatte sie es verdient.
Der Blick des Rothaarigen glitt jetzt zu Mary.
„Willst du weiterhin bei ihr sein, oder willst du frei sein?“
Augenblicklich stahlen sich neue Tränen in die Augen von Mary. Wie lange hatte sie sich das schon ausgemalt, dass dieser Tag passieren würde. Jenna wurde durch einen Fuß des Rothaarigen zu Boden gedrückt.
Langsam schritt Mary auf ihn zu.
„Ich will frei sein.“
Der Rothaarige nickte.
„Dann verlass jetzt das Loft. Ich komme gleich nach.“

Als Mary die Tür hinter sich verschloss, wurde ihr bewusst was gerade geschehen war. Sie hatte sich das erste Mal gegen ihre Stiefmutter gewehrt und gleichzeitig die Freiheit gewonnen. Das alles wegen diesem rothaarigen Jungen, der wie aus dem Nichts gekommen war.
Die Tür öffnete sich und er trat zu ihr. Sein Blick ruhte bedacht auf ihr.
„Wieso hast du das getan?“ Mary konnte diese Frage nicht mehr länger für sich behalten. Es brannte auf ihrer Seele.
„Es wurde Zeit. Findest du nicht?“, antwortete er und fing leicht an zu grinsen. Wie von selbst zuckten Marys Mundwinkel und kurz darauf grinste sie auch ein wenig. Es war ansteckend.
„Schon. Aber ich kenne dich nicht. Du kommst einfach hierher, hilfst mir und schenkst mir dann meine Freiheit?“
„Du kannst auch zurückgehen und ich verschwinde einfach, als wäre ich-“
„Nein!“, unterbrach sie ihn sofort. Der Junge lachte auf.
„Sehr schön. Dann komm mit mir. Zeit zu spielen. Du magst doch Spiele, oder?“
Mary hob verwirrt eine Augenbraue.
„Ja, schon-“
„Gut. Dann kommt mit.“
Er griff nach ihrer Hand und zog sie mit sich. Augenblicklich kroch Röte in ihr Gesicht, als er sie einfach so bei der Hand nahm, doch sie folgte ihm. Hinaus, in die Stadt der Lichter.

Und so liefen sie zusammen durch die Nacht. Sie gingen zu Starbucks, liefen den Times Square entlang und sie lauschte seinen Worten. Von Minute zu Minute war Mary mehr von dem Jungen fasziniert der Peter hieß. Mit einem gekonnten Wurf beförderte er seinen leeren Kaffeebecher in den naheliegenden Mülleimer.
„Wow, guter Wurf“, sprach Mary ein wenig beeindruckt zu ihm. Peter lachte.
„Das kannst du auch. Soll ich dir helfen?“
Mary sah ihn verwirrt an, doch da hatte er sich schon hinter sie gestellt und griff nach der Hand, in der sie ihren leeren Becher hielt. Wärme kroch in Mary hoch und sie spürte, wie ihre so blassen Wangen erneut rot wurden. Sanft holte er jetzt mit ihrer Hand aus.
„So, ein gewisser Winkel, ein bisschen Geschick, ein bisschen Glück und dann wird das“, flüsterte er ihr sanft ins Ohr und ließ sie dann werfen. Der Becher versank im Müll und Peter stieß einen freudigen Pfiff aus.
„Sehr gut Mary“
„Danke Peter“
„Nichts zu danken“
„Ich mein nicht nur dafür. Für alles. Du hast mir die Freiheit geschenkt, die ich mir so lange ersehnt habe.“
Peters Blick kreuzte jetzt den ihren.
„Wenn du willst kannst du diese Freiheit jeden Tag bekommen.“
Mary sah ihn einen langen Moment an.
„Jeden Tag?“
„Jeden Tag. Da wo ich herkomme, gibt es jede Menge Freiheit. Abenteuer, Spiele, Freunde. Du wirst endlich dein Leben leben können.“
Leben leben.
„Wo genau kommst du denn her?“
„Von einem Ort, den du dir wahrscheinlich nur in deinen kühnsten Träumen ausmalen könntest. Und wenn du mit mir kommst, dann musst du es aus freien Stücken tun, hörst du?“
Ein Funkeln lag jetzt in seinen goldenen Augen. Mary krallte ihre Hände in ihre Manteltaschen. Sie stand so nahe am Rande der Freiheit, was hinderte sie dann noch?
Du kennst ihn doch kaum. Er könnte genauso ein Irrer sein, wie jeder andere hier.
„Peter ich weiß nicht. Ich mein der Tag war wirklich schön mit dir und ich habe mich endlich frei und glücklich gefühlt. Doch ich kenn dich kaum. Und die Verantwortung, dass du mich einfach mitnimmst, dass kann ich nicht annehmen.“
Peter verzog unglücklich das Gesicht.
„Oh Mary. Da sieht man es doch. Du bist viel zu erwachsen für deine jungen Jahre. Das ist der Einfluss von der Stiefmutter gewesen. Verstehst du? Du hast es nie kennen gelernt ein Kind zu sein und diese Chance biete ich dir jetzt. Komm mit mir. Du wirst es nicht bereuen.“
Er stand jetzt direkt vor ihr und sah sie an. Mary hätte sich unter normalen Umständen bedrängt gefühlt, doch seine Nähe vernahm sie als angenehm. Unruhig biss sie sich auf die Lippe.
Gib dir einen Ruck, flüsterte die Versuchung ihr zu. Und dann sah sie ihn direkt an.
„Ich komme mit dir. Aus freien Stücken.“
Ein breites Grinsen schlich sich in sein Gesicht.
„Dann nichts wie los.“

Und so begann das Abenteuer von Mary White in der Welt von Avalon. Aller Anfang war nicht leicht, doch sie machte sich einen Namen. Und irgendwann kannte man sie nur noch als Schneewittchen.
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