Vom Rhein an die Elbe

GeschichteKrimi / P16
23.09.2014
13.10.2014
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Kriminalhauptkommissar Schatz schaute der Pathologin über die Schulter die neben der Leiche des nackten, jungen Mannes kniete und soeben die Einschusswunde auf der linken Brustseite untersuchte.
„Na Frau Doktor, was meinen sie?“
Frau Weiß drehte den Kopf nur wenig in seine Richtung und schaute ihn aus den Augenwinkeln an. Dann antwortete sie mit einer gehörigen Portion Sarkasmus:
„Ich würde sagen, der Junge ist tot.“
„Ha ha, sehr witzig.“
Wie üblich konnte Jupp es überhaupt nicht vertragen, wenn man ihn veräppelte.
„Ich meine, können sie schon was über den Todeszeitpunkt sagen?“
Marie Weiß griff nach dem Thermometer und rechnete kurz im Kopf.


„Ich würde sagen 6 – 7 Stunden. Aber genau sagen, kann ich es erst, wenn ich ihn in der Pathologie habe.“
Während sie sich erhob, streifte sie die Latexhandschuhe ab. Unterdessen wurde die Leiche auf eine Bahre gelegt und in den bereit stehenden Leichenwagen geschoben.
„Können wir sie vielleicht mitnehmen?“ Jupp versuchte sich wieder einmal bei der attraktiven Frau einzuschmeicheln.
„Danke, aber ich bin mit dem Wagen da. Wir sehen uns später.“
Jupp drehte sich zu seinem Partner um, der bereits seit kurz nach Ankunft am Fundorts der Leiche mit geschlossenen Augen und gesenktem Kopf, in sich gekehrt, etwas abseits stand. Daumen und Zeigefinger der rechten Hand drückten seine Nasenwurzel – ein sicheres Zeichen, dass er nachdachte.
„Hey Klaus“, Jupp tippte den angesprochenen an, „du siehst aus, als hättest Du bereits eine Idee oder eine Erinnerung an einen vergangenen Fall.“
„Nein, das ist es nicht. Aber lass uns bitte ins Revier fahren. Ich möchte ein Profil des Täters erstellen. Das ist nun die dritte Leiche und vielleicht finden wir ein Muster.“
„Du meinst, außer, dass alle drei Jungen gut aussehend und tot sind?“
Klaus´ Blick war traurig, fast resigniert. „Irgendetwas gibt es noch. Wir müssen es nur sehen.“

Marie Weiß, Jupp Schatz und Klaus Taube standen um den Obduktionstisch im Keller des Polizeipräsidiums herum.
„Irgendwelche weiteren Gemeinsamkeiten der drei Herren, “ fragte Jupp an die Pathologin gewandt.
„Sie sind alle jung, ich schätze 18 – 20 Jahre und athletisch und groß. Aber schauen sie sich ihre Füße an, auch das ist bei allen dreien auffällig.“
Klaus, der dem Fußende des Tisches am nächsten stand, bemerkte sofort, worauf die Frau anspielte. Dann ging er zu den anderen beiden Leichen und sah dieselben Auffälligkeiten: die Zehen wiesen Schwielen auf und der Spann war unnatürlich durchgedrückt zum Hohlfuß.
Dann bewegte sich Klaus zu den Gesichtern der Männer und betrachtete die zarten Gesichtszüge mit den geschlossenen Augen.
„Tänzer“, murmelte er.
„Was?“, Jupp hatte ihm nicht zugehört. Im Gegensatz zu Frau Weiß
„Ja, das glaube ich auch.“
Klaus zog Marie Weiß am Kittelärmel ein wenig abseits.
„Haben sie sonst irgendwas feststellen können? Wurden an den Männern sexuelle Handlungen vorgenommen oder gibt es Hinweise auf Gewalteinwirkung?“
„Sie meinen, außer den Einschusslöchern?“
„Sie wissen, was ich meine.“ Klaus war sichtlich unbeherrscht. Der Fall beschäftigte ihn mehr, als ihm zuzugeben behagte. Er fühlte, dass ihn etwas mit diesem Fall verband, aber er konnte nicht einordnen, woher das Gefühl kam.
„Geben sie mir ein wenig Zeit. Ich muss sie genauer untersuchen.“
„Tun sie das.“
Beide traten zurück zu Jupp Schatz, der von der leise geführten Unterhaltung nichts mitbekommen hatte.

Jupp und Klaus standen vor der Karte, die die Stadt Köln und das nahe Umland zeigte. Achim Pohl war soeben fertig geworden verschieden farbige Fähnchen auf der Karte zu platzieren. Mit rot gekennzeichnet waren die Orte, an denen die drei Männer zuletzt gesehen wurden und die blauen Fähnchen gaben die Fundorte der Leichen an. Auf den ersten Blick war kein Muster zu erkennen.
„Zeig uns doch nochmal, wo die jungen gewohnt haben.“ Jupp sprach Achim an. Dieser griff nach einer Akte, die er auf entsprechender Seite aufschlug. Dann tippte er auf die Stellen auf der Karte.
„Hier wohnte Dieter Lauer, hier Jens Sperling und hier Günter Klein. Alle drei wurden vor 5 Tagen als vermisst gemeldet. Doch die Polizei hat nicht sofort eine Fahndung eingeleitet, weil alle drei volljährig waren.
„Nach Berechnung von Frau Weiß sind alle seit 1 Tag tot.“ Klaus ging nachdenklich im Raum auf und ab. „Die erste Frage ist nicht, wo sie in den 4 Tagen zwischen dem Verschwinden und ihrem Tot waren, sondern, ob sie zusammen waren.“

Wie auf Kommando klingelte in diesem Moment das Telefon auf Klaus Taubes Schreibtisch. „Ja?“
„Herr Taube, bitte kommen sie noch einmal kurz runter zu mir.“ Marie Weiß klang aufgeregt. „Und lassen sie den Kollegen Schatz oben.“
Bevor er fragen konnte, warum sie so ein Geheimnis aus ihrer Entdeckung machte, hatte Marie bereits aufgelegt. Klaus runzelte die Stirn und verlies wortlos den Raum. Auf die fragenden Blicke seiner Kollegen reagierte er nicht.
Marie Weiß schaute ungeduldig in seine Richtung, als Klaus in den sterilen, hellen Raum trat. Wie immer traf ihn die Kälte unangenehm.
„Was haben sie entdeckt?“
Marie trat einen Schritt zur Seite und Klaus folgte ihr.
„Vielleicht finden sie es gar nicht so ungewöhnlich. Aber ich habe etwas Seltsames bemerkt. Etwas, das ich erst ihnen sagen wollte. Wie sie es ihrem Kollegen sagen, müssen sie entscheiden.“
Dr. Weiß schaute Klaus abwartend von unten an.
„Okay, heraus damit. Was haben sie?“
„Ich konnte an allen drei Leichen dieselben Spermaspuren und Fingerabdrücke entdecken.“
Klaus wippte auf die Fußspitzen und brummte nachdenklich. „Wo?“
„Tja, vielleicht ist auch das  gar nicht ungewöhnlich. Aber überall am Körper.“
Klaus nickte. Dann schaute er Marie Weiß in die Augen.
„Können sie die Spuren zuordnen? Sind die Fingerabdrücke verwendbar?“
„Es ist noch besser. Sowohl das Sperma, als auch die Fingerabdrücke sind ausschließlich der anderen beiden Opfer. Keine weiteren Spuren. Da ist sonst nix. Keine Fasern, keine weiteren Fingerabdrücke, keine noch so kleine Verletzung. Da ist sonst nichts. Sie haben ihre letzten Stunden ausschließlich miteinander verbracht und das vermutlich nackt.“
Wieder brummte Klaus nachdenklich. Seine Augen waren geschlossen, seine Stirn zeigte Falten.
Marie betrachtete Ihn ungeduldig.
„Was halten sie davon, Herr Kriminalhauptkommissar?“
„Ich weiß es noch nicht. Es ergibt keinen Sinn.“
Marie räusperte sich.
„Sie sind alle attraktiv. Vielleicht haben sie einfach aneinander Gefallen gefunden und irgendwer hat sich daran gestört, dass sie miteinander…“
Sie ließ den Satz unbeendet.
„Nein, das ist unwahrscheinlich. Sie hätten vermutlich nicht an allen dreien dieselben Hinweise gefunden. Und vor allem nicht am ganzen Körper.“
„Ach?“
„Ich sagte vermutlich!“
„Aber was ist sonst passiert? Sie sind doch der Profiler.“
„Deshalb sage ich ja auch, dass ihre Theorie falsch ist. So gut sie auch gemeint war.“
Auf dem Weg zum Ausgang drehte sich Klaus noch einmal um.
„Danke, dass sie es mir zuerst unter vier Augen gesagt haben.“