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Flugblätter und Lichterketten

von GinnyWe
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / Gen
18.09.2014
29.11.2020
7
11.468
2
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Dieses Kapitel
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18.09.2014 1.524
 
Hallo ihr Lieben,

hier kommt das erste, vorsichtige Kapitel meiner neuen Story. Seid lieb zu ihm, es ist etwas schüchtern!

Liebe Grüße,

Ginny

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„Was machst du denn hier?“ Marlene zog die Augenbrauen zusammen, etwas was er an ihr sehr mochte. Seine Augen glitten kurz über ihren Körper. Jogginghosen und ein T- Shirt als Kontrast zu den Sommerkleidchen, in denen er sie kannt; ihre Haare waren unordentlich in einen Zopf gebunden; sie trug eine Brille. Er hatte sie noch nie damit gesehen, aber er konnte nicht verleumden, dass sie ihr außerordentlich gut stand.

„Naja, so groß ist Berlin gar nicht, hab ich festgestellt.“  Jan versuchte ein schiefes Lächeln, welches seine Unsicherheit überspielen sollte. Er wusste, dass das hier einer Kamikaze- Aktion gleich kam. Normalerweise lief er den Frauen nicht hinterher; früher war das öfter mal vorgekommen, aber nun schon seit vielen Jahren nicht mehr. Wenn sie nicht bei ihm bleiben wollte oder konnte, dann war das ihre Sache und er musste das akzeptieren; sich darüber den Kopf zu zerbrechen war nichts anderes als Zeitverschwendung. Mit Marlene hingegen, hatte er nie eine Beziehung geführt; da waren nur diese Treffen nach Konzerten. Wie lange? Er hatte irgendwann aufgehört zu zählen.

„Glückwunsch zu dieser Erkenntnis, es stimmt also, was man sich über dich erzählt.“ Ihre Augen blitzten ihn kühl an, aber die Grübchen, die sich deutlich auf ihren Wangen abzeichneten, arbeiteten gegen diese eiskalte Fassade. „Das ich ein Arsch bin?“ Vielleicht würde Selbstironie funktionieren. „Das du nicht so doof bist, wie du aussiehst.“ Jan konnte ein lautes Auflachen nicht unterdrücken; schlagfertig war sie, dass musste er ihr lassen. „Also was willst du?“ „Erstmal reinkommen, wenn ich darf?“ Er machte einen zaghaften Schritt auf die brünette Frau zu, doch sie blieb weiterhin eisern im Türrahmen stehen; biss sich nachdenklich auf die Lippe. Ihr Blick wanderte zu seinen langen, fast grazilen Fingern; dann schüttelte sie ertappt den Kopf. „Sag einfach, was du mir sagen willst.“ Jan blickte sich etwas verloren um, schob seine Hände in die Hosentaschen, seine Kieferknochen mahlten. Das Auftauchen bei Marlene war eher eine Kurzschlussreaktion, als durchdachtes Handeln gewesen, definitiv hatte er sich einen weniger eisigeren Empfang und eine bessere Basis für dieses Gespräch erhofft. „Es hat mir keine Ruhe gelassen, dass du das mit uns einfach beendet hast.“ Begann er, wurde aber sofort von spöttischem Lachen unterbrochen; suchte irritiert den direkten Augenkontakt; sah aber sofort wieder weg, als sie ihn anfunkelte. Wie alt war er? 14?

„Wir haben Dezember. Die Konzerte waren im August.“ „Ich brauche eben manchmal etwas länger.“ Verteidigte er sich.  „Und jetzt? Willst du sicher gehen, dass ich für deine nächste Tour wieder zur Verfügung stehe? Wie viele von diesen Besuchen machst du so? Gehst du alphabetisch vor oder nach Bezirken? Oder hast du andere Präferenzen?“ Marlene war im Angriffsmodus und offensichtlich noch schlechter auf ihn zu sprechen, als er sowieso schon angenommen hatte. „Tut mir Leid, es war ein Fehler herzukommen. Ich wollte eigentlich nur…“ Er wusste selbst noch nicht, wie er den Satz beenden sollte, als er registrierte, dass sich etwas in ihrem Blick veränderte. Wenn er jetzt nichts vollkommen Idiotisches sagte, konnten sie vielleicht doch noch vernünftig reden. „…ich wollte mich dafür entschuldigen, dass ich dich immer als selbstverständlich angesehen habe. Das war nicht in Ordnung.“ „Okay.“ Sie musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen, machte keine Anstalten weiter zu sprechen. Gerade, als er endgültig beschlossen hatte zu gehen, hob sie wieder die Stimme. „Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich dir nie wirklich was bedeutet habe,  aber vielleicht solltest du wissen, dass es mir nur beim aller ersten Mal um den Rockstar ging.“ Ohne seine Reaktion abzuwarten, schloss sie die Tür.

                                                                                 ***

Jan blieb noch einen Moment im Treppenhaus stehen, bis das Licht ausging und nur die Straßenlaterne vor dem Fenster ihren kargen Schein in den Flur warf. Er konnte Marlenes Worte nicht verarbeiten; nicht einordnen was sie damit gemeint hatte. War sie in ihn verliebt? Oder verliebt gewesen? Hatte sie mehr von ihm erwartet? Gut, viel weniger, als sie sich nach der Show zum Sex zu bestellen ging ja auch eigentlich nicht. Aber darum ging es doch. Bedeutungsloser, guter Sex ohne Verpflichtungen.
Er drückte auf den Lichtschalter; benutzte nicht den Aufzug sondern ging die fünf Stockwerke zu Fuß. Als er die Holztür aufdrückte, schlug ihm kalter Wind entgegen. Gestern hatte es zum ersten Mal geschneit und grauer Matsch lag überall auf den Gehwegen. Jetzt war der Himmel wieder wolkenlos, man konnte die Sterne sehen. Das einzige, was er am Winter wirklich mochte, war die klare Luft; aber auch diese half ihm gerade nicht. Das Gefühl in ihm war nicht definierbar und er hatte verzweifelt versucht es auf seinem zweimonatigen Motorradtrip zu verdrängen. Wieso störte es ihn so, dass sie nicht aufgetaucht war? War es nur seine gekränkte Eitelkeit? Warum hatte er sich nicht einfach mit einer anderen getröstet? Möglichkeiten gab es auch jetzt noch genug, so erschreckend das auch war. Stattdessen war er gekränkt im Bett verschwunden; grübelnd; verwirrt, warum sie nach all den Jahren plötzlich die Reißleine zog. Als er endlich an seinem Wagen ankam, schwebten ihre Worte immer noch vor seinem inneren Auge dass es mir nur beim aller ersten Mal um den Rockstar ging.

                                                                                     ***

„Hast du mal auf die Uhr geguckt? Wieso bist du noch nicht im Bett?“ Sie klang verschlafen, aber es war ihm egal.

„Ich brauche deinen Rat.“

„Ratschläge gibt es nur bis acht Uhr, danach nicht mehr.“

„Es ist wichtig.“

„Wenn du mich jetzt nach einem Kameramodell fragst, leg ich sofort auf.“

„Es geht um eine Frau.“ Plötzlich schien seine Schwester deutlich wacher.

„Eine Echte?“

„Julia!“

„Verdammt ist das lange her, ich glaube, wir haben nicht mehr über deine Beziehungen gesprochen, seit…“ Auf der anderen Seite des Hörers wurde es kurz still, Jan wusste warum. „Seit Marie, ich weiß.“ Ergänzte er deswegen schnell,  um das unangenehme Schweigen zu unterbrechen.

„Ich kann mit niemanden sonst drüber sprechen, aber alleine komme ich auch nicht weiter.“ Er seufzte.

„Okay.“ Es war eine Eigenschaft, die der Blonde an seiner Schwester sehr schätzte. Sie konnte stundenlang in Monologen versinken, aber wusste auch, wann es Zeit war, einfach nur zuzuhören.

„Sie war mal ein Groupie. Also… Nicht so richtig. Irgendwann hab ich sie nach dem Konzert eben mit aufs Zimmer genommen, wie ich das nach…“ Nun stockte er. „…wie ich das nach Marie eben öfter gemacht habe. Zu dem Zeitpunkt war ich aber schon leicht müde, was diese ständig wechselnden Mädchen anging. Also hab ich beschlossen, mir die Unkomplizierten, die mir gefielen rauszusuchen und ihre Nummern zu sammeln.“ Julia atmete hörbar aus; ihm war klar, dass ihr sein Vorgehen missfiel. „Eine gehörte jedenfalls Marlene. Seitdem habe ich sie jedes Mal angerufen, wenn wir in Berlin gespielt haben. Aber diesen Sommer, ließ sie mich plötzlich abblitzen.“

„Na sowas.“ Julias Stimme war deutlich sarkastisch, was ihn nicht beirrte.

„Und das finde ich einfach nicht gut, weißt du. Ich hab mal nachgerechnet, das sind über 15 Jahre, da kann sie doch nicht so einfach…“

„Doch, kann sie.“ Unterbrach Julia ihn.

„Hast du dich irgendwann sonst mal bei ihr gemeldet? So wie ich das verstehe, waren das reine Sextreffen, oder?“ Obwohl sie es nicht sehen konnte, verzog er das Gesicht zu einer Grimasse.

„Aber 15 Jahre…“

„Sextreffen.“

„Aber…“

„Sag mal, Bruderherz.“ Ihre Stimme war mit einem Mal ganz sanft. „Empfindest du was für sie?“

„Was soll ich denn empfinden? Außer Wut darüber, dass sie offensichtlich denkt, sie kann einfach so den Hörer auflegen und das war’s dann oder ihre Tür zu machen.“

„Ihre Tür?“

„Egal.“

„Wieso hast du eigentlich angerufen? Du wolltest doch zu irgendwas meine Meinung wissen.“

Jan räusperte sich, inzwischen leicht verlegen. „Sie hat da was gesagt. Dass es ihr nur das erste Mal darum ging, dass ich ein Rockstar bin.“

„Wenn du mich jetzt fragst, wie sie das gemeint hat, schreie ich.“

„Ja, ist sie verliebt in mich oder was?“

„Ich werde das nicht beantworten. Ernsthaft Jan, ich hab gedacht, du willst wissen, wie du das Herz irgendeiner Frau erobern kannst; dass du Hilfe brauchst, weil es ja echt lange her ist, dass du dich mal bemüht hast und jetzt kommst du mit sowas?“

„Naja, ich…“

„Werd dir erstmal selbst klar, was du willst und wenn du das weißt, dann können wir nochmal drüber reden, aber ruf mich bitte nicht mehr nachts um halb zwei an, um mir deine Aftershowsexlisten zu erläutern, das ist selbst für mich too much information.“

„Ist gut.“ Brummte er, dann verabschiedeten sie sich.

Jan wusste, dass er eine lange, nachdenkliche Nacht vor sich hatte. Normalerweise hätte er geschlussfolgert, dass Marlene ihm etwas bedeutete, aber warum war sie ihm dann all die Jahre so egal gewesen? Wieso hatte er sie nie angerufen? Vielleicht, weil er generell nie eine Frau angerufen hatte? Und wenn nicht Marlene, sondern Sabrina ihn abserviert hätte oder Kim, würde er das gleiche Spiel jetzt mit einer von ihnen spielen? Nein. Sie waren schrecklich langweilig. Alle.

Irgendetwas an Marlene hingegen, weckte seine Aufmerksamkeit; sein Interesse. Vielleicht war es ihre Art, ihm Paroli zu bieten; vielleicht war es aber auch diese energische Falte auf ihrer Stirn, wenn ihr etwas missfiel; vielleicht fühlte er sich aber auch einfach nur einsam in diesem trostlosen, kalten Winter.
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