Talisman

KurzgeschichteAbenteuer / P6
Hauro
17.09.2014
17.09.2014
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17.09.2014 4.242
 
Hallo!

Dies ist die zweite Geschichte, die ich für das wunderbare Mehr-Aufmerksamkeit-bitte!-Wichteln von Katty Elfans schreibe.
Diesmal ist die Story für jenny413.


Die Vorgaben waren:

Kinofilme/TV-Serien: Der Adler der neunten Legion
Charakter: Esca (/Marcus)
Schreibanstoß: Eine Etappe von Escas Reise ins Römische Reich (Überfall seines Dorfes/Auf dem Weg nach Süden/In Gefangenschaft/Wie er in die Arena kam)
Genre: Action/Abenteuer/Drama/Tragödie

Kinofilme/TV-Serien: Mr. Nobody
Charakter: Nemo (/Anna/Elise/Jeanne/NC)
Schreibanstoß: Nemos Entscheidungen (Er findet einen vierten Ausweg(Mutter/Vater/Wald)/Er wählt eines dieser drei und neue Folgen entstehen, die im Film nicht vorkommen)/Einen Moment hält er inne und denkt über all seine Möglichkeiten nach
Genre: Drama/Action/Romanze/Philosophie/Tragödie/Nachdenkliches/Humor

Kinofilme/TV-Serien: Das wandelnde Schloss
Charakter: Hauro (/Sophie/Calzifer/Markl/NC)
Schreibanstoß: Neue Farbe an der Tür (Hauro erschafft für sich eine neue Farbe (evtl. vor Sophies Auftauchen[Wink mit dem Zaunpfahl: Ich stehe auf Lila])/Hauro erschafft für Sophie eine neue Farbe)/Wähle ein Talisman aus Hauros Zimmer und erzählte seine Geschichte (Wie ist Hauro dran gekommen/Was bewirkt dieser Talisman)
Genre: Action/Romanze/Drama/Tragödie/Abenteuer/Humor


Viel Spaß damit! :)



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Talisman



Sophie stöhnte innerlich auf.

Die Trümmer des Schlosses hatten sich kilometerweit über die Hügel des kleinen Gebirges ergossen, nachdem sie Calcifer dazu überredet hatte, Hauro zu folgen. Wie hätte sie ahnen können, dass die Großmutter, die einst eine stolze Hexe gewesen war, das Herz aus den Flammen nehmen und damit das noch übrig gebliebene Schloss endgültig in seine Bestandteile zerlegen würde, dass nur noch ein wandelndes Brett übrig blieb? Und selbst das hatte nach Calcifers Befreiung jeglichen Rest Magie verloren. Hauros Schloss war somit nur noch eine Erinnerung.

Doch der Zauberer schien darüber kaum betrübt. Nachdem er sein Herz wieder in seiner Brust trug hatte er sich verändert. Zwar hatte er sich beklagt, sein Körper fühle sich schwer an, doch Sophie hatte erkannt, dass sein Gemüt dafür umso leichter und fröhlicher geworden war. Schwungvoll hatte er erklärt, dass er mit Calcifers Hilfe ein neues Schloss bauen wollte, in dem sich die bunt gemischte Familie ein neues Leben aufbauen konnte. Keine Sekunde hatte er gezögert, als er in Gedanken ein bequemes Zimmer für die alte Hexe aus dem Niemandsland entwarf, einen Garten auf einer Dachterrasse zum Spielen für Markl und den Hund Heen plante und von einem Schlafzimmer träumte, das er nicht allein beziehen wollte.

Und deshalb stand Sophie nun inmitten der Überreste des alten Schlosses und sammelte Dinge ein, die vielleicht noch zu gebrauchen waren, während die alte Großmutter auf einem großen Stein saß und sie mit einem Grinsen dabei beobachtete. Sophie lächelte ihr jedes Mal entgegen wenn sie den Kopf hob. Etwas weiter vorne konnte sie Markl ausmachen, der bereits einen beträchtlichen Berg Gerümpel zusammengetragen hatte. Heen immer dicht auf seinen Fersen. Hauro hatte sie irgendwann einfach aus den Augen verloren.

„Das ist doch alles Schrott!“, krächzte die Großmutter plötzlich und trat einen alten Blecheimer über den Boden.

„Hauro und Markl haben eben viel Gerümpel gesammelt. Bevor ich ins Schloss eingezogen bin, um dort zu putzen, war es sogar noch viel mehr.“

„Ach ja?“ Die Alte zog eine Augenbraue hoch. „Wie unordentlich!“

„Das ist ja gar nicht wahr!“, beschwerte sich Markl, der mit Heen im Schlepptau näher kam, um ein verbeultes Rohr zu betrachten, das hinter einem zersplitterten Tisch hervorlugte. „Wir haben nie Probleme gehabt und wenn wir was gesucht haben, dann haben wir es auch gefunden. Außerdem waren viele dieser Dinge Zaubergegenstände, die Meister Hauro für seine Magie gebrauchte!“

Sophie lachte auf. „Du meinst, er hat all diese Gegenstände tatsächlich benutzt?“

„Natürlich!“ Markl zögert kurz. „Das meiste zumindest.“

Sie kicherte. „Und diese ganzen Talismane! Sie liegen überall zwischen den Trümmern verstreut. Hauros Zimmer war regelrecht damit voll gestopft.“

„Diese Talismane haben mir Sicherheit gegeben.“

Sophie drehte sich erschrocken um. Sie hatte Hauro nicht bemerkt, doch er stand nur wenige Schritte von ihr entfernt.

„Sie haben mich nachts schlafen lassen“, erklärte er und schüttelte seinen dunklen Haare zurück. „Ich habe mich zwischen diesen Talismanen sicher, geborgen und manchmal sogar unsichtbar gefühlt. Ich konnte mich vor all meinen Problemen verstecken.“

„Jetzt brauchst du die ja aber nicht mehr“, sagte Sophie und klammerte sich an seinen Arm. Hauro lächelte sie warm an.

„Sie bringen noch immer Glück“, entgegnete er. Sie sah ihn einen Augenblick prüfend an. Seine blauen Augen glitzerten im Licht der langsam sinkenden Sonne. Dann stöhnte sie auf.

„Heißt das etwa, du willst all diese Talismane wieder einsammeln und erneut in deinem Schlafzimmer unterbringen?“

„In unserem Schlafzimmer!“, korrigierte er.

„Nein“ Sie schüttelte den Kopf und ließ ihn los. „Wenn du irgendwo noch Platz zwischen dem Gerümpel für mich finden würdest, würde mich das doch sehr wundern! Und selbst wenn doch, habe ich keine Lust zwischen dem Trödel zu schlafen. Dein letztes Schlafzimmer hat so geglitzert und geklimpert, dass man davon Kopfschmerzen bekommen konnte!“

„Dann willst du nicht bei mir schlafen?“

„Zumindest nicht, wenn du wirklich vorhast, alles wieder voll zu stopfen!“

„Aber Sophie“, murmelte er beschwichtigend. „Ich hänge an diesen Dingen.“

Sie sah ihn skeptisch an. Natürlich hing er daran, aber das war noch kein Grund wirklich jedes Teil aufzuheben! In ihren Augen hatte er seine Sammelleidenschaft an magischen Glücksbringern schon längst übertrieben.

„Bei einigen Sachen kann ich das ja verstehen, aber bei anderen …“ Sie griff nach einer kleinen roten Gießkanne und balancierte mit dem Zeigefinger im Henkel damit vor Hauros Nase herum. Sie hatte das alte Ding schon einmal zwischen den Sachen in seinem Zimmer gesehen. „Das hier zum Beispiel.“

„Das da“, wiederholte er und nahm die Gießkanne an sich, „ist ein bedeutendes Stück!“

„Eine zerbeulte, alte Gießkanne kann ja wohl kaum Glück bringen oder vor Flüchen schützen!“

„Du würdest dich wundern, wie viel Magie in unscheinbaren Dingen stecken kann. Und außerdem war die hier sehr schwer aufzutreiben!“

„Wie schwer kann es schon sein eine rote Blechgießkanne aufzutreiben?“

Hauro lächelte. „Sehr schwer.“

Sophie musterte den Zauberer lange.

„An viele der Talismane, die ich gesammelt habe, war es einfach heranzukommen, aber manche haben es mir nicht gerade einfach gemacht und das hier gehört dazu.“

„Das klingt nach einer interessanten Geschichte“, sagte die Großmutter mit einem Grinsen. Hauro lächelte ihr entgegen.

„Das ist es auch!“ Er lehnte sich gegen eine Felswand und breitete die Arme aus.


~ * ~


Es war wie ein undurchdringlicher Wald.

Die ausladenden Blätter hatten schon vor einer Ewigkeit den kleinen Pfad, der einst durch den Laden geführt hatte, unkenntlich gemacht und ihn praktisch verschwinden lassen. Nur wenige Kunden kannten den genauen Weg. Die anderen mussten sich durch ein Gewirr von Blättern, Blüten und Ästen kämpfen, in der Hoffnung, dass sie sich nicht verlaufen würden.

Hauro hatte schon viele Geschichten über verschollene Personen gehört, die angeblich schon seit Jahren durch den riesigen Laden irrten. Manche von ihnen sollten sogar gestorben und als Geister zurückgekehrt sein. Einige Kunden und Bewohner aus dem angrenzenden Dorf behaupteten sogar, solch eine Erscheinung in der dunstigen Luft zwischen den Pflanzen umherziehen gesehen zu haben, auf der unendlichen Suche nach dem Ausgang. Doch Hauro konnte keinen einzigen Geist spüren als er seine Hand von der Klinke der Eingangstür gleiten ließ und einen Schritt in das Dickicht tat.

Schon von außen hatte er die ungeheure Magie gespürt, die aus dem Laden heraus sprühte. Selbst einem untalentierteren Zauberer wäre die Intensität der Kraft aufgefallen. Vielleicht bemerkten sogar die gänzlich normalen Bürger, dass etwas nicht stimmte, wenn sie an der großen Glasfront des Ladens vorübergingen. Spätestens aber bemerkte es jeder, der sich unter dem großen Schild mit der Aufschrift Sonorra’s Blumenladen durch die Tür ins Innere wagte.

Die Mutigen wurden empfangen von einem Urwald aus exotischen Pflanzen, die im nebligen Dunst des Gewächshauses lagen und die Luft mit den unterschiedlichsten Düften schwängerten, dass einem bei einem tieferen Atemzug schwindelig werden konnte. Wer genauer hinsah, konnte erkennen, dass die meisten Blumen keine gewöhnlichen Blüten trugen. Auf den ersten Blick schien es zwar so zu sein, doch kaum hatte ein Kunde sich in den Laden gewagt, drehten die Pflanzen sich zu ihm herum und reckten ihre Köpfe, um den Neuankömmling zu betrachten. Mit kleinen schwarzen Knopfaugen, die aus den Mitten der Blüten starrten, sahen die blätterumrahmten Gesichter den Leuten hinterher.

Auch Hauro musterten sie deutlich. Der Zauberer lächelte warm und brachte einen Rosenstock mit Löwenköpfen zum erröten. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass ihm niemand gefolgt war, betrat er den kaum erkennbaren Weg und schob sich behutsam durch die Pflanzen. Er musste aufpassen, dass er keine von ihnen verletzte, indem er aus Versehen ein Blatt abriss oder gegen die wuchernden Wurzeln stolperte. Er wollte nicht riskieren den Unmut der Pflanzen auf sich zu ziehen, bevor er nicht hatte, was er wollte.

Minutenlang wanderte er zwischen hell leuchtenden Tulpen, Orchideen mit Feuer speienden Drachenköpfen und anhänglichen Farnen, die sich immer wieder um seine Beine schlangen. Sogar die bunten Schmetterlinge, die überall durch die Luft flatterten, waren, wie er überrascht feststellen musste, in Wirklichkeit Blüten, die den Nektar anderer Pflanzen aufnahmen.

Als er nach einiger Zeit noch immer ohne irgendwo angekommen zu sein durch das Grün ging, fragte er sich, ob er nicht doch den Weg aus den Augen verloren und sich verirrt hatte. Doch als er vorsichtig die Zweige eines merkwürdigen Baumes, dessen farbwechselnde Rinde ihn nahezu perfekt tarnte, zur Seite schob, tat sich ganz plötzlich vor ihm eine kleine Insel auf, die beinah unbewachsen da lag. Das Zentrum dieser Insel wurde von einem Verkaufstresen gebildet, wie man es in einem jedem Laden erwartete. Dahinter hockte eine Frau, die sicher älter war, als sie aussah, und murmelte einigen der Schmetterlingswesen etwas in einer fremden Sprache zu.

„Diese Pflanzen sind außergewöhnlich“, sagte Hauro laut genug, dass sie ihn hören konnte. Als sie aufsah konnte er ein Feuer hinter ihren Augen flackern sehen, das ihn innerlich erschaudern ließ. Nach Außen hin versuchte er jedoch keine Regung zu zeigen.

„Was willst du?“, fragte die Frau und wedelte mit ihrer Hand. Die Schmetterlinge flogen auf und verschwanden irgendwo in den hintersten Winkeln des Gewächshauses.

Hauro zuckte mit den Schultern. „Das ist doch ein Blumenladen. Ich wollte einen Strauß kaufen.“

„Einen Strauß?“ Sie fuhr entsetzt auf und krallte die Finger in die Verkaufstheke. Erst jetzt bemerkte Hauro, dass diese sich leicht bewegte. „Einen Strauß zu verlangen, bedeutet Pflanzen von ihren Wurzeln zu trennen und ihren Todeskampf mit etwas Wasser in einer Vase noch hinaus zu zögern! So etwas ist kaltblütig und grausam!“

„Aber ist das nicht genau das, was ein Blumenverkäufer tut?“

„Das macht es nicht weniger barbarisch!“, fauchte sie. Ihre Augen glühten bedrohlich auf und diesmal konnte Hauro nicht verhindern, dass er einen Schritt zurück trat. „Ich verkaufe nur ganze Pflanzen. Du kannst eine in einem Topf kaufen. Aber ich werde dir keine schneiden und zu einem Strauß binden.“

„Na gut“, gab er auf. All seinen Mut zusammen nehmend schlenderte er näher an den Tresen heran. Tatsächlich war der Verkaufstisch nicht ein normales Möbelstück, wie er es zuerst gedacht hatte, sondern war geformt aus hunderten kleinen Wurzeln, die über den Boden krochen und im Dickicht verschwanden.

„Eigentlich bin ich auch aus einem ganz anderen Grund hier.“

„Und der wäre?“

Er lehnte sich über den Tisch und lächelte. Sein blondes Haar fiel über seine Schultern nach vorne und streifte eine Wurzel, die sich neugierig zu ihm hochgereckt hatte.

„Du bist eine Zauberin. Warum hast du die Pflanzen mit Magie verwandelt?“

Sie schnaubte empört. „Ich habe sie nicht verwandelt! In ihnen steckt bereits Magie noch bevor ihr Keim aus der Erde spross. Ich habe diese Magie nur aktiviert und ihnen ihr wahres Wesen zurückgegeben. Früher waren alle Pflanzen außergewöhnlich, bis die Menschen entschieden, dass sie nichts weiter wert seien als schöne Dekoration! Hier können sie ganz natürlich sein und leben, wie es ihnen beliebt.“

„Verstehe.“

„Jetzt sag endlich, was du willst! Schließlich interessieren dich die Belange der Pflanzen genau so wenig wie den anderen.“

„Das stimmt nicht.“ Hauro fuhr mit den Fingern sanft über den Tisch. „Ich schätze die Schönheit einer Blume nur anders. Aber du hast Recht, ich sollte zum Punkt kommen, um dich und deine Pflanzen nicht länger mit meiner Anwesenheit zu belästigen.“

„Wie nett von dir.“

„Ich bin auf der Suche nach Glück.“

„Glück?“ Ihre Augen huschten schnell nach unten. „Was meinst du?“

„Es heißt, du besitzt einen Glücksbringer. Einen mächtigen Talisman.“

Die Frau verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn es so wäre, was gedenkst du zu tun?“

„Ich möchte dich darum bitten.“

Sie lachte finster auf. „Du glaubst, du kannst mich einfach so darum bitten und ich gebe ihn dir?“

„Ich brauche ihn.“

„Warum?“

„Das Schicksal meint es nicht gerade gut mit mir“, seufzte Hauro und schloss kurz die Augen. „Ich kann alles Glück gebrauchen, das ich kriegen kann.“

Die Zauberin starrte ihn einige Momente reglos an. Ihr Blick ließ ihn erschaudern, doch er wagte nicht, sich zu bewegen. Mit langsamen Bewegungen zog sie einen Gegenstand hervor und legte ihn wortlos auf die Verkaufstheke. Neugierig beugte Hauro sich vor und betrachtete den kleinen Stein, der matt im Licht schimmerte.

„Ich habe schon von dir gehört, Zauberer Hauro“, sagte sie, während er die Finger danach ausstreckte. „Du sammelst Glücksbringer, um dich zu verstecken. Angeblich vor der Hexe aus dem Niemandsland. Aber weißt du … kein Talisman kann dich ewig vor ihr verbergen. Irgendwann wird sie dich finden.“

Hauro hielt inne. Seine Fingerspitzen zitterten wenige Zentimeter über dem Stein. Er konnte es spüren. Die Kraft, die von dem Stein ausging. Stark und pulsierend, je näher er ihm kam. Schnell zog er die Hand zurück und lächelte, als ihm klar wurde, welch Fehler ihm beinah unterlaufen wäre.

„Du bist eine Freundin von der Hexe“, stellte er fest.

Die Frau grinste und entblößte ihre strahlend weißen Zähne. „Gut geraten.“ Sie griff wie beiläufig nach einer Gießkanne und ließ etwas Wasser über die Wurzeln, die die Tischplatte bildeten, laufen. „Sie sagte mir, dass du hier auftauchen könntest. Sie meinte, das Magische zieht dich an.“

„Und deshalb hast du den Stein mit einem Fluch belegt.“

„Und das Gerücht verbreitet, ich besäße einen Talisman. „Sie zuckte mit den Schultern. „Du bist anscheinend doch nicht so dumm, wie du scheinst. Hättest du den Stein freiwillig berührt, hätte die Hexe dich und dein Schloss jederzeit finden können.“

„Aber das habe ich nicht.“

„Das macht nichts“, winkte sie schnell ab. „Ich werde einfach deine Seele gefangen nehmen!“ Mit einer schnellen Drehung des Handgelenkes beschwor sie das Wasser und schleuderte es Hauro entgegen. Er riss die Arme hoch und wirkte einen schnellen Abwehrzauber. Das Wasser prallte direkt vor seinem Gesicht gegen eine unsichtbare Wand und spritzte zu den Seiten davon.

„Zu langsam!“ Er sprang zurück.

Die Zauberin goss erneut Wasser auf den Tisch und lachte. „Das werden wir schon noch sehen.“

Hauro wich einem weiteren Angriff aus. Er wusste, dass ein Tropfen genügen würde, um seine Seele aus seinem Leib zu ziehen und seinen Körper und sein Herz willenlos zurück zu lassen.

„Willst du wohl stehen bleiben!“, fauchte die Frau, als er sich erneut unter ihrem Zauber hinwegduckte.

„Ich dachte eigentlich, dass ich warte, bis dein Seelenwasser zu ende geht und du mir nichts mehr anhaben kannst.“

Sie lachte auf. „Bist wohl doch nicht so klug.“ Demonstrierend drehte sie die Gießkanne um. Doch zu Hauros Überraschung fiel kein einziger Tropfen aus der großen Öffnung. Als die Zauberin jedoch den Kopf der Kanne zu Boden neigte, regnete ein gleichmäßiger Guss auf die Pflanzen hinab.

„Verstehe“, sagte Hauro. „Die Kanne ist ebenfalls verzaubert.“

„Du wirst lange darauf warten können, dass mir das Wasser ausgeht!“ Mit einem großen Satz kam sie ihm entgegen gerannt. Fieberhaft wirbelte Hauro herum und murmelte eine Zauberformel. Kaum hatten die Worte seine Lippen verlassen verdunkelte sich sämtliches Licht im Laden. Er konnte die Pflanzen frustriert aufstöhnen hören, als ihnen die Wärme und die Sonnenstrahlen vorenthalten wurden. Hauro wusste, dass sein Zauber nicht lange halten würde, also beeilte er sich und suchte hinter einem großen Gebüsch mit leise klingenden glockenförmigen Beeren Deckung. Nur wenige Sekunden später erhellte sich alles wieder. Licht flutete heller als zuvor zwischen den Pflanzen hindurch und das kalte Lachen der Zauberin folgte viel näher, als es ihm lieb war.

„Glaubst du, mit so einem billigen Trick kannst du dich vor mir verstecken?“, rief sie laut. Er konnte das Klappern ihrer Finger gegen das Blech der Kanne hören. „Komm raus, du Feigling!“

Sie kam näher. Krampfhaft versuchte er seinen Atem zu kontrollieren. Er gab es ungern zu, doch er hatte Angst. Diese Angst würde ihn noch mal auffressen. Nachdem er sich etwas beruhigt hatte, sah er auf. Er musste hier raus! Irgendwie! Doch Hauro stellte fest, dass er bereits jetzt die Orientierung verloren hatte. Ihm blieb also keine andere Möglichkeit zurück zum Verkaufstresen zu laufen, um von dort den Weg zu nehmen, den er auch schon gekommen war, als er den Laden betreten hatte.

„Hauro!“ Die Stimme der Zauberin hatte sich entfernt. Zögerlich wagte er einen Blick über den Busch hinweg. Er konnte sie nirgendwo entdecken. Unschlüssig richtete er sich auf. Einen Moment sah er sich einfach nur um, als würde er einen Angriff erwarten. Dann rannte er los. Er musste schnell handeln.

„Da bist du ja!“

Hauro wirbelte erschrocken herum und stolperte über eine große Wurzel. Die Frau war plötzlich neben ihm aufgetaucht. Triumphierend hielt sie die Kanne hoch und beugte sich über ihn. Panisch versuchte er über den Boden zu rutschen und ihr zu entkommen. Als er den Tresen in seinem Rücken spürte, keuchte er entsetzt auf.

„Das war’s für dich!“ Sie hob die Kanne bedrohlich an. Ein Tropfen fiel direkt vor Hauros Füße. Schnell zog er die Beine an.

„Bitte“, flehte er leise.

„Wie erbärmlich du doch bist!“ Sie kippte die Kanne. Glitzerndes Wasser rauschte aus der Brause. Ihr triumphierendes Lächeln hallte in dem riesigen Laden wider. Und dann traf das Wasser seinen Körper und … fuhr einfach durch in hindurch. Überrascht sah die Zauberin, wie Hauro sich vor ihren Augen auflöste.

„Vielleicht bin ich erbärmlich“, flüsterte er plötzlich an ihrem Ohr. „Aber ich bin klüger, als du!“ So schnell, dass ihr keine Zeit zum Reagieren blieb, griff er nach ihren Fingern und drückte zu. Seine Handfläche loderte wie Feuer. Erschrocken schrie sie auf, als die Hitze ihre Haut durchdrang und Blasen warf. Ohne weitere Mühe konnte Hauro ihr die Gießkanne entreißen und an sich bringen. Schnell trat er ein paar Schritte zurück, während die Zauberin vor Schmerzen jammerte und sich krümmte.

„Du Verfluchter!“, schrie sie. Sie hielt ihre Hand an ihre Brust gedrückt. Ihre glühenden Augen funkelten hasserfüllt auf. „Dafür wirst du bezahlen!“ Mit einem wilden Schrei stürzte sie sich nach vorne. Als sie jedoch an ihm vorbei stolperte, nachdem er der vorhersehbaren Attacke beinah elegant auswich, entschied Hauro, dass es reichte. Die Frau würde nie aufgeben, bis sie ihn nicht getötet hatte.

„Gehe an deiner eigenen Magie zu Grunde“, murmelte er und schwang die Kanne herum. Das Wasser aus der Brause wirbelte durch die Luft. Die Zauberin kreischte entsetzt auf. Sie wollte einen Zauber sprechen, doch ihre verwundeten Finger waren langsam. Das Wasser traf sie an der Hand. Und als würde es dadurch von ihr angezogen, legte es sich um ihren ganzen Körper. Sie zappelte und schrie, doch ihre Laute wurden erstickt, als das Wasser in ihren Mund eindrang.

Hauro stand einen Moment unschlüssig da und starrte sie an. Er wusste, was jetzt passieren würde. Das Wasser löste die Seele vom Körper. Es war ein grausamer Anblick, den er nicht ertragen konnte. Schnell drehte er sich um. Seelenwasser war eines der dunkelsten magischen Gebräue, die es in der Zauberwelt gab. Hinter ihm steigerten sich die klagenden Laute der Frau zu einer tosenden Stille. Und dann kehrte das Wasser in die Kanne zurück. Hauro konnte das Leuchten der Seele sehen, die mit in das Gefäß gezogen wurde. Leicht zitternd starrte er auf die Gießkanne hinab. Als er sich umblickte, konnte er ihren verlassenen Körper sehen, der zwischen die Wurzeln gefallen war und vorsichtig von den Pflanzen abgetastet wurde.

Langsam ging Hauro auf den Weg zu, der bis zum Ausgang des Ladens führen würde. Sein Herz schlug schnell. Er spürte, dass die Pflanzen nervös zu zittern begannen und er wusste, dass sie nach Leben in ihrer Erweckerin suchten. Seine Schritte beschleunigten sich, als er in das Dickicht trat. Seine Finger umklammerten den Griff der Kanne noch immer. So fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten.

Plötzlich ertönte ein wutschnaubender Schrei hinter ihm. Das Grün um ihn herum begann zu grollen und die Blüten fletschten angriffslustig die winzigen Zähne in ihren Gesichtern und streckten die Dornen, wie Schwerter zu einem Gefecht.

„Oh verdammt …“, lachte Hauro leise und nervös. „Wollt ihr etwa die Zauberin rächen?“

Wie zur Antwort schnappte eine Nelke nach seinen Beinen. Hauro rannte los. Doch Äste, Wurzeln, Schlingen und Blätter schlugen ihm entgegen. Kreischend und fauchend stürzten die Pflanzen sich auf den flüchtenden Zauberer. Hauro versuchte auszuweichen, doch in dem dicht bewachsenen Blumenladen war das eine Sache der Unmöglichkeit. Zauber murmelnd und mit Händen nach verschiedenen Pflanzen schlagend, kämpfte er sich vorwärts. Das wütende Grün war jedoch so sehr in Bewegung geraten, dass der Weg, der ihn eigentlich zur Tür geleiten sollte, plötzlich nicht mehr erkennbar war.

„Nein.“ Hauro hob eine Hand an die Stirn und schloss kurz die Augen. In seinen Gedanken blitzte kurz ein Bild auf, dann rannte er weiter, dem Schimmer seiner einst getanen Schritte nach. Und tatsächlich, nach einigen Minuten konnte er die Tür zwischen den peitschenden Blättern erkennen. Schnell duckte er sich unter einigen wütenden Schmetterlingswesen hinweg und wich den Dornen einer Rose aus, die ihr gelbes Gesicht zu einer hässlichen Fratze verzogen hatte.

Als er endlich aus dem Urwald heraus stolperte, atmete Hauro erleichtert auf. Zwischen all diesen Pflanzen hatte er sich doch sehr beengt gefühlt. Hastig legte er seine Hand auf die Klinke und … wurde zurück gerissen. Hauro wurde so plötzlich von der Wurzel eines Baumes am Fußgelenk gepackt, dass er nicht einmal Zeit fand, um sich mit den Händen abzufangen. Ungebremst schlug er auf den Boden auf und ächzte. Der Baum zog ihn langsam, jedoch zielstrebig auf eine Reihe kreischender Hortensienbüsche zu, die ihre tausend Augen, wie ein Ungeheuer auf den Zauberer gerichtet hatten und mit ihren Köpfen schlugen.

Verzweifelt versuchte Hauro sich aus der Umklammerung des Baumes zu lösen, bevor die Hortensien ihn erreichen konnten. Er rief einen Zauber, von dem er wusste, dass er die Wurzel in Brand stecken würde, doch nichts geschah. Auch der nächste Spruch blieb erfolglos.

„Jetzt lass endlich los!“, rief Hauro nach einem weiteren missglückten Zauberversuch und schlug mit der Gießkanne, die er noch immer bei sich trug, mit voller Wucht gegen das Gestrüpp. Zu seiner Überraschung gab der Baum einen tiefen Laut von sich und ließ los. Ohne zu zögern sprang Hauro auf die Beine und stürzte aus dem Laden hinaus. Als er die Tür hinter sich zuschlug lachte er erschöpft auf. Erst jetzt bemerkte er, dass die Blechkanne etwas von dem roten Lack, der sie überzog, verloren hatte. Nachdenklich hob er das Gefäß vor sein Gesicht und grinste.

„Also gab es doch noch einen Glücksbringer in all dem Chaos“, sagte er und schlenderte vollends zufrieden und etwas außer Atem davon. Sein Schloss würde ganz in der Nähe sein, um ihn und seine neue Errungenschaft abzuholen.


~ * ~


„Das verstehe ich nicht“, überlegte Markl, nachdem Hauro die Geschichte zu Ende erzählt hatte. „Wie hat dieses Ding dir Glück gebracht?“

„Na ja.“ Er strich sich das dunkle Haar zurück. „Ich habe schließlich die Zauberin damit besiegt und mich vor dem Baum befreit.“

„Und das ist alles? Dann gab es dort vorher gar keinen Talisman und du bist eigentlich völlig umsonst da gewesen?“

„Ich dachte ja, dass es dort einen geben würde“, verteidigte Hauro sich. „Und etwas, was erst zum Talisman wird ist genau so gut, wie etwas, das schon ein solcher ist!“

„Und was kann das Ding jetzt?“, fragte Sophie und legte neugierig den Kopf schief, um das verbeulte Ding genauer zu betrachten. „Seelen einfangen?“

Hauro lachte. „Nein! Als die Zauberin darin gefangen wurde, löschten sich Seele und Seelenwasser aus.“

„Jemand, der von seinem eigenen Seelenfängerzauber getroffen wird, verschwindet einfach mit dem Fluch“, erklärte die alte Hexe. „Du hast also meine alte Freundin besiegt.“

Hauro lächelte entschuldigend, doch die Hexe winkte schnell ab, als wäre es kein sonderlich großer Verlust.

„Also kann das Wasser keine Seelen mehr binden?“ Sophie stemmte die Hände in die Hüften. „Dann ist das Ding zu nichts mehr nütze!“

„Mann kann damit einen ganzen Garten gießen, ohne einmal neu auffüllen zu müssen“, entgegnete Hauro etwas kleinlaut und senkte die Brause, um das satte Gras zu seinen Füßen zu wässern. Sophie zog skeptisch eine Augenbraue hoch.

„Ich finde das klasse!“ Markl schnappte seinem Meister die alte Blechkanne aus den Händen und wirbelte sie so herum, dass jeder, der ihm zu nahe stand, unweigerlich nass wurde. Der Zauberer, die Hexe und die Hutmacherin hoben die Hände, um zumindest kein Wasser in die Augen zu bekommen.

„Ich finde, wir sollten sie behalten!“ Hauro grinste. Geschlagen seufzte Sophie und beobachtete, wie der Junge mit dem Hund davon hüpfte und mit Wasser um sich warf. Heen wich jedes Mal hechelnd aus und kam wieder auf Markl zugelaufen.

„Na gut“, meinte sie schließlich. „Aber nur diesen einen Talisman!“, mahnte sie und betonte das letzte Wort leicht sarkastisch.

Hauro lächelte gewinnend. „Zu den anderen Stücken gib es auch interessante Geschichten!“

~ Ende ~



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Sooo (irgendwie ist diese Geschichte viel länger geworden, als ich es geplant hatte …), ich hoffe ihr hattet Spaß beim Lesen. ;)
Das wandelnde Schloss ist wirklich ein großartiger Film und auch diesmal hat mir das Wichteln sehr, sehr viel Spaß gemacht!

Liebe Grüße, Grisu
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