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Mary

von AnnMuggle
KurzgeschichteAllgemein / P12 / Gen
16.09.2014
16.09.2014
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1.941
 
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Prolog
Gespenstige Stille. Leise setzt sie den nackten Fuß vor den anderen, die Holzdielen knarrten. Es ist kalt auf dem dunklen Flur, das Haus schläft. Die Wärme war schon lange verschwunden. Sie hörte den Atem, den sie gefürchtet hatte. Dann schrie sie.

Mary J.
Der Morgen brachte nichts Schönes, Mary wickelte den Schal fester um den Hals und erkannte in der aufgehenden Sonne den schwachen Nebel, der sich leicht über die Straßen legte. Nebel bedeutete nie etwas Gutes. Marys Schritte waren schnell und ihre Blicke huschten durch die verlassenen Straßen als würde sie etwas suchen. Warum war sie nervös? Das Haus an der Straßenseite war alt und passte nicht in das Bild der Wohnsiedlung. Sie spürte, wie sich in ihrem Bauch ein dumpfes Gefühl verbreitete. Sie war in dieser Nacht bereits hier gewesen.
Als sie die Tür öffnete wirbelte ein Schwall alter, schäbiger Luft auf. Es roch nach Papier und Staub. Leise betrat sie den langen, kalten Flur. Sie zitterte. „Hallo?“, rief sie. Niemand antwortete. Sie ging den Flur entlang und eine dunkle Ahnung schlich sich in ihre Gedanken und verwandelte all ihre Gedanken in Angst.
Dann fand Mary die Leiche. Verwirrt stürzte sie auf das tote Mädchen, nahm es in den Arm und spürte wie die warmen Tränen unkontrolliert über ihre Wangen glitten. „Hilfe!“, schrie sie verzweifelt. „Wieso hilft mir denn niemand?“
Sie war allein und ihre Schwester lag tot in ihren Armen.

Mary H.
Der Mond leuchtete kaum, denn die Wolken waren dick und schwer und schoben sich vor die matt schimmernde Scheibe, die man silbern nennen konnte. Ihre Finger spielten mit der Waffe, doch ihre Gedanken waren woanders. Mary H. war ein stolzes, selbstsicheres Mädchen und sie wusste, was sie wollte. Die Kälte war klamm und drückend, doch ihr machte Kälte nichts aus, Mary H. ließ sich von niemanden verunsichern, auch nicht von der Kälte.
Die Straße lag ruhig vor ihr, es war niemand mehr unterwegs, nicht um diese Zeit, nicht, wenn man klug war. Eine alte Laterne warf flackernd ihren Lichtpegel auf den geteerten Bürgersteig.
Sie blieb stehen uns sog die stechende Luft in ihre Lunge, es brannte ein wenig, sie ist lange gelaufen.
Der plötzliche Wind riss an ihren Haaren.
Sie war sich nicht sicher, wie sie es in dieser Nacht angehen sollte. Sie ging weiter, in den Gedanken war sie bereits am Ziel. Doch ihr blieb keine andere Wahl, als den selben Ort zu wählen, den Ort, an dem alles begann.
Das Haus lag vor ihr und warf einen dunklen Schatten, der sich kaum von dem schwarzen Gras vor dem Haus abhob. Der Mond ist schwach, dachte Mary H. Dabei blieb sie kurz stehen und schaute hinauf. Sie war auch schwach, doch ihre Seele fühlte sich mächtiger als je zu vor. Bin ich verrückt? Ihre Gedanken kreisten in letzter Zeit unkontrolliert. Die Tür war nicht abgeschlossen, niemand hatte sich die Mühe gemacht. Es sah wie ein Unfall aus, als sie das unbedachte Mädchen in der letzten Nacht getötet hatte. Die Tatwaffe war in ihrer Tasche, ruhte dort und wartete. Wartete auf das nächste Opfer. Das Haus war still, das gefiel ihr. Und auch als sie die knarrenden Dielen unter ihren Füßen hörte, hatte sie keine Angst. Hier traf sie niemanden. Sie war hier sicher. Der alte Raum, den sie langsam betrat, war nur mit einem Schreibtisch bemöbelt, leise legte sich das Mädchen ein Stück Papier zurecht, setzte sich und schrieb. Die Zeilen waren kurz, und doch wusste Mary H., dass sie damit Erfolg haben würde.
Wenn du das Geheimnis lüften willst, dann komm zurück. Gehe dorthin, wo es geschah. Deine Tochter war ein liebes Mädchen, sie würde sich wünschen, dass man hinter das Geheimnis käme.
Die Frau würde alles tun, um den Tod ihrer Tochter zu verstehen. Das war ein Fehler der meisten Menschen, sie wollten immer verstehen.

Mary J.
Die Zeitung fühlte sich komisch in ihren Händen an, Mary überblätterte die üblichen Nachrichten. Ihre Schwester war tot. Sie wollte sich nicht mit noch mehr Unfällen, Morden und anderen Geschichten befassen, für die sie einfach keinen Nerv hatte. Also ließ sie ihre Blicke nur kurz über ein paar Zeilen schweifen und legte dann die Zeitung weg. Und doch hatte das Blatt Mary an den kalten, trostlosen Tag erinnert, an dem ihre Schwester starb. Sie sah die Bilder wieder genau vor sich:
Ihre Mutter war sprachlos zu Boden gesunken, die Hände vor das bleiche Gesicht gepresst, die dünnen Arme vor Trauer zitternd. Ihr Vater hatte wesentlich gefasster reagiert, er hatte erst seine Frau und danach seine Tochter in die Arme genommen. Erst am Abend hatte er geweint. In seinem Blick hatte Trauer, Wut und Angst gelegen. Sie war einfach nur stehen geblieben, mit einem tiefen, andauernden Schmerzen in ihrer Brust. Der Krankenwagen kam viel zu spät, er konnte nur die Leiche bergen. Warum ihre Schwester in dem Haus starb, blieb ein Rätsel.
„Wieso ist deine Schwester in das Gebäude gegangen? Hat sie dir davon erzählt?“, wurde Mary von einem Beamten gefragt. Die Polizei ging zwar von einem Unfall aus, schlossen Selbstmord jedoch nicht aus.
Sie wusste, warum ihre Schwester in diesem Haus gewesen war. Und sie war sich sicher, dass es sich um Mord handelte.
Doch sie schwieg.

Mary H.
Die Luft roch muffig und warm, der Boden knarrte. Das Haus war verlassen, doch heute war es nicht wie gewohnt kalt. Die Beamten hatten die Heizung angemacht, anscheinend wollten sie in den nächsten Tagen ermitteln. Der schäbige Geruch von Staub, alten Büchern und Tod blieb jedoch in der Luft hängen und stieg in ihrer Nase. Mary H. hatte ihr Ziel noch nicht erreicht. Zwei Menschen fehlten noch.
In der letzten Nacht, hatte sie einen Brief verfasst, der ihr neues Opfer in das alte Haus locken sollte. Die leisen, vorsichtigen Schritte verrieten ihr, dass sie Erfolg hatte. Die Treppe knarrte.
„Hallo, ist jemand da?“ Die helle Frauenstimme war ihr bekannt. Sie wusste nicht warum. Mary H. schwieg. Das Messer lag in ihrer Hand, das Blut klebte nicht mehr an der reflektierenden Klinge. Das fahle Licht der schwachen Laterne verlieh der Waffe eine unheilvolle Stärke.
Mary H. zählte im Kopf. Zehn, neun, acht. Gleich würde die Frau vor ihr stehen. Fünf, vier, drei. Das Messer war scharf und kalt. Zwei. Die Frau stand vor ihr. Entsetzt schaute sie das Mädchen an. In ihren Augen lag Liebe, Angst und Verwunderung. Eins.
Ein schriller Schrei erklang in der dunklen, kalten Nacht.

Mary J.
Um das große Haus lag ein breites, verrottetes Grundstück. Große Tannen ragten hinter dem braunen Dach hervor und warfen lange Schatten, bis auf die Straße. In der Luft lag Staub und Tod, es roch wie in Marys Keller, nur schäbiger. Die Polizeiwagen vollendeten den schaurigen Anblick, auch die Absperrungen empfand sie als äußerst passend.
Ihr Vater nahm ihre Hand und umklammerte sie, als sie den dunklen Flur betraten, den sie bereits kannte. Die Leiche war kalt und ähnelte keineswegs ihrer Mutter und doch schossen ihr augenblicklich die Tränen in die Augen. „Wie ist sie gestorben?“, fragte sie den Polizisten. „Genau wie deine Schwester, durch ein Messer.“ Ihr Vater nahm sie nun in den Arm und presste ihren Kopf gegen seine Brust. „Schatz, es wird alles gut“, flüsterte er sanft, sie erkannte eine Träne in seinen Augen. Und sie wusste, dass er log. Sie kämpfte gegen ein unbekanntes Gefühl, es brannte in ihr. Sie spürte Hass, nicht Trauer. Verwundert schaute sie erneut ihren Vater an, seine Augen blickten sie liebevoll an, doch sie riss sich los.
„Warte, wo willst du hin?“, rief er ihr hinterher. Doch Mary ignorierte ihn. Ihre Schritte waren schnell, sicher und bedacht.

Mary H.
Die Welt verblendet gut und böse nicht. Das wusste sie. Doch die Taten der Menschen waren überwiegend böse, auch wenn es die guten Menschen waren, die nach Außen lebten. Also gab es keine Grenze dazwischen. Jeder Mensch ist böse, genauso wie jeder Mensch gut sein kann. Die Entscheidung, sein Leben lang hinter einer hellen, strahlenden Wand zu leben, die das Böse verbannt, ist eine schwere. Nur die Starken verlassen sich auf ihren Kopf, gehorchen der Gesellschaft und verstecken ihre wahre, böse Seite hinter Schleiern.
Sie hatte gegen das drückende, pochende Gefühl kämpfen wollen, doch sie glaubte nicht an einen Sieg. Wie von selbst fand sie wieder den Weg zu dem Haus.
Die Sonne hatte sich hinter dem Horizont verborgen und nun lag es an dem Mond, der Erde ein wenig Licht zu schenken. Kalte, unheilvolle Nebelschwaden umwoben das verlassene Haus. Die unheimliche Stille wurde jedoch abrupt durchbrochen: „Wer ist da?“
Eine fremde Stimme. Sie konnte nicht in das Haus, nicht jetzt und nicht von der Straße aus. Also rannte sie, dabei verlor sie einen Schuh. Sie hatte zum ersten Mal Angst. Jemand folgte ihr, jemand hatte sie gesehen, jemand würde ihr kleines Geheimnis enthüllen. Das Messer in ihrer Tasche war kalt, und doch war die bloße Anwesenheit beruhigend. Um schneller rennen zu können ließ sie auch den anderen Schuh zurück. Ihre Lunge brannte und sie schritt mit ihren nackten Füßen durch das feuchte Gras. Endlich hörte sie keine Stimmen mehr, endlich konnte sie sich wieder sicher fühlen. Keuchend stieg sie durch eines der vielen, großen Fenster in das dunkle Haus. Das Zimmer, in das sie trat, war aufgeräumt. Ein großer, alter Schreibtisch, ein staubiger Sessel und ein großes Regal befüllten es. Mary H. ließ sich auf den Sessel fallen, dabei wirbelte sie eine große Staubwolke auf. Erschrocken presste sie ihre Hände auf den Mund um nicht zu husten. Dann war es ganz still.
Es war so still, wie sie es noch nie erlebt hatte. Nicht ein Atemzug, ein Pochen, ein Raunen, nicht einmal ein klickendes Geräusch oder ein Ticken war zu hören. Bloß die Stille, welche lauter und klarer zu schreien schien, und mehr sagte, als tausend unkontrollierte Worte in einem Streit.
Der Mann stand neben ihr und sie wusste, was sie tun musste. Als er sie sah entspannte sich sein Gesicht. „Mary. Kind, da bist du ja, ich habe mir solche Sorgen gemacht.“
Sie schwieg, das Messer lag in ihrer Hand. Diesmal klebte noch das Blut an der silbernen, scharfen Klinge. Der Mond warf einen sanften Schein in das Zimmer. Mary H. spürte den Tod.

Mary H. und Mary J.
Ihr Vater war tot aufgefunden worden. Ihr war das klar gewesen. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und schaute den Beamten fragend an. „Wieso habt ihr nicht auf ihn aufgepasst? Habt ihr euch denn nichts dabei gedacht?“ Der Polizist versuchte zu lächeln, doch in seinen Augen lag Angst. „Wir haben das getan, was wir zu tun hatten. Und ab sofort werden wir auf dich aufpassen, du musst keine Angst haben. Der brutale Mörder wird dir nichts tun, dafür sorgen wir.“
Mary schaute auf den grauen, mit Steinen gepflasterten Boden. Die Straße sah bei Tag viel netter aus, und auch der Nebel hatte sich gelegt. Das Haus wirkte beinahe friedlich. Sie wand sich weg, band ihre Haare zu einem Zopf und folgte den Beamten. Sie fuhr zum ersten Mal in einem Streifenwagen, die letzten Male hatte ihr Vater sie gefahren. Sie spürte ein kaltes Kribbeln in ihrem Bauch. „Kleines, verrätst du mir noch kurz deinen Namen?“, fragte ein Polizist sanft. Sie nickte.
„Ich bin Mary.“
Dann legte sie ihren Kopf an die Scheibe und schaute in den Himmel. Nicht Mary J. hat sie umgebracht, dachte sie. Das war Mary H. Zitternd schloss sie ihre Augen, erleichtert stellte sie fest, dass Mary H. nicht mehr da war.
Und doch fühlte Mary sich allein und verlassen. Das habe ich nicht gewollt, ich wollte Mary H. nicht so viel Macht geben, aber es war so schwer gewesen.
Tränen der Trauer waren schlimm und bitter. Doch Tränen der Schuld vergingen nie.
 
 
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