Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Keine Andacht und kein Grab

GeschichteDrama, Tragödie / P18
Jirko Krabat Meister
13.09.2014
05.11.2014
10
13.153
4
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
13.09.2014 703
 
Kapitel 9
Ohne Andacht und Grab

Er findet die beiden Männer zusammengekauert an einen der Schutthaufen gelehnt. Jirko hat seinen Freund an sich gezogen, beide Arme um ihn geschlungen, der Kopf des Müllers ruht auf Jirkos Brust. Sie sehen in den Himmel hinauf, während sie leise ihr Gespräch fortsetzen. Die Decke und Jirkos Mantel ist über sie gebreitet, um sie zu wärmen. Gelöst sehen sie aus, ruhig und friedlich. Nun sieht man ihnen deutlich an, dass sich ihre Zeit zum Ende neigt.

Als Krabat zu ihnen tritt, verstummt das Gespräch. Nur Jirko blickt zu Krabat auf, eine stumme Frage ist in seinen Augen zu lesen: Ist es Zeit?

„Ich verlasse euch jetzt“, sagt Krabat, den Blick ins Dunkel hinter Jirko gerichtet. Es fällt ihm schwer, die beiden anzusehen.
„Ist gut,“ nickt Jirko. Der Schwarze Müller blickt ihn noch immer nicht an. Einen Moment herrscht Schweigen, der Wind wispert zwischen den verkohlten Trümmern.
„Ich will dir für deine Lektion danken, Jirko. Heute Nacht habe ich gemerkt, dass ich noch eine Aufgabe zu erfüllen habe im Leben.“
„Ja, die hast du in der Tat“, lächelt der Angesprochene müde mit dünnen, blutleeren Lippen. Seine Kraft hat stark nachgelassen, die Falten um seine Augen wirken plötzlich doppelt so tief. „Eine Geschichte wie diese muss erzählt werden, die Menschen sollen erfahren, wohin Stolz und Feigheit sie bringen können, und welchen Preis eine Macht wie unsere tatsächlich hat.“ Der Blick aus seinen stahlgrauen Augen bohrt sich in Krabats eigene. Unausgesprochen liegt eine weitere Bitte darin: Und sie müssen erfahren, dass auf der Schwarzen Mühle kein Teufel gehaust hat, sondern einer, dem alles genommen wurde, woran er glaubte. Trag unsere Geschichte hinaus, ich bitte dich.
Krabat erwidert ungesagt: Das werde ich, so gut ich kann.
Jirko schließt dankbar die Augen und lehnt sich zurück. Er wirkt sehr schwach.

Krabat will sich zum Gehen wenden, als ihn die Stimme des Schwarzen Müllers zurückhält.
„Dann scheint es jetzt an der Zeit“, sagt Jakub unvermittelt. Er fasst Jirkos Hand und legt sie auf sein eigenes Herz. „Ich spreche dich hier und jetzt frei von dem Bann, den ich auf dich legte. Ich gebe dir deinen Tod wieder, Freund. Mögest du deinen Frieden finden.“
Krabat sieht Jirko erleichtert aufatmen. „Ich habe meinen Frieden, denn du bist bei mir. Ich stehe dir bei, so lange ich noch kann“, antwortet er. Seine Stimme klingt atemlos und dünn. Es scheint, als wären seine Kräfte bald aufgezehrt.
Von Jakub kommt keine Antwort mehr. Er öffnet nur erschöpft das eine Auge, sieht Krabat an und nickt kaum merklich. Danke, scheint sein Blick zu sagen, danke, dass ich ihn noch einmal sehen durfte. Das Leuchten in seinem einen müden Auge nimmt ab, die Lider schließen sich langsam.

Und damit scheint es zu Ende zu gehen mit dem Schwarzen Müller vom Koselbruch. Als auch Jirko sich nicht mehr regt, ist für Krabat gewiss, dass die beiden Männer nun ihr Ende gefunden haben. In diesem Moment verfinstert eine Wolkenbank den Mond und hüllt alles ringsum in tiefe Dunkelheit. Eine Brise weht an ihm vorbei und er hat kurz das Gefühl, als würde jemand seine Schulter berühren. Dann fühlt er, dass ihm warme Finger etwas von der Stirn streichen, so wie ihm die Kantorka damals den Drudenfuß abgewischt hat. Und wie damals ergreift ihn eine stille Sicherheit. Ein Rabe schreit jäh zwei Mal in der Nacht, laut und heiser, dass es Krabat durch Mark und Bein fährt. Ein zweiter antwortet ihm aus der Ferne.

Das Mondlicht flutet wieder über die Lichtung, die Wolken sind vorbeigezogen. Doch der Platz ist leer. Keine Brandruine, kein Schnee mehr. Er steht mitten zwischen den jungen Sträuchern, als wäre das Dickicht nie weg gewesen. Weder von Jirko noch vom Müller ist etwas zu sehen. Ein Schatten streift Krabat. Als er nach oben sieht, erblickt er zwei Raben, die vor dem Mond kreisen und langsam immer blasser werden.

Schaudernd macht er sich auf den Rückweg, zwischen den Büschen hindurch, in den Wald hinein. Er wird zu Juro gehen, beschließt er, zurück nach Hause will er noch nicht. Juro wird verstehen, er wird Rat wissen, er wird zuhören.

Und so verlässt er den Koselbruch zum letzten Mal, ohne Andacht und ohne Grab für Jirko und den Schwarzen Müller.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast