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Keine Andacht und kein Grab

GeschichteDrama, Tragödie / P18
Jirko Krabat Meister
13.09.2014
05.11.2014
10
13.153
4
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13.09.2014 732
 
Kapitel 8
Von Erinnerung und Gedanke

Krabat sitzt am Bach und starrt in die Wolken, die schwermütig über den Himmel ziehen. Ihre Ränder versilbert das Mondlicht, doch die Bäuche bleiben schwarz wie Tinte. Er hat jegliches Zeitgefühl verloren, der Mond scheint nicht sinken zu wollen und von einer Dämmerung ist nichts zu sehen.

Der Brandplatz liegt einige Schritt hinter ihm. Er hat die beiden Männer sich selbst überlassen. Es geht ihn nichts an, was sie zu besprechen haben. Vereinzelt werden die Stimmen zwar etwas lauter, aber niemals laut genug um verständlich zu sein. Seine Befürchtungen sind zerstreut und er ist jetzt von der Aufrichtigkeit Jirkos überzeugt. Was er in den vergangenen Stunden erlebt hat, war ein trauriges Wiedersehen und ein liebevoller Abschied zweier alter Freunde.
Die Eindrücke, die er gewonnen hat, hallen in ihm nach. Er tut sich immer noch schwer damit, den Mann namens Jakub mit dem Schwarzen Müller vom Koselbruch zu vereinbaren. Allerdings ergänzen sich beide bis zu dem Punkt, dass Krabat ein gewisses Mitgefühl empfinden kann. Aus den Schatten der Vergangenheit hat sich ein Mensch herausgeschält, der ihm bisher völlig verborgen war.

Was genau zwischen Jirko und Jakub vorgefallen ist, kann er bestenfalls erahnen, es ist auch nicht seine Sache. Dass dieses Ereignis jedoch Wellen geschlagen hat, die zahllose Menschen unverdient in den Tod gerissen haben, stimmt ihn traurig. Wie sehr der Schwarze Müller diesem Jirko verfallen gewesen sein muss, um sich selbst so sehr zu verleugnen, dass er zum Mörder im Namen eines finsteren Paktes wurde, will er nicht ausloten. Doch jetzt, wo Krabat zurückdenkt an die beiden Gelegenheiten, zu denen der Müller über Jirko gesprochen hat, erinnert er sich daran, was dabei stets in den Augen des Müllers zu sehen war: Tiefe Wehmut, die blasse Erinnerung an glückliche Tage und die bittere Gewissheit, dass diese Zeit für immer hinter ihm lag. Nie sonst war so ein echtes Gefühl beim Müller zu bemerken gewesen, abgesehen vom Zorn.

Ob er selbst wohl seit dem Tod seiner Frau einen ähnlichen Ausdruck zeigt?

Er hat sich nie mehr gebunden, geschweige denn anderen Frauen zugewandt. Eine engere Freundschaft gibt es ebenfalls nicht in seinem Leben, er bleibt viel für sich. Das gründet sich zum einen darauf, dass er sich immer genug Arbeit vornimmt, um nicht allzu viel über sich selbst nachdenken zu müssen; zum anderen ist seither auch kein anderer Mensch in sein Leben getreten, der ihn so tief berührt hat.
Diese Einsicht streift ihn mit ihrer unangenehm kalten Hand: An diesem Punkt seines Lebens ist er dem Schwarzen Müller ähnlicher, als ihm lieb wäre. Kalt und zugeknöpft, unzugänglich für andere Menschen. Verwunderlich ist es nicht, ist jener doch immer das gewesen, woran der vaterlose Krabat die Rolle eines Erwachsenen festgemacht hat. Verschlossen, unerreichbar, die eigenen Gefühle verleugnend. Etwas anderes kennt er kaum, daher ist die einzige Schlussfolgerung aus der Verletzung durch den Tod seiner Frau für ihn nur der Rückzug in die Einsamkeit gewesen. Wie man wirklich neu anfängt und sich öffnet, das hat er nie gelernt, denn die Last aus seiner Vergangenheit und seiner neuen Trauer um die Liebste war einfach zu schwer und auch zu wertvoll, um sie hinter sich zu lassen.

So sehr er sie auch verabscheut hat, sind es doch die alten Zaubersprüche gewesen, die ihn durch all die Zeit begleitet haben. Er hat sie nie benutzt, vergessen hat er sie aber auch nicht. Und vergessen kann man nur, was man nicht übt. Auswendig hat er sie Nacht für Nacht aufgesagt, wie andere ihr Abendgebet sprechen. Hat sich den Wortlaut jedes einzelnen Spruches eingeprägt, den er jemals gelernt hat. Über vierzig Jahre hinweg, immer und immer wieder. Wollte er zaubern, bräuchte er kein Buch mehr, wie der Schwarze Müller es in Verwendung hatte. Sie sind mit allem Schmerz und aller Traurigkeit ein Teil von ihm geworden, eine insgeheime Stütze, die ihn trägt.

Dieses Andenken hat er sich bewahrt, obwohl es ihm ins Herz schneidet mit jeder Wiederholung der Formeln. Denn es hat ihm nicht nur das Leid gebracht, sondern auch eine kostbare Zeit der Freude und eine tiefe, wahrhaftige Liebe.

Krabat fröstelt. Ein leichter Wind kommt auf und treibt ihm die Kälte unter den Mantel. Er entschließt sich, zu den anderen zurückzukehren und Lebewohl zu sagen. Der Abschied gilt sinnbildlich auch für den Weg, den er bisher eingeschlagen hatte. Er spürt, dass noch etwas vor ihm liegt, etwas Wichtiges, dem er sich bislang verschlossen hatte.
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