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Keine Andacht und kein Grab

GeschichteDrama, Tragödie / P18
Jirko Krabat Meister
13.09.2014
05.11.2014
10
13.153
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13.09.2014 1.028
 
Kapitel 7
Entspringe den Haftbanden, entkomme den Feinden

„Du erkennst mich nicht“, spricht Krabat ihn an, halb verwundert, dass der Müller ihn tatsächlich vergessen zu haben scheint. „Ich war einer deiner Burschen hier.  Mein ganzes Leben mit Ausnahme einer weniger Jahre meiner Jugend habe ich im Schatten deines Schreckens zugebracht. Ich war Krabat, bis ich dich hier habe brennen sehen und dachte, du wärst tot. Unter neuem Namen habe ich einen Neuanfang gewagt. Aber dein Fluch hat weiter bestanden und Frieden fand ich keinen. Bis dein Jirko heute vor meiner Tür stand. Ich habe ihn hergeführt, damit er es zu Ende bringt, was ihr begonnen habt.“
Erkennen tritt in das Auge des Müllers, und dann Entsetzen und Scham, alles so offen, dass Krabat es nicht glauben möchte. Doch er sagt nichts darauf, starrt Krabat nur an wie einen Geist. Jirko sieht wieder zu seinem Freund hinunter. „Ich habe ihn gebeten, hier zu bleiben und zu zu hören“, erklärt Jirko. „Er ist der Letzte, der übrig ist, und ich wollte, dass wenigstens einer die Wahrheit erfährt.“

Krabat ballt die Hände zu Fäusten, nur die alte Abscheu gibt ihm in diesem Moment Kraft, es hinter sich zu bringen. Er hält den Blick des Schwarzen Müllers mit seinem eigenen gefesselt.
„Ich werde dir nichts vergeben“, sagt Krabat ernst. „Du hast gemordet und dich an der Schwachheit anderer bereichert. Mit deiner Grausamkeit hast du dich am Ende doch nur selbst verletzt und ich gönne dir  alles Leid, das du uns angetan hast, doppelt und dreifach. Aber das, was ich heute gehört habe, von dir und von Jirko, erklärt so vieles. Ich verstehe jetzt, warum du so gehandelt hast. Es waren wohl nicht die Machtgier und die Boshaftigkeit, die ich dir Zeit meines Lebens unterstellt habe, der Grund für dein Handeln und diesen heillosen Pakt mit dem Herrn Gevatter. Vierzig Jahre brannte das Wissen, dass du nicht tot bist, schmerzhaft in mir. Dass es dir mit Jirko nicht anders ging, erklärt, warum du für ihn um jeden Preis am Leben bleiben musstest. Es rechtfertigt nichts, denn dein Handeln war falsch. Doch nun kenne ich deine Gründe und dies hilft mir, mit dir abzuschließen. Und im Gegensatz zu dir bin ich nicht grausam.“

Damit kniet er sich neben seinen alten Meister nieder und fasst ihn fest mit der Rechten an der Schulter. Tonlos murmelt er eine Formel, die ihm vor so vielen Jahren Juro zugetragen hat. Ein uralter Spruch, von so vielen Menschen über die Zeit hinweg bewahrt und weitergetragen. Die letzten Worte wiederholt er deutlich und auf deutsch, sodass der Müller ihren Sinn versteht:

"Entspringe den Haftbanden, entkomme den Feinden."
Befreie dich, löse dich. Nicht länger sollst du hier darniederliegen. Geh deiner Angst entgegen und durch den Schatten hindurch. Dir sei hiermit die Stärke gegeben, deine Fesseln zu brechen und zu fliehen, was dich hält.

Sofort strömt Kraft aus ihm ab und in den anderen hinein. Jirko sieht ihn mit hochgezogenen Brauen fragend an. Warum?, sagen seine Augen.
Also erklärt Krabat sich mit knappen, harschen Worten, den Blick wieder auf den Schwarzen Müller gerichtet: „Das Mädchen, das für deinen Untergang sorgte, Müller vom Koselbruch, wurde meine Frau. Sie starb viel zu früh als Wöchnerin. Ich hatte gerade ein einziges, viel zu kurzes Jahr mit ihr. Und auf ihrem Sterbebett sah sie mich an, kurz bevor der Tod sie ereilte. Und in ihren Augen war nichts als Hoffnung und Angst. Sie war zu schwach, doch der Wunsch zu leben brannte so hell in ihr, dass er sie verzehrte. Vierzig Jahre lang verfolgte mich ihr Blick. Jetzt sehe ich dich an und all der Schmerz wird wieder lebendig.  Ich konnte ihr nicht helfen, weil ich es nicht besser wusste und weil ich mich weigerte, die mir gegebene Kraft für sie einzusetzen. Du standest vor meinem Inneren Auge an ihrem Sterbebett und hast mich verhöhnt mit der Verlockung, zu ihrer Rettung die Schwarzkunst anzuwenden. Ich blieb stur, und verlor mein Weib. Es hat mir das Herz gebrochen. Genauso, wie es mir das Herz gebrochen hat, dass ich Tonda und Michal nicht helfen konnte, als du sie gemeuchelt hast.“ Fest sieht er den am Boden Liegenden an. Er atmet tief durch, bevor er seine Entscheidung in Worte fassen kann. „Dir aber kann ich helfen, auch wenn es mir zutiefst widerstrebt. Also, nutze meine Kraft im Namen derer, die ich verloren habe, und tu, wonach es dich verlangt.“

Der Mann namens Jakub sieht Krabat an, mit weit aufgerissenem Auge, in dem sich Tränen sammeln. Krabat kann bis auf den Grund seiner Seele blicken und sieht, dass er mit seiner einfachen Tat und seinen Worten alle Bande gesprengt hat, die sich um das Innerste des Schwarzen Müllers gelegt hatten. Dessen ganzes Selbst ist in Aufruhr, sein Leib zittert, denn die Kraft seiner Empfindungen überwältigt ihn vollkommen. Den Herzschlag seines einstigen Todfeinds spürt er rasend und hart unter seiner Hand. Und er weiß, dass der Mann vor ihm alles erwartet hat, aber nicht ein solches Geschenk.
Dort wo seine Kraft ihn verlässt, fühlt Krabat eine Verbindung, die ihn alles spüren lässt, was der Müller empfindet. Eine tiefe, absolute Dankbarkeit erfüllt ihn und erschüttert ihn zutiefst, Reue raubt ihm den Atem. Er schließt die Augen und wendet den Kopf ab, um den beiden Freunden etwas Raum zu geben.

Bevor der Schwarze Müller selbst seine Lähmung überwinden kann, fasst Jirko einfach seine Hand und flicht ihre Finger ineinander. Eine glühende Wärme strömt von ihm aus, golden und sengend, schmerzhaft in ihrer Stärke. Das löst die Starre endgültig. Jakub hebt den Arm und zieht den verlorenen Freund an sich, vergräbt das Gesicht an der Kehle des anderen. Jirkos Wärme taut den zu Eis erstarrten Schmerz, löst ihn in Tränen auf.

Als Krabat seine Hand zurückzieht und aufsteht, ist ihm, als sähe er für einen kurzen Augenblick eine Gestalt jenseits der Trümmer der Mühle, hager und bleich, in schwarzes Tuch gehüllt, das Gesicht in der Dunkelheit unter der breiten Hutkrempe nicht zu erkennen. Als sähe er die Gestalt ernst nicken. Doch er muss blinzeln, etwas sticht ihn im Auge. Wie er den Blick wieder hebt, ist niemand mehr zu sehen. Er entfernt sich leisen Schrittes und mit seltsam leichtem Herzen.
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