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Keine Andacht und kein Grab

GeschichteDrama, Tragödie / P18
Jirko Krabat Meister
13.09.2014
05.11.2014
10
13.153
4
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
13.09.2014 1.809
 
Anmerkung

Liebe Leser,
heute gibt es nur einen Teaser, das ganze Kapitel folgt dann kommenden Montag. Ich bin übers Wochenende (bis 05.10.2014) nämlich im Urlaub. Zusammen mit zwei sehr lieben Freunden besuche ich die Lausitz. Falls jemand von euch (vielleicht für eine eigene Geschichte) Impressionen braucht - unter anderem aus dem Koselbruch - ich habe die Spiegelreflexkamera mit und mache gerne Fotos für euch bzw. teile meine Ausbeute. Einfach eine private Nachricht schreiben, ggf. mit dem was ihr gerne fotografiert hättet.
--- 06.10.2014 Seit gestern abend bin ich wieder zuhause und habe einiges an Bildern dabei, einige andere sind noch bei einem Freund auf dem Laptop.  Leider hatte ich nicht genügend Zeit um im Koselbruch großartig auf Wanderschaft zu gehen, da die anderen Tagesordnungspunkte und eine längere Heimfahrt da in die Quere kamen. Aus der Krabatmühle selbst gibt es aber viel Bildmaterial und auch einige Aufnahmen aus der Lausitz, falls jemand möchte. Und ich werde sicher im nächsten Jahr nochmal rauf fahren und Wandern gehen.
Anfang Oktober ist sicher eine tolle Jahreszeit um die Lausitz zu sehen. :)

So, aber jetzt viel Vergnügen mit dem Kapitel. :)





Kapitel 5
Der Kreis und das Band

Je weiter er in den Tunnel vordringt, desto kälter scheint es zu werden. Tatsächlich spiegeln sich in den Büschen alle Jahreszeiten von Frühsommer über Herbst bis zum winterlich kahlen Dickicht. Je tiefer hinein umso kahler die Sträucher. Als er schließlich den Frost unter den Sohlen knirschen hört und sein Atem weiß vor ihm in der Luft hängt, schlägt auch die Angst wieder ihre Klauen in sein Herz und macht es bleischwer.
Jirko bleibt kurz stehen und murmelt: „Das ist gut. Besser als ich's mir erhofft hab.“ Damit tritt er vor Krabat aus dem Tunnel hervor auf ein freies, schneebedecktes Feld, in dessen Mitte schwarz und schrecklich die Brandruine der Mühle liegt. Vom Brandplatz ausgehend bildet die Lichtung ein exaktes Rund von etwa zweihundert Schritt, aus dem die Biegung des Schwarzen Wassers haargenau ein Viertel heraustrennt. Krabat scheint das Blut in den Adern zu gefrieren, und das nicht nur wegen der eisigen Kälte, die ihm entgegenschlägt. Vor ihm sind Fußspuren in den Schnee getrampelt, alle von der Mühle weg. Als wäre die Zeit stehen geblieben und immer noch die selbe Silvesternacht vor vierzig Jahren, in der er von hier fortgezogen ist. Doch der Blick auf die Stallungen zeigt, dass sehr wohl Zeit vergangen ist. Der Kreis schneidet das niedrige reetgedeckte Gebäude genau entzwei und was außerhalb seines Rundes liegt, ist vermodert und eingestürzt, überwuchert und vergangen. Innerhalb seiner Grenzen jedoch meint man fast, Juro jeden Moment mit einem Korb voller Eier aus dem Hühnerstall hervor stolpern zu sehen.

Ein lautes Poltern lenkt seinen Blick auf die Brandstätte. Jirko ist dort bereits zugange und schleppt mithilfe seines Handbeils Balken und verkohltes Bretterwerk beiseite. Er konzentriert sich auf einen ganz bestimmten Punkt und schert sich nicht viel um die ringsum aufragenden Trümmer. Er weiß scheinbar ganz genau, wonach er sucht. Langsam tritt Krabat hinzu, mustert Jirkos verbissenes Gesicht und wägt ab, was zu tun ist. Die Angst in ihm zerrt an seinem Herzen und lässt ihn innehalten. Er denkt an seine eigene Mühle, in die er sich jetzt zurückwünscht, an die vierzig Jahre in Unsicherheit, die ihn mürbe gemacht haben. Abzuwarten hat ihm bisher nicht viel eingebracht und er muss sich eingestehen, dass dies vielleicht seine einzige Gelegenheit ist, das alles hinter sich zu bringen. Also zieht er zögernd sein Beil vom Gürtel und beginnt ebenfalls die grausige Arbeit. Dass er den Mut dazu hat, überrascht ihn selbst. Neugier? Weiß der Teufel, sagt er sich und packt umso fester mit an, um das mulmige Gefühl zu vertreiben. Schweigend arbeiten sie nebeneinander, für keinen der beiden Männer ist es eine leichte oder angenehme Arbeit. Balken und Bretter, Bohlen und Dielen, Zapfen und Wellen schaffen sie zur Seite, alle durcheinander und schwarz gekohlt. Aschestaub wirbelt auf, lässt ihre Augen brennen und zwingt sie zum Husten. Mehr als einmal ritzt ein vorstehender, krummer Nagel ihre Haut oder verfängt sich an ihren Hemdsärmeln. Doch für Krabat kann die Arbeit nicht das Grauen überlagern, das er tief im Inneren dabei empfindet.

Auf einmal hält Jirko inne und bedeutet ihm, aufzuhören. Er sieht ihn finster an und jenes fieberhafte Funkeln tritt unter dem Mondlicht wieder in seine Augen. Auch wenn er sich etwas an die Art des Anderen gewöhnt hat, ist ihm der alte Freund des Schwarzen Müllers unheimlich. Das Wissen um seine Geschichte und die Düsternis der Umgebung unterstreichen das trefflicher, als ihm lieb ist.
„Eins noch, Meister Jakub aus Hoyerswerda“, meint Jirko gelassen und streicht sich den Schweiß von der Stirn. Er wirkt selbstsicher wie einer, der gefunden hat, wonach er suchte. Krabat schaudert. „Bei all dem, was hier mit dir geschehen ist, wundert es mich doch sehr, dass dein neuer Name ausgerechnet Jakub wurde.“
„Wieso?“, fragt Krabat tonlos, während sich seine Innereien in Eis verwandeln.
Jirko lächelt, ob milde oder grausam ist nicht deutbar. Unter dem Mond leuchten seine gebleckten Zähne hell.

„Er hieß Jakub.“

Damit stößt er einen Balken beiseite. Eine bleiche Hand kommt darunter zum Vorschein, schimmernd im Mondlicht. Krabat erstarrt, in seinem Kopf hallt der Name wieder.
Jakub...
Jakub...
Wie in einen weiten, kalten Himmel geschrien breitet sich das Echo in seinen Gedanken aus, zieht Kreise und wirbelt Vergessenes empor. Und aus dem Traum des Schwarzen Müllers, damals im dritten Jahr auf der Mühle, perlt die Erinnerung herauf. Daher kennt er diesen Namen! Denn der sterbende Zauberer Jirko hat im Traum niemals Krabat gerufen, wie Juro es tat, als er blutend vom Himmel fiel, sondern immer, immer Jakub.
Und da liegt er, schneeweiß unter dem Mond, auf das Kohlschwarz seiner eigenen Hölle gebettet. Er scheint unversehrt, nicht einen Tag älter, als würde er schlafen. Der Schwarze Müller vom Koselbruch, der Zauberer, der Hexenmeister, der Leuteschinder. Jakub, wie Jirko ihn nennt.

Wie betäubt sieht Krabat zu, wie Jirko ihn vorsichtig vom Schutt befreit, die Asche und den Ruß abwischt, den seine verbrannten Kleider auf seinem Leib hinterlassen haben. Er sieht Jirko sich hinunterbeugen, sich neben ihn kauern, sieht wie seine Finger nach einem Herzschlag suchen, sieht die Hände sanft das Gesicht umfassen, das friedlich und still ist. Das Gesicht, dessen Anblick die alten Wunden wieder aufreißt und ihm das Herz zerquetscht vor Angst und Zorn.
„Oh, alter Freund...“, hört er den anderen murmeln, die Stimme fast erstickt. „Oh du dummer, sturer Esel...“
Krabat hört und sieht die Zuneigung, die der Mann namens Jirko für den Mann namens Jakub hegt, doch er begreift nicht, warum dieser Fremde diesen Mörder so tief lieben kann. Galle steigt ihm brennend in den Hals, Wut und Erschütterung lassen ihn zum Wasser taumeln. Stolpernd erreicht er den Bach, fällt am gefrorenen Ufer auf die Knie, taucht Hände und Gesicht hinein, ungeachtet der schneidenden Kälte. Seine Haut brennt vor Schmerz, als er sich wieder nach oben drückt und um Luft ringt, doch er ist unfähig irgendetwas zu empfinden, so sehr toben die Gefühle in ihm. Ihm ist übel und schwindlig und er weiß nicht, was ihn mehr anwidert: Dass der alte Teufel dort drüben liegt, als hätte ihm nie jemand etwas anhaben können, dass alle Opfer nicht ausgereicht haben, um ihn zu vernichten – oder dass er all diese Jahre unwissentlich seinen Namen getragen hat. Den Namen von Jakub, dem Schinder.

Eine Hand legt sich warm und fest auf seine Schulter. Es ist Jirko.
„Lass mich“, fährt Krabat ihn an. „Damit will ich nichts zu tun haben.“
„Womit denn, Krabat?“, fragt Jirko sanft. Zum ersten Mal scheint sich sein wahres Alter in seine Stimme zu stehlen, denn es klingt eine jahrzehntealte Traurigkeit darin. „Wolltest du ihn nicht los sein, dein Leben lang? Erzähl mir nicht, dass du nicht immer den Wunsch hegtest, endlich nicht mehr des Nachts aus dem Schlaf hochzufahren mit Blut an den Händen oder einem eisigen Blick im Nacken? Mach mir nicht weiß, dass du dich nicht bis ins Innerste davor fürchtest, er könnte seine Kräfte wiedererlangen. Und jetzt wo der Moment gekommen ist, dass du genau diese Angst für immer hinter dir lassen kannst, dass du dir endlich sicher sein kannst, erzählst du mir, du willst damit nichts zu tun haben?“
Er kauert sich neben Krabat ans Ufer des Bachs. „Ich brauche dich nicht für das was ich vorhabe. Doch als dieser Juro mir erzählte, du wüsstest, wo ich meinen alten Freund finde und könntest mir sagen, was mit ihm geschehen ist, da spürte ich durch seine Worte hindurch das Band, das zwischen Jakub und dir besteht. Schicksal oder Schuld, nenn' es wie du willst, ich wollte es nicht zerreißen ohne dein Wissen. Ich bin froh, dass du da bist. Was ich dir zeigen will hier...“ Er bricht ab, scheint sich zu sammeln.
Als er weiterspricht klingt er nicht mehr so bestimmend wie er bisher aufgetreten ist: „Was ich dir zeigen will, ist er, wie er wirklich ist. Denn ich weiß, dass er dir nur das Schlechteste an sich offenbart hat. Ich will, dass zumindest einer es noch weiß, wenn ich nicht mehr bin. Ich will ihn nur sprechen, ein letztes Mal noch, damit er den Zauber löst. Dann wird auch er vernichtet.“

Krabat starrt ihn feindselig an. „Was auch immer du tust, ich werde ihm niemals, niemals vergeben. Das kannst du nicht ändern, das hättest du nicht einmal vor vierzig Jahren ändern können. Er hat sich so unvorstellbar versündigt, dass es mir graust, ihn nur anzusehen. Erwarte nicht von mir, dass ich aufgrund deiner plötzlichen Reue etwas für ihn tue! Er hat jede Gnade verspielt.“
„Das verlange und erwarte ich nicht. Ich kann dich nicht zwingen, irgendetwas anderes von ihm zu denken. Er war zu grausam zu dir und was zwischen euch damals vorgefallen ist, steht mir nicht an zu bewerten. Nimm an, was ich dir zeigen möchte, und vergiss es hernach, wenn du meinst.“
Stille. Dann presst Krabat vor Wut zitternd zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus: „Ich werde zusehen. Nur das. Nicht mehr. Wenn du auf irgendeine Weise versuchst, ihm wieder Kräfte zu geben, dann schlag ich euch beide mit meinem Beil in Stücke. Kein Zauber wird mich halten, das schwör' ich dir. Ich will mir ansehen, dass es endlich vorbei ist, weder ihm noch dir zuliebe tu ich das, sondern einzig für mich.“
Seine zur Faust geballten Hände beben vor Zorn und er muss sich beherrschen, Jirkos Hand nicht von seiner Schulter zu schlagen.

„Schon gut“, lächelt Jirko, diesmal klar erleichtert. „Ich danke dir.“Er drückt kurz Krabats Schulter, dann steht er auf und geht zügig zum Brandplatz zurück. Krabat bleibt noch ein wenig, lauscht dem Schwarzen Wasser und versucht seine Gedanken in ruhige Bahnen zu zwingen.





Anmerkung
Der Name. Das war keine leichte Entscheidung. Jakub (Jakob) wurde es aber zum einen wegen der Bedeutung des Namens, zum anderen wegen seiner Gebräuchlichkeit im polnischen und sorbischen wie deutschen Sprachraum. Und ein bisschen Hommage an Jurij Brězan.
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