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Keine Andacht und kein Grab

GeschichteDrama, Tragödie / P18
Jirko Krabat Meister
13.09.2014
05.11.2014
10
13.153
4
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13.09.2014 958
 
Kapitel 4
Geh voran und vorüber

Der Regen hat nachgelassen, nur noch dünner Niesel fällt auf die beiden Männer herab. Sie gehen schweigend nebeneinander, doch Krabat bemerkt, wie der andere ihn immer wieder neugierig mustert. Er kann sich schon denken, worum es geht. Die einzelnen Lichter von Hoyerswerda bleiben schließlich hinter ihnen zurück. Ihr Weg führt sie hinaus auf offenes Feld. Erst, als von der Stadt schon lange nichts mehr zu sehen ist und sie sich dem Wald nähern, ergreift Jirko wieder das Wort:
"Du meidest die Schwarze Kunst, Müller. Dabei warst du früher dabei, sie zu meistern, wie man sich erzählt."

Die Antwort kommt Krabat nur ungern über die Lippen. In seinem Innersten sträubt sich alles dagegen, wieder von den verdrehten Lehren des Schwarzen Müllers anzufangen, die nichts als Unglück über sein Leben gebracht haben.
"Dieses Hexenwerk ist zu nichts zu gebrauchen. Es bringt nur Leid und Verderben und sonst keinerlei Nutzen", sagt er verächtlich.
Jirkos Blick sticht ihn durch die Dunkelheit hindurch. "Aber trotzdem hältst du daran fest. Du nutzt die Schwarze Kunst nicht mehr, Krabat, aber obwohl du sie verabscheust, merzt du sie nicht aus. Hast du denn nie nach einem Weg gesucht, dich davon zu lösen?"
Krabat geht schweigend weiter. Er hat nicht vor, über alte Zeiten zu plaudern. Selbst wenn Jirko ein langjähriger Freund wäre, würde er seine Gründe nicht vor ihm ausbreiten.

Der Andere merkt bald, dass Krabat nicht antworten wird. Er belässt es dabei und beschleunigt seinen Schritt, um nicht hinter dem Müller aus Hoyerswerda zurückzufallen. Irgendwann jedoch, als der Wald schon Fichten und Kiefern um sie drängt und von dem Weiler, den man später Bröthen nennt, einzelne Lichter herüber blinzeln, hört man Jirko belustigt schnauben.

„Ein wenig war er so wie du. So herb und trocken, immer ernst. Immer bei der Sache, immer umsichtig. Er war kein Träumer“, sagt er.
Krabat entgegnet nichts darauf. Was Jirko von ihm oder seinem alten Freund hält, will er nicht wissen. So tut er, als hätte er nichts gehört und stapft weiter wie einer, der eine Beleidigung überhört, um einem Streit aus dem Weg zu gehen. Jirko jedoch scheint absichtlich Salz in die Wunde streuen zu wollen:
„Seine Art, an die Dinge heranzugehen, war immer sehr überlegt. Selten, dass er etwas dem Zufall überlassen oder etwas falsch eingeschätzt hat. Ich habe das immer bewundert. Ich verschwendete immer erst dann einen Gedanken an drohende Gefahr, wenn sie mir direkt ins Gesicht starrte. Daher traf er meist die Entscheidungen, wohin wir wanderten, oder bei wem wir um Arbeit baten. Sich wie ich Hals über Kopf und ohne Absicherung in eine Sache hineinzustürzen war ihm völlig fremd. Wenn es nichts daran zu gewinnen gab, hat er erst gar nicht damit angefangen. Im Nachhinein verwundert es mich, dass wir es so lange zusammen ausgehalten haben.“
Gespannt lauscht Jirko, ob von Krabat nicht vielleicht doch noch eine Erwiderung kommt. Der setzt nur stumm einen Fuß vor den anderen. Wieder breitet sich Schweigen zwischen sie, ihre Stiefel messen eine weitere Viertelmeile ab, bevor wieder gesprochen wird.

Wieder ist es Jirko: „Wieso nennst du dich Jakub, Krabat? Wieso nicht bei deinem Namen bleiben?“

Krabat bleibt wie angewurzelt stehen. „Das reicht jetzt. Was soll die Frage?“, herrscht er seinen Weggefährten an.
„Ich bin neugierig, wie du auf den Jakub kamst“, sagt Jirko mit einem beiläufigen Schulterzucken. Doch glaubhaft ist es nicht, denn  das Lauern ist wieder in seiner Stimme. „Es ist zwar kein ungewöhnlicher Name, aber da ich etwas mit ihm verbinde, frage ich mich eben doch.“
„Es geht dich nichts an. Und dass ich den Krabat irgendwann loswerden musste, ist dir sicherlich klar“, ist Krabats schroffe Antwort.

Danach sagt Krabat für den Rest der Strecke nichts mehr, obwohl Jirko ein ums andere Mal versucht, ihm etwas zu entlocken. Irgendwann lugt hinter ihnen ein blasser Mond zwischen den Bäumen hindurch. Der Nieselregen hört langsam auf und die Wolken treiben auseinander, sodass der Pfad durch den Wald nach Schwarzkollm hinüber gut sichtbar vor ihnen liegt. Vom Mond fehlt noch ein Stück zum Vollmond hin, doch Licht genug gibt er allemal.

Krabat fühlt wie Unbehagen in ihm aufsteigt. Nach einigen Schritten bemerkt er, dass er die Bäume seiner Umgebung vor langer Zeit das letzte Mal gesehen und seither gemieden hat. Laufend, zu jener Zeit, die Stimme des Meisters in den Ohren. Und auch jetzt ist ihm, als vernehme er eine Stimme in seinem Kopf: „Kehre um, Krabat. Kehre um. Gehorche der Stimme des Meisters.“ Und Krabats Mut sinkt mit jedem Schritt den er tut. Doch jetzt wird er nicht mehr umkehren, beschließt er insgeheim. Als sie jedoch im Koselbruch anlangen, wird sein Vorsatz nochmals auf eine harte Probe gestellt. Vor ihnen erhebt sich eine Wand aus Grün auf der Lichtung, auf der die Mühle stand. Birken, Holler, Bärenklau, Eberesche, Hasel, Nesseln, einige wenige Buchen und Schneeball wuchern wild durcheinander. Der Wald hatte über vierzig Jahre Zeit, sich das Stück Land zurückzuholen, auf dem die Mühle stand.

Als Jirko bemerkt, mit welchem Blick Krabat das Dickicht misst, lacht er nur und meint: „Das haben wir gleich.“ Er zieht sein Beil vom Gürtel, klopft dreimal auf das Blatt und schlägt es vor sich in den weichen Erdboden. Als hätte man einen Schleier von seinen Augen weggezogen, ist plötzlich ein Weg zu erkennen durch das Gehölz. Die Sträucher scheinen sich zur Seite zu biegen und die Äste zu heben. Ein Tunnel aus Zweigen und Wurzeln und Ranken führt schnurgerade hindurch.

Jirko, immer noch lachend über Krabats Gesicht, nimmt sein Beil an sich und geht voran. „Hast wohl vergessen, wie das ist, wenn einer zaubern kann“, ruft er über die Schulter.
Schnell folgt Krabat ihm nach. Wie das ist mit der Dauer solcher Zauber, weiß er noch sehr wohl.
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