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Keine Andacht und kein Grab

GeschichteDrama, Tragödie / P18
Jirko Krabat Meister
13.09.2014
05.11.2014
10
13.153
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13.09.2014 2.248
 
Kapitel 3
Vom Leben und Sterben


"Du kennst das Ende unserer Geschichte, das weiß ich. Vielleicht kennst du auch den Anfang. Wichtig ist aber nur das, was am Ende unserer Lehrzeit in der schwarzen Schule geschah, bevor wir zum zweiten Mal gemeinsam auf Wanderschaft gingen. Bevor unser Meister uns damals ziehen ließ, forderte er uns zur Probe. Wir wussten, er würde uns hart prüfen. Daher dachten wir, es wäre klug, uns ein paar Schlupflöcher offen zu halten. Nur für den Fall, denn die Regel war bekannt: Wer die Probe überlebt, ist frei.
Mein alter Freund war von uns beiden schon immer der Stärkere gewesen. Er meisterte die Prüfung. Ich jedoch nicht. Ich war gezwungen, unseren Meister zu täuschen und kam nur gerade so mit meinem Leben davon. Als jener von meinem Betrug erfuhr, wurde er rasend vor Zorn und setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um mich umzubringen. Beinahe hätte er es geschafft, hatte mich im Zweikampf niedergerungen und hatte gerade zum Todesstoß angesetzt. Aber wieder entrann ich dem Tod. Mein Freund machte es unmöglich, dass ich starb.“

Er sieht Krabat einen Moment lang forschend an, als würde er abwägen, ob er weitersprechen sollte oder nicht. Krabat begegnet dem Blick aufrichtig und wartet ab. Schließlich fährt Jirko fort:

„Es gibt eine Formel, mit deren Hilfe man den Tod eines anderen an sich bindet. So kann derjenige, auf den sie gesprochen wird, nur durch die Hand dessen sterben, an den sein Tod gebunden ist. Und dein alter Meister rettete mich, in dem er im letzten Moment diese Formel sprach. Er hat mich nie mehr davon freigesprochen.
Viele Jahre lang waren wir unzertrennlich. Wie Brüder. Aber dann begann ich, mich zu verändern. Ich verliebte mich, ein ums andere Mal, ich ging meine eigenen Wege, lebte in den Tag hinein. Ich wurde, wie man so schön sagt, ein Draufgänger und vergaß meine Grenzen. Gleichzeitig versuchte er, mir Vernunft einzureden, riskierte mehr als einmal Kopf und Kragen für mich. Seine Bindung an mich ging wohl sehr viel tiefer als meine an ihn. Für mich war es damals jedoch unvorstellbar, dass er eines Tages nicht mehr da sein und zur Rettung eilen würde, also nahm ich wenig Rücksicht auf ihn. Und so zerstritten wir uns zunehmend. Ab einem gewissen Punkt wollte er mir nicht mehr die Kraft geben, die ich so selbstverständlich von ihm forderte. Er war verletzt und ausgezehrt und ertrug es nicht mehr, was ich ihm antat. Darüber hinaus hatten wir es uns mit der Obrigkeit verscherzt und waren gesucht; durch mein Ungeschick war uns sogar ein Mord angehängt worden. Wir mussten die Gegend hier fliehen. So trennten wir uns, niemals lange, aber jedes Wiedersehen war kühler und schmerzhafter als das vorige.
Und bald kam der Moment, in dem ich feststellen musste, was es heißt, allein zu sein, was es vor allem heiß, nicht sterben zu können, egal wie sehr man es ersehnt. Jene, die ich liebte, starben an der Pest und auf dem Schlachtfeld, oder hatten sich wie er, verletzt und verbittert, von mir abgewandt. Und irgendwann war mein Leben finster und mein Wille, es fortzuführen, so gut wie erloschen. Ich verlangte nach dem Tod. Und ein ums andere Mal bedrängte ich meinen Freund, dem ich fremd geworden war, mich zu töten. Doch er..."

Jirko schweigt. Ein bitteres Schweigen, als wäre die Erinnerung zu schmerzhaft, um sie auszusprechen.

"Er brachte es nicht über sich, Hand an dich zu legen, weil er dich immer noch wie seinen Bruder liebte", vollendet Krabat den Satz. In seinem Kopf spielt noch einmal die Szene vom Radhub im Koselbruch vor vielen Jahrzehnten. Wie der Schwarze Müller sich betrunken hat, nachdem er von Jirko erzählt hat, wie ihm dieser alte, düstere Groll deutlich anzusehen gewesen war.
Die Antwort Jirkos ist nur ein Nicken.

"Weggeschickt hat er mich. Nicht nur einmal. Verspottet und verlacht. Und schließlich haben wir uns im Zorn aufs Blut bekämpft. Ich unterlag ihm, war ihm absolut ausgeliefert. Er hätte nur ein einziges Wort sagen müssen und mein Leben wäre dahin gewesen. Doch stattdessen verfluchte er mich, zauberte sich aus meinem Gedächtnis. Ich vergaß sein Gesicht und seinen Namen, wer er war und warum ich ihn suchte. Und er ließ mich liegen damals. Verschwand einfach und ließ mich in bitterstem Irrsinn zurück." Der Blick aus Jirkos grauen Augen trifft Krabat hart. Es ist offensichtlich, dass der Andere diese Geschichte nicht gern erzählt, dass ihn die Erinnerungen schmerzen.

"Ich bereiste die halbe Welt auf der Suche nach dem ungreifbaren Wissen, das er in mir verschlossen hatte. Beinahe zwei Jahrzehnte lang habe ich Runen und Orakel, Wahrsager und Traumdeuter, Heiler und Heilige befragt und sie alle zeigten mir nur immer, dass ich von meinen Wurzeln abgeschnitten sei, dass ein blinder Fleck meine Sicht trübe. Im Orient hatte ich mir damals einen Namen als Hexenmeister gemacht und wurde vom türkischen Sultan unter viel Schmeichelei angeworben, ihm zunächst am osmanischen Hof und später dann im Krieg zu dienen.
So kreuzten sich unsere Wege viele Jahre später durch diese seltsame Fügung noch einmal. Im Türkenkrieg, er auf der Seite der Sachsen. Diese Geschichte kennst du gut, das weiß ich. Zunächst erkannte ich ihn nicht. Ich verfolgte ihn und war kurz davor, ihn zu erhaschen, doch dann kehrte plötzlich meine Erinnerung an unsere Vergangenheit so schmerzhaft zurück, dass er mir entwischte. Ich war wild entschlossen, dieses Mal die Sache zu Ende zu bringen und griff ihn an. Und tatsächlich: Er schoss! Und er traf auch. Aber der Schnitter ließ auch dieses Mal seine Sense wieder sinken und wieder blieb ich am Leben."

"Und seitdem suchst du nach einem Weg, wieder Herr deines eigenen Todes zu werden," schließt Krabat die Erzählung seines Gastes.
"So ist es."
"Gibt es denn einen Weg?"
"Das hängt von der Art und Weise ab, auf die mein alter Freund gestorben ist. Falls noch genug von ihm übrig ist, dass er den Zauber auflösen kann, bin ich gerettet. Ansonsten..." Jirko lässt den Satz unvollendet, seufzt und starrt dunkel auf seine Hände.

Krabat nickt langsam, wendet den Blick zum Fenster, gegen das der Regen die nächtliche Finsternis schmiert. Genauso düster und aufgewühlt sind seine Gedanken. Zu gern würde er leugnen und verdrängen, was jetzt ansteht. Er weiß insgeheim, dass das, was er abgeschlossen glauben wollte, niemals abgeschlossen war. Und er hat Angst davor, zurückzukehren zu den Quellen seiner Erinnerung. Doch diesmal gibt es keinen Ausweg, kein leichtes Davonkommen.
"Also?" Jirko merkt, dass sein Gegenüber eine Ausflucht in seinen Gedanken sucht. Doch das wird er nicht dulden. "Wie starb er?"

Tief atmet Krabat durch. "Er hat seine Macht verloren, als mein Mädchen mich bei ihm freibat. Sein Leib und die Mühle wurden noch in derselben Nacht vom Feuer verzehrt."
Die Augen des anderen Mannes verengen sich, tiefe Runzeln treten auf dessen Stirn. "Du hast ihn nicht im Duell besiegt? Nicht selbst getötet?"
Nun sieht Krabat auf. "Nein. Er starb nicht durch meine Hand. Ich vermute, dass er sterben musste, weil er seinen Pakt mit dem Herrn Gevatter brach, als er mich ziehen ließ."
"Und wie kannst du sicher sein, dass er tot ist?", fragt Jirko mit leiser, lauernder Stimme.

"Das bin ich nicht. Und das war ich nie. Im Gegenteil. Ich war mir immer sicher, dass er nicht vollständig ausgelöscht ist."
Nun tritt die Verblüffung auf Jirkos Gesicht. Gleichzeitig glimmt etwas Wildes in seinen Augen. Ganz so, als hätte ein Raubtier eine viel versprechende Fährte aufgenommen. Doch seine Stimme ist ruhig, als er die Frage stellt: "Woher nimmst du dieses Wissen?"
Krabat antwortet nicht. Sieht ihm nur einen kurzen Moment lang prüfend in die stahlgrauen Augen. Dann schnippt er mit den Fingern.
Schwärze schlägt über den beiden Männern zusammen. Die Kerzenflamme ist verschwunden. Nicht einfach erloschen, sondern wie weggefegt. Kein Glimmen, kein Qualmen, nichts. Hätte man den Docht angefasst, wäre er kalt gewesen.

Schnipp! Als wäre nichts geschehen, tänzelt das Flämmchen wieder lustig auf der Kerze, schält mit ihrem Licht den Tisch und die Stühle sowie die beiden Männer darin aus der Dunkelheit heraus. Krabats Gesicht ist ausdruckslos.

Jirko nickt nur.  "So ist das."
Die Füße des Lehnstuhls scharren über die Dielen, als er aufsteht und zum Fenster geht. Die Arme vor der Brust verschränkt starrt er in die pechschwarze Finsternis draußen. Krabat kann deutlich sehen, wie angespannt sein Gast ist. Ob allerdings Wut oder nur angestrengtes Nachdenken dafür die Ursache ist, kann er nicht ausmachen.
Erst als Jirko die Stimme wieder erhebt weiß er, dass es von beidem ein gutes Stück ist und ein Hauch von bitterer Trauer: "Du hast dich nicht weiter um seinen Verbleib gekümmert, nachdem er besiegt war, ist es nicht so?"
"Ich bin meinem Mädchen aus der Mühle gefolgt. Wir gingen geradewegs nach Schwarzkollm. Ich wusste, dass er noch in derselben Nacht sterben würde. Als die Mühle Feuer fing, spürte ich nichts als Genugtuung."
"Und sein Zauberbuch?"
"Das verbrannte mit ihm."
Mit einem zweifelnden Blick dreht sich der Mann am Fenster wieder zu ihm um. "Das weißt du?"
"Juro erzählte mir einst, er habe es nach dem Feuer in den Ruinen gesucht. Gefunden habe er nichts, weder das Buch noch den Leichnam des Meisters."
"Dein verrückter Juro...", Jirko schnaubt verächtlich. "Hältst du mich für so dumm?"

Krabat spürt die Wut in sich lodern, aber er würgt sie hinunter. "Juro war der erste, der begriffen hat, dass es nicht vorbei ist. Deswegen suchte er. Als er nichts fand, war ihm klar, dass nur Geduld das Gebot der Stunde sein konnte."
"Er konnte nichts finden. Er kannte seinen Meister nicht."
Jirkos Überheblichkeit widert den Müller an. Schnell und zornig ist seine Antwort: "Aber du kennst ihn, Fremder? Es sind viele, viele Jahre vergangen, seit ich bei ihm zur Lehre ging und noch viele mehr, seit du ihn zuletzt gesehen hast. Und doch maßt du dir an, mehr über das, was er in seinen letzten Jahren geworden ist, zu wissen als einer, der in dieser Zeit bei ihm gelebt hat. Und dazu einen der besten Schüler deines alten Freundes als Narren zu verkennen."

Langsam, mit den leisen Schritten eines Wolfes und dem selben tödlichen Glitzern in den Augen kehrt der alte Freund des Schwarzen Müllers an den Tisch zurück. Es scheint, als würde sein stechender Blick das Leuchten der Kerzenflamme aufzehren.
"Menschen ändern sich nicht, Krabat. Sie legen nur Masken ab mit der Zeit," raunt er böse. "Er hat sich nicht geändert. Er hat sich nie geändert. Nur düsterer und bitterer ist er mit jedem verstreichenden Tag geworden. Und wäre ich nicht durch diese Schuld an ihn gebunden, so wäre es ein Segen für mich und für alle, dass er den Tod gefunden hat." Er schweigt eine kurze Weile, stiert seinen Gastgeber an ohne zu blinzeln.
Dann: "Du solltest es besser wissen, Müller. Ich habe so viel Zeit mit ihm zugebracht, dass ich ihn besser kenne als ich mich je selbst gekannt habe. Und ich wünschte, mir wäre das Glück vergönnt gewesen, ihn vor seinem Tod noch einmal zu treffen. Ihn noch einmal wirklich zu sehen, wie er war. Ihn um Vergebung zu bitten. So jage ich nur einem Geist hinterher. Erinnerung und Schmerz."
Seine Stimme ist leise geworden. Weich, aber bitter. Krabat erkennt, dass dieser Mann leidet, seit Jahren nur leidet und dem ein Ende setzen will. Und er ist der Einzige, der ihm den Weg versperrt.
Es ist für Krabat klar, dass es nur eine Möglichkeit gibt, das alles aufzuklären. Jirko muss in den Koselbruch und selbst sehen, was noch übrig ist. Er könnte ihm jetzt den Weg zur Mühle beschreiben, könnte ihn in die Nacht hinausschicken und selbst am warmen Herdfeuer zurückbleiben. Doch die wispernde Stimme des Misstrauens in seinem Herzen ist nicht verstummt. Er zweifelt an Jirkos Aufrichtigkeit. Solange er den Plan nicht kennt, der hinter allem steht, darf er dem anderen nicht freie Hand lassen, das weiß er. Jirko einfach fortzuschicken, ist ihm jetzt nicht mehr möglich. Dieses Gespräch hat zu viel in ihm in Aufruhr versetzt, das sich nicht einfach wieder beruhigen wird. Zu viele Erinnerungen sind wieder lebendig geworden und drücken ihm aufs Gemüt.

Er sieht Jirko lange an, bevor er eine Entscheidung trifft. Schließlich nickt er. Der Entschluss ist gefasst. Der Lehnstuhl ächzt leise, als er sich erhebt. Dumpf dröhnt der Tritt seiner Holzpantoffeln auf den Bodendielen. An der Tür bleibt er stehen, das Gesicht von seinem Gast abgewandt.

"Ich schlage vor, du holst deine Sachen und begleitest mich nach Schwarzkollm, Jirko."
Damit lässt er seinen Gast zurück in der Kammer. Leise knarrend schließt sich die Tür hinter ihm. Im Haus ist es still, doch aus der Gesindestube dringt noch Licht. Der Altgeselle ist wie immer der Letzte, der zu Bett geht.

Krabat hinterlässt ihm Anweisungen für die nächsten Tage, sagt, er würde einige Zeit verreisen, es ginge um ein Begräbnis. Der Gesell fragt nicht nach, aber sein Misstrauen ist nicht zu übersehen, vor allem als Krabat erwähnt er nähme den Fremden mit. Trotzdem versichert er, sich um die Mühle zu kümmern und die ihm übertragenen Aufgaben zu erfüllen. Krabat weiß, dass er sich darauf verlassen kann.

Als er auf den Flur hinaustritt, wartet Jirko schon auf ihn, sein Bündel über der Schulter, das Müllerbeil im Gürtel. Den Mantel übergeworfen, hinaus zur Tür.
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