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Keine Andacht und kein Grab

GeschichteDrama, Tragödie / P18
Jirko Krabat Meister
13.09.2014
05.11.2014
10
13.153
4
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20 Reviews
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13.09.2014 1.120
 
Anmerkung
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Kapitel 2
Vom Pirschen und Lauern


Nicht lange muss er bang so dasitzen und ausharren. Bald schon ertönen schwere Tritte auf der Stiege, kurz hernach klopft es vernehmlich an der Tür. Der Fremde wartet nicht ab, ob er hereingebeten wird. Er tritt einfach ein und blickt dem Müller Jakub in die Augen. Herausfordernd und etwas spöttisch ist sein Blick.
"Wir haben zu reden, sagtest du, Müller."

Krabat nickt nur. "Tritt näher."
Wortlos folgt der Mann seinem Geheiß. Bleibt mit einem trockenen Schmunzeln unmittelbar vor dem Pult stehen. Ein kaltes Blitzen in seinen grauen Augen, die Kerzenflamme flackert, neigt sich zur Seite, als wolle sie verlöschen. Dunkelheit schwappt über die Kammer, die Schatten tanzen wild über die Wände. Der Fremde greift hinter sich in die wabernde Schwärze hinein, scheint etwas zu ergreifen. Scharren auf dem Boden, als würde etwas Schweres gezogen. Die Flamme richtet sich wieder auf, strahlt wieder ruhig. Und der Gast setzt sich nieder, wo vorher kein Stuhl war. In einen Lehnstuhl, der das Abbild von seines Gastgebers Sitz ist.

Eindringlich und warnend sieht Krabat ihn an. "Auf dieser Mühle dulde ich die Schwarze Kunst nicht. Wer also bist du, Fremder, dass du dir ihren Gebrauch einfach so herausnimmst?"
Der Fremde lächelt milde, aber in seinen Augen steht der Hohn. "Du kennst mich, Müller Jakub. Oder sollte ich dich Krabat nennen?"
Krabat bleibt kühl, sein innerliches Entsetzen lässt er sich nicht anmerken. "Diesen Namen habe ich längst abgelegt. Er ist bedeutungslos für mich. Ich frage mich aber, wie ich dich wohl nennen soll, Fremder. Denn bekannt bist du mir nicht."

Das Lächeln auf den Lippen des Anderen erlischt, als er sagt: "Mein Name ist Jirko. Ich kannte deinen Meister."

Ruckartig fliegt Krabats Blick zu dem Punkt auf der Stirn des Mannes, an der sich irgend ein Zeichen, eine Narbe befinden müsste. Zwei Fingerbreit über der Nasenwurzel, dort, wo ihn die Kugel des Schwarzen Müllers im Krieg getroffen haben müsste. Nichts. Er müsste, nein, er sollte tot sein. Allein das Alter...

Jirko lacht trocken, sieht ihn verächtlich an. "Nein, Müller. Tot bin ich nicht. Noch lange nicht. Obwohl mein alter Freund es nicht versäumt hat, mich zumindest mit dem Schnitter bekannt zu machen." Er zieht sein Halstuch beiseite. Zum Vorschein kommt eine hässliche, schlecht verheilte Narbe, die sich von der Kehle bis in den Nacken zieht. Die Kugel hat seinen Hals nur gestreift, nicht seine Stirn durchschlagen. "Er hat schlecht gezielt in seiner Angst, von mir zerrissen zu werden."

Seine Augen funkeln gefährlich auf, als er sich im Stuhl nach vorne beugt. "Du hast ihn getötet, erzählt man sich. Sag mir, wie."

Krabat mustert ihn. Sein Gefühl sagt ihm, er kann ihm nicht trauen. Noch weniger, als er seinem alten Meister jemals hatte trauen können. Er muss Zeit gewinnen.
"Warum willst du das wissen?"
"Weil ich ein Anrecht auf dieses Wissen habe. Weil er es war, der mich hätte töten sollen. Weil das sein Versprechen war und er sich ehrlos davongestohlen hat“, zischt Jirko böse.
"Nun gut", Krabat beugt sich ebenfalls vor, fixiert ihn und sagt ganz langsam, als spräche er zu einem einfältigen, zornigen Kind: "Nachdem dein alter Freund ja nun tot ist, nützt dir dieses Versprechen wenig. Nur mit Drohungen wirst du aus mir nichts herausbekommen. Du hast die Wahl, dich hier meinen Regeln zu fügen und vielleicht zu erfahren, was du wissen willst. Oder du nimmst deine sieben Sachen und fragst einen Anderen."

Damit bringt er die richtige Saite zum klingen. Jirkos Blick fängt Feuer.  
"Einen Anderen?" Noch ist seine Stimme ruhig. "Einen Anderen von den Zwölfen, die mit dir von der Mühle gingen? Staschko und Petar zum Beispiel, die seit letztem Frühjahr von den Würmern gefressen werden? Andrusch, dem man im Krieg die Zunge abgeschnitten hat? Vier weitere sind gefallen, zwei am Siechtum gestorben. Diesen Lobosch musste ich fast umbringen, ehe er mir verraten konnte, dass einzig von einem gewissen Juro etwas über deinen Verbleib zu erfahren war. Und der ist verrückt wie ein alter Esel. Ein Wunder, dass er überhaupt noch einen geraden Satz herausbringt!"
Er ist aufgesprungen, laut geworden, seine Hände untermalen seine Worte mit ärgerlichen Gesten. Jetzt stützt er  vor Krabat beide Fäuste auf den Tisch, dass die Knöchel weiß hervortreten. Zischt wütend:
"Du sagst mir, ich solle einen Anderen fragen. Wer außer dir ist denn noch übrig, den ich fragen sollte? Nein, Müller, du bist der Letzte, den ich noch fragen könnte."

Krabat schlägt die Augen nieder, als würde er einen Moment nachdenken. Die Berichte vom Verbleib seiner Kameraden haben ihn betroffen gemacht, aber nicht aus der Fassung gebracht. Nach all dieser Zeit war es zu erwarten gewesen. Und über Juros Zustand weiß er besser Bescheid als Jirko. Hat er doch mit seinem alten Freund die Vereinbarung, dass Juro für jeden, der nach Krabat fragt, den Schwachsinnigen geben und nichts als dummes Zeug erzählen wird. Des Schwarzen Müllers Freund muss also hart mit ihm umgesprungen sein, um etwas aus ihm herauszubringen.

„Langsam läuft dir die Zeit davon, ist es nicht so?“, fragt Krabat forschend.
Jirko knurrt nur, presst die Antwort verärgert zwischen den Zähnen hervor: „Ja, so ist es.“
„Und jetzt glaubst du, dass ich dir helfen werde, nachdem du mir erzählt hast, wie du mit meinen Kameraden umgesprungen bist?“, fährt Krabat mit nüchterner Stimme fort. „Sei versichert, dass deine Drohungen und Anmaßungen hier fehl am Platze sind. Ich gewähre dir gerne die Unterredung, aber ich lasse mir nichts abpressen.“
Jirko starrt ihn ungläubig an, bleibt stumm. Es scheint ihm aufzugehen, dass er hier in der schwächeren Position ist. Schweigend setzt er sich wieder als Zeichen seiner Einwilligung.  

"Also gut,“ seufzt Krabat nach einem Moment des stillen Musterns und fragt leise und kühl: „Warum willst du wissen, wie er gestorben ist?"
Jirko stößt hörbar den Atem aus. "Vielleicht, weil ahne, dass er nicht tot ist."
"Das ist alles?", hakt Krabat nach.
"Die Geschichte ist lang."
"Die Nacht ebenso."
Jirko blickt ihn lange und überraschend nachdenklich an. Dann lehnt er sich im Stuhl zurück. Krabat weiß, jetzt sind sie sich einig.
"Ich erzähle sie dir. Im Austausch für das Geheimnis, das du aus dem Tod meines Freundes gemacht hast“, bietet Jirko an. Die Anspannung zwischen ihnen lässt etwas nach.

"Einverstanden. Fang an."
Der hochgewachsene Mann nickt. Kurz flackert die Kerzenflamme wieder, tunkt sein Antlitz in wabernden Schatten. Seine Augen leuchten merkwürdig hell und mit ruhiger Stimme beginnt er zu erzählen...
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