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Keine Andacht und kein Grab

GeschichteDrama, Tragödie / P18
Jirko Krabat Meister
13.09.2014
05.11.2014
10
13.153
4
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Dieses Kapitel
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13.09.2014 657
 
Kapitel 10
Danach und davon

Zwei Tage später verlässt er Juros Haus wieder und macht sich auf den Weg zurück nach Hoyerswerda, in seine Mühle. Er geht gemächlich, aber aufrecht. Seine Schritte sind etwas kraftvoller, seine Schultern nicht mehr so gebeugt. Juro hat ihm einige Worte mit auf den Weg gegeben, die in ihm widerhallen und ihn nicht mehr loslassen:
„Sieht aus, als hätte er in dieser Nacht nicht nur seinen alten Freund freigesprochen, sondern auch dich, Krabat.“
Mit einem sanften Lächeln hat er das gesagt, ein warmes Leuchten in den Augen und eine liebevolle Ehrfurcht. „Vielleicht siehst du jetzt, dass du seit langem kein Schüler mehr bist, sondern vor vielen Jahren bereits ein Meister deiner Kunst warst. War es nötig, dass er dir das sagte?“

Und Krabat geht mit einem Lächeln den langen, einsamen Weg, denn er spürt die Kraft, die er immer noch hat. Doch jetzt fürchtet er sie nicht mehr, jetzt heißt er sie willkommen und hört auf, vor sich selbst zu leugnen, was er ist.

Der Zauberer Krabat lebt noch lange. Sein Leben wird beinahe hundert Jahre messen. Er wird kranke und verletzte Kinder heilen, und Felder mit Schnee bedecken, frierenden Bettlern ein warmes Feuer zaubern, Soldaten in die Irre schicken, dreisten Viehhändlern ein Schnippchen schlagen und seinen Gesellen die Arbeit leicht machen, wo er es vermag. Er gibt sein Wissen um die Schwarze Kunst jedoch nicht weiter, wirkt sie im Verborgenen, unauffällig und beiläufig. Aus den Dörfern im Umland kommen nur vereinzelt die Leute zu ihm, nur wenige wissen überhaupt von seiner Zauberkunst. Für die Menschen bleibt er weiter Meister Jakub, auch seinen Gesellen erzählt er nichts. Gerüchte kommen irgendwann aber doch auf.

Seine Geschichte wird er selbst niemals vollständig erzählen. Einzig Juro kennt sie von Anfang bis Ende, kennt auch die Geschichte von Jirko und dem Schwarzen Müller. Juro stirbt lange vor Krabat als vorletzter der Müllerburschen vom Koselbruch. Einer seiner Urenkel schreibt schließlich die Sage auf. Doch sie ist nicht mehr vollständig, Teile fehlen, andere sind verdreht. Krabat und der Schwarze Müller verschmelzen irgendwann zu ein und derselben Person, trennen sich wieder, mal ist Krabat gut, mal ist er böse. Jirkos Andenken jedoch verschwindet vollständig aus der Überlieferung. Aus der einen, großen Geschichte werden wieder viele einzelne Kapitel. Als Krabat schließlich für immer die Augen schließt, sind es bereits nur noch einzelne Fragmente, die erzählt werden. Meistens die spaßigen und unterhaltsamen, seltener die Geschichte um die Frau, die den Zauberlehrling mutig freibat, manchmal - an den langen dunklen Winterabenden - auch die dunkleren Teile der Geschichte, die die kleinen Kinder erschauern lassen und die Weiber in den Spinnstuben gruseln: Die Märchen von bösen Hexenmeistern und dem Herrn Gevatter, der mit Säcken voll Knochen über Land fährt, um sie zermahlen zu lassen.

Und wie die Sträucher den Koselbruch überwuchern und irgendwann für eine neue Mühle gerodet werden, so vergeht auch mit der Zeit das große Ganze. Doch das Wesentliche bleibt bestehen, überdauert wie der Bachlauf des Schwarzen Wassers die Veränderung und fließt weiter, sucht neue Wege, über Generationen hinweg bis zu uns und an uns vorüber, bis er irgendwann versiegt.




Ende




Anmerkung
Lieber Leser,
du hast meinen Krabat jetzt eine ganze Weile begleitet durch dieses einsame, düstere Tal. Vielleicht hast du unterwegs ja auch schon ein paar Worte dazu gesagt. Ich möchte dich jetzt jedenfalls kurz bitten, vielleicht zu einer (oder gern auch mehreren) der folgenden Fragen kurz ein paar Gedanken da zu lassen. Nur wenn du magst, versteht sich.

+  Gab es einen Punkt in der Geschichte, den du als besonders hervorheben möchtest?

+  Wären Karten / Illustrationen / Quellenangaben / Musik für dich beim Lesen hilfreich oder wünschenswert gewesen?

+  Wie nachvollziehbar war der Handlungsverlauf für dich bzw. die Entwicklung einzelner Charaktere?

+  Waren die Kapitellänge und die Update-Zeiträume angemessen für dich?

Über eine kurze Nachricht freue ich mich sehr, gern kannst du die Geschichte aber auch unkommentiert lassen.

Ich danke dir herzlich fürs Lesen.
Alles Liebe
eintausendschoen
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