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Keine Andacht und kein Grab

GeschichteDrama, Tragödie / P18
Jirko Krabat Meister
13.09.2014
05.11.2014
10
13.153
4
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
13.09.2014 1.372
 
V o r r e d e

Titelbild
http://goo.gl/s4pxR7

Disclaimer
Alle Rechte an den in dieser Geschichte vorkommenden Charakteren und deren Universum verbleiben bei Otfried Preußler, allein für den Handlungsverlauf zeichne ich verantwortlich. Hiermit verdiene ich kein Geld und habe auch nicht die Absicht, das in Zukunft zu tun. Die Geschichte dient ausschließlich zur Unterhaltung.

Motiv
Wer vielleicht schon in meinem "Zaubererbruder" geschmökert hat, der weiß, dass ich eine gewisse grundsätzliche Sympathie dem Schwarzen Müller gegenüber hege. Die Art, wie Preußler ihn (be)schreibt, hat mir schon immer das Gefühl gegeben, dass menschlich sehr viel mehr hinter dieser Figur steckt, als es den Anschein hat. Aus diesem Gefühl heraus versuche ich ihn auszuloten, indem ich ihn in den anderen Charakteren spiegele. Große Lacher wirst du hier (leider) nicht finden, aber vielleicht ein wenig nachdenkliche Unterhaltung.

Anmerkung
Vielleicht gefällt die Geschichte dem einen oder der anderen. Ich freue mich jedenfalls über eine kleine Rückmeldung, gerne auch mit Kritik oder Hinweisen auf Verbesserungsmöglichkeiten. Lob nehm ich zwar auch gern, Ehrlichkeit ist mir aber lieber - wenns euch zu langwierig war, dann dürft ihr mir das auch gern schreiben.

Vorwarnung
Thema dieser Geschichte ist eine sehr vielschichtige Beziehung zwischen zwei Charakteren. Wer mit dem Gedanken platonischer Zuneigung bzw. Liebe nicht viel anfangen kann, der ist hier vielleicht nicht unbedingt gut aufgehoben. Wer dann noch Pickel davon bekommt, dass man zwischen den Zeilen unter Umständen angedeutete Homoerotik herauslesen kann, vielleicht erst recht nicht.  Deswegen auch die hohe Altereinstufung.
Inhaltswarnungen:
Teilweise explizite Beschreibungen von: Verletzungen, Wunden, Narben, Krankheit, Nacktheit, Tod, Verlust und Trauer, Zauberei | Erwähnungen von: Mord, Gleichgeschlechtliche Liebe
Warum Inhaltswarnungen? Elea Brandts Blogbeitrag zum Sinn und Zweck von Inhaltswarnungen





Kapitel 1
Was wahr und wirklich ist

Es gibt viele Sagen hier in der Gegend. Jeder Ort hat andere Geschichten, die von den Alten an die Jungen weitergegeben werden. Geschichten über Helden, über Liebende, glücklich wie unglücklich, über Schelmen und Narren und große Hexenmeister. Spaßige Geschichten, die gern und oft erzählt werden, berührende und tragische Geschichten, die man zwar seltener zu hören bekommt, die aber oft verlangt werden. Lügengeschichten und wahre Geschichten und Geschichten, die beides sind und trotzdem keins. Spannende, aufregende Geschichten und solche, die einem helfen, in stürmischen Nächten Schlaf zu finden.
Und es gibt Geschichten, die man einmal in seinem Leben hört. Die geheim sind und von Dingen handeln, die man nicht wissen will. Geschichten, nach denen man nicht fragt. Geschichten, in die man eingeweiht wird. Geschichten, die man selbst nur einmal erzählt.

Aber eine der Sagen, die man hier erzählt, ist alles auf einmal. Die Sage vom Zauberer Krabat, der in der Teufelsmühle von Schwarzkollm sein Handwerk lernte und der gleichermaßen gefürchtet wie geliebt wird. Vor allem die Müllerburschen erzählen sich gerne seine Geschichte. Wie er seinen bösen Meister bezwang, wie er im Krieg gegen die Türken zu einem Helden wurde und wie er den armen Leuten im Land Segen brachte.

Auch an diesem Abend, in einer Mühle im Süden von Hoyerswerda, unterhält die Sage die Burschen und Gesellen, die bei Kerzenlicht um den langen Tisch in der Gesindestube versammelt sind. Man hört sie durch die geschlossenen Türen lachen, wenn Krabat wieder einem gierigen Reichen eins ausgewischt hat, man hört sie johlen, wenn er grausamen Müllermeistern eine Lektion erteilt. Bis hier herauf, in die Meisterstube hört man sie. Nur der Gewitterregen, der draußen niedergeht, vermag sie bisweilen zu übertönen. Der Meister der Mühle, der oben in der Stube in seinem Lehnstuhl am Fenster sitzt, kümmert sich nicht um das lautstarke Gelächter. Denn in seinen Gedanken spielt die selbe Geschichte, die auch unten erzählt wird. Nur ist sie für ihn keine Sage, kein spaßiges Märchen.

Für ihn ist sie schmerzhafte Erinnerung. Lebendige Erinnerung. Denn vor langer Zeit war er der, von dem die Gesellen unten erzählen. Er war der Krabat, den heute jedes Kind kennt. Er war der, der den bösen Müller und Hexenmeister von Schwarzkollm zur Hölle geschickt hat. Seine Geschichte ist kein Geheimnis und doch das größte von allen. Er allein kennt seine Geschichte, aber er erzählt sie nicht. Vielleicht wird er sie eines Tages noch einem Menschen weitergeben, vielleicht nimmt er sie mit ins Grab. Er ist Jakub der Müller, der Heimatlose, der verletzt aus dem Krieg zurückkehrte und die verfallene Mühle hier wieder aufbaute. Mit seinen bloßen Händen, obwohl ihn seine alte Zauberkraft niemals verlassen hat. Er benutzt sie nicht. Nicht mehr.
Seine junge Frau, die im Kindbett starb, konnte er damit nicht retten. Und auch nicht ihr ungeborenes Kind. Nicht die vielen armen Soldaten im Krieg, nicht die Bauern, denen die wandernden Heere die Ernten und die Habe vernichteten.
Krabat ist für ihn nicht der Name eines Helden, sondern sein Fluch.

Ein lautes Klopfen an seiner Kammertür treibt ihn aus seinen Gedanken. Als er öffnet, steht einer der jüngeren Burschen davor. Ein Fremder sei gekommen, dem Aussehen nach ein Mühlknappe, er wolle den Meister hier sprechen, sagt er.

Er nickt nur und steigt langsam und bedächtig die enge Stiege zum Flur hinunter. Sein Alter macht sich von Jahr zu Jahr stärker bemerkbar.  
Unten sind die Burschen im Halbrund um die Eingangstür versammelt und starren den hochgewachsenen Fremden misstrauisch an. Sie machen ihm Platz, als er näher tritt. Der Mann, der da unter der Tür steht, ist ihm unbekannt. Er ist groß und kräftig, sein Alter ist schwer zu bestimmen. Trotz der Falten, die sich in seinem Gesicht abzeichnen und der silbrigen Strähnen in seinem vollen dunklen Haar funkeln seine grauen Augen so schalkhaft wie die eines jungen Mannes. Seine Kleidung ist sauber und er wirkt gesund. Kein Bettler, wie es scheint.

Der Fremde spricht ihn an: "Bist du der Müller hier?"
"Was willst du, Fremder?", entgegnet Krabat barsch.
"Ich suche Brot und Arbeit für einige Tage, Müller. Und nach altem Brauch und Müllersitte bitte ich dich, mich bei dir aufzunehmen." Die Stimme des anderen klingt ehrlich und freundlich.
Krabat schweigt und mustert ihn von oben bis unten.
"Komm morgen früh wieder, dann werde ich sehen, ob du zu gebrauchen bist."

"Mit Verlaub, Müller." Der Fremde tritt über die Schwelle und unterbindet so jeden Versuch, ihm die Tür vor der Nase zu zu schlagen. "Ich bitte dich außerdem um einen Schlafplatz für diese Nacht. Ich habe genug Gold bei mir, um dich zu entschädigen, falls du das wünscht."

Ihre Blicke kreuzen sich. In den Augen des Fremden liegt eine weitere Botschaft: "Ich kenne dich." Krabat erschrickt. Er kennt diesen Blick, kennt ihn von früher. Das eine Auge seines alten Meisters kommt ihm in den Sinn. Und ihm wird kalt.

Äußerlich bleibt er gefasst, als er antwortet. Obwohl er seinen eigenen Pulsschlag in den Ohren hat und ihm eine jähe, unbestimmte Furcht die Brust zudrückt.
"Also gut. Du kannst bei meinen Burschen schlafen. Bring deine Sachen hinauf, dann komm in die Meisterstube. Wir haben zu reden."
Damit macht er kehrt und steigt die Treppe wieder nach oben. Überlässt den Fremden seinem Altgesellen. Erst als die Tür zu seiner Kammer hinter ihm zugefallen ist, erlaubt er sich, aufzuatmen.

Dieser Fremde beunruhigt ihn. Bringt die trägen Gedanken an die Vergangenheit wieder in Bewegung. Wirbelt die düsteren Erinnerungen vom Grund seines Gedächtnisses auf. Wer es auch ist: Dass er von Krabats Verbindung zu den dunklen Künsten weiß, ist deutlich spürbar. Dass dies kein einfacher wandernder Geselle auf dem Durchmarsch ist, macht allein sein Auftreten deutlich. Seine Knappenkleidung ist feiner als die der meisten Müllermeister hier in der Gegend und für sein Gold würde er selbst in den besseren Gasthäusern der Stadt noch die beste Kammer bekommen. Er würde sich nicht mit dieser ärmlichen Mühle hier begnügen, wenn er nicht genau hier sein wollte.

Mit klammen Fingern zieht er seinen Lehnstuhl zurück an den Tisch und nimmt Platz, um auf die Ankunft seines Gastes zu warten. Und er denkt an früher, als Pumphutt den Müller vom Schwarzen Wasser zum Kampf gefordert hat. Jetzt sitzt er selbst am Platz des Meisters. Eine schwache Kerzenflamme und sein dickes Rechnungsbuch vor ihm auf dem Schreibpult. Nur der Totenschädel und die Zauberformeln fehlen. Sonst ist alles dem Bild, das die schwarze Kammer damals in den Freitagsnächten bot, sehr ähnlich. Ein kaltes Grausen überläuft ihn.
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