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Nemesis

von Jo de Bry
GeschichteFreundschaft, Sci-Fi / P16 / Gen
Dr. Hermann Gottlieb Dr. Newton "Newt" Geiszler OC (Own Character) Tendo Choi
12.09.2014
23.03.2015
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12.09.2014 1.718
 
[Anm.d.A.: 1. Skye Ross ist eine OC-Vorlage von "Raviyien"
              2. *Dass im Unterschied zum modernen Verständnis die Göttin Nemesis mehr Richterin als Rächerin ist, macht der Orphische Hymnos  „An Nemesis“ deutlich.
               Quelle: Wikipedia]
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*"Ich rufe Dich, Nemesis!
Höchste!
Göttlich waltende Königin!
Allsehende, Du überschaust
Der vielstämmigen Sterblichen Leben.
Ewige, Heilige, Deine Freude
Sind allein die Gerechten.
Aber Du hassest der Rede Glast,
Den bunt schillernden, immer wankenden,
Den die Menschen scheuen,
die dem drückenden Joch
Ihren Nacken gebeugt.
Aller Menschen Meinung kennst Du,
Und nimmer entzieht sich Dir die Seele
Hochmütig und stolz
Auf den verschwommenen Schwall der Worte.
In alles schaust Du hinein,
Allem lauschend, alles entscheidend.
Dein ist der Menschen Gericht."



Schwer stöhnte die junge Frau auf und schlug das Buch zu, schob sich eine widerspenstige schwarze Haarsträhne zurück, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte und atmete tief durch. Diese Abwechslung kam ihr gerade gelegen, nur Fotografie und Historie wurde auf Dauer zu eintönig. Und dieses orphische Hymnos faszinierte sie besonders. Da sie Nemesis schon immer als sehr widersprüchlich empfunden hatte. Eine Rachegöttin, die eigentlich keine Rachegöttin sein wollte, aber als klassische Symbolik dazu diente, bis heute. Weder Richterin, noch Henkerin. Konnte man etwas wirklich so missverstehen und fehlinterpretieren?
Langsam erhob sich die Studentin schließlich und streckte sich ausgiebig, ehe sie das Buch nahm und es in ihrer Tasche verstaute. Es war Zeit zurück an die Universität zu gehen, so tiefgreifend wollte sie nun auch nicht darüber nachdenken.
Mit einem Ruck schulterte Skye Ross ihre Umhängetasche und verließ das Café welches sich mitten im Stadtzentrum von Dublin befand, die Hauptstadt der „grünen Insel“. Der Tag war wirklich heiter und schön, wenn auch ein wenig zu warm für ihren Geschmack.
Eine Hand gegen die Sonne abschirmend sah sie in den azurblauen Himmel, an dem nicht eine Wolke zu sehen war.
Ein perfekt sonniger Tag, dessen trügerische Stille nur durch die Nachrichten gestört wurde, die laut in den Fensterscheiben, einiger Läden wiederhallten.
Neugierig blieb sie vor einem der Fenster stehen und versuchte die Informationen zu verarbeiten, die über den Bildschirm flimmerten. Eine kleine Menschentraube hatte sich nun gebildet, welche angsterfüllt raunte und wild tuschelte. Und Skye verstand nicht ein Wort von dem was der Nachrichtensprecher sagte. Lediglich der Text der am unteren Bildschirmrand wie auf einem Laufbanner erschien, konnte sie mitverfolgen. Kopfschüttelnd rieb sie sich schließlich die Augen und begann von neuem zu lesen, denn das was dort stand konnte unmöglich stimmen.
New York dem Erdboden gleichgemacht … … Verdacht eines Erdbebens wiederlegt … … Augenzeugenberichte und Videos … … Monstersichtung … … Unzählige Tote und Obdachlose … … die Tragödie wiederholt sich … …
Fassungslos stierte Skye auf den Bildschirmrand.
Die Tragödie wiederholt sich?!
Die wollten doch nicht allen Ernstes behaupten, dass diese abscheulichen Wesen, von denen ihre Eltern immer erzählten, wieder aufgetaucht waren? Das war Unsinn, jeder wusste doch, dass die Menschheit gesiegt hatte, dass sie sich ihren Platz auf dem Planten gesichert hatte.
Es konnte nicht sein, Nein, es durfte einfach nicht sein!
Aber die Nachrichten ließen jeden aufkeimenden Zweifel sogleich im Nichts ersticken.
Sie waren wieder da, … die Kaijū, … sie waren wirklich wieder da.  


Hektisch rannte der Cheftechniker Tendo Choi um sein übergroßes Terminal herum, die Gerätschaften piepsten alarmierend auf, unzählige rote Lampen leuchteten. Panik stieg in ihm auf, drohte ihn zu lähmen. Es war zu früh, viel zu früh. Sie waren noch nicht soweit.
Wild hämmerte er regelrecht auf seine Tastatur ein, rief die Daten auf, die ihm der 3D Computer auch sofort vermittelte und auf den Längen- und Breitengrad genau zeigte.
Entsetzt hielt der Techniker die Luft einen Momentlang an und starte fassungslos auf die Daten.
Es war wirklich geschehen, so wie es Doktor Newton Geiszler und Doktor Hermann Gottlieb vorher gesagt hatten, … sie waren wieder da. Tauchten einfach so wieder auf, wie eine Socke die angeblich in der Waschmaschine verschwunden war.
Sich langsam wieder sammelnd tippte Tendo weitere Befehle ein und versuchte das Portal zu lokalisieren, doch es war nichts zu finden. Nur das vereinzelte Kaijū war zu sehen, welches sich nun von New York entfernte um wieder Richtung Meer zu entschwinden.
Tief durchatmend saß er in seinem Stuhl, er musste etwas tun. Er musste die Doktoren schnellst möglich davon unterrichten. Und während er hektisch und nervös nach seinem Telefon griff, konnte er nur daran denken, wie Recht sie doch hatten.


Nach dem alarmierenden Anruf von Tendo Choi hinkte nun auch Doktor Hermann Gottlieb in den TEC-Raum hinein. Auf wackeligen Beinen marschierte er förmlich, sofern es ihm möglich war, auf Newton und Tendo zu, die ihn schon aufgewühlt und ungeduldig zu erwarten schienen.
»Hermann, sieh dir das an«, raunte Newton fast ehrfürchtig, als würde er nicht wagen, es laut aussprechen zu wollen. »Sie sind wieder da. Sie sind wirklich wieder da«, wiederholte er mit Nachdruck, als ob es Hermann nicht schon beim ersten Mal verstanden hätte.
Fassungslos stierte Hermann abwechselnd auf den Bildschirm auf dem die Nachrichten in Dauerschleife die Tragödie zeigte und auf die Daten die Tendo auf die Schnelle gesammelt hatte.
»Das darf doch nicht wahr sein. Ich hatte gehofft mich zumindest einmal zu irren«, flüsterte er und begutachtete die Daten, die vor ihm in einer 3D Simulation abliefen.
»Wo kam der Kaijū her? Und zu welcher Kategorie gehört er?«, wollte Newton nun wissen.
»Ich kann nur mutmaßen aus welcher Region er eventuell kam, aber ich kann mit Bestimmtheit sagen das es ein Kaijū der Kategorie vier war.«
»Kategorie vier?«, entfuhr es Hermann atemlos und er sah den Techniker verständnislos an. »Das ist wahrlich beängstigend«, fügte er hinzu und betrachtete weiter die Daten.
»Und in welcher Region hast du den neuen Breach lokalisiert?«, fragte der tätowierte Doktor neugierig.
»Irgendwo in der Grönlandsee, mehr kann ich noch nicht sagen«, gestand Tendo.
»Grönlandsee? Das ist aber nicht sehr eingegrenzt.«
»Mehr kann ich vorerst nicht tun. So beunruhigend und schlecht es auch sein mag, aber es muss sich erst wieder zeigen.«
»Habt ihr eine Ahnung was das für die Regierung bedeutet? Wie sie jetzt in ihren aufpolierten Büros herumspringen und sich dafür hassen, das Jeagerprogramm auf Eis gelegt zu haben? Wie sehr es sie nun ärgert Hermann und mich abgesägt zu haben?«, fast freudig erregt strahlte Newton die beiden an und fuhr triumphierend mit seiner Hand durch die Luft. »Wir haben es ihnen allen gesagt, und sie haben uns für verrückt erklärt. Als „Panikmache“, haben sie unsere Untersuchungen abgetan. Und jetzt werden sie panisch nach einer Lösung suchen.«
»Die wir bereits haben?«, warf Tendo eine Braue heben ein.
»Nicht ganz«, gestand Newton nun etwas kleinlaut. »Uns fehlen die Ranger, wir haben zu viel Zeit damit verbracht die Jeager wieder kampftauglich zu machen.«
»Das einzige was wir vorzuweisen haben, sind unzählige freiwillige Techniker, Ingenieure und Handwerker die an den Jeagern arbeiten. IT-Spezialisten, die sich um die Software der Jeager kümmern. Wir haben nicht mal das nötige Fachpersonal um einen Drift -Versuch zu starten. Denn falls du dich erinnern solltest, der letzte Versuch ging schief«, warf Tendo ein. »Und hat einen unserer fähigsten Leute ins Koma geschickt«, hängte er nun verärgert an.
»Das war ein unvorhersehbarer Fehlschlag, aber wir können es schaffen.«
»Ja, … wenn wir mit der Regierung reinen Tisch machen und sagen das wir die Mittel haben und sie die Leute.«
»Ich werde meine Ergebnisse nicht mehr mit der Regierung teilen«, wehrte der Tätowierte und sah nun etwas verärgert ab.
»Warum nicht? Aus verletztem Stolz und gekränktem Ego?«
»Aus vielerlei Gründen, aber die zwei sind ein paar davon«, gestand der Doktor und wandte sich an seinen langjährigen Freund und Kollegen Hermann.
»Wir könnten es ganz alleine schaffen, ohne den Rückhalt der Regierungen, ohne die falschen Mittel des Militärs. Nur wir, die Jeager und eine Auswahl an fähigen Leuten, die wir schnellstmöglich zu guten Piloten ausbilden«, sagte er mit fast naiven Optimismus.
»Du sagst es selbst, „schnellstmöglich“. Newt, das ist nicht zu schaffen, wir wissen nicht einmal in welchen Abständen sie wieder zuschlagen werden, sie werden ihre Taktik geändert haben und wir wissen auch nicht wie lange sich das Kaijū, welches schon hier ist, so ruhig verhält«, sprach Tendo auf ihn ein, doch der Doktor gab sich uneinsichtig.
»Riskieren wir es doch einfach. Wählt die zukünftigen Ranger frei nach dem Zufallsprinzip aus. Sie sollen dann an den Personifizierungs- und Eignungstest teil nehmen, sich einstufen lassen und sich mit ihrem Partner in den Drift stürzen.«
Über so viel Leichtsinn und Uneinsichtigkeit konnte Tendo nur fassungslos und ungläubig den Kopf schütteln, gab sich aber schließlich der Ideologie Newtons hin.
Was blieb ihn auch anderes übrig?
Sie hatten zwar die Mittel, die Jeager und die Technik zu verbessern und wieder aufzubereiten, aber es fehlte schlicht an fähigen Mitarbeitern und Freiwilligen. Personen die qualifiziert genug dazu waren sich überhaupt in die Nähe einer solchen Maschine zu begeben.
Leute zu rekrutieren, die noch nie in ihrem Leben etwas Derartiges erlebt, oder gesehen hatten, das war ein äußerst gewagter Schritt. Doch was blieben ihnen für Chancen? Ihre einzige Option wäre es wirklich die Regierung darüber zu informieren, dass sie illegal weiter am Projekt Jeager  gearbeitet hatten und sich so des Hochverrates strafbar machten. Ob es nun zweckmäßig wäre in dieser Situation, oder nicht, würde keine Rolle spielen.
Es hatte sich schon viel zu lange ein Mantel des Schweigens über die P.P.D.C. gelegt, die es offiziell nicht mehr gab, einfach weil sie nicht mehr gebraucht wurden. Und so wurde aus den ehemaligen Rangern die wie Helden gefeiert wurden, nur eine Handvoll Menschen, die ihren Beitrag an der Menschheit, der Allgemeinheit, der egoistischen Gesellschaft, geleistet hatten, nicht mehr und nicht weniger. Ihr Verdienst war die schlichte Dankbarkeit und die Verleugnung ihres Staates.
Das war das was Newton Geiszler solch eine Verachtung der Regierung gegenüber zum Vorschein brachte, sein Misstrauen war schließlich nicht ganz unbegründet.
Alles dies, ließ sich Tendo durch den Kopf gehen, bis er schließlich schwer seufzend nach gab und leicht nickte.
»Also gut. Ich werde eine Liste mit möglichen Rekruten zusammenstellen. Aber erwarte nicht die Helden des Jahrtausends. Es wird sich wohl eher, auf Küchenhilfen, Lehrer und Kellner beschränken«, lenkte der Techniker ein.
»Also einen Namen für deine Liste hätte ich da bereits«, meldete sich nun Hermann zu Wort, der die ganze Zeit über ungewohnt still gewesen war und hatte nun so die Aufmerksamkeit seiner beiden Kollegen, die ihn fragend ansahen.
»Allerdings weiß ich nicht ob er nach dem Angriff auf New York noch am Leben ist.«
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