Metamorphose

GedichtDrama, Poesie / P12
Gregor Samsa
10.09.2014
10.09.2014
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I. Akt

Was definiert mich in der Welt?
Oder außerhalb derselben?
Was ist's, was mich am Leben hält?
Und was lässt mich sterben?
Bin ich gebunden an mein Dasein?
oder bin ich frei?
Und wann wird mir endlich klar sein,
was ich denke, wer ich sei?

Wenn ich zurückdenk an die Jugend,
die mich nun lenkt auf Schritt und Tritt,
weil sie mich steuert, sich zu suchen,
sie sich verirrt und mich gleich mit,
so seh ich einen fernen Spiegel,
der nunmehr zersplittert ist
und meines Lebens festes Siegel
– ich möcht nicht, dass es bricht!
–– Nun aber ran – nichts führt drumrum,
möcht ich verstehen, was treibt mich um?


II. Akt

Sicher ist, ich bin nicht mehr, was ich einst war!
Sicher auch, denken kann ich klar!
Mein Körper ist's, der sich wandelte,
mein Antlitz im Spiegel verschandelte –
Doch! Eine Raupe war ich gestern nicht
und konnt nicht schwimmen wie ein Fisch –
ein Schmetterling drum bin ich nicht!
Und auch kein Frosch!
Doch verharrt mein Körper noch
in seiner Form, die ich nicht kenne,
die ich nicht meinen Körper nenne –
dies Dilemma, alleine muss ich's lösen,
denn als ich mich den andern zeigte.
––– Was war ihre –– Reaktion?
–––
––– Als wäre ich nur PROJEKTION!


III. Akt

Die Gesellschaft schloss sich wie eine Blase um mich,
behütend, vernichtend, porös,
sie wabert, unscharf verschwimmend, ich sehe sie nicht,
was mir lieb war nun komatös
schläft's, was ich tat, was ich war – ich kann's nicht
vergessen, s'ist in mir, ach:  NIE
in der PERIPHERIE
der Gesellschaft
nie werd ich nochmals behütet sein, nie ein Lächeln im G'sicht
meines Spegelbilds sehn,
meines Spiegelbilds
nes Spiegelbi
Spiege
Spie
...
DU! ICH!
Du mein Ich!
Ich bin es nicht!
Nunmehr entstellt bin ich,
weil mein Körper's ist!
Mein Selbst versperrt,
Aus der Welt entfernt –
Die Schnittmenge, die ich einst war,
die ich damals im Spiegel sah
ist nunmehr überwunden
ist nunmehr verschwunden
Was bin ich also? Bin ich überhaupt?
Was für eine Frage, mit Verlaub?!
Ich fühl mich doch, ich denke doch –
Ich spüre mein Verstande noch –
sollt ich darob nicht sein so wie Descartes?
Lass fahren den Körper – MEIN VERSTAND VERHARRT!
Worin auch immer, ich weiß es nicht und
will es nicht und kann es nicht und
kann mich nicht belügen
kann mich nicht betrügen
kann nicht vergessen was ich war
und wie, bevor mein Körper starb...


IV. Akt

Doch ist er also tot nunmehr?
Nein! nur ist er anders! verwandelt gar
ist keine Hülle tot und leer,
hässlich entstellt und verschandelt zwar,
doch macht ihn das autark!?
ich lebe in ihm nach wie vor
doch schließt er sich nun wie ein Sarg
um das was war vereint zuvor
mit ihm – mein Geist ist's, meine Seele,
die nunmehr gefangen ist
s'ist keine Einheit, die ich lebe
ich ward beraubt durch meines Körpers List!

Wie also steht es nun mit den zwei Substanzen:
Res extensa und Res cogitans –
getrennt voneinander oder vereint in wildem Tanz?
Das Denkende im Ausgedehnten, wie Fransen
eines Teppichs, der sich auf dem Boden windet,
zerfließt die Seele im endlosen Körper,
riecht er, sieht er, fühlt er, hört er
nur was außen, nicht was in ihm sich befindet –
und was bin ich nun da ich uneinig bin?:
Leib oder Seele, Denkend und Seiend,
Herz oder Kehle, stumm oder schreiend?
was nur bin ich, nun da ich nichts bin
– und alles...?

Was kann ich halten, was kann ich fassen?
Eins kann nur leben, eins muss ich lassen?


V. Akt

Was wäre nun also, wenn all das nicht wäre,
wenn mich umgibt nicht Welt, nicht Sphäre,
nicht Uni- oder Multiversum,
kein Silber, Platin oder Aurum
hätte irgendeinen Wert
–– was wär das Leben unbeschwert.

Problem nur, meine Wahrnehmung!, meine Sinne
– sie fangen die Welt, bevor ich ihr entrinne,
– sie geben mir vor, dass all das existiert,
dass mein Hirn wahrnimmt, nicht nur fantasiert,
wenn's mir erzählt von dieser Welt
– und –– von mir selbst?

Doch was ist dies mehr als ein Signal,
rinnend fließend in des Kopfes Kanal –
Die gesamte Wahrheit all der Dinge
all der Düfte, Farben und Gesänge,
IST NICHT MEHR ALS EIN ELEKTRISCHER IMPULS
ein Nervenzucken
dünkt's mich,
dacht ich,
bin ich ––– mir nun nicht mehr sicher...!

Problem nur, wenn die Welt nicht existiert,
dann auch nicht mein Dasein in derselben
dann auch nicht mein Spiegelbild
dann kann auch kein Zwicken helfen
dann auch nicht mein Leib
nicht mal die Worte – SCHWEIG!


Das geht nicht. Worte sind und bleiben!
Doch, was, wenn auch diese Einbildung nur sind?
Was, wenn die bloße Illusion alleine kann die Welt bekleiden...?!


VI. Akt

So bin ich also frei von jeglicher Verwandlung?
so ist mein Körper also frei von jeglicher Verschandlung!
so ist's vorbei, das tödlich Ringen
so möcht ich nun ein Loblied singen:

Im Hause Berkeleys, da lass dich nieder,
denn wer die Welt erforscht, der findet sich nicht wieder –
wer sie jedoch negiert,
dem fließt das Leben wie geschmiert
zu seinem großen Glück
auf dass es dessen Wesen schmücke
mit Unbeschwertheit, Freiheit geradezu –
dann ist die Sorge weg im Nu
Die Sorge, die ihn umtreibt, den Empiriker
Die Sorge, die wie ein dunkler beliebiger
Schatten auf dem lastet, was als Welt bezeichnet wird,
HAH! Ich brauch zum Leben keinen Wirt,
ich niste nicht in dieser Welt,
ich bin einfach, was mir gefällt!


VII. Akt

OH SCHRECK!, ich hörte, was ich sang!
Und es klang nicht illusorisch!
Ich spürte auch den Drang, der mich zum Atmen zwang
und er beherrschte mich fast gänzlich!
Meine Verdauung macht mir Sorgen –
sie tat es immer, fast notorisch
und welch Müdigkeit liegt in mir schon verborgen
und wird mich übermannen, bald schon ––– schmerzlich –

muss  ich  also  mir  notieren,  dass  mein  Versuch  gescheitert  ist,
da  könnt  ich  alles  ausprobieren,  die  Welt  zu  überlisten  schaff  ich  nicht.

So  trott  ich  also  hin  und  her  anstatt  zu  schweben,
und  kann  so  lang  ich  will  von  Berkeleys  Träumen  reden.

Fest steht nun also, aus der Verwandlung kann ich nicht entkommen,
so muss ich sie dann doch ergründen, wenn ich mit ihr Frieden schließen will
so kriech ich dann doch, wie ich es nie mehr tun wollte, zum Spiegel und stell mich beklommen
davor –––– nichts in mir singt mehr, alles ist nun still.


Akt VIII

Ich bin
also ein Ding
und kein Geist
und dieses Ding
hat sich gewandelt
und kein Geist!
Doch kann kein Geist,
wie ich jetzt weiß,
ohne dieses Ding
sich überhaupt erlauben
sich eine Existenz aus dieser Welt zu klauben.

Drum stellt sich nun die eine Frage
(ihre Antwort freilich ist noch wage):
ist dieses Ding
das was ich bin
und sein möchte?

Sicher ist, das Ding, es prozessiert
und ich also mit ihm.
Doch wenn es sich in Wandlungen verliert,
das Ding, wo führt's dann hin,
das Ding – und mit ihm das Leben?

Ist des Lebens Streben
überhaupt auf ein Ziel gerichtet?,
und wenn ja, wie wird dieses dann belichtet,
wenn das Leben nur ein Schnappschuss ist,
wenn das Streben nur ein Trugschluss ist?

Letztlich ist doch die eine Frage nur,
ob dieses Prozessieren progressiv ist oder nicht,
also hinführt, und zwar zum Ziele nur
und nicht zum Verderben, – dieses ist ja nur erpicht
auf Regression statt Progression,
auf rückschrittliche Prozession ––––

Nun bin ich gewiss der Frage, die sich stellt
und scheue nicht mehr sie zu fragen:
BIN ICH ENTELECHIE MEINER SELBST
ODER MEINES WESENS INNERSTES VERSAGEN?

Verwirklicht sich die Wandlung selbst,
indem sie stetig fortschreitet,
liegt in ihrem Werden schon ihr Ziel, das seinen
eignen Weg bereitet?

Ist mein Körper der Schlüssel zur Welt,
der sich mit dieser wandeln muss
oder ist er das Schloss, das mich getrennt von ihr hält
und mich verarmen lässt im eignen Überfluss?

–– Nun, – wenn ich eine Seele bin und einen Körper habe,
dann müsst ich dies Diskurs nicht führen
– so bin ich also Körper. – und durch meine Wandlung
vermag ich dann und wann den Geist zu spüren,
den ich für mich hielt, viel zu lang
– doch als mein Leib sich ins Leben schwang
–– so weiß ich nun ––
so ward er erst, was er heut ist
und zugleich war sein Tun
erschaffend: seine eigne Frist.

Und so weiß ich die Antwort, die mich am Leben hält
und mich zugleich aus selbigem vermag zu tragen:
ICH BIN ENTELECHIE MEINER SELBST
UND ZUGLEICH MEINES WESENS INNERSTES VERSAGEN !
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