Eine lange Reise

von shada
GeschichteAllgemein / P12
Allan A Dale Maid Marian Robin Sir Guy of Gisborne Tuck Vaisey der Sheriff of Nottingham
10.09.2014
06.11.2014
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1. Kapitel

Zwei Pferde mit Reitern bewegten sich schnell durch die Landschaft auf der Straße zur Küste. Die hereinbrechende Dunkelheit hielt sie nicht davon ab, ihren Weg fortzusetzen. Ein kleiner Mann auf einem weißen Pferd ritt voran. Das große schwarze Pferd, welches folgte, hatte zwei Reiter zu tragen, einer davon schien, wenn man genauer hinsah, eine Frau zu sein, die aber krank oder sehr müde sein musste, denn sie hing mehr oder weniger im Sattel und nur der Arm ihres Begleiters um ihre Hüfte verhinderte, dass sie vom Pferd stürzte. Die Reisenden waren seit vielen Stunden unterwegs und ebenso lange war kein Wort zwischen ihnen gewechselt worden. Ein aufmerksamer Beobachter hätte die kleinen Anzeichen von Ermüdung erkennen können, hätte sehen können, dass die Pferde langsamer gingen, dass die Aufmerksamkeit der Reiter nicht mehr vollkommen auf ihre Umgebung gerichtet war. Räuber hätten vielleicht leichtes Spiel gehabt, aber sie hatten Glück und die Reise verlief ohne Zwischenfälle.

Irgendwann in der Nacht kam Marian langsam zu sich und konnte – wenn auch noch etwas unscharf – ihre Umgebung erkennen. Ihr Kopf schmerzte fürchterlich, was erklärte, dass ihre Gedanken wie hinter einem dicken Nebel verborgen schienen. Sie versuchte, sich durch diesen Nebel zu kämpfen, was ihr nur schlecht gelang. Geruch von frischem Stroh stieg ihr in die Nase. Panik stieg in Marian  auf, als sie merkte, dass sie nicht wusste, wo sie sich befand und wie sie hierher gekommen war. Das einzige Sichere im Moment war ein warmer, gleichmäßiger Atem in ihrem Haar und zwei starke Arme, die sie auf ihrem Strohlager eng an sich gedrückt hielten. Die Anstrengung, sich umzusehen, war zu groß, um es zu riskieren, sie glitt wieder in die Bewusstlosigkeit zurück.
Als Marian  das nächste Mal aus der Bewusstlosigkeit erwachte, spürte sie ein Pferd unter sich. Und wieder war sie von zwei festen Armen umschlungen. Plötzlich alarmiert öffnete sie ihre Augen und drehte sich vorsichtig um.

Marian Augen trafen den kalten und leeren Blick eines Mannes. Er blinzelte nicht und Marian realisierte, dass er sie nicht ansah. Guy sah durch sie hindurch, sein Gesichtsausdruck eine Maske aus Stein. Offensichtlich hatte Guy noch nicht bemerkt oder wollte es nicht zeigen, dass er wusste, dass sie wach war. Er musste tief in Gedanken versunken oder sehr erschöpft sein, dass er nicht bemerkt hatte, wie sie sich zu ihm umgedreht hatte. Bruchstücke von Gedankenblitzen wirbelten plötzlich  in Marians Kopf herum, ohne dass sie einzelne Enden zu fassen bekam. Verzweifelt versuchte sie, den starken Drang zu unterdrücken, Guy anzuschreien und ihn aufzufordern, dass er ihr erklären solle, warum sie sich jetzt in seinen Armen wiedergefunden hatte, warum und wohin sie zu Pferde mit Guy und dem Sheriff unterwegs war. Sie konnte spüren, dass das Pferd, auf dem sie mit Guy ritt, erschöpft war. Sie mussten also schon eine ganze Weile unterwegs sein. Ihr Verstand kreiselte und ihr Herz pochte in ihren Ohren unnatürlich laut. Ungewohnte Angst sieg in ihr auf. Robin … wo war Robin? Was war passiert? Sie konnte Bruchstücke von Bildern aufrufen, aber ihr schmerzender Kopf verweigerte ihr, sie zu einem Ganzen zusammen zu fügen. Die heiße Wüstensonne tat ein Übriges. Der Mann in seinen schwarzen Ledersachen indes schien nichts davon zu spüren. Unbeirrt, fast bewegungslos saß er auf dem Pferd und setzte unbeirrt seinen Weg fort. Marian merkte, wie Schlaf und Erschöpfung sie wieder zu übermannen drohten. Alles schien zu verschwimmen. Gedankenfetzen tauchten auf und verschwanden wieder. Der König …der König lag verletzt am Boden. Marian schreckte hoch. Sie wusste, Guy war drauf und dran gewesen, ihn zu töten. Das aber durfte niemals geschehen. Sie musste es verhindern, Robin musste es verhindern. Worte tauchten aus den Tiefen ihres Gedächtnisses auf.

Ich liebe Robin Hood.

Marian hatte sich unglaublich leicht gefühlt, wie befreit, als sie es aussprach: Sie hatte Guy diese vier Worte zugeworfen, sehr wohl ahnend, welchen Schmerz sie damit auslösen würde. Sie hatte es in seinen Augen gesehen. Und dennoch hatte sie die Worte sogar noch einmal wiederholt. Ein selbstsüchtiges Verlangen trieb sie an, sie wollte aus der Spirale von Schuld und Bedauern ausbrechen und ihn von ihrem Verrat wissen lassen. Wie sie ihn kannte, würde sie ihn auf diese Weise mit großer Wahrscheinlichkeit auch von seinem Ziel ablenken. Alles für das Überleben des Königs. Sein Schwert … Guys Schwert …so nahe. Die offensichtliche Wut, die sein Gesicht in eine eiserne Maske, durch die trotzdem noch Schmerz und Hass drangen verwandelt hatte, Das war das letzte, an das sie sich erinnerte. Marian bewegte ihre Hand an die Stirn und berührte die schmerzende Stelle an ihrer Schläfe. Sie spürte dort eine deutliche Schwellung.

Er hatte sie geschlagen. Das war es, was passiert war.

„Ich glaube, sie ist wach, My Lord.“ Guys Stimme drang plötzlich zu ihr durch, sie klang müde und teilnahmslos. Bei seinen Worten fühlte sie das Vibrieren in seinem Körper und wurde sich der Tatsache bewusst, dass sein Körper viel zu eng an ihren gepresst war. Eine Andeutung ihrer früheren Unbeugsamkeit kam in ihr auf und sie versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, wie üblich dachte sie nicht darüber, was dann als nächstes passieren würde. Guys Arm schloss sich sofort fester um sie, jetzt stark genug, um ihr klar zu machen, dass weitere Anstrengungen zwecklos sein würden. Dabei beugte  er seinen Kopf leicht nach vorn, so dass sie seinen herausfordernden Blick sehen musste. Marian war wütend. „Was soll das?“, zischte sie, den Schmerzenslaut unterdrückend, der ihr entweichen wollte, weil er sie so unerbittlich festhielt. „Wohin reiten wir? Wohin bringst ihr mich?“ Dieses Mal war es der Sheriff, der antwortete: „Nach London, meine Liebe“, sagte er mit seiner gewohnt spöttischen Stimme. Als er dann fortfuhr, schwang in seinen Worten Stolz und Freude an dem Schmerz, den ihr er jetzt zufügen würde, mit.  „Wir müssen King John mitteilen, dass sein armer Bruder im Dienste seines Landes gestorben ist, getötet von Sarazenen.“ Den Titel „King“ sprach er mit deutlicher Genugtuung aus. Seine Worte trafen Marian hart, ließen sie atemlos zurück. Der König war tot. Das konnte nicht sein, das durfte nicht wahr sein. Sie biss die Zähne zusammen. „Du lügst“, schrie sie. Ich fürchte, der Schlag auf den Kopf hat größeren Schaden bei dir angerichtet, als wir gedacht haben.“, antworte Vaisey mit einem Schnauben, „Wenn du unbedingt meine Gefühle verletzen willst und mir nicht glaubst, dann kannst du Gisborne hier fragen. Ich bin sicher, er erinnert sich noch genau an den Moment, als sein Schwert durch das Herz von Richard Löwenherz gedrungen ist.“ Marian verschlug es den Atem, ihre Hände krallten sich härter in das Leder, das sie unter ihren Fingern fühlte. Verzweifelt begann Marian, sich wieder zu wehren. Atemlos schrie sie Guy an: „Du hast ihn getötet?“, Abscheu färbte ihre Stimme, als sie zu ihrem Kidnapper aufblickte, „Ich dachte, du warst besser als das.“ Guy erwiderte nichts, sondern sah sie nur herausfordernd an. Ein plötzlicher Anflug von zerstörerischer Wut ließ ihn noch fester zupacken. Die Bewegung brachte Marian dazu, vor Schmerz aufzukeuchen, bevor sie sich wieder im Griff hatte. „Wenigstens lügst du mich nicht mehr an.“, sagte Guy mit solcher Bitterkeit in seiner Stimme, dass Marian automatisch zurückwich. „Der König ist jetzt tot.“, Guy versuchte nicht einmal, die Genugtuung, als  er bemerkte, welche Verzweiflung diese fünf Worte bei ihr auslösten, zu kaschieren. „King John wird sehr erfreut sein, wenn er  herausfindet, dass wir es geschafft haben und King Richard jetzt tot ist. Alles, was ich je wollte befindet sich nun in Reichweite. Ich brauche nur noch zuzugreifen.“ Ja, Macht, dieser verdammte Hunger nach Macht und Titel, der diesen teuflischen und doch seltsam gebrochenen Mann auffraß wie eine Krankheit. Marian wollte antworten und öffnete ihren Mund, aber Guy brachte sie zum Schweigen: „Nein.“, er schüttelte seinen Kopf und antwortete auf ihre unausgesprochene Frage, „Robin kam zu spät. Er hat noch versucht, uns mit Pfeilen an der Flucht zu hindern, aber ich habe dich als Schutzschild benutzt. So war es ein Leichtes, die Flucht anzutreten. Der Feigling hat nicht gewagt, uns zurückzuhalten.“ Grausamkeit und Provokation widerspiegelten sich in Guys Stimme, desgleichen eine unnatürliche Gefühllosigkeit. Er hatte die Worte förmlich ausgespien. Marian bekam es ein wenig mit der Angst zu tun. Niemals vorher hatte sie Guy so viel harte bittere Empörung zeigen sehen.  Ohne es direkt auszusprechen, klagte er sie an. Doch Guy war jetzt nicht der, an den Marian denken wollte. Ihr Herz schlug wild bei dem Schmerz, den Robin erlitten haben musste, als er Guy und den Sheriff ziehen lassen musste, den König tot im Wüstensand liegen zu sehen und das Verbrechen nicht rächen zu können, um das Leben seiner Liebsten nicht zu gefährden. Es musste schrecklich sein, den Menschen, den man liebte, auf diese Art gehen lassen zu müssen, in der Ungewissheit, ob und wie man ihn je wiedersehen würde. Marian sah voller Hass zu Guy hin, brennender Hass auf den Mann, der sie jetzt auf eine widerwärtige Art in seinen Armen gefangen hielt. Sie ließ ihre eigene Schuld außer Acht, lehnte es ab, auch nur daran zu denken, dass sie ihn vielleicht mit auf diesen schrecklichen Weg gebracht hatte.  Sie hatte sich selbst angelogen. Eine Träne erschien in ihrem Auge, als Guy fortfuhr, sie mit seinen Worten, die beißenden Hohn verrieten, zu foltern. „So verzweifelt, so panisch, so erstaunt, dass nicht alles gut wird. Wie ein Kínd bist du jetzt, verloren und unsicher.“ Marian erschauerte und Guy fühlte es, ein Schatten von einem Lächeln spielte um seine Lippen. „Wie rührend.“, knurrte er endlich.

Eine schreckliche Ruhe hing danach in der Luft, nur die stetigen Bewegungen der Pferde zeigten Marian, dass das hier kein Traum war, ein Alptraum, wie sie gehofft hatte. England war verloren. Resignation begann, ihren Glauben und ihren Wunsch zu kämpfen, zu erschüttern. Das einzige Licht im Dunkel, was sie davon abhielt, in den Abgrund ihrer Verzweiflung gerissen zu werden, war Robin. Robin lebte noch.

Das war viel wert. Robin würde nach ihr suchen und sie finden. Sie würde fliehen und dann würde es nichts mehr gegeben, was sie trennen konnte, sie würden zusammen sein. Dieser Gedanke half Marian, stark zu sein, den Schmerz zu bekämpfen, die Enttäuschung über den Tod des Königs und auch über ihre eigene hilflose Situation, doch ihre Kraft  reichte nicht. Wenn sie jetzt jemand ansehen würde, hätte das grausame Mondlicht sie verraten, Tränen glitzerten in ihren Augen wie Diamanten. Guy starrte geradeaus, er gab vor, ihre Blicke nicht zu bemerken. Durch alle Angst und Verzweiflung stieg Wut in ihr auf, füllte sie aus und ließ den Wunsch entstehen, ihn zu schlagen, ihm Schmerz zu bereiten. Marian wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, in der sie ihn angestarrt hatte, als ob allein ihr Blick ausreichen würde, Guy zu bestrafen. Ihr Hass wurde immer stärker. Ein Feigling war er, ein Monster. Er war unter der Dunkelheit geboren, und doch begehrte er das Licht, Marian wusste das. Sie schüttelte ruhig ihren Kopf. Sie war nicht sein Licht, sie war nicht seine Rettung. Es war nichts mehr da, was gerettet werden konnte.

Irgendwann  musste sie wieder eingeschlafen sein. Marian schreckte hoch, als sie eine Stimme hörte. Wieviel Zeit vergangen war, wusste sie nicht. Sie sah nur, dass sich die Dunkelheit auf die Landschaft gelegt hatte. „Endlich, ein Gasthaus!“, ließ sich plötzlich der Sheriff angesichts eines großen grauen Hauses vernehmen, „Ich bin so müde, dass ich nicht einmal mehr Lust habe, heute noch Marians Todesurteil zu vollstrecken.“ Sein meckerndes Lachen wirkte abstoßend. „Soll sie noch ein paar Tage lang die Freuden unserer Reise auskosten. Ich will es doch wenigstens genießen können, wenn sie um ihr Leben bittet und winselt. Oh, Marian. Ich habe nicht bemerkt, dass du wach bist. Sonst hätte ich das natürlich nicht erwähnt.“ Ein böses Lachen begleitete diese Worte und machte jedem klar, wie sehr Vaisey die Situation genoss. Marians Augen weiteten sich. Sie wollten sie töten? Verzweifelt nach einem Hauch von Gefühl in Guy’s Gesichtsausdruck suchend, drehte sie sich zu ihm um und hob den Blick. Doch da war nichts. „Kannst du stehen?“, wurde sie stattdessen grob von Guy angesprochen. Marian starrte ihn ungläubig an. Hatte er wirklich aufgehört, etwas für sie zu empfinden, hasste er sie jetzt so sehr, dass es ihn das Schicksal, was ihr drohte, nicht berührte? „Kannst du stehen, Marian?“, wiederholte Guy ungeduldig, Er war inzwischen vom Pferd gestiegen war, sein Verdruss war nicht zu überhören. „Ja.“, stammelte sie. Das war alles, was Guy brauchte. Er hob sie langsam ein Stück an und gestattete ihr dann, selbst vom Pferd zu springen. Marian zögerte nicht. Sie musste die Gelegenheit nutzen und versuchen zu fliehen. Die nächste Stadt konnte nicht weit entfernt sein, sie hatte Lichter gesehen. Robin suchte sie sicherlich und mit ein bisschen Glück….Als ihre Füße die Erde berührten, versuchte sie, mit einem Ruck ihre Hand aus der Guy’s zu lösen, aber seine Finger verstärkten sich sofort zu einem eisernen Griff, der jeden Fluchtversuch vereiteln würde. Er schien geahnt zu haben, dass sie nicht kampflos aufgeben würde. Marian schrie vor Ärger und Schmerz auf, ihr nutzloser Versuch hatte auch den Schmerz in ihrem Kopf wieder verstärkt. Es war unüberlegt gewesen, sie hatte sich hinreißen lassen, obwohl sie es hätte besser wissen müssen. Normaler eine ausgezeichnete Kämpferin war Marian zur Zeit noch zu geschwächt für derartige Aktionen, was sie beide wussten. Guy lachte sie provozierend an, fasste sie dann bei den Schultern und schob sie vor sich her in Richtung Wirtshaus. Marian konnte sein Gesicht nicht sehen und er ihres ebenfalls nicht, sie war dankbar dafür, denn sie wollte ihn unter keinen Umständen sehen lassen, dass sie weinte, jetzt nicht … niemals.

„Freches Biest.“ grummelte der Sheriff, der das kleine Intermezzo aus den Augenwinkeln beobachtet hatte, während er sein Pferd zum Stall führte. „Du hättest ihr sagen sollen, dass Robin tot ist.“  Marian wusste, dass Guy das nicht getan hätte. Bei aller Grausamkeit schien er doch nicht lügen zu können. Er würde sich abwenden, würde ausweichen, aber ihr niemals  direkt ins Gesicht lügen. Der Sheriff hatte offensichtlich nichts von ihrem früheren Gespräch mitbekommen. „Vielleicht hätte sie dann aus Verzweiflung darum gebeten, dass du sie auch tötest. Es hätte uns viel Ärger erspart.“ Vaisey hatte inzwischen sein kleines Spielchen fortgesetzt. Guy’s starke Hände spannten sich bei den gehässigen Worten an. Marian sah Vaisey mit brennendem Hass an. Wenn doch nur Blicke töten konnten, dachte sie voll Bitterkeit. Sie verabscheute diesen Mann, sie verabscheute sie beide und sie hasste es, dass Vaisey jede Strippe zu kennen schien, an der wie bei einer Marionette ziehen musste, um bei Guy das gewünschte Ergebnis zu erhalten, sie hasste es, wie einfach Vaisey Guy manipulieren konnte  - aber nicht nur er. Marian zuckte innerlich zusammen. Vielleicht war Vaiseys Einfluss doch stärker als der ihre. Aber sie verbannte diesen Gedanken schnell, wollte immer noch glauben, dass das nicht möglich sei.

Der Sheriff klopfte laut und ungeduldig an die Tür. Erst Minuten später erschien eine junge Frau. Sie begann, nicht sehr freundlich in der Landessprache auf die Reisenden einzureden. Marian konnte sich ein Lächeln nicht verbeißen. Aber dann ließ Guy sie los und trat vor. Mit samtweicher Stimme wandte er sich fast flüssig sprechend in der fremd klingenden Sprache an die Wirtin. Marian war überrascht, dass Guy die Sprache beherrschte, er lächelte die Frau an und schien ihr sogar Vertrauen einzuflößen. Das sah so überhaupt nicht nach dem Mann aus, den sie kannte. Selbst Vaisey sah etwas irritiert nach seinem Untergebenen. Guys Charme indes schien zu wirken, denn die Frau sah sie nun etwas freundlicher an und trat von der Tür zurück, um sie in das Haus zu lassen. Etwas Unverständliches in seinen Bart murmelnd ergriff Vaisey Marian und stieß sie rau in die Herberge hinein. Sie stiegen ruhig eine Treppe hinauf. Vor einer Tür blieb Guy stehen. Da ihnen offensichtlich nur zwei Räume zur Verfügung standen, fragte Guy den Sheriff nach seinen Wünschen: „My Lord, wie…?“ „Frag nicht einmal“, unterbrach der Sheriff ihn genervt, „Ich will eine ungestörte Nachtruhe und Aussätzige zerstören jede Chance, in Ruhe schlafen zu können. Gisborne, du und sie, ihr nehmt diesen Raum, ich werde dort schlafen.“ Damit drehte er sich um, öffnete die Tür nebenan und schloss sie hinter sich mit lautem Knall. Das Geräusch klang durch den Flur, die Botschaft war deutlich: Kommt damit klar, wie ist mir völlig egal. Die Nacht wurde die erste von vielen, in denen sie nur wenig Schlaf bekam.