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Changing

MitmachgeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18
09.09.2014
04.01.2016
60
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Point of view : Erwin Sebastian von Basel

<<Handle, bevor die Dinge da sind.
Ordne sie, bevor die Verwirrung beginnt. >>


<< Freitag, 21. November 2014 (Noch Drei Tage bis zum Winter Cup)>>

Ich betrachtete Shintaro und Takao, welche an ihrem neuen Wurf zu arbeiten schienen. Er schien perfekt und unüberwindbar, schien die ultimative Geheimtechnik zu sein. Doch je öfter ich sie mir besah, desto mehr Fehlerquellen konnte ich entdecken, desto klarer wurde mir der Weg diesen Wurf aufzuhalten.
Ich stützte seufzend mein Kinn auf meinen an meinen Körper herangezogenen Knien ab, während ich auf dem Boden der Halle verweilte, um eine kurzzeitige Auszeit zu nehmen.
„Von Basel-kun“, bei dieser Anrede verzog ich kurzweilig das Gesicht. Sie klang – um ehrlich zu sein – einfach scheiße. Ich drehte mich zu demjenigen um, der mich angesprochen hatte und ließ mir meinen Unmut über diese Anrede nicht ansehen.
Der Trainer der Shuutoku High musterte mich aus dem Augenwinkel.
„Du solltest auch mit Midorima-kun zusammen arbeiten und eine Technik mit ihm entwickeln“, ich hob amüsiert beide Brauen. Faktisch begann der Winter Cup in dreieinhalb Tagen. Egal, ob Shintaro ein Genie und mein Talent auch nicht außer Acht zu lassen war, in drei Tagen würde dies selbst für für uns beim besten Willen nicht zu schaffen sein.
Ich erhob mich. „Coach, bei allem Respekt“, ich setzte ein überfreundliches Lächeln auf. „Ich wage es zu bezweifeln, dass wir ein komplett neues, perfektes Manöver kreieren können, in einer solch engen Zeitspanne. Außerdem“, ich fuhr mir durch mein zurück gegeltes Haar. „... spiele ich ursprünglich in einem Team, welches unabhängig voneinander spielt und dessen Spieler untereinander des öfteren nicht wissen, was die anderen als nächstes tun werden. Demnach brauchen sie sich keine Sorgen darum machen, dass Midorima-kun und ich Probleme mit der Zusammenarbeit haben werden“, ich zwinkerte ihm zu, als ich mich zum Gehen wandte. „Midorima-kun und ich würden niemals etwas Unfertiges präsentieren, also belassen wir es einfach dabei und sehen, was sich aus dem Zufall heraus ergibt, Coach“, ich hob die Hand ließ sie wieder fallen und begab mich zurück auf das Feld um zusammen mit den anderen weiter trainieren zu können.

„Lass mich mal“, ich nahm den Ball von Takao entgegen um mein Glück bei Shintaro versuchen zu können. „Du kannst das nicht, Er-chan“, der Schwarzhaarige plusterte seine Wangen auf und nahm mir den Ball wieder ab.
„Du besitzt das Hawk-eye nicht, das braucht mal dafür um mit Shin-chan arbeiten zu können“, ich hob die Brauen und biss mir auf die Unterlippe um nicht drauf los lachen zu können.
„Zeigst du es mir trotzdem?“, versuchte ich ihn aus der Reserve zu locken. „Die Technik sieht vielversprechend aus, ist sie deinem schlauen Köpfchen entsprungen?“, Takao sprang wieder-erwartend darauf an und Shintaro schob sich seine Brille zurecht.
Takao erklärte mir jeden einzelnen Schritt genau und erst als ich nickte und es selbst versuchte schien er zu bemerken, dass er genau das getan hatte, was er vorher vehement abgelehnt hatte. „Er-chan, du bist wirklich gemein“, er kratzte sich am Hinterkopf und ich grinste scheinheilig. Man musste eben wissen, wie man das bekam, was man wollte.
„Du musst höher springen“, sagte ich zum Shooter Shuutokus, welcher mich beinahe entgeistert ansah. „Takao muss höher und schneller werfen“, empört blies der Schwarzhaarige die Wangen auf. „Und wieso, Herr-Besserwisser?“, ich schnippte dem Point Guard des Teams vor die Stirn. „Weil Herr-Besserwisser seine Shinri-Mitglieder kennt und weiß, wie sie auf einen solchen Wurf reagieren würden“, murrte ich und stemmte die Hände in die Hüften.
„Nehmen wir an ihr trefft auf Jhonsonn Takaya“, ich ließ Takao seinen Wurf vollführen. „Takaya ist eine sehr gute Spielerin aus London und bekannt für ihre Sprungkraft, sowie ihre Reflexe. Wenn ihr also diesem Mädchen einmal diesen Wurf gezeigt habt, pflückt sie euch in der Luft auseinander und das wortwörtlich. Sie würde sich den Ball schneller greifen, als Shintaro springen kann“, ich demonstrierte ihnen das Szenario, Takao vollkommen geplättet, starrte mich an. „Wieso konntest du diesen Ball überhaupt aufhalten?“, murmelte er sichtlich verärgert und ich lachte. „Weil du mir gezeigt hast, wie man ihn ausführt, deshalb“, er nickte wissend und schlug sich mit seiner Handfläche gegen die Stirn.
„Zweites Szenario. Dreyszas Yan Sasha“, Shintaro nickte. „Deine Kindheitsfreundin“, ich stimmte ihm zu. „Genau die. Dieses Mädchen ist Akrobatin. Sie lässt sich von ihrem Mitspieler in die Luft befördern oder, noch besser, nimmt Shintaros Knie als Sprungbrett, ist demnach eher in der Luft als er, fängt den Ball und passt ihn woanders hin, fertig.“
„Drittes Szenario: Snow Yin. Ist schneller und unsichtbarer als du es jemals sein wirst. Selbst du mit deinem Hawk-eye wirst einige Probleme haben sich an sie zu gewöhnen und deswegen würde sie deinen Wurf im Lauf auffangen und zu ihren eigenen Kameraden befördern. Ganz einfach. Unser Coach, Kageyama Yumi, würde diesen Wurf einfach voraus ahnen und den anderen ihre nächsten Schritte befehlen, um ihre Teamkameraden den Ball abfangen zu lassen. Sie tut es nicht, weil sie, wie Sayuri, die Gabe der Voraussicht hat sondern eher, weil sie diejenige war, die uns das Konzept des blinden Spiels nahe gelegt hat und deswegen ahnen wird, was ihr vor habt, habt ihr ihr diesen Wurf einmal gezeigt.“

<<Die Zeit ist nur die verworrene Form des Rationellen. Was wir als eine Folge von Zuständen wahrnehmen, begreift unsere Intelligenz, wenn die Nebel einmal gefallen sind, als ein Bezugssystem. >>

Noch lange feilten wir an diesem Wurf, was sichtlich schweißtreibend für die Beiden war. Takao seufzte lautstark auf, als wir die Halle schlussendlich verließen. „Ihr Shinris seid ganz schön anstrengend“, maulte er, während er sich streckte und voran ging. Ich schüttelte den Kopf über ihn. „Nicht so sehr wie du, Takao“, ich grinste spitzbübisch, als er sich über meine 'Dreistigkeit' beschwerte. „Shin-chan“, maulte er. „..sag' doch mal was dazu“, Shintaro rückte seine Brille zurecht. „Man sollte Wahrheiten nicht in Frage stellen, Takao“, sagte er und gab mir damit recht, was sehr zu meiner Genugtuung beitrug.
Murrend verabschiedete sich der Point Guard mit dem Hawk-eye von uns und Shintaro und ich gingen schweigend nebeneinander her.
Es war bereits dunkel und ich war froh um das Licht der Laternen, welche die Bürgersteige erhellten.
„Ich werde dich zum Bahnsteig begleiten“, murmelte Shintaro in die Stille hinein und ich glaubte mich verhört zu haben, fuhr herum und sah noch, dass er sich etwas verlegen die Brille nach oben schob und sein heutiges Lucky Item mit seiner linken Hand etwas fester hielt als nötig.
„Das musst du nicht tun, Shintaro“, beschwichtigend hob ich beide Hände, doch er schüttelte den Kopf. „Ich habe mir ein neues Buch ausgeliehen und wollte dich nach deiner Meinung fragen. Akzeptiere es also“, brummelte er und ich konnte nicht anders als ihn überrascht anzusehen und es so hinzunehmen.
Also setzten wir uns am Bahnsteig nebeneinander, warteten auf meinen Zug, welcher Verspätung hatte und froren uns die Nasen ab. Um es freundlich zu sagen.
Als ich grade ansetzen wollte etwas zu sagen sprang ich auf und ging ein paar Schritte zurück. Derjenige, der uns auf dem Bahnsteig gegenüber stand und hämisch grinste, kam mir mehr als nur bekannt vor und sofort meldete sich meine Narbe am unteren Rücken. Sie brannte ein wenig, es war ein ziehender Schmerz. Shintaro drehte sich zu mir um, stand auf und sah in die selbe Richtung, in welche ich sah. Mein Blick schmerzverzerrt, ein wenig Angst spiegelte sich in meinen Augen wieder.
„Erwin?“, leicht irritiert trat der grünhaarige Shooter an mich heran. „Was ist?“, fragte er beinahe tonlos, doch die Verwirrtheit war ihm anzusehen. „Oi, Erwin“, wurde er energischer und seine Fingerspitzen berührten mich an meiner Narbe am unteren Rücken. Das wars.
Ich bracht zusammen, krampfte, wimmerte, schluchzte.
Diesen Zustand, in dem ich mich nun befand, nannte man Dissoziation. Meine Narbe schmerzte, brannte höllisch.
An mehr konnte ich mich nicht mehr erinnern, nur an Shintaros Stimme, welche meinen Namen rief, doch sich so weit weg anhörte, als würde er sich von mir entfernen.

<<Die Moral aber ist nur der äußere Schein von Treue und Glauben und der Verwirrung Beginn. >>

Als ich zu mir kam schreckte ich hoch, sah mich panisch um. Ich erblickte Shintaro, welcher auf einem Stuhl neben meinem Bett Platz genommen hatte und aus dem Fenster starrte. Schnell ergriff ich seine Hand. „Bleib“, rief ich zu laut und der Shooter zuckte zusammen. „Ich hatte nicht die Absicht zu gehen“, raunte er und ich umklammerte seine Hand weiterhin. Er hob die Brauen und sah auf seine Hand, welche von meiner so fest gedrückt wurde, dass sie weißer wurde, als sie so oder so schon war. Mh, wieso fiel mir jetzt erst auf, wie schön seine so helle, makellos erscheinende Haut war?
„Entschuldige bitte“, ich ließ schnell los und beförderte meine Hände unter meine Decke, klemmte sie unter meine Oberschenkel.
„Ich bereite dir ziemlich viele Umstände, hm?“, ich schämte mich ein wenig, wusste aber, dass ich ihm eine Erklärung schuldig war und warf ihm einen leidvollen Blick zu. Er schien abzuwarten, sagte nichts.
„Du weißt, dass ich homosexuell bin“, er nickte. „Das ist mir bewusst“, entgegnete das Wunderkind ohne die Mine zu verziehen. Er nahm es ziemlich gelassen hin, was mich zufrieden stimmte.
„Ich hatte damals eine.. Bekanntschaft. Jean Lucé war meine erste Beziehung zu einem Mann und auch Allgemein meine erste Liebe. Ich war 13, er drei Jahre älter als ich. Ich vertraute ihm blind, hielt mich gern bei ihm auf. Ich fühlte mich wohl, fühlte mich begehrt, konnte angeben, schließlich war mein Freund älter als ich und ältere waren sowieso immer die cooleren.
Er konnte nicht warten, bis ich dazu bereit war einen Schritt weiter zu gehen. Er vergewaltigte mich, ich wehrte mich mit allem, was ich hatte, was nicht sonderlich viel brachte“, ich unterdrückte ein Schluchzen. Wie jämmerlich, ich war ein Mann, ich sollte nicht heulen. Schon gar nicht vor einem Midorima Shintaro, der sich geduldig meine Geschichte anhörte, obwohl er sie wahrscheinlich gar nicht hören wollte. Abwesend saß er dort, hatte die Beine übereinandergeschlagen, sich leicht nach vorn gebeugt.
„Damit ich mich mein ganzes Leben lang daran erinnern kann, dass er derjenige war, der sich meine Jungfräulichkeit genommen hatte, nahm er ein Messer zur Hand und schlitzte mir meinen unteren Rücken zur Gänze auf“, ich schniefte unelegant, doch das war mir in diesem Moment vollkommen egal.
„Wenn jemand diese Narbe berührt, verfalle ich einen Zustand der Dissoziation“,  ich sah ihn an. „Du bist Intelligent, ich denke, ich muss dir nicht erklären, was dieser Begriff bedeutet“, er nickte um meine Annahme zu bestätigen. „Wenn ich in diesem Zustand bin passiert das, was du vorhin gesehen hast“, mein Blick fiel auf die Uhr, welche sich an der Wand befand und meine Augen weiteten sich. Es war vier Uhr, mitten in der Nacht. Ich fuhr zu Shintaro herum, bemerkte jetzt erst, wie müde und abgekämpft er aussah. „Was in drei Teufels Namen machst du hier?“, beinahe entsetzt sah ich ihn an und er hob die Brauen. „Mir deine Geschichte anhören und dem Drang, diesen Kerl zu erledigen, widerstehen“, gab er vollkommen ehrlich zurück und ich musste gestehen, dass mein Herz einen kleinen Hüpfer machte.
Ich schüttelte den Kopf. „Mach' dir nicht die Hände schmutzig, Shintaro“, riet ich ihm. „Dafür bist du mir zu schade“, ich seufzte und ließ mich wieder in die Kissen fallen. Der Grünhaarige musterte mich. „Wieso bist du hier geblieben?“, hakte ich nach. „Du hättest einen Krankenwagen rufen und dich dann vom Acker machen können“, ich kniff leicht meine Augen zusammen. „Hast du aber nicht“, er sah mich ausdruckslos an.

„Ich gehe davon aus, dass ich dich mag“, sagte er plötzlich und vollkommen unerwartet.
„Nicht so, wie ich einen Freund mögen würde, was sich schwer einschätzen lässt, da ich keine Freunde mehr besitze, seit das Team der Teiko sich auflösen musste. Ich verspüre wohl eher eine stärkere Zuneigung, welche ich nicht großartig einzuschätzen vermag“, er seufzte schwer. „Ich bin ehrlich zu dir, Erwin“, er sah mich unentwegt an. „Es verwirrt mich. Du verwirrst mich. Du greifst nach den selben Büchern wie ich. Unsere Hände berühren sich. Wärme fährt durch meinen gesamten Körper, wenn wir uns zufällig berühren. Es ist mir unangenehm, aber dann erfasst mich ein wohliges Gefühl, welches ich nicht beschreiben kann.
Ich habe mir Sorgen um dich gemacht, Erwin. Mehr als das. Weswegen ich bei dir geblieben bin. Ich verhalte mich in deiner Gegenwart anders als sonst und mein Horoskop hat mir eine grundlegende Veränderung vorausgesagt. Um dem entgegen zu steuern, habe ich mir das Lucky Item täglich größer besorgt als eigentlich nötig, doch allem Anschein nach hat dies nie sonderlich gut geholfen.
Ich sträube mich nicht dagegen, ich weiß, dass ich es nicht ändern kann. Ich muss es akzeptieren, werde es auch tun und werde versuchen damit zu leben, mich darauf einstellen. Ich muss lernen mit dieser für mich noch unnormalen Situation zurecht zu kommen. Leicht wird es nicht und ich erbete deine vollkommene Unterstützung.“
Etwas verdattert sah ich ihn an, ich glaubte zu wissen, dass mein Mund sogar offen stand, doch dies bekam ich nur am Rande mit.
Hatte Midorima Shintaro mir gerade absolut umständlich versucht zu vermitteln, dass er Interesse an mir hegte und dass er mich darum bittet ihm zu helfen damit zurecht zu kommen? Und inständig hoffte, dass dieses Interesse auf Gegenseitigkeit beruhte?
Ich nahm seine Hand, lächelte, als er etwas verwirrt drein blickte.
Natürlich schlug ich ihm diese Bitte nicht aus, ich würde mich seiner annehmen, warten, bis er zu einem weiteren Schritt bereit war und ihm alle Zeit der Welt lassen. Schließlich hegte auch ich wahrlich großes Interesse an ihm.
„Wir lassen es langsam angehen, Midorima Shintaro“

<<Die Ausübung von Taten gegen das innere Gefühl des Rechtes untergräbt die Kraft unserer Wahrheitserkenntnis, sie verwirrt den rechten Sinn der edlen, hohen Einfalt unsrer Grundbegriffe und unsrer Grundempfindungen. >>

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