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Changing

MitmachgeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Gen
09.09.2014
04.01.2016
60
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12
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28.06.2015 2.273
 


Point of view: Yin Snow

<<Magst du andre nicht verletzen,
lern’ in andre dich versetzen.>>


<<Dienstag, 18. November 2014 (Noch 6 Tage bis zum Winter Cup) >>

Der gestrige Tag saß mir noch immer in den Knochen. Ich stellte demnach erneut fest, dass Veranstaltungen dieser Art nicht meine Welt waren und beschloss einmal wieder diese in Zukunft zu meiden.
Es war sechs Uhr in der Früh, Akashi hatte mich soeben geweckt und ich setzte mich stöhnend in meinem Bett auf, fuhr mir durch mein weißes, zerzaustes Haar und danach mit beiden Händen durch mein Gesicht, schüttelte den Kopf und schlug die Decke zurück um den Drang, mich wieder zurück in die Kissen fallen zu lassen um weiter meinen nicht vorhandenen Rausch ausschlafen zu können, zu widerstehen. Ein Kälteschauer erfasste mich, so war es unter meiner Decke doch viel wärmer, als im Raum selbst. Ich schwang dennoch meine Beine aus meinem monströs erscheinenden Bett um mich letzten Endes vollkommen missmutig ins Badezimmer zu schleppen.
Waschen, anziehen, Haare zu einem halben Zopf zusammen binden, mich unzufrieden im Spiegel betrachten, dem Drang, meinem Spiegelbild meine Faust so richtig in seine hässliche Fresse zu donnern, widerstehen. Doch da ich nicht sonderlich auf Schmerzen stand, entschied ich mich dann doch dazu lediglich den Lichtschalter als Schlagschalter umzufunktionieren und die Badezimmertür geräuschvoller als normal zu schließen, stapfte aus meinem viel zu großen Zimmer und polterte missgelaunt die Treppe herunter in die schon besetzte Küche.
„Yin!“, ermahnte mich Akashi-sama streng, ohne von seiner Morgenlektüre aufzusehen.
„Scheint, als hätte Snow-sama einen außerordentlich guten Start in den Tag gehabt“, sein Sohn sah ebenfalls nicht von seinen Unterlagen auf, welche er während des Frühstücks studierte. So trug es sich jeden Morgen und jeden Abend zu. Jeder beschäftigte sich mit sich selbst, meist lasen die beiden Zeitungen oder blätterten in Unterlagen ihres Konzerns herum um diese zu überprüfen und zu überarbeiten. Und ich, ich saß eigentlich nur herum, stierte auf mein Essen und saß die Zeit ab. So wie auch jetzt. Ich entschuldigte mich bei dem Familienoberhaupt für mein Fehlverhalten und aß meine morgendliche Ration Müsli. Schweigend kaute ich vor mich hin, starrte in meine Schüssel und hielt verkrampft meinen Löffel fest.
Schade, ich hatte nicht übel Lust auf ein harmonisches Frühstück mit meinen Freunden...

Auch die Haushälterin, welche ich anfangs fälschlicherweise für Akashis Mutter gehalten hatte, schwirrte kurz darauf in die Küche, begrüßte uns lautstark, sowie hemmungslos und begab sich danach in das Obergeschoss um die Betten neu zu beziehen.
„Ich sollte sie entlassen“, murmelten Vater und Sohn, welche sich gegenüber saßen und ich unterdrückte ein Seufzen. So entledigten sich die beiden konsequenten Unternehmer doch allem, was nicht ihren Wertvorstellungen und Wünschen entsprach und ihnen zu unbequem oder lästig wurde, mühelos und ich konnte von Glück sprechen, dass sie mich noch nicht samt meines kompletten Hab und Guts an die frische Luft gesetzt hatten. Nun, wobei 'Glück' in diesem Haushalt hier wohl eher subjektiv zu sehen und ein eher unpassender Begriff für die hier herrschenden Verhältnisse war. Doch eigentlich nur von Zeit zu Zeit, so war das Leben in diesem Haus doch nicht allzu schlecht. Sicherlich bedurfte es hier und dort einer Veränderung...

<<Verletzen ist leicht, heilen schwer.>>

Akashi erhob sich, nachdem er aufgegessen hatte, legte seine Papiere ordentlich auf den Tisch um sie seinem Vater zu überlassen und verließ die Küche. Ich tat es ihm gleich, verfrachtete vorher dennoch mein Geschirr in die Spülmaschine.
„Das brauchst du nicht zu tun“, hielt mir der rothaarige Basketballer vor, während wir uns ins Obergeschoss begaben um uns unsere Zähne putzen zu können.
„Dafür ist die Haushälterin eingestellt worden“, ich schnaubte. „Ich bin es gewohnt meine Arbeiten selbst zu verrichten“, Akashi drehte mir den Rücken zu, umfasste die Türklinke seiner Badezimmertür.
„Es gibt Dinge, für die ein jeder bestimmt ist, Snow-sama“, das Suffix betonte er absichtlich, drehte seinen Kopf leicht in meine Richtung um mich aus seinen Augenwinkeln heraus zu fixieren. Selbst dieser Blick ließ mich schaudern und ich fühlte mich, als würde er mich mit seinem Blick an meiner Tür fest tackern.
„Sie ist dazu bestimmt hinter uns her zu räumen, die niederen Arbeiten zu verrichten, denn das ist das, was sie am Besten beherrscht“, meine Augen weiteten sich, als er sich zu mir umwandte, zwei große Schritte machte um mich zu erreichen und mein Kinn schraubstockartig umfasste.
„Ich bin dazu bestimmt absolut zu sein. Ich stehe vorn in der Nahrungskette, ich gebe den Ton an und du,  Yin“, sein Blick traf auf meinen, seine Lippen verzogen sich zu einem selbstgefälligen, euphorischen Grinsen.
„... bist dazu bestimmt an meiner Seite zu sein und hübsch auszusehen“, er drehte sich wieder um. „Du wirst mir zum Sieg verhelfen, melting Snowflake“, er benutzte meinen Spitznamen aus dem Basketballbereich um seine Absichten noch zu untermalen. Seine schneidende Stimme ließ – wie immer – keinen Widerspruch zu und mir fiel in diesem Moment nicht einmal im Traum ein ihm nun einen Spruch zu drücken oder ihm zu widersprechen.
„Ja“, hauchte ich unterwürfig, eingeschüchtert, missmutig, gebrochen.
„Gutes Mädchen“, er nickte zufrieden. „Jeder sollte seinen Platz kennen“, er schnaubte. „Wenn nicht, wird ein jeder durch mich auf diesen hingewiesen“, mit diesen Worten verschwand er in seinem Badezimmer und ließ mich allein auf dem grade unheimlich kalten Flur zurück.

Ich atmete hörbar ein und aus, angesäuert, gar wütend.
Ich putzte meine Zähne in Rekordzeit, sprintete die Treppenstufen herunter, an der Haushälterin vorbei, welche mir noch hinterher rief, dass es doch noch viel zu früh sei, um in die Schule zu gehen, zog in Windeseile Schuhe und Jacke an und verließ fluchtartig das Haus.
Raus, ich musste raus, konnte es nicht länger ertragen die selbe Luft zu atmen wie mein Schicksal, welches seelenruhig in seinem Badezimmer verweilte um an seinem verdammten, perfekten Aussehen zu feilen, und beschloss den Weg zur Schule zu Fuß zurück zu legen, auch wenn dieser ein ganzes Stück betrug, doch ich hatte ja noch unendlich viel Zeit.
„So ein verdammtes Arschloch“, murmelte ich vor mich hin. Ich murmelte immer, wenn ich wütend war. Und in diesem Moment war ich unheimlich wütend, weswegen mein Schritttempo mindestens das Doppelte von meinem Eigentlichen betrug.
„Benutzt mich, wie alle anderen um ihn herum“, mein Tempo verlangsamte sich. „Verdammt“, nuschelte ich wütend.
Schlussendlich blieb ich stehen. „Verdammt!“, lehnte mich gegen eine Mauer in einer kleinen Seitengasse um mich zu verstecken, hielt mir meinen Handrücken vor den Mund. „Verdammt!“, letzten Endes ließ ich der Wut in Form von dicken Tränen seinen Lauf. Unaufhaltsam rannen sie meine Wangen herunter, tropften auf meine Schuluniform. „Verdammt!“
Die Wut verflüchtigte sich, löste sich in Wohlgefallen auf und machte damit einem gänzlich anderem Gefühl platz... Nämlich dem Schmerz der Erkenntnis.
Akashi Seijuro betrachtete mich lediglich als ein Püppchen, sein persönliches Spielzeug, eine weitere Schachfigur, welche er mühelos und nach belieben über das Schachbrett namens 'Leben' schieben konnte um sich die Dinge so zu richten, wie es ihm in den Kram passte.  Er benutzte mich um zu siegen, schließlich ging er dafür letztendlich sogar über Leichen.
Und wenn er mich nicht mehr brauchte, würde er mich eben problemlos aussortieren, damit würde er keine Verträge haben.
Ich war so eine Idiotin. Naiv. Einfältig. Leichtgläubig. Von mir selbst überzeugt.
Ich hatte doch tatsächlich geglaubt ihn verändern zu können. War ich eigentlich größenwahnsinnig gewesen? Sehr grenzdebile Denkweise meinerseits. Ich applaudierte mir selbst...
Mein Blick galt nun dem Himmel, meine Sicht durch den Tränenschleier vollkommen verklärt. Die Einsicht nicht weiter als eine Dekoration, eine Schachfigur zu sein schmerzte unendlich, hatte mich tief getroffen, verletzt, ließ mein viel zu gutes Herz bluten.
Oh, ihr Geister. Was habe ich euch getan, dass ihr mich mit einer solchen Lebensaufgabe bestrafen musstet?

<<In einem guten Wort ist für drei Winter Wärme; ein böses Wort verletzt wie sechs Monate Frost.>>

Als die Tränen langsam versiegt waren, machte ich mich wieder auf den Weg in die Schule. Es hatte zu regnen begonnen, doch es störte mich nicht. Ich ging nicht schnell, keineswegs, ließ mir Zeit, schleppte mich an meinen Zielort. Ich war gebrochen, zu nichts mehr zu gebrauchen. Ich hätte es von Beginn an wissen müssen, so war mir doch eigentlich bewusst gewesen, dass es nicht einfach werden würde. Wann hatte ich also angefangen das Ganze auf die leichte Schulter zu nehmen?
Es war fünf vor Acht, als ich an der Schule ankam. Vollkommen durchnässt schlurfte ich wenig elegant über den Schulhof, meine Schuhe, welche ich in mein Spindfach stellen wollte, kamen mir unendlich schwer vor, meine Hausschuhe ließ ich einfach auf den Boden fallen, konnte sie nicht mehr halten.
Ich wusste, ich nahm es mir alles viel zu sehr zu Herzen und manch einer würde sagen, ich solle kein Drama aus der ganzen Sache machen. Doch wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr erkennt, dass ihr eurer Lebensaufgabe, welche euch vor Jahren gegeben worden war, einfach nicht gewachsen wart? Genau, ich fühlte mich genauso. Inkompetent, wie ein Versager, der auf der Strecke geblieben war.
Ich schlurfte in mein Klassenzimmer, der Lehrer war glücklicherweise noch nicht da. Sie tuschelten, doch ich ignorierte meine vorläufigen Klassenkameraden. Bald war ich wieder an der Shinri High in Tokyo, ich musste hier nicht mehr verweilen. Gab es eigentlich die Möglichkeit dieses Projekt hier zu beenden?
Nur am Rande nahm ich wahr, dass Akashi in den Klassenraum schwebte, doch anstatt sich auf seinen üblichen Platz neben mich zu setzen, stellte er seine Tasche auf dem Lehrpult ab, warf einen Blick in die Runde und verzog nicht einmal sein Gesicht.
„Da unser Mathematiklehrer erkrankt ist, wurde ich gebeten euch den Stoff für die heutige Stunde nahe zu bringen“, erklärte er den Unterricht für begonnen und nahm sich sogleich ein Stück Kreide um irgendwelche Formeln an die Tafel zu schreiben.
Ich schaltete ab, sah auf meine Hände, welche ich unaufhörlich knetete. Sie waren bereits zur Gänze gerötet und begannen zu brennen.
„Snow-san, würdest du bitte an die Tafel kommen?“, dieser elendige Idiot. Er war weder blind noch einfältig, er musste wissen, wie schlecht es mir ging. Und dennoch nahm er mich mit voller Absicht dran. Ich war zwar schlecht in Mathematik, doch ich hatte dieses Thema schon einmal mit Sasha und Kenneth durch gearbeitet, da wir es für ein Projekt in Physik gebraucht hatten. Also stand ich auf, schleppte mich zur Tafel und nahm ihm die Kreide aus der Hand. Ich hielt seinem Blick stand, welcher seelenruhig auf mir lag und auch als ich ihm an der Tafel einen vor rechnete, musterte er mich.
Ich drückte ihm die Kreide wieder in die Hand und rauschte auf meinen Platz zurück, zufrieden darüber, dass meine Lösung richtig zu sein schien.
„Gut gemacht, Snow-san“, sagte er mechanisch und ich schnaubte verächtlich. Dieses Lob konnte er sich sonst wo hin stecken.

Nach dem Unterricht setzte er sich wieder auf seinen Platz, wir schwiegen uns den ganzen Vormittag lang an und ich stellte ärgerlicherweise fest, dass ich mein Bento in all der Eile vergessen hatte. Nun, dann würde ich heute eben verhungern...
In der Mittagspause trat Akashi zu mir an den Tisch, ich sah an ihm vorbei. Wortlos stellte er mir mein Bento vor die Nase, ich packte es, stand schwungvoll auf, sodass mein Stuhl nach hinten fiel und rauschte aus dem Klassenzimmer.
Ich begab mich auf das Schuldach. Es war nass und kalt, beinahe glich das Wetter dem aus Alaska, doch dies hinderte mich nicht daran mich zu setzen um mein Bento zu verschlingen.
Ich wollte auch nicht meine Freunde kontaktieren, ich wollte ihnen nicht zur Last fallen, sie hatten sicherlich alle ihre eigenen Probleme zu bewältigen. Ich stand also allein auf weiter Flur, da ich auch niemanden hatte, den ich hier Freund nennen konnte und zum Vertrauenslehrpersonal wollte ich schon gar nicht gehen. Die ging meine Probleme nämlich genauso wenig an wie dem Rest dieser Schule.
Ich musste mir selbst helfen, stellte ich fest und zog die Knie an meinen Körper, welche ich sogleich mit meinen Armen umfasste und mein Kinn darauf ablegte.
Allein, ganz allein.
Ich fasste einen Entschluss, welcher mir nicht sonderlich gefiel, doch mir als die beste Lösung erschien.
Also beschaffte ich mir das dafür vorhergesehene Formular und vereinbarte einen Termin mit dem Direktor, welcher mich auf den nächsten Tag vertröstete, da er heute wohl alle Hände voll zu tun hatte.
Ich füllte mein Formular aus, was in zwei Minuten getan war und steckte es in meine Tasche um es nach dem Unterricht abgeben zu können.
Als dieser Zeitpunkt eingetroffen war, die Zeit durch meine geistige Abwesenheit nur so an mir vorbei gerauscht war, stand ich, nachdem alle den Klassenraum verlassen hatten, als letztes auf, atmete einmal tief durch, und schulterte meine Tasche. Ich spazierte auf die Sporthalle zu und betrat diese fest entschlossen.
„Ah, Yin-chan, wo warst du denn so lange?“, trällerte Mibuchi Reo, welcher, so wie Erwin, homosexuell zu sein schien und ein absoluter Charmeur war. Ich passierte ihn wortlos und marschierte schnurstracks auf den Trainer zu, gab ihm meinen heute ausgefüllten Wisch und verließ die Sporthalle wieder.

Formular zur Beendigung der Clubaktivität
Name: Snow Yin
Club:Basketballclub
Beendigungsgrund:Persönliches"


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Du hast mich verletzt, doch mein Herz zerbrechen wirst du nicht
Ich halte es fest in meinen Händen und ins Licht
Die Sonne wärmt mein Herz
Und irgendwann vergeht der Schmerz
und die Sonne sich funkeln in den Facetten der Liebe bricht

Vielleicht wirst du ja eines Tages verletzt und dein Herz zerbricht
Doch keiner hält es in den Händen und du siehst Dunkel statt Licht
Und die Sonne wärmt nicht dein Herz
Und ewig fühlst dann du den Schmerz
doch das wünsche ich dir nicht>>


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