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Changing

MitmachgeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Gen
09.09.2014
04.01.2016
60
132.663
12
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Dieses Kapitel
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09.09.2014 2.201
 
Point of view: Alexandra

<<Manchmal gibt es Tage, an denen ich am liebsten nicht mehr leben möchte, Tage, an denen ich mich verkrieche vor Zurechtweisung, Drohung und der Wirklichkeit verstecken möchte. Aber es gibt auch Tage an denen ich mir wünsche, sie würden nie zu Ende gehen, Tage an denen die Sonne scheint obwohl es regnet und Du in meiner Nähe bist und ich Dich nie verlassen möchte. Es gibt Tage an denen ich wie ein Vogel bin, frei und noch doch in einem Käfig gefangen. Tage die für mich Festklammern und Loslassen bedeuten. Und es gibt Tage an denen ich erfüllt bin mit der Gewissheit, dass es etwas besonderes ist zu leben!>>

Samstag wachte ich erst relativ spät auf, da Frau Himuro so freundlich gewesen war mich schlafen zu lassen. Ich wachte aber nicht auf, weil mein Körper genug davon hatte sich auszuruhen. Nein, nein.
Neben mir gab die Matratze nach und ich drehte mich um, sah in das Gesicht Himuros. Dieser betrachtete mich mit einem Blick, den ich nicht deuten konnte.
„Stalker“, murrte ich und Himuro schüttelte grinsend den Kopf.
„Ich habe mich grade bloß gefragt“, begann er und fuhr sich durch sein pechschwarzes Haar. „Wie man nur so  viel schlafen kann wie du“, ich verdrehte die Augen und setzte mich auf. „Weißt du“, ich fuhr mir mit meiner Hand durchs Gesicht. Erst einmal richtig wach werden, Alexandra.
„eigentlich ist das eine ziemlich simple Sache. Du bist müde, legst dich hin, machst die Augen zu und öffnest sie so lange nicht mehr, bis dein Körper keinen Bock mehr hat und dich dazu zwingt die Augen aufzumachen“, ich klatschte mit falscher Begeisterung in die Hände und somit endete mein Vortrag für scheinbar geistig zurück gebliebene Menschen namens Himuro Tatsuya.
„Siehst du“, stichelte ich „ist doch ganz einfach, Himuro-kun“, dieser stand auf und schnalzte mit der Zunge.
„Du bist ganz schön frech, meine Liebe“, stellte er fest und verließ dann den Raum.
„Ist doch schön“, murmelte ich vor mich hin und gönnte mir auf diesen eher weniger erfreulichen Morgen eine ausgiebige, heiße Dusche.


<<Die Natur ist unerbittlich und unveränderlich, und es ist ihr gleichgültig, ob die verborgenen Gründe und Arten ihres Handelns dem Menschen verständlich sind oder nicht.>>

Ich ließ das angenehm warme Wasser eine ganze Zeit lang einfach so auf mich herabrieseln. Ich wusste am Ende nicht, wie lange ich den Wasserverbrauch im Hause Himuro in die Höhe getrieben hatte, doch schlussendlich raffte ich mich dazu auf aus der Dusche zu steigen um mich in ein Handtuch zu wickeln.
Danach zog ich mich an und band mein noch angefeuchtetes Haar zu einem lausigen Dutt zusammen.
Dann ging ich die Treppe hinunter, um in die Küche zu gelangen. Ein wenig Hunger hatte ich dann ja doch schon.
„Guten Morgen, meine liebe Alex“, begrüßte mich Himuros Mutter, die stets freundlich zu mir war. Langsam hatte ich mich daran gewöhnt und ich erwiderte ihr freundliches Lächeln.
„Man könnte beinahe 'Guten Tag' sagen“, schmunzelte ich und fragte mich im selben Moment, was dieser Austausch schon nach einer Woche mit mir angestellt hatte. Ich redete für meine Verhältnisse viel zu viel.
Ich setzte mich zu meiner zeitungslesenden Gastmutter an den Tisch und aß etwas, was mir sehr wohl bekannt war.
Pancakes.
Es schmeckte herrlich und ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen, wenn auch unweigerlich.
„Schmeckt es dir, meine Süße?“, Himuros Mutter begann zu strahlen, nachdem ich heftig genickt hatte und mir auch noch nach nahm.
„Scheint wohl so“, Himuro selbst stand gegen den Türrahmen gelehnt im Eingang zur Küche, die Arme vor der Brust verschränkt. Doch dieses Mal ließ ich mich nicht von ihm stören, lächelte ihn sogar zuckersüß an und schaufelte diese süße Köstlichkeit vor mir hin mich hinein.
Danach durfte ich auf mein Zimmer gehen.

<<Man nimmt die unerklärte dunkle Sache wichtiger als die erklärte helle>>

Ich beschloss nach draußen zu gehen um Basketball zu spielen.
Ich verließ das Haus und ging um den Block. Wie gut, dass sich in der Nähe ein Basketballplatz befand.
Auf dem Weg dorthin gingen mir die verschiedensten Gedanken durch den Kopf. Vor allem aber beschäftigte mich die Tatsache, dass ich begann mich zu verändern.
Ich fragte mich, wieso das so war und dribbelte meinen Ball neben mir her während ich ging. Irgendwie beruhigte mich das grade ziemlich. Basketball, meine ich. Dabei ließ es sich nämlich immer besonders gut abschalten. Es war halt meine große Leidenschaft.
Ich kam an meinem Zielort an und musste zu meinem Bedauern feststellen, dass ich nicht die Einzige gewesen war, die sich dazu entschieden hatte hierher zu kommen um ein bisschen zu spielen.
Ich seufzte und wollte kehrt machen, um wieder nach Hause zu gehen, da traf mich ein Ball am Hinterkopf. Ich sah mich um. Meiko.
„Was reagierst du nicht, wenn ich dich rufe“, grinste sie und winkte mir, während sie auf mich zu geschlendert kam. Ich hob ihren Ball auf und warf ihn ihr zu, sie fing ihn mit einer Hand.
„Mh“, machte ich und sah auf den überfüllten Basketballplatz. Die Leute taten ja gleich so, als würde es hier in der Gegend nur diesen Einen geben. Schrecklich.
Der ganze Platz umfasste bloß zwei Spielfelder, auf welchen jeweils immer nur in einer Hälfte gespielt wurde um Platz zu sparen.
Viele andere Spieler standen um die Felder herum, warteten darauf auch spielen zu dürfen oder sahen einfach nur denjenigen zu, die sich grade die Seele aus dem Leib rannten nur um einen kleinen Ball durch ein Netz werfen zu können.
Ob eben diese wirklich spielen konnten oder nicht, dass ließ ich einfach mal dahin gestellt.
„Da ist kein Platz mehr“, stellte ich tonlos fest, doch Meiko schnappte sich mein Handgelenk und zog mich etwas weiter auf den Platz, zum Rande einer Spielfeldhälfte. „Natürlich ist hier Platz“, sie grinste. „Wir machen ihn uns einfach“, sie sah auf meinen Ball und wippte mit den Augenbrauen. Ich verstand ihren Wink mit dem Zaunpfahl. „Du hast einen Ball und ich habe einen“, sie drehte sich in Richtung Korb und wartete auf mich und meine Reaktion. Also seufzte ich, nahm die Spieler kurz in Betracht und warf dann meinen Ball vom Spielfeldrand aus über den halben Platz – mit einer Hand – durch den orangenen Ring.
Die Spieler hielten inne und sahen sich verärgert um. Als Meiko dann ebenfalls einfach so und aus dieser enormen Entfernung den Ball durchs Netz beförderte, liefen diese Jungs rot an, angesäuert darüber, dass sich Mädchen einfach so in ihr Spiel einmischten. Noch dazu welche von der Sorte, die nicht einen auf Möchtegern Profi machten und besser waren als sie selbst.

<<Wir halten Eifersucht immer als den Ausbruch des Bewusstseins der eigenen Schwäche oder der eigenen Unliebenswürdigkeit>>

„Ihr meint auch, dass ihr die Geilsten seid, oder?“, einer von ihnen stemmte seine Hände in die Hüften und sah damit stark aus wie Erwin, wenn dieser einen auf Tunte machte.
„Mh“, ich legte meinen Zeigefinger an meine Wange und tat so, als würde ich überlegen. „Das Gleiche wollte ich euch auch grade fragen“, konterte ich und meine Stimme triefte nur so vor Sarkasmus.
„Die mit den dicken Titten könnten wir doch mitspielen lassen“, rief ein anderer und blickte lüstern zu Meiko herüber, die neben mir stand und in diesem Moment die Arme vor der Brust verschränkte. „Dann haben wir wenigstens was zu gucken. Die Andere kann Leine ziehen, die ist nicht geil“, fuhr er fort und ich ballte meine Hand zur Faust.
Inzwischen waren diese Typen uns schon gefährlich nahe gekommen. Einer packte Meiko beim Handgelenk und wollte sich an ihrem T-Shirt zu schaffen machen, die Orangehaarige kniff die Augen zusammen. Ein anderer stand direkt vor mir, hob eine Hand um mir eine gehörige Abreibung zu verpassen. Mein Körper bebte, erzitterte und ich fragte mich noch, bevor ich abwartend die Augen zusammen kniff, welcher Feigling es sich traute eine Frau zu schlagen, da vernahm ich eine mir wohl bekannte Stimme.
„Perverse“, grollte eben diese und ich wunderte mich ein wenig über ihren Klang. Klang sie doch sonst eher gelangweilt und und träge, so klang sie nun schneidend, bedrohlich.
Ich ich mich umdrehen konnte spürte ich, wie jemand neben mich trat, einen Arm um meine Schultern legte, mich zu sich zog und seinen Kopf auf dem Meinen ablegte.
Murasakibara selber griff nach Meikos Hand, zog meine Teamkameradin zu sich und schob sie hinter seinen Rücken. Dann hob er die Hand und sah bedrohlich zu den Jungen herunter, die uns provoziert hatten. Oder anders herum. Aber das tat ja nichts zur Sache.
„Ich zerquetsche euch alle“, donnerte er und er wirkte in diesem Moment selbst auf mich sehr furchteinflößend.
„Finger weg von ihr, sonst werde ich sehr ungemütlich“, auch Himuro war nicht sonderlich erfreut über unsere Begegnung mit den Streetball Spielern, die alles andere als friedlich und freundlich waren. Er zog mich noch weiter zu sich, doch anstatt mich weiterhin zu versteifen verspürte ich Erleichterung und entspannte mich stattdessen.
„Mei-chin, ich zerquetsche sie, darf ich?“, fauchte Murasakibara, dessen Gesichtsausdruck noch immer gleich geblieben war und Meiko kam hinter seinem Rücken hervor, legte ihre Hand auf die Seine, die im Vergleich zu ihrer aussah wie die Pranke eines Riesen und Murasakibara beruhigte sich.
„Mach' dir die Hände nicht schmutzig, Atsushi“, lächelte sie ihn an und eben dieser nickte nur, gähnte, streckte sich und legte dann einen Arm um Meiko, die versuchte nicht verletzt auszusehen. Doch ich wusste, dass sie es eigentlich war. Verletzt. Nämlich in ihrem Stolz und in ihrer Würde als Frau, war sie doch schon oft nur auf ihre Oberweite reduziert worden.
Wie aus einem Instinkt heraus zog Murasakibara sie an sich und sie legte eine Hand an seine Brust um sich erst einmal trösten zu lassen.

<<In der Welt ist es sehr selten mit dem Entweder-Oder getan>>

„Ihr bringt euch auch immer irgendwie in Schwierigkeiten, oder?“, stellte Himuro grinsend fest und sah in die Runde. Nach diesem Schreck hatten wir vier beschlossen das Basketballspielen für heute zu lassen und waren in die Stadt gefahren. Nun saßen wir in einem, für meinen Geschmack viel zu schicken Café und aßen Eis, tranken Kakao und schwiegen eigentlich nur. Ich stocherte mit meinem Löffel in meinem Eis herum. „Passiert halt“, antwortete ich und führte meinen gefüllten Löffel zum Mund.
Ich betrachtete Meiko, die mir gegenüber saß und keinen Ton sagte, was unheimlich ungewöhnlich für die sonst so fröhliche Mama für alle war. Ich wollte mir vornehmen etwas mehr auf sie aufzupassen, auch wenn sie auch gut allein auf sich aufpassen konnte, doch als ich Murasakibara sah, der sich rührend um seine Mei-chin kümmerte beschloss ich, dass jemand anders diese Aufgabe doch sehr gut übernehmen konnte.
„Muro-chin“, Murasakibara stopfte sich ein Stück Crêpe in den Mund und kaute bedächtig darauf herum. „Mei-chin will nicht mehr lachen“, er tat so, als wäre er vollkommen verzweifelt und stupste ihr dann mit seinem Zeigefinger gegen die Nasenspitze. Meiko begann zu kichern und der sanfte Riese nickte zufrieden, widmete sich wieder seinem Süßkram, der sich überall auf dem Tisch verteilte. „Besser so“, schnaubte er. „Sonst müsste ich sie allesamt zerquetschen“, sagte er und ich unterdrückte gekonnt ein Schmunzeln, als ich die Beiden so betrachtete.
„Unnötige Mehrarbeit, Atsushi“, Himuro deutete mit seinem Löffel auf seinen Teamkameraden und besten Freund, der mit den Schultern zuckte. „Wahrscheinlich aber nicht der Rede wert“, erwiderte dieser und schaufelte sich nun auch den Rest seines Crêpes in den Mund.
Ich sah aus dem Fenster, welches sich neben unserem Tisch befand. Dort gingen schon wieder ein paar dieser komisch ekelhaften, unheimlich überglücklichen Pärchen daher, die sich verliebt bis über beide Ohren die ganze Zeit über in die Augen starrten und sich per Gedankengang ununterbrochen ihre Liebe erklärten, als würde ihr Leben davon abhängen.
Ich verzog das Gesicht und entdeckte ein paar Meter weiter auf einer Bank an der Straße ein weiteres paar, beide schienen weit über 70 Jahre alt zu sein. Sie saßen in Wintermäntel, Wollschals und -Mützen gehüllt nebeneinander und betrachteten die Tauben, welche die Frau fütterte. Der alte Mann hatte seinen Gehstock quer über seine Beine gelegt und hielt die freie Hand seiner Frau. Auch wenn ich Pärchen nicht mochte beschränkte sich dies doch wohl eher auf die jungen, blinden, frisch verliebten, welche alles durch die Rosarote Brille sahen und den Blick für alles andere, wesentlich verloren.
Ich meine, welcher Idiot stellte die 'wahre Liebe' schon über Familie und Freunde nur um keine zwei Wochen später festzustellen, dass alles doch nicht so das Wahre war und das nun all die Menschen weg waren, die man wegen der Beziehung im Stich gelassen hatte? Welcher Mensch machte das schon freiwillig?

Ich bemerkte irgendwann, dass ich beobachtet wurde. Himuro betrachtete mich schon wieder mit diesem einen Blick, den ich nicht deuten konnte... oder wollte, wie auch immer. Denn.. jetzt grade in diesem Moment fragte mein sich veränderndes Ich sich wirklich, was es für diesen Jungen empfand, der so unergründliche Seelenspiegel besaß und dessen Blick mich in diesem Moment so unheimlich faszinierte.

<<Zwischen dem Elend und dem Glück, gähnt eine tiefe Kluft. Die Hoffnung schlägt darüber die Brücke; aber sie hängt in der Luft>>

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