Die Gefangene

von baronesse
KurzgeschichteDrama, Romanze / P12 Slash
09.09.2014
09.09.2014
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I.

„Ich werde dich immer lieben“, lügt sie.

Nicht gut genug. Ihr Spiegelbild zeigt eine junge Frau Anfang zwanzig, das lange, braune Haar streng zurückgekämmt und in einem Knoten verschlungen; so wie sie es auf der Akademie gelernt hat; so wie es sich für züchtige junge Frauen gehört. Eine anständige Frisur. Für ein anständiges Mädchen.

Aber ihr linkes Augenlid, das von dem Auge, was nicht nur braun ist, sondern einen Ticken ins Grüne geht und ihr in der Kindheit den Spitznamen „Zweiauge“ beschert hat, zuckt und verrät, dass etwas nicht stimmt, dass etwas in ihrem Leben kaputt gegangen ist.

„Du weißt, dass ich sehr viel für dich empfinde“, probiert sie und sieht zu, wie ihr Spiegelbild den Mund bewegt. Es fühlt sich falsch an. Die Frage ist nur: wird er das merken? Er ist kein Magier, nicht wie sie, die eine sechsjährige Ausbildung an der Magischen Akademie genossen hat und eine ausgebildete Empathin und Heilerhexe ist. Sie fühlt, was die Menschen um sie herum bewegt, auch wenn sie sich dem Kodex verpflichtet hat und niemals in die Privatsphäre anderer eindringen würde. Es sei denn das Leben des Königs ist gefährdet oder ihre Vorgesetzten befehlen es.

Da es ihr Beruf ist, verurteilte Straftäter in die Düsteren Sümpfe zu begleiten, wo sie mittels magischer Barrieren eingesperrt werden, liest sie praktisch ständig die Gefühle anderer. Schließlich hängt die Sicherheit aller davon ab, dass sie aufpasst, wer sich rebellisch fühlt, wer sich gewalttätigen Phantasien hingibt oder wer in dumpfe Verzweiflung abgeglitten ist und sich willenlos abführen lässt.
Deswegen ist es nicht so einfach, das abzuschalten, wenn sie einen weiteren Gefangenentransport weggebracht hat und nach Hause kommt.

Nach Hause, das ist in ihrem Fall ein kleines Zimmer in der Akademie, was jenen ledigen Magiern zur Verfügung gestellt wird, die nicht den Wunsch hegen, sich ein eigenes Haus in der Hauptstadt zu kaufen. Dabei würde nicht nur ihr Gehalt das erlauben, das müsste sie gar nicht antasten. Ihre Familie ist reich – und stolz und aus der tiefsten Provinz. Und ziemlich entsetzt darüber, dass ihre Tochter magisch begabt und für die Ausbildung in die Hauptstadt gezogen ist, anstatt brav tanzen und singen zu lernen und die jungen Männer der Gegend zu betören, um eine gute Partie zu machen.

„Wir waren Kinder“, probt sie und ist zufrieden mit dem leicht wehmütigen Ausdruck, der sich in ihre Augen geschlichen hat. Das ist gut, er wird denken, dass sie sich gern an diese Zeit zurück erinnert. Und das tut sie. Sie hatte eine wundervolle Kindheit. Anders als manche Bauern, die in den Provinzen hungern und höchstens davon träumen, ein besseres Leben zu führen, ist sie behütet aufgewachsen. Sie hatte immer alles, was sie sich wünschte.
„Wir waren gute Freunde“, fügt sie hinzu. ‚Und wieso auch nicht? Wir waren Nachbarn, unsere Väter beste Freunde. Ich hatte keine Geschwister und dein Bruder war so viel älter. Du warst der einzige Spielkamerad, der angemessen war, du warst der einzige, der da war. Natürlich wurdest du mein bester Freund.’

Sie seufzt und streicht eine winzige Haarsträhne zurück, die sich aus dem Knoten geschlichen hat und in ihrer Stirn kräuselt, dann steht sie auf und streicht das Kleid glatt. Ein feiner Stoff, aber zurückhaltender Schnitt und hochaufgeschlossen. Sie ist jetzt eine Magierin und arbeitet für den König. Mit den ausgefallenen Ideen und Vorstellungen des Adels und der Reichen hat sie nichts mehr am Hut.

Egal, was sie geübt hat, als sie aus dem breiten Tor der Akademie tritt und Jacob auf sie zustürmt, ein breites Lächeln auf dem Gesicht und die Arme weit ausgestreckt, während er freudig: „Alyce!“ ruft, sind die vorformulierten Sätze wie weggefegt. Sie spürt die unbändige Freude, die in pulsierenden Wellen von ihm ausstrahlt, fühlt die Erwartung, die Vorfreude auf das, was sie sagen wird.

Denn natürlich wartet Jacob auf eine Antwort auf die Frage, ob sie ihn heiraten will.

Alyce holt Luft und atmet den Geruch von Heimat und alter Vertrautheit. Sie hat ihn vermisst, als sie frisch auf der Akademie war. Ihn und alle anderen von zuhause, aber vor allem Jacob, der früher ihr ein und alles war.

„Jacob“, sagt sie sanft und schiebt ihn ein Stück von sich fort, damit er die Umarmung löst. Mehr schafft sie nicht, dazu ist sie nicht veranlagt. Ganz am Anfang ihrer Ausbildung gab es einen verpflichtenden Kurs in Kampfmagie und Alyce ist kläglich gescheitert, hat es so gerade geschafft, einfache Verteidigungsbanne zu ihrem Schutz zu ziehen und ist dann weinend geflüchtet, weil es sie so sehr bedrückt hat, dass andere Menschen ihr Gewalt antun könnten. Wer will so etwas? Wer kann so etwas?

Sie kann es jedenfalls nicht, sie kann nicht einmal Jacob das Herz brechen. Sie sollte sagen, dass sie ihn als guten Freund sieht und sich geehrt fühlt, sie sollte sagen, dass er ein wunderbarer Mann ist und nur das Beste verdient hat, aber dass sie nicht kann. Und dann würde sie die Enttäuschung spüren, wie ein Strudel, der von ihm ausgeht und sie ins Bodenlose zu ziehen droht. Die Briefe ihrer Eltern erhalten, die davon sprechen, dass sie keine bessere Partie als Jacob machen könnte, der dann ihr Geschäft übernehmen kann und oh wie wunderbar, wäre es nicht toll, wenn ihre Väter, die schon seit langen Jahren Geschäftspartner sind, auf dem Wege noch enger miteinander verbunden wären?

Es ist wie ein Weg, der vor langen Jahren vorherbestimmt wurde (auch wenn wissenschaftlich erwiesen ist, dass Visionen und Vorherbestimmung nur Humbug sind, an die nur Menschen glauben, die von wahrer Magie keine Ahnung haben). Sie und Jacob. Zwei Menschen, die so perfekt zueinander passen, die wie füreinander geschaffen sind, deren Herzschlagmelodie ein einzelnes harmonisches Duett ist, dessen Stimmen sich umschmeicheln, umtanzen und am Ende miteinander verschmelzen.

Warum kann sie, die Empathin, es nicht fühlen? Was stimmt nicht mit ihr?



II.

Zwei Tage, bevor sie in die Hauptstadt zurückkehren soll und von Jacob mit einem Antrag überrascht wird, ist Alyce mit Graham und einer Handvoll Soldaten unterwegs in die Düsteren Sümpfe. Diesmal eskortieren sie ein halbes Dutzend, das vor dem obersten Gericht des Königreichs zu ewiger Verbannung verurteilt wurde. Darunter zwei Frauen und ein Kind, aber das Kind guckt trotzig und die Frau mit den dunklen Haaren schaut nicht einmal auf. Trotz der Tränenspuren auf ihren Wangen ist sie hart und bitter. Alyce spürt tiefe Trauer in ihr. Sie hat jemanden verloren, über den sie nicht reden will.

„Was hat denn das Kind gemacht?“, wispert sie Graham, ihrem Kollegen, zu und lenkt das Pferd näher an seines.
„Hast du es nicht gehört?“ Graham ist überrascht. Er ist ein Kampfmagier, ausgebildet in Telekinese und Kraftschlägen, und unersetzlich für die Transporte, falls einer der Gefangenen einen Fluchtversuch wagt und an den Soldaten vorbei kommt.

„Es sind Piraten, allesamt“, erzählt er. „Sind mit ihrem Luftschiff mitten in den Palast gekracht und haben etwas von einem Unfall gefaselt, aber der Bauch des Schiffes war voller Schätze, darunter private Sachen des Königs. Ein Unfall, wirklich. Dass sie sich erwischen lassen haben, wohl eher.“ Graham schnaubt. Normalerweise ist er einer der netteren Wächter und Alyce versteht sich gut mit ihm, doch der Mann hat ihr zwanzig Jahre Erfahrung voraus und ist, was manche Dinge angeht, ausnehmend zynisch. Realistisch, nennt er es.

„Und dafür haben sie ein kleines Mädchen verurteilt? Sie ist wie alt, vielleicht sechs?“
Graham zuckt mit den Schultern. „Vielleicht hätte der König für ein Kind Gnade walten lassen, aber sie hatte ein eigenes Messer dabei und hat zwei der Wachen übel zugerichtet, bevor man sie überwältigen konnte. Die beiden anderen Frauen ebenfalls, reine Furien. Sie ist eine Wilde“, er deutet auf die dunkelhaarige Frau, „genau wie ihr Anführer, der bei dem Unfall ums Leben kam. So haben sie das Schiff geflogen.“

Alyce zuckt zusammen. Sie hat es gar nicht gespürt, dass die Frau magisches Potential hat. Vermutlich haben sie es schon bei ihrer Festnahme blockiert, dazu gibt es Stoffe, grässliche Stoffe, deren Einsatz Alyce nicht gutheißt, aber was sollen sie machen, wenn wilde Magier unter den Verbrechern sind und sie von den normalen Wachen nicht überwältigt werden können? Gute Kampfmagier sind schließlich selten.

„Also um den trauert sie“, murmelt sie.
Graham beobachtet sie scharf. „Waren sie ein Paar?“
Darauf hat Alyce keine Antwort. „Kann sein. Oder nicht.“ Auf jeden Fall trauert die Dunkelhaarige mehr um den gefallenen Anführer als die anderen, aber wenn sie beide die wilden Magier des Schiffes waren, kann es auch ein Mentor-Schüler-Verhältnis gewesen sein oder etwas anderes.

„Was ist mit den anderen?“, will Graham wissen. Eine Routinefrage, schließlich ist Alyce aus dem Grund dabei. Und weil es, wenn der Schaden schon entstanden ist, immer praktisch ist, eine Heilerhexe dabei zu haben.
Sie konzentriert sich auf die sechs Gefangenen und blendet das Mädchen und die Dunkelhaarige aus. Der junge Mann mit den braunen Haaren macht sich schreckliche Sorgen. „Er ist der Bruder der Kleinen“, deutet Alyce auf ihn. Von dem anderen Mann strahlt ihr nur grimmige Leere entgegen. Er hat sich in sich selbst zurückgezogen und verzweifelt an seinem Schicksal.

Die beiden anderen sind es, die ihr Sorgen machen, die blonde, hochgewachsene Frau, die mit geradem Rücken daher schreitet und ihre gefesselten Hände steif vor sich hält, und der alte Mann mit dem langen, braunen Bart, der sie nicht ein einziges Mal ansieht, sondern stur geradeaus starrt. „Die beiden sind diejenigen, die Probleme machen werden“, weist Alyce Graham hin. „Noch nicht. Es ist noch keine Entschlossenheit in ihren Gefühlen. Nur … Stärke. Sie haben noch nicht aufgegeben.“

Der Magier nickt und lenkt sein Pferd dann leicht von ihr weg. „Halte die Frau im Auge, wenn wir Rast machen. Ich kümmere mich um den Mann.“ Er reitet zu dem Anführer der Soldaten, um sich mit ihm zu beratschlagen.
Alyce bleibt allein an der Flanke des Zuges zurück. ‚Und dann?’, will sie fragen. ‚Was soll ich machen, wenn sie dann versucht auszubrechen? Ihr ein wenig Verzweiflung einflößen?’
Sie ist nicht die Art von Empathin, sie kann andere nur minimal beeinflussen. Wenn sie es überhaupt schafft. Dafür kann man fast nichts vor ihr verbergen, wenn sie es darauf anlegt, zu suchen, und nur wenige Magier haben es geschafft, Barrieren um ihre Gefühle zu errichten, die Alyce nicht durchdringen konnte. In der Klasse der Empathen war sie daher eine der Besten. Und es macht sie gut für ihren Beruf, auch wenn sie manchmal denkt, dass ein zweiter Kampfmagier angemessener wäre. Oder wenigstens ein Empath, der im Notfall einen fliehenden Gefangenen auch mit einem Kraftschlag außer Gefecht setzen kann.

Folgsam lenkt sie ihr Pferd näher an die Gefangenen heran und behält sie im Auge. Als sie rasten und die Gefangenen sich eine Weile hinsetzen dürfen, während die Soldaten und die beiden Magier absitzen und ihre Pferde grasen lassen, tritt Alyce ein wenig näher zu der blonden Frau.
„Was wird das?“, beschwert sich diese sofort. „Bist du jetzt hier, um mir ein wenig im Kopf rumzupfuschen?“

„So etwas kann ich nicht“, gibt Alyce zu. Vielleicht ist es dumm, einer Gefangenen zu erzählen, was sie kann, und was sie nicht kann. Dennoch ist Alyce ehrlich. „Ich bin eine Empathin, keine Telepathin.“
„Ist doch alles dasselbe“, schnappt die Frau. „Bleib von meinem Kopf fern. Geht dich gar nichts an, was ich denke.“
„Empathen können keine Gedanken lesen, nur Gefühle“, versucht Alyce es erneut. Himmel, wie soll sie diese Frau im Auge behalten? Graham hat mit dem Bärtigen weit weniger Probleme.

„Ach. Und was fühle ich?“
So aufgefordert, tastet Alyce sich erneut heran. Da ist Sehnsucht in der Frau, eine große Sehnsucht nach Freiheit und Wildheit und noch etwas anderes. Anziehung. Die Frau fühlt sich eindeutig ein wenig erregt von etwas … nein, jemandem, der ganz in ihrer Nähe ist.
Verwirrt dreht Alyce den Kopf und betrachtet die Soldaten, die in einiger Entfernung einen Kreis gebildet haben und die Gefangenen nicht direkt beobachten. Nur ein Narr würde deshalb denken, dass sie sie aus den Augen gelassen haben. Sie sind wachsam, angespannt.

„Ich verstehe nicht … du wirst verbannt. Wir bringen dich in die Düsteren Sümpfe. Wie kannst du an einen Mann denken?“, fragt Alyce die Gefangene.
Ein Lachen ist die Antwort. Schnell hört es wieder auf. „Also kannst du doch Gedanken lesen?“
„Nein“, will Alyce abwehren, wird aber unterbrochen.
„Warum weißt du dann nicht, dass es um dich geht? Wie kann so eine hübsche, junge Frau nur für die Akademie arbeiten? Natürlich bist du eine Magierin, das macht dich ein bisschen weniger attraktiv, wenn du mich fragst, aber ansonsten …“

Alyce wird heiß. Dann wird ihr kalt. „Ich verstehe nicht“, stottert sie, doch da dämmert die Erkenntnis schon in ihr. Sie hat von jenen Frauen gehört; Frauen, die Frauen mögen. Frauen, die mit Frauen zusammen sind. Natürlich stehen jene Frauen außerhalb der Gesellschaft, sie leben nicht in der Akademie oder in der Hauptstadt und wenn doch, dann gehören sie nicht zu den respektableren Schichten oder verstecken ihre Zuneigungen sehr gut.
Es ist das erste Mal, dass Alyce ein solches Kompliment gehört hat und dann von einer Frau.

„Was denn, Schätzchen, denkst du darüber nach, ob wir uns noch eine Weile in die Büsche da zurückziehen?“, spöttelt die Frau. Ihr Haar ist ziemlich strähnig, wirr fällt es ihr bis auf die Schultern herab. Die Kleidung, die sie trägt, ist eher für Männer gedacht, mit eng anliegenden Hosen und einem weiten Hemd, bei dem ein beträchtlicher Teil braungebrannter Haut im Ausschnitt aufblitzt. All das fällt Alyce plötzlich auf, das und dass die Gefangene eine schöne Frau wäre, wenn sie gebadet und in einem Kleid auf einem Ball auftauchen würde.

„Wir könnten auch fliehen“, vertraut ihr die Frau plötzlich an und tritt näher auf Alyce zu. Die weicht zurück, aber nicht zu weit. Es soll schließlich nicht die Aufmerksamkeit der Soldaten erregen.
„Mit deiner Hilfe als Magierin wäre das doch ein Klacks. Ich zeige dir das Piratenleben und wir suchen uns ein neues Schiff. Auf dem Wasser, fürchte ich.“ Sie verzieht das Gesicht. „Endlose Freiheit, das Gefühl der Unendlichkeit, wenn du am Bug stehst und die Wolken unter dir brechen und der Windspieltanz dich in den Schlaf wiegt. Alle Möglichkeiten stünden uns offen. Du und ich …“, sie streckt ihre gefesselten Hände aus und fährt mit den Fingerspitzen über Alyces Handrücken.

Jetzt weicht Alyce doch zurück. Ihre Hand kribbelt, aber eine Annäherung ist unweigerlich eine Bedrohung. Wer weiß schon, ob die Frau die Wahrheit sagt? Die Sehnsucht in ihr ist jetzt stärker geworden und Alyce selbst spürt, wie ihr Herz schneller schlägt bei dem Gedanken, mit der fremden Frau abzuhauen und jenes Leben zu beginnen, von dem sie spricht.
Doch so ist sie nicht. „Ich kann das nicht“, murmelt sie und tritt zurück. Zurück von den langen Fingern, die zum ersten Mal in Alyces Leben etwas ausgelöst haben, was sie nicht kennt.

Bald darauf kommt das Zeichen zum Aufbruch. ‚Windspieltanz’, denkt Alyce und schüttelt über sich selbst den Kopf.
Würde sie als Gefangene nicht auch verzweifelt nach jedem letzten Strohhalm greifen, um der Verbannung zu entgehen?
Sie darf der Blonden nicht glauben. Trotzdem hat sie sich noch nie so leer gefühlt, wie dieses Mal, als sie zusieht, wie der Transport sein Ziel erreicht und die sechs ehemaligen Piraten durch ein kleines magisches Portal in die Düsteren Sümpfe geschoben werden. Etwas ist anders. Die Berührung hat eine Spur hinterlassen.



III.

„Also, hast du es dir überlegt?“, flüstert er und eine warme Hand greift nach ihrer, zieht sie näher. Die andere streicht über ihre Wange. Es sind grobe Finger, breite Finger, mit rauer Haut und flachen, kurzen Nägeln.
Im Vergleich zu den Fingern, an die Alyce sich gerade erinnert, sind sie hässlich. Sie schaudert. Sie will nicht von diesen Fingern berührt werden, sie will …

Sie weiß nicht einmal, wie sie hieß, die Frau, nach der es ihr verlangt und deren bloße Erinnerung ausreicht, um ihr Herz zum Klopfen zu bringen. Eniya, Mildred, Serena, haben die Listen Alyce nach ihrer Rückkehr verraten. Einer dieser Namen ist es. Aber sie wird nie erfahren welcher, denn aus den Düsteren Sümpfen kehrt man nicht zurück und jene Chance ist vertan.

„Wirst du meine Frau, Alyce?“, fragt Jacob noch einmal.
Alyce schaut in sein vertrautes, freundliches Gesicht. Sie weiß genau, wie eine Zukunft mit ihm aussehen wird. Und plötzlich weiß sie auch, dass es nicht mehr das ist, was sie will. Denn sie ist niemand, der mit einem Mann glücklich wird, egal wie schwer diese Tatsache ihr Leben machen wird.

„Es tut mir Leid“, flüstert sie. Lange, zarte Finger streichen ihr in der Erinnerung eine Haarsträhne zurück und lächeln ‚Windspieltanz’.



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Dies ist mein Beitrag zum Windspieltanz und Herzschlagmelodie-Wettbewerb. Viel Spaß beim Lesen!
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