Die Darcys auf Pemberley Teil V

von Bihi
GeschichteRomanze / P16
Charles Bingley Elizabeth Bennet Fitzwilliam Darcy Jane Bennet Mr. Bennet Mrs. Bennet
09.09.2014
19.09.2014
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09.09.2014 7.262
 
Man war mit den Bingleys übereingekommen, dass sie drei Tage vor Weihnachten kommen und eine Woche bleiben sollten, falls das Wetter mitspielte. Darcy schickte ihnen die Vorrichtung, mit der ein Wäschekorb für Sarah sicher auf dem Sitz einer Kutsche befestigt werden konnte.
Bingley konstruierte eine Art Windschutz aus Weidenruten und einer festen Plane für den Wäschekorb, der das auserwählte Transportmittel für seinen kostbaren Schatz war. Es sollte sich auch nicht die kleinste Zugluft in den Korb verirren können. Da die kleine Sarah für die veränderte Haltung seiner über alles geliebten Jane verantwortlich war, liebte er sie mehr als seine Susan, auch wenn er es nie zugeben würde, um weder Susan noch Jane zu verletzen. Er hoffte nur, dass die Veränderung anhielt, mehr seinetwegen als des noch nicht geborenen Sohnes wegen.

Sie waren von dem Hausschmuck beeindruckt. Selbst die sonst so unbekümmert quirlige Susan verhielt in kindlichem Staunen. Das hielt aber nicht allzu lange an. Dann zog sie George und Jane mit sich ins Kinderzimmer, wo sie laut und fröhlich, aber ohne jede Streitereien miteinander spielten.
„Lizzy, wo hast Du eigentlich diesen Schatz von Nanny aufgetan? Ich finde es berückend, wie sie alle Kinder unter einen Hut bringt, ohne eines zu vernachlässigen.”
Darcy mochte dazu nichts sagen. Er sah seine Elfe nur bedeutungsvoll an. Sie musste also nun ihre Version der Geschichte erzählen, auf die er ebenso gespannt war wie die ahnungslosen Bingleys.
„Nun, Mrs. Annesley war uns als ungeheuer kompetente Gesellschaftsdame für Georgiana bereits bestens bekannt. Wir wollten sie als Nanny gewinnen, aber sie war sich nicht sicher, ob sie dafür die richtige Person war. Dann wurde ich im Sommer bevor Jane geboren wurde – krank, und sie übernahm die Versorgung unseres kleinen George. Sie machte das so gut und wir waren so zufrieden, dass sie seitdem unser Nanny ist.”
„Du warst krank? Warum hatten wir das nicht erfahren?”
„Nun, tut mir Leid, aber Elizabeth war wirklich nicht dazu in der Lage, darüber zu schreiben, und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich zwar kurz daran gedacht, es dann aber in meiner Sorge um sie wieder vergessen hatte”, schaltete sich Fitzwilliam nun wieder ins Gespräch ein. Bloß jetzt keinen Druck auf seine Elfe ausüben, die doch schon wieder eine Schwangerschaft mit Problemen durchmachen musste.
Der gleiche Gedanke schien Jane auch durch den Kopf zu gehen. Sie wechselte das Thema und fragte, wer denn die Idee mit den Sternen gehabt hätte. Als sie von der kleinen Zofe erfuhr, bat sie, ihre Dienste ebenfalls in Anspruch nehmen zu dürfen.

Lydia war eigentlich ein wenig traurig gewesen, als die schöne Zeit der Basteleien vorbei war. Nun wurde sie in den Salon gerufen und von der Dame, die zu Besuch war, gefragt, ob sie auch für sie Sterne basteln wollte. Welch ein Geschenk! „Madam, ich würde es so gerne für Euch tun. Ich brauche dafür jedoch Stroh und die Erlaubnis meiner Herrin, in meiner Freizeit auch für andere arbeiten zu dürfen.”
„Lydia, die Frage mit dem Stroh werde ich mit Mrs. Bingley regeln. Aber wenn Du möchtest, kannst Du in den Vormittagsstunden daran arbeiten, statt mir beim Armenkorb zu helfen, der jetzt sowieso ruht, weil ich ja Gäste habe. Dadurch bleibt Dir Deine Freizeit erhalten.”
Lydia zog also freudestrahlend mit Strohhalmen und roten und grünen Fäden in ihre Kammer ab – Strohsterne basteln statt Knopfschlaufen nähen! Sie hatte die beste Herrin der Welt. Lydia dachte gar nicht daran, dass ja die Wäscherinnen und Bügelmädchen weiterhin am Armenkorb arbeiteten. Sie durfte ja immer mit der Herrin arbeiten.
Wenn es Gäste gab, hatte sie im Salon nichts zu suchen. Das war in Ordnung so, hatten ihre Eltern ihr doch erklärt, dass es eine Ehre sei, überhaupt im Salon zugelassen zu sein. Aber ihre Kammer war ja auch schön warm, da ließ es sich herrlich sitzen und arbeiten.

Jane war sehr beeindruckt von dem kleinen Mädchen und als sie erfuhr, dass sie erst elf Jahre alt war, sagte sie nachdenklich: „Ich mag gar nicht daran denken, wie Lydia Bennet sich noch mit sechzehn Jahren benommen hat. Der Vergleich ist irgendwie beschämend, nicht wahr? Die ärmliche Familie hat ihre Tochter besser erzogen als unsere Mutter es vermochte. Ich hoffe, ich werde bessere Arbeit bei der Erziehung leisten als unsere Mutter es tat. Wir haben uns schon überlegt, eine Gouvernante zu suchen, wenn Susan vier oder fünf ist.
Wenn Du von einem ähnlich guten Mädchen weißt, sage bitte Bescheid. Ich würde es gerne einstellen.”
„Nun, Lydia ist zur Zeit unser hoch dotiertes Aschenputtel, weil sie eigentlich bis Februar nur das Korn verlesen soll. Aber ich habe von der Köchin erfahren, dass die Kleine einfach die Vormittagsstunden, in denen sie die Strohsterne gebastelt hat, zur Freizeit erklärte und die eigentliche Freizeit zum Korn verlesen nutzte. Dabei hatte sie eine Geschwindigkeit entwickelt, die einen glauben machen könnte, dass sie wirklich die Tauben zu Hilfe ruft.
Darcy bezahlt ihr weiterhin den Zofen-Lohn statt des Lohns für eine Küchenmagd. Die Familie ist darauf angewiesen. Aber das bedeutet ihr nicht viel. Ich versuche, angemessene Belohnungen für ihren Eifer zu finden. Ihr diese Spielereien zu gönnen, ist eine, ihr immer wieder Stoffreste zu geben, damit sie für ihre Puppe Kleidung nähen kann, ist eine andere.
Wir müssen uns bis Februar unter den Tagelöhnern umgesehen haben, wo wir eine passende Küchenmagd finden. Wenn wir dabei auf ein Mädchen stoßen, das ähnlich wohlerzogen ist wie Lydia, werden wir euch benachrichtigen.”

Jane hatte Verständnis dafür, dass Lizzy nicht so viel auf den Beinen sein durfte. Aber sie ging mit ihr in den privaten Salon und unterhielt sich dort mit ihr, während Elizabeth auf der Chaiselongue ruhte. Die Hebamme hatte dies erlaubt mit der Warnung, wirklich dort zu verbleiben. Was Jane wirklich verwunderte, war die Tatsache, dass häufig die Kinder als fröhliche Horde einfielen. Elizabeth genoss den Trubel und Mrs. Annesley sorgte dafür, dass der Trubel nicht überhand nahm. „Jane, ich soll ruhen, nicht schlafen. In anderen Worten, ich soll mich so wenig wie möglich bewegen. Ich kann doch nicht zulassen, dass mich meine eigenen Kinder nicht mehr erkennen, weil ich vier Monate einfach immer nur im Bett gelegen habe! Das habe ich einen Monat lang gemacht. Nun bin ich froh, dass ich auch hierher darf. Hier bringt es den Kindern nämlich mehr Spaß als wenn ich nur im Bett liege.”
„Ja, aber nun ist Susan doch auch noch mit dabei!”
„Ja und? Kinder sind ein Lebenselixir! Ich liebe den Trubel über alles. Ohne die Kinder wüsste ich doch gar nicht, wofür sich all die langweilige Schonung lohnen sollte! Ich freue mich so auf das Weihnachten im nächsten Jahr, dann kommt ihr hoffentlich alle wieder und die Gardiners werden wohl auch wieder dabei sein, wenn das Wetter nicht unziemlich kalt ist. Dann haben wir sieben Kinder, die durch das Haus laufen und drei, die zumindest durchs Haus krabbeln werden –”  
„ – und etwas Schöneres kann ich mir nicht vorstellen!” ertönte Fitzwilliams Stimme, der hinter ihnen den Salon betreten hatte. „Mrs. Bingley, wenn Ihr Eure Sarah hier füttern wollt, steht dem nichts im Wege. Ich werde mich dann natürlich wieder zurückziehen. Wenn aber Ihr Euch lieber zurückziehen wollt, könnt Ihr gern mein Schlafzimmer benutzen, das von hier aus leicht erreichbar ist. – Keine Sorge, ich bleibe in dem Falle hier, aber Bingley ist momentan dort und stellt den Sessel besonders bequem für Euch hin. Ihr könnt aber auch einen dritten Raum bekommen.”
Jane verschwand sehr schnell, ohne nach einem anderen Raum zu fragen. Die Darcys lächelten sich nur an.
„Fitzwilliam, ich habe meine Ruhezeit einzuhalten, sollte jetzt also nicht aufstehen. Aber wenn Du Dich zu mir setzt, kann ich Dir doch einen Kuss geben, nicht wahr? Ich verspreche, es wird nur eine Kostprobe, weil doch die Kinder dabei sind.”
Er setzte sich zu ihr auf die Chaiselongue und wartete, bis die Kinder anderweitig beschäftigt waren, bevor er sich für einen Kuss über sie beugte, der sehr wenig mit der Kostprobe zu tun hatte – aber er musste zugeben, dass es nicht ihr Verschulden war, sondern seines.

Heiligabend kam. Elizabeth durfte nicht mit in die Kapelle. Der Vikar hatte ausdrücklich gesagt, dass es sicher nicht Gottes Wille wäre, dass eine Frau für einen Gottesdienst ein Menschenleben in Gefahr brächte. Sie dachte nur kurz daran, ob Mr. Collins das wohl auch so sehen würde, und gab nach.
Bevor die Kinder zu Bett gingen, wurden ihnen die Teller überreicht. Sie waren alle noch zu klein, um die Anweisung richtig zu verstehen, aber die Eltern halfen ihnen liebevoll dabei, die Teller aufzustellen.
Am nächsten Morgen war der Jubel bei den Kindern groß, die Lebkuchen, Äpfel und Dörrobst zu schätzen wussten. Am erfreulichsten für Elizabeth und Fitzwilliam waren jedoch die Gesichter von Jane und Bingley, als sie auf dem Teller für die kleine Sarah ein Greifspielzeug und den Früchtekuchen (brauner Kuchen mit kandierten Früchten und Nüssen) vorfanden, den Jane besonders liebte.
Nach dem Frühstück wurden die Geschenke an die Kinder und anschließend an die Bediensteten verteilt.
Danach kamen alle wieder im großen Salon zusammen. Fitzwilliam machte ein recht feierliches Gesicht, als er aufstand und verkündete, er sei der Meinung, man kenne einander inzwischen lange genug, sodass es angebracht sei, einander beim Vornamen zu nennen.
Die Gesichter der Bingleys, nein, Janes und Charles', zeigten ihm, dass er das schon lange hätte vorschlagen können oder sollen.
Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass er als 'Ranghöchster' das schon längst hätte vorschlagen müssen. In dieser Freundschaft war ihm nie der Rang wichtig gewesen. Allerdings war es ihm nach kurzer Überlegung im Hinblick auf Caroline Bingley ganz Recht, dass er auf diese Feinheiten nicht geachtet hatte. Er hätte wohl noch mehr Schwierigkeiten als ohnehin schon gehabt, sich ihrer Zudringlichkeit zu erwehren, hätten sie sich beim Vornamen genannt. Und sie hätte sicher keine Ruhe gegeben, wenn er erst einmal ihren Bruder geduzt hätte.

Mit Rücksicht auf Elizabeth wurde lediglich mit Tee auf diese Abmachung angestoßen.

Apropos Caroline Bingley: Mrs Hurst erwartete ihr drittes Kind im März, sollte sich also auf Anweisung ihres Gatten schonen und daher weder auf Gesellschaften gehen noch welche geben. So viel zu Carolines Begründung, warum sie nicht zu Weihnachten nach Nottinghamshire kommen konnte. Aber Charles und Jane nahmen ihr die Notlüge nicht übel. Die Verärgerung über den Tag im Oktober saß noch zu tief.
Für Louisa Bingley Hurst erwies sich ihre Ehe immer mehr als Glücksfall. Ihr Gatte fühlte sich auf dem Land viel wohler und war sich, zwar spät aber immerhin überhaupt, der Verantwortung bewusst geworden, die er für Gattin und Familie zu tragen hatte. Er war nicht mehr der indolente Müßiggänger und machte seiner Louisa das Leben so angenehm wie möglich. Dazu gehörte auch, dass sie nie seine Mutter in London besuchten, sondern sie in den Norden für Besuche eingeladen wurde. Als Gast musste sie sich ihrer Schwiegertochter gegenüber anders verhalten als sie es als Hausherrin getan hätte. Louisa dagegen musste sich nicht mehr verstellen und war jetzt wieder so umgänglich und liebenswert wie vor der Heirat, eine angenehme Gattin und liebende Mutter.  

Irgendwann an dem Vormittag fragte Charles dann nach der Begründung, warum Elizabeth nach Sarahs Taufe auf einmal so züchtig den Anordnungen ihres Gatten hatte folgen wollen. Weder ihre Ankündigung der 'folgsamen Schickung' noch die huldvolle Annahme derselben seien wirklich überzeugend gewesen – außer für Mrs. Bennet natürlich.
Lachend erklärten Elizabeth und Fitzwilliam den Hintergrund – allerdings berichteten sie aus Sicht von Mrs. Bennet, sagten also nichts vom tatsächlichen Grund, das Mieder wegzulassen. Jane und Charles konnten darüber nun so herzlich lachen, wie es Mr. Bennet schon im Oktober getan hatte.
Als Jane wieder einigermaßen ruhig atmen konnte, sagte sie: „Ich frage mich, ob Vater seinen Hustenanfall inzwischen überwunden hat.” Das führte zu einem neuen Heiterkeitsausbruch.
Sie saßen sehr vergnügt zusammen, bis Fitzwilliam auf die Uhr sah und unerbittlich darauf bestand, dass Elizabeth sich für ihre Ruhezeit in ihre eigenen Räume zurückzog. Nach einiger Verhandlung war er bereit, sie nicht ins Bett, sondern lediglich auf die Chaiselongue in ihrem Salon zu verbannen, mit dem Versprechen, dass in einer halben Stunde zumindest ihre Schwester folgen dürfe. Elizabeth verzog sich fast wie ein maulendes Kleinkind.

Nachdem sie gegangen war, erläuterte Fitzwilliam seinen Gästen den Grund für seine Härte. Sie stimmten ihm betroffen zu und entschuldigten sich, dass sie ihn nicht besser in seinem Bemühen, seine Gattin zu schützen, unterstützt hatten.
Ihnen war nicht bewusst gewesen, wie schlimm die Tage in Nottinghamshire für die Familie Darcy hätten ausgehen können. Ihnen wurde nun auch zum ersten Mal das ganze Ausmaß ihres eigenen Glückes bewusst, dass die kleine Sarah nicht noch früher geboren wurde, weil Fitzwilliam ihnen erklärte, was die Hebamme ihm gesagt hatte. Sie beglückwünschten ihn zu so einer fähigen Hebamme. Ihre war vielleicht genau so fähig, erklärte aber weniger.

In der Zeit, in der jetzt nach allgemeinem Konsens Elizabeth zu ruhen hatte, besprach man auch die Notwendigkeit, die Pflicht an den Armen der Gemeinde richtig zu erfüllen. Jane hatte das noch nie so richtig bedacht. Fitzwilliam machte es ihr nicht zum Vorwurf. In Longbourn House wurden diese Dinge nicht gelehrt, und anschließend hatte niemand es für nötig gehalten, der immer so hilfsbereiten Jane ihre Pflichten genauer zu erläutern.
Sie versicherte nun, sich um das Hilfswesen zu kümmern. Falls es noch nicht gut ausgebaut war, sah sie es als ihre Pflicht an, mit gutem Beispiel voranzugehen. Sie nahm sich auch vor, erst einmal die armen Familien in ihrem Einflussbereich auf Arbeiterinnen zu beobachten, bevor sie Elizabeth darum bat, ihr Hilfskräfte zu schicken.
Ihre Mutter hatte sie so etwas nicht gelehrt, obwohl sie doch Gentry und Gutsbesitzer waren, weil sie selber aus einer Notarsfamilie stammte. Sie wusste es also nicht, und man hatte es ihr offenbar auch nicht erklärt. Oder hatte sie es nicht akzeptiert? Warum aber hatte der Vater nicht auf den Pflichten bestanden, die die Bennets zu erfüllen hatten? Sie hatten immer für den Armenkorb gearbeitet, aber er kümmerte sich dann darum, dass die Dinge ohne Beteiligung der Töchter verteilt wurden.

Auch wenn Elizabeth es als sehr lästig empfand, dass sie nur eine bestimmte Zeit 'auf den Beinen' sein durfte, war sie doch froh, dass sie Besuch hatten. Der lenkte sie von den langweiligen Ruhezeiten ab. Sie konnte verstehen, warum Fitzwilliam sich nicht mehr einfach dazu legen konnte, wenn sie liegen musste. Ihre Reaktion am Morgen nach dem Hochzeitstag hatte sie ja im Nachhinein selber erschreckt. Aber nun kam sie ins Grübeln. Warum konnte ihr Gatte sie so gut verstehen? Kannte er diesen Drang der Gefühle und den Zwang, ihn zu unterdrücken? War etwa sie daran Schuld, weil sie nicht gut genug auf ihn einging? Sie war sich nicht einmal sicher, welche der Fragen auf die peinliche Liste durften und welche Antworten sie allein herausfinden musste – und wie. Gab es dafür Bücher, die Fitzwilliam ihr leihen oder kaufen konnte, wenn er nicht selber darüber reden mochte? Sie beschloss, sich alle diese Frage zu merken und dann im nächsten Frühjahr zu stellen. Sie könnte ja gleich jetzt fragen, wollte aber ihren Fitzwilliam nicht in Bedrängnis bringen. Sie stand heimlich auf und schrieb sich die Fragen auf. Sie war gerade damit fertig, als sie Schritte näherkommen hörte. Sie steckte den Zettel schnell unters Kissen. Als die Tür sich öffnete, lag sie wieder brav auf der Chaiselongue und sah neugierig in die Richtung, wer sie denn besuchen käme.
Jane kam mit Sarah herein. Da es hier keine Wiege oder Korb gab, legte sie die Kleine zu ihrer Patentante, die sie bereitwillig in die Arme nahm.
„Jane, hast Du eigentlich mal wieder etwas von Longbourn gehört? Vater hat einen netten Weihnachtsbrief geschrieben. Mutter hat mir einen Weihnachtsbrief geschrieben mit vielen Regeln, damit mein Eheleben endlich so glücklich wird wie ihres war, bevor ihre Nerven so empfindlich wurden. Aber wie es ihnen geht, haben sie vergessen zu erwähnen.”
„Diese Art Weihnachtsbriefe habe ich auch von ihnen bekommen. Außerdem habe ich einen Brief von Lydia und einen von Mary. Die habe ich in meinem Täschchen. Ich werde sie gleich aus meinem Zimmer holen, wenn Du magst. Lydias Brief bringe ich auf ihre Bitte hin, den von Mary, weil der Brief kam, kurz bevor wir abfuhren, sodass ich ihn in der Kutsche las. Es geht aber allen gut, so viel kann ich Dir schon einmal im Vorwege verraten. Ach, und Kitty hat wohl nur wenig Zeit. Sie ist wieder in Hunsford, um Charlotte zur Hand zu gehen, die demnächst wieder niederkommt und schon fast panisch ist, nicht so sehr, ob es dieses Mal denn ein Junge wird, sondern ob ihre Kinder hinterher Halbwaisen sind und nur von ihrem Vater aufgezogen werden können.”
„Nun, der Gedanke reicht doch auch für eine Panik, oder?”
„Lizzy!! – Aber Du hast natürlich vollkommen Recht. Collins soll der armen Charlotte übrigens vorgeworfen haben, dass er wohl besser Dich hätte heiraten sollen, weil gleich Dein erstes Kind ein Junge war. Da hatte Kitty ihn allerdings – vor Charlotte und vor Lady Catherine – daran erinnert, dass er Dir ja einen Antrag gemacht hätte, Du ihn aber abgelehnt hättest. Das war gleich nach der Geburt des zweiten Mädchens. Wie Du Dir denken kannst, war ihm diese Erinnerung nicht wirklich willkommen. Aber sogar Lady Catherine meinte, solche Vorwürfe könnte man nur auf solche Weise zurückweisen, und schickte daraufhin täglich Leckereien an die liebe Catherine Lucas.”
„Vermutlich kannte sie ähnliche Vorwürfe aus eigener Erfahrung. Charlotte schrieb mir nur, dass Milady beeindruckt gewesen wäre von der respektvollen Art, wie Kitty sich weigerte, zum Tee zu kommen, weil sie sich lieber um Charlotte kümmern wollte. Das kam mir irgendwie komisch vor, aber nun, mit Deiner Zusatzinformation, kann ich mir gut vorstellen, dass es wohl beides zusammen war. Wo sind übrigens unsere Gatten?”
„Fitzwilliam und George sind auf Männerrundgang, wie sie das nennen, und Charles begleitet sie. – Was ist ein Männerrundgang?”
„Fitzwilliam trägt unsere Kinder täglich durchs ganze Haus, wenn sie noch Babys sind, damit sie wissen, dass sie nicht nur im Kinderzimmer wohnen. Bei George hat er es deshalb beibehalten, weil der Junge zur gewohnten Zeit quengelig wurde, wenn der Rundgang nicht stattfand. Er muss halt sein Erbe täglich begutachten! Inzwischen ist es ihm egal, wann sie auf Männerrundgang gehen, Hauptsache, Papa macht sich täglich mit ihm auf den Weg. Ich darf nicht dabei sein. Das ist reine Männersache. Jane hatte noch vor ihrem ersten Geburtstag das Interesse daran verloren. Sie hat es lieber, wenn Papa mit ihr spielt.”
„Hättest Du gedacht, dass Fitzwilliam so liebevoll sein kann, als wir ihn an jenem ersten Abend auf dem Ball in Meryton trafen?”
„Ganz sicher nicht!” kam die Antwort von der Verbindungstür. „Wer so borniert durchs Leben geht wie ich damals, kann nicht für liebevoll gehalten werden. Ich war ’s ja auch nicht. Ich wusste, was 'lieben' heißt, aber ich dachte, ein Darcy darf das auf keinen Fall zeigen.”
„Und was hat Dich dazu gebracht, Deine Meinung zu ändern?”
„Weißt Du, was in Hunsford damals passiert war?”
„Ja ...”
„Nun, der Schock hatte mich dazu gebracht, unter anderem Deinen Charles genauer zu beobachten. Ich wollte herausfinden, warum er so schnell überall beliebt ist. Ich sah mich zwar auch nach anderen Leuten um, die immer gleich als angenehme Zeitgenossen empfunden werden, aber das waren meist Damen. Dein Gatte war da schon hilfreicher. ('HERR, vergib mir diese Notlüge!') Dann überlegte ich, welche dieser Eigenschaften ich kultivieren kann, ohne meinen Charakter zu verleugnen.”
„Das muss schwere Arbeit gewesen sein.”
„Das war es auch. Ich hielt nur durch, weil ich hoffte, Elizabeth wieder zu begegnen. Ich wollte ihr zeigen, dass ich doch nicht so borniert bin, wie ich mich immer gegeben habe – oder so. Dann traf ich sie hier auf Pemberley durch einen schicksalhaften Zufall wieder, und innerhalb von wenigen Minuten wollte ich ihr nicht nur zeigen, dass ich mich geändert habe, sondern auch einen Antrag machen, der dieses Mal auch angenommen werden konnte.”
„Und warum hast Du dann bis Oktober gewartet?”
„Ich stürmte eines Morgens in Lambton in die Suite, in der die Gardiners und Elizabeth wohnten, und wollte ihr den Antrag machen. Ich hatte den Ring in der Tasche und ich war mir so gut wie sicher, dass ich nach Hause schweben würde. Aber dann fand ich ein Häuflein Elend vor, das gerade Deine Briefe bezüglich Lydias gelesen hatte. Unter solchen Umständen war ein Antrag nicht möglich. Ich wollte unbedingt nur aus reiner Liebe geheiratet werden, nicht aus Verzweiflung oder Dankbarkeit.”
„Hast Du Lydia inzwischen verzeihen können?”
„Ja, aber nur, weil ich schon vorher wusste, was für ein abgebrühter Schuft Wickham ist. Inzwischen hat mein Cousin, damals sein Vorgesetzter, mir erzählt, dass der Schuft nicht nur zweimal die Woche zu liederlichen Weibern ging, sondern auch die Mätressen etwa alle drei Monate wechselte – und seine junge Gattin absolut ahnungslos war. Sie kann von Glück sagen, dass sie sich keine Krankheit von ihm geholt hat. In anderen Worten: der Schuft war nicht willens sich zu ändern, deshalb musste er auch bestraft werden. Dass es nun gleich Australien wurde, ist Pech für ihn, aber er hatte jede Menge Chancen auf ein anständiges Leben gehabt, die er verfallen ließ. Er bekam die Strafe für die Urkundenfälschung. Er verdiente sie aber auch der vielen unschuldigen jungen Mädchen und Damen wegen.”
Elizabeth saß auf ihrer Chaiselongue und sah ihren Fitzwilliam so verlangend an, mit so feuchten Augen, dass er nicht anders konnte als zu ihr zu gehen und sie erst sanft auf beide Augen und dann etwas intensiver auf den Mund zu küssen. Danach sah er einen Zettel unter dem Kissen hervor blitzen. Er beherrschte aber seine Neugier.
Jane spürte die Liebe zwischen ihnen und empfand die Küsse weder als unschicklich noch als seelischen Missbrauch ihrer Schwester. Nein, Lizzy hatte sie nicht belogen, sie fühlte sich in dieser Ehe wohl. In dieser Minute begrub sie alle Pläne, ihre Schwester zu 'retten'. Sie war geborgen in einer außergewöhnlichen Liebe. Ob Charles bereit war, ähnliches mit ihr zu bewirken? Sie musste es riskieren.
Vorerst holte sie die versprochenen Briefe von Lydia und Mary. Lydia schrieb beinahe so, wie ihre Mutter sprach. Sie sprang von einem Thema zum nächsten und schien nicht immer zu bemerken, welche Informationen sie da preisgab.
Immerhin war zu erkennen, dass sie sich wohl einigen Londoner Damen auf der Durchreise empfohlen hatte mit ihrer Arbeit. Jedenfalls schien sie gute Chancen zu haben, eine Stellung in einem exquisiten Geschäft in London zu bekommen – und zwar aufgrund ihrer Arbeit, nicht aufgrund von Protektion, wie sie mit berechtigtem Stolz vermerkte. (… 'Aber im Falle einer langen Stellensuche wäre ich natürlich sehr froh über eure Hilfe gewesen' …)
Auch aus Birmingham, York und Newcastle waren inzwischen Anfragen gekommen. Sie war auch darauf verständlicherweise stolz, wenn auch Newcastle aus naheliegenden Gründen für sie nicht in Frage kam. Ihre Mutter war entsetzt, da sie immer noch auf eine Stelle im Merytoner Geschäft hoffte, wenn ihre Tochter denn unbedingt arbeiten wollte.
Ihr Vater, hingegen, lobte sie. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal von ihrem Vater gelobt worden war. Das nahm sie ihm aber nicht übel. Sie sah ein, dass sie ihm in den letzten Jahren herzlich wenig Grund für ein Lob gegeben hatte.
Sie habe gerade im Weihnachtsgeschäft so viel zu tun, dass sie gar nicht genug Zeit habe für alle Briefe, die sie gerne schreiben wolle. Deshalb bat sie Jane, den Brief an Elizabeth weiterzugeben.

Mary berichtete von den vielfältigen Aufgaben, die eine Pfarrersfrau hatte, jedenfalls in einer Umgebung wie Meryton.
Sie war betroffen von einem Bericht aus der Gemeindeversammlung, in der verkündet wurde, dass es immer schwieriger würde, die Armen im gewohnten Umfang zu versorgen, weil durch den Wegzug der Damen im heiratsfähigen Alter der Umfang der Arbeiten aus dem Armenkorb drastisch verringert worden war. Catherine und sie waren zwar geblieben, aber Catherine hatte mit ihrem Haushalt zu viel zu tun, weil sie sich nicht so viel Personal leisten konnten. Sie wäre ja sehr gerne bereit, noch weiter für den Armenkorb zu arbeiten, aber wie sollte sie alleine vier Schwestern ersetzen können? Außerdem war es auch eine Sache der Finanzen, da die Pfarrstelle zwar vergleichsweise gut, aber nicht üppig bezahlt wurde.
Da Mrs. Bennet nicht für den Armenkorb zu arbeiten gewillt war, hatte Mr. Bennet vorerst angeboten, Stoff liefern zu lassen, der dann vielleicht in Arbeitsgruppen verteilt werden könnte. Er wollte außerdem versuchen, Mrs. Bennet die Christenpflicht einer Gutsbesitzerin und Schwiegermutter eines Pfarrers zu verdeutlichen. Mary war bisher weder bewusst gewesen, wie viele Arme es in der Umgebung gab, noch, dass auch die Bennets ihren Beitrag dazu geleistet hatten, das harte Los der Armen etwas zu mildern.

Abends sagte Jane etwas kleinlaut: „Charles, könntest Du bitte für zwanzig Minuten oder so das Licht löschen?” Nachdem er ihr den Gefallen getan hatte, fuhr sie fort: „Ich weiß, ich habe bisher viele Fehler gemacht. Ich weiß auch, dass es sehr schwer ist, sie wieder rückgängig zu machen und vor allem, mich zu ändern. Ich möchte Dir aber versichern, dass ich es von ganzem Herzen versuchen werde, und bitte Dich um Geduld und Hilfe.”
„Mein Engel! Nichts lieber als das. Sobald ich weiß, wie die Hilfe aussehen kann, werde ich sie Dir geben. Versprochen. Bis dahin werde ich nicht nur Geduld mit Dir üben, sondern Dich auch bitten, mit mir Geduld zu haben. Ich kann leider nicht einfach Fitzwilliam um Hilfe fragen. Er hat eine Elfe geheiratet, keinen Engel. Darum müssen wir uns unseren Weg mühsam selber suchen. – Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass Dein Vater uns auch keine segensreichen Hinweise geben kann.”
Zum ersten Mal in ihrem Leben gluckste sie so wie sonst nur noch Elizabeth. „Charles, ich glaube kaum, dass ich jemals wieder einem Ratschlag meiner Mutter ernsthaft folgen kann, somit werden alle Ratschläge meines Vaters nutzlos sein. Der scheint sowieso schon vor langer Zeit die Hoffnung aufgegeben zu haben, mit meiner Mutter eine so befriedigende Ehe zu führen, wie sie Lizzy hat – und wie wir beide haben werden. – Versprochen.”
Er nahm sie erst ganz sanft in den Arm und küsste sie dann mit einer Leidenschaft, die nicht nur sie, sondern auch ihn überraschte.
„Eine Frage habe ich noch, mein Engel. Warum sollte ich dafür das Licht löschen?”
„Es ist einfach leichter, über tiefe Gefühle zu sprechen, wenn es dunkel ist. Ansonsten werde ich Dich nie mehr bitten, das Licht zu löschen, wenn Du es brennen lassen möchtest.”
„Darf ich fragen, was Dich zu dieser Haltung gebracht hat?”
„Nicht so sehr gern –”
„Mein Engel, bitte!”
‚– – ich habe heute Darcy gefragt, warum er sich geändert hat. Er sprach ganz ehrlich davon, dass er das nur aus Liebe zu Lizzy getan hätte und dass es sehr schwer gewesen wäre. Da dachte ich, ich müsste das auch können, wenn ich vielleicht auch länger brauchen werde als er. Aber wenn Du drei oder vier Monate Geduld haben kannst, werden wir bis dahin bestimmt schon Fortschritte erkennen.”
„Ganz bestimmt, dieses Gespräch ist doch schon der erste Fortschritt, oder?”
Dann verstummten beide und blieben noch eine Weile wach liegen, bis sie dann doch einschliefen.

Bei dem andern Ehepaar lief das Gespräch etwas anders ab. „Elfchen, bitte nicht erschrecken oder hektisch werden, ja? Als ich Dich heute in Deinem Salon küsste, sah ich einen Zettel unter dem Kissen hervor rutschen. Wenn er schon fort ist, ist das in Ordnung, wenn Du ihn jetzt woanders hinlegen willst, ist das auch in Ordnung. Ich werde Dir jedenfalls nicht nachschleichen, um Dich zu beobachten. Aber ich werde noch heute Nacht nachsehen, ob der Zettel noch dort liegt.”
„Ich habe den Zettel ganz vergessen. Da sind Fragen drauf, die ich bis März nicht vergessen will, mit denen ich Dich aber nicht ausgerechnet in dieser schwierigen Situation belasten darf. Ich bin ruhiger, seit ich die Fragen aufgeschrieben habe, aber es könnte Dich beunruhigen, sie jetzt zu lesen. Wenn Du Deine Neugier nicht bezähmen kannst, musst Du tun, was Du für richtig hältst. Ich stehe jetzt jedenfalls nicht noch einmal auf. Nicht aus Misstrauen, sondern weil ich zu bequem bin.”
Was sollte er nun machen? Wenn es für sie drängende Fragen waren, wollte er sie wissen, aber sie hatte ja ausdrücklich gesagt, dass alleine das Aufschreiben schon geholfen hätte. Er stand also mitten in der Nacht auf und bestellte von ihrem Salon aus zwei Becher heißer Schokolade. Während er darauf wartete, las er den Zettel und legte ihn wieder zurück, noch bevor die Becher kamen. Als er mit den dampfenden Bechern ins Schlafzimmer kam, hatte sie schon bemerkt, dass er fehlte. Bei seinem Anblick setzte sie sich freudestrahlend auf: „Woher hast Du eigentlich erraten, dass ich gerade von einer Schokolade geträumt habe?”
„Ich verkaufe Dir eine gegen einen Kuss!”
„Du bist und bleibst ein Erpresser, aber von mir aus, möchtest Du eine Kostprobe oder einen Extra-Kuss?”
„Geht auch beides, die Kostprobe als Vorspeise, den Extra-Kuss als Nachspeise?”
Sie waren beide froh, wieder unbefangen miteinander umgehen zu können.

Beim Frühstück sagte Charles nachdenklich: „Ich müsste der guten Caroline einen ellenlangen Dankesbrief schreiben. Ich wollte damals, dass sie mit mir durch die Counties reist, um nach einem Anwesen zu suchen, das ich erst einmal pachten kann. Sie weigerte sich, die Unbequemlichkeit der Suche auf sich zu nehmen, obwohl es ja damals auch ihr Heim werden sollte. Wenn sie mit mir gefahren wäre, hätte sie nie und nimmer Netherfield akzeptiert, nicht wegen des Hauses, das war gut, sondern wegen der Umgebung. Dann hätten wir, Fitzwilliam und ich, nie die wundervollen Damen kennengelernt, die wir jetzt stolz als unsere Gattinnen bezeichnen.”
Elizabeths Augen blitzten wieder einmal vor Vergnügen, als sie sagte: „Charles, wenn Du möchtest, helfe ich Dir beim Aufsetzen des Schreibens.”
Fitzwilliam warf trocken ein: „Jane, in dem Fall schnappen wir uns wohl besser die Kinder und gehen in Deckung, bis der Sturm vorübergezogen ist.”
„Weißt Du denn, wo in England wir vor dem Zorn der guten Caroline sicher sein werden?” erkundigte sich Jane mit blitzenden Augen aber ernster Miene.
„Wir können doch nach Westindien fahren, oder in die Vereinigten Staaten von Amerika, wie sich die ehemaligen Kolonien jetzt nennen.”
„Geliebter Gemahl, bevor Du mit unseren Kindern nach Amerika oder Westindien ausreißen willst, wartest Du gefälligst ab, bis ich mit Dir gehen kann – und das wird vor Mitte März nicht möglich sein.”
„Elfchen, ich komme doch wieder, sobald Jungfer Bingley sich beruhigt hat!”
„Du kennst meine Schwester nicht, die kann sich in eine Sache verbeißen wie eine Bulldogge. Ich glaube, ich lasse das mit dem Brief doch lieber sein.”

Mit der Post kamen Briefe von Mary, Catherine, den Gardiners und Anne. Mary schrieb das gleiche, was sie auch Jane geschrieben hatte. Der Brief hatte aus unerklärlichem Grund länger gebraucht.

Die Gardiners schrieben, dass sie das Weihnachtsfest in London, aber mit den Bennets verbrachten. Mr. Bennet hatte so niedergeschlagen geklungen wegen 'des stark eingeschränkten Familienkreises', dass sie ihn und seine Gattin eingeladen hatten.
Mrs. Bennet liebte es, durch die Straßen zu gehen, die Geschäftsauslagen zu bewundern und sich jeden Tag aufs Neue zu überlegen, was sie denn nun kaufen wollte. Sie hatte keine Blanko-Erlaubnis bekommen, sondern einen Geldbetrag, den sie selber verwalten durfte. Wenn das Geld ausgegeben war, würde sie für diesen Aufenthalt keinen 'Nachschub' bekommen. Es war erstaunlich, wie sorgsam sie unter diesen Umständen mit Geld umgehen konnte. Ihr Bruder machte sich große Hoffnungen, dass sie, wenn auch etwas spät, endlich in Gelddingen vernünftig wurde.

Anne schrieb ganz begeistert von den vielen wundervollen Fortschritten, die ihre kleine Tochter täglich machte. Noch begeisterter war sie, dass keine der düsteren Prophezeiungen ihrer Mutter bisher eingetreten waren und die kleine Eliza sich bester Gesundheit erfreute. Am allerschönsten war allerdings, dass ihr Gatte sie jeden Tag mehr liebte. Er war wieder dazu übergegangen, ihre Ruhezeiten zu überwachen, obwohl die kleine Eliza doch noch kein Jahr alt war. Aber nachdem man schon den mütterlichen Rat für die Hochzeitsnacht und die Kindererziehung ignorierte, käme es auf diesen dritten Fall nun auch nicht mehr an, oder?

Catherine schrieb, dass sie es kaum erwarten könne, bis Charlotte endlich alles gesund überstanden habe. Erstens werde Collins von Tag zu Tag herrischer, und zweitens fühle sie selber sich auch nicht sehr wohl. Die Hebamme hatte bei der letzten Visite auch sie untersucht und meinte, dass sie wohl im Mai selber Beistand brauchen werde, der dann aber hoffentlich nicht der armen Charlotte aufgebürdet werde. Sie sei sich aber sicher, dass sowohl Lady Lucas als auch Maria ihr helfen werden. Sie habe ihrer Familie Lucas noch nichts verraten, weil sie befürchte, sofort nach Hertfordshire zurückkehren zu müssen, was sie Charlotte nicht antun könne.

„Das sind im Hause Collins ja fast Verhältnisse wie bei unseren Tagelöhnern!” rief Elizabeth angewidert aus.
„Ich stimme Dir zu, Elfchen, aber der Collins geht uns ja zum Glück nichts an.
Aber da ist eine Sache, die ich gerne hier ansprechen würde. Ihr beiden Damen wisst ja wohl, dass euer Heiratsgut nur dann an euch fällt, wenn sowohl Mr. als auch Mrs. Bennet gestorben sind.
Wenn Du, Charles, und ich Mr. Bennet den Vorschlag machen, noch jeweils eintausend Pfund draufzulegen, hat Mrs. Bennet genug Geld, in Meryton oder Umgebung ein kleines Landhaus zu mieten. Damit würde sie weder bei euch noch bei uns einziehen wollen. Wir würden uns selbstverständlich vertraglich zusichern lassen, dass wir bei ihrem Ableben das Geld zurückerhalten.
Ich weiß, der Vorschlag trifft Dich nun aus heiterem Himmel. Ich will auch noch keine Antwort haben. Überleg es Dir gut, denn Du hast ja auch die Auslagen für den Hauskauf noch wieder aufzuholen.
Ich werde mich mit Mrs. Bennet nie gut verstehen können, aber es ist ihr doch auch nicht zuzumuten, von einem Mann wie Collins abhängig zu sein. Das wird sie aber indirekt, wenn sie zu Catherine zieht, da der Hohlkopf versucht, die Familie Lucas zu reglementieren. Lydia hat endlich eingesehen, dass sie ohne ihre Mutter besser dran ist, und in ein Pfarrhaus passt Mrs. Bennet auch nicht wirklich. Damit blieben euer Haus oder meines. Beide Lösungen sehe ich als nicht unbedingt empfehlenswert an.”
„Mein Lieber, Du hast eine Möglichkeit vergessen. Vielleicht ist Vater schon auf die gleiche Idee gekommen und ihr könntet dann mit ihm einen Vertrag aufsetzen, dass in seinem Todesfall nur noch der Betrag ergänzt wird, der zu den siebentausend Pfund fehlt.”
„Fitzwilliam, Du hast Dir eine patente Gattin ausgesucht.”
„Das bemerke ich auch gerade, denn das hat sie nicht bei mir gelernt. Ich vermute, Du hat Finanzen häufig mit Deinem Vater besprochen, oder?”
„Nun, Finanzen allgemein, nie die von Longbourn.”
„Lizzy, mit so langweiligen Dingen habt ihr euch stundenlang so angeregt beschäftigt?”
„Jane, Vater konnte mir die langweiligen Dinge so erklären, dass sie nicht mehr ganz so langweilig klangen. Ich finde sie nicht unbedingt interessant, aber ich gähne auch nicht mehr bei dem Thema – wie ich es bei Vaters erstem Vortrag tat. Das lag vielleicht weder am Thema noch an seinem Vortrag, sondern daran, dass ich immerhin erst elf oder so war.”
„Elfchen, das kann ich Dir so gut nachfühlen. Ich war zwölf, als ich zum ersten Mal die Rechnungsbücher des Gutes lesen sollte. Ich bin ebenfalls fast eingeschlafen. Nur durfte ich mir bei meinem Vater nicht erlauben, zu gähnen. Ich weiß nicht mehr, wie ich das durchstand – oder ob ich doch gegähnt habe und er mir das nachsichtig verzieh. – Aber Deine drei Stunden am Vormittag sind schon wieder um, Elfchen. Geht es heute bitte auch ohne Verhandlungen? Die Aufregung schadet nicht nur unserem Kind, sondern auch Dir. Einfach nur eine halbe Stunde alleine ruhen und dann kommt Jane mit den Kindern?”
„Aber natürlich doch!” und sie ging tatsächlich um vieles fröhlicher als am Vortag.

Sie hatte bemerkt, dass der Zettel nicht verschwunden war, Fitzwilliam war also zumindest nicht böse über ihre ungehörigen Fragen. Wenn er ihn wirklich gelesen hatte, konnte man im März sogar besser darüber sprechen, weil er schon wusste, was ihr auf der Seele brannte. Sie schloss die Augen. Wenn es ihr gelang, etwas zu schlafen, verging die öde halbe Stunde schneller, oder? Aber als sie ungeduldig die Augen wieder öffnete, waren erst fünf Minuten vergangen. Sie schloss die Augen wieder.
Es klopfte leise an der offen stehenden Verbindungstür. Fitzwilliam kam herein. Wer auch sonst – durch diese Tür? Sie sah ihn an, blieb aber liegen. Das nahm er mit Erleichterung zur Kenntnis.
„Elfchen, ich möchte etwas sagen, wobei Du wahrscheinlich lieber das Licht löschen möchtest. Ich schlage vor, Du machst notfalls einfach die Augen zu, in Ordnung?” Er setzte sich zu ihr auf die Chaiselongue und nahm ihre Hand. Sie sah ihn vertrauensvoll an.
„Es geht um die Fragen auf Deinem Zettel: Ich kann Dich gut verstehen. Nicht perfekt, aber doch besser als am Anfang unserer Ehe, weil ich Dich inzwischen besser kennengelernt habe.
Letztes Jahr hatte ich Dich noch nicht gut genug verstanden. Es gehört nicht zur Bildung eines Jungen, zu erfahren, was für Mädchen zur Bildung gehört. Daher kommen leider viele Missverständnisse. In vielen Ehen wird den Gattinnen nicht die Möglichkeit gegeben, gegen die Wünsche ihrer Gatten aufzubegehren. In anderen werden die Gatten dazu gebracht, ihre Gefühle zu unterdrücken. Beides ist nicht Recht.
Ich habe das große Glück, dass ich eine Elfe gefunden habe, bei der ich meine Gefühle nicht unterdrücken muss. Ich darf es 'tun', wann immer ich will. Jetzt zwar nicht, aber das liegt ja nicht an Dir. Darum zählt das nicht für dieses Gespräch.
Aber ich weiß, wie das ist, wenn man Gefühle dämpfen muss, weil ich es viel häufiger lieber 'heftig tun' mag. Das will ich aber nicht, wenn meine zarte Elfe mir nicht ein deutliches Zeichen gibt, dass sie das so möchte. Das ist nicht Deine Schuld, ganz gewiss nicht. Es ist eben der Preis dafür, dass ich etwas länger gebraucht hatte als gedacht, bis ich meiner Elfe zeigen konnte, wie schön es ist, wenn auch Elfen Wünsche haben. Wie Du es machst, in Deinem Tempo, so ist es richtig und gut. Das habe ich in diesem letzten Jahr von Dir lernen dürfen.
Aber Du hast mir niemals zugemutet, ganz auf das 'Tun' zu verzichten. Seit Du mir so deutlich gezeigt hast, dass Du es nicht als Opfer siehst, sondern Du es für Dich auch möchtest, ist es noch schöner für mich. Du bist die wunderbarste Gattin, die es geben kann, jedenfalls für mich.
Der komplette Verzicht ist schlimm. Das weiß ich jetzt, wo wir beide das nicht immer leichte Verbot auferlegt bekommen haben. Ich brauche dafür meine gesamte Willenskraft, gleiches gilt für Dich. Es macht nichts, wenn einer von uns schwankend wird, wenn dafür der andere stark bleibt.
Das Verbot ist besonders schade für Dich, weil Du erst in diesem Jahr gelernt hast, mir Deine Wünsche im Bett zu verstehen zu geben. Es freut mich jedes Mal, wenn Du mir Deine Wünsche zeigst. Dieses Verbot wäre im letzten Jahr für Dich viel leichter gewesen, weil Du nicht gewusst hättest, was Dir entgeht.
Ich kann es leider nicht ändern, Elfchen, wir können nur Geduld haben und uns freuen, dass es uns doch immerhin besser geht als der armen Mrs. Collins.
Von unserer Sorge um unser nächstes Kind abgesehen und meiner Sorge, dass es Dir nicht gut geht, haben wir nicht zu leiden. Jedenfalls hoffe ich doch sehr, dass Du nicht unter mir leidest und es nur gut verstecken kannst.”
„Ich leide – nein, ich habe bisher gelitten – jedes Mal wenn ich meine Wünsche gezeigt hatte und Du sie mir erfüllt hattest, weil ich immer befürchtete, ich hätte Dich gezwungen. Ich hoffte immer ein ganz kleines bisschen, dass Du auch ein wenig Gefallen daran hast, aber eigentlich hatte ich immer ein schlechtes Gewissen.”
„Herren 'tun' viel lieber als Damen, und sie 'tun' es gerne häufig. Das ist so wie bei Dir mit den kandierten Früchten. Sobald Du die Gelegenheit dazu hast, genießt Du gerne ein Stück. Du würdest doch sicher nicht denken, ich zwinge Dich, die Früchte zu essen, nur weil ich Dir eine Schale damit hinstelle, oder? Ich stelle sie Dir hin, damit es Dir gut geht. Du bietest mir mit Deinen Wünschen die Gelegenheiten, das zu tun, was ich sowieso tun möchte, wenn ich Dich sehe.”
„Versprochen?”
„Versprochen! Und nun lass ich Dich noch zehn Minuten allein, bevor Jane kommt, damit Du alles in Ruhe überdenken kannst.”
Zehn Minuten noch? Na, das war einfach, das war zweimal versuchen, zu schlafen. – – –  Es war nicht einfach, weil sie seine liebevolle Antwort auf ihre schweren Fragen bedachte.

Als Jane hereinkam, machte Elizabeth gerade zum vierten Mal ungeduldig die Augen wieder auf, weil sie das Gefühl hatte, dass der Schlaf ja doch nicht käme.
Sie unterhielten sich, sie lasen, sie lachten, sie taten alles, was sie sonst im großen Salon getan hätten, nur dass da keine so bequeme Chaiselongue stand. Ja – aber – – wer sagte denn, dass sie in ihrem kleinen Salon liegen musste, das ginge doch in jedem anderen Raum auch, oder? Sobald sie wieder aufstehen durfte, machte sie sich auf die Suche nach Fitzwilliam.
Er war in seinem Arbeitszimmer. Leider war er nicht alleine, sodass sie, selbst wenn es Charles war, der zusah, nicht den Überbrückungskuss geben mochte. Aber sie erzählte Fitzwilliam ganz eindringlich, welch hervorragende Idee sie in der Ruhezeit gehabt hatte. Er war zwar der Meinung, sie hätte mehr Ruhe in ihrem eigenen Salon, wollte sie aber nicht wie ein kleines Kind behandeln, das zum Mittagsschlaf abkommandiert wurde. Statt also mit ihr zu diskutieren, klingelte er nach einem Diener und gab den Auftrag, die Chaiselongue in den großen Salon zu tragen und so aufzustellen, dass man im Liegen aus dem Fenster und den ganzen Raum sehen konnte – gleichgültig, wie viele andere Möbel dafür umgestellt werden müssten.
Sie ging nach einem schnellen Kuss auf sein Kinn – sollte Charles doch wegsehen, wenn ihm das nicht gefiel – in das Musikzimmer, schlug ein paar kräftige, fröhliche Akkorde an und ging dann weiter in den Salon.
Fitzwilliam hoffte, dass ihre fröhliche Grundstimmung nicht nur auf der Möbelumstellung beruhte, sondern auch auf seinen Erläuterungen.
Ohne seine Erläuterungen wäre Elizabeth wahrscheinlich gar nicht entspannt genug gewesen, auf die Idee mit dem Möbelrücken zu kommen.
Der Nachteil dieses Möbelrückens fiel Elizabeth ziemlich schnell auf: sie sollte jetzt fast nur noch auf der Chaiselongue liegen. Immerhin durfte sie außerhalb der Ruhephasen aufstehen und herumlaufen, weil die Hebamme ihr das ja extra aufgetragen hatte. Ihre Stimmung hatte sich aber insgesamt sehr gehoben, und sie wirkte so fröhlich wie schon lange nicht mehr.

Allerdings waren weder Jane und Charles noch Fitzwilliam von ihrer Art Humor angetan, als sie beim Tee verkündete, dass sie doch zu gerne einen Teil ihrer verordneten Bewegung in Morgentau-Läufe umsetzen wollte. Sie starrten sie nur entsetzt an, bis Fitzwilliam plötzlich auflachte: „Natürlich, Elfchen, beim nächsten Morgentau werde ich höchstpersönlich dafür sorgen, dass Du Dir dieses Vergnügen leisten kannst.”
Sie blitzte ihn vergnügt an. Sie wäre sehr enttäuscht gewesen, wenn er nicht erkannt hätte, worin der Spaß ihrer Ankündigung lag. Jane und Charles waren zwar erleichtert, dass dieser Beschluss offensichtlich nicht ernst gemeint gewesen war, konnten aber nicht wirklich darüber lachen, nicht einmal, nachdem Fitzwilliam ihnen erklärt hatte, dass es jetzt keinen Morgentau gäbe.

Abends bat sie ihren verständnisvollen Gatten, sie so fest zu halten, wie er es ertragen könnte. Sie wollte erkunden, was für ihn erträglich war und dann überlegen, ob das für sie ausreichte oder sie ihm Opfer abverlangen müsste. Schließlich hatte sie bei Abstimmungen anderthalb Stimmen, wenn nicht sogar zwei.
Getreu der Maxime, dass man bei einem ersten Verhandlungsangebot nicht alle Karten auf den Tisch legen sollte, umfasste er seine Elfe fest, aber nicht so fest, wie er es gerne gehabt hätte. Sie schwankte zwischen fordern und nachgeben. Schließlich bat sie ihn kleinlaut, ob es vielleicht zumutbar wäre, dass er sie doch ein klein wenig fester hielte?
Bei der kleinlauten Stimme wollte er nicht auf weitere Aufforderungen hoffen und hielt sie so fest, wie er es sicher ohne Probleme die ganze Nacht aushalten könnte. Ihr zufriedener Seufzer: „So ist es gut!” war Musik in seinen Ohren.
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