Die Darcys auf Pemberley Teil V

von Bihi
GeschichteRomanze / P16
Charles Bingley Elizabeth Bennet Fitzwilliam Darcy Jane Bennet Mr. Bennet Mrs. Bennet
09.09.2014
19.09.2014
41
65444
17
Alle Kapitel
86 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Er erwachte, wie fast immer, etwas früher als sie. Wie nach der ersten Nacht nutzte er die Zeit, sie heimlich zu betrachten, weil es ihr eigentlich peinlich war. Dieses Mal hatte er statt einer Kerze eine Petroleumlampe, die er zum Schummerlicht einer Kerze dämpfte. Es war jetzt auch nicht die sozusagen jungfräuliche Scham, sondern die Scham einer reifen Dame, die sich mit ihrem veränderten Körper in einer Schwangerschaft nicht anfreunden mochte. Er konnte das nicht verstehen, versuchte es aber zu akzeptieren. Er hatte eine große Achtung vor der Leistung ihres Körpers.
Seine zierliche Elfe musste sich mit so viel extra-Gewicht abschleppen, ihr Körper musste sich so sehr ausdehnen. Er dehnte sich mehr als für den Platz des Babys notwendig war. Die Zusammenhänge verstand Fitzwilliam nicht und er hatte keine Informationsquelle gefunden, die ihm das erklären konnte. Es war nicht nur seine persönliche Neugier, er wollte es auch wissen, damit er seiner Elfe helfen konnte, sich mit dem veränderten Körper abzufinden.
Seine Elfe erwachte und ließ sich genüsslich Zeit, richtig wach zu werden. Schließlich war sie bereit, ihren Fitzwilliam zu begrüßen. „Guten Morgen, Liebster. Ich freue mich, Dich immer noch neben mir vorzufinden.  – Psst! Nicht widersprechen. Ich weiß, dass Du im Herbst, Winter und teilweise im Frühling immer neben mir bist, wenn ich aufwache. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich es Dir jemals gedankt habe!”
„Elfchen, im Grunde ist jeder Morgen, an dem Du Dich freust, mich zu sehen statt wie vor einem Monster zu erschrecken, ein unausgesprochener, aber von mir tiefempfundener Dank für meine Anwesenheit.”
„Das hast Du richtig lieb gesagt. Aber warum sollte ich denn vor Dir erschrecken?”
„Elfchen, ich sprach von Deinen Gefühlen, nicht meinen. Wie sollte ich die kennen?” 'Und ich werde mich hüten, die Wahrheit zu sagen, wenn sie jetzt genauere Auskunft wünscht!'
„Ich dachte immer, ein Oberon weiß alles! So habe ich jedenfalls Deine Anmerkungen im Shakespeare verstanden. Warum hast Du übrigens Anmerkungen reingeschrieben? Das macht man nicht bei Büchern, schon gar nicht bei Shakespeare!”
„Elfchen, ich habe bestimmt noch nie in einem Buch von Shakespeare irgendeine Anmerkung gemacht. Das einzige Buch, das ich auf diese Art verzierte, war von dem Philosophen John Locke, der den Amerikanern eine der Grundlagen für den Unabhängigkeitskrieg lieferte. Um die Zusammenhänge besser zu verstehen, habe ich bei Vorlesungen Randbemerkungen gemacht. Ich schwöre Dir, dass das auf Pemberley das einzige Buch mit meinen Anmerkungen ist.”
„Und wer hat dann in den Shakespeare rein geschrieben? Es sieht so aus wie Deine Schrift!”
„Das klären wir irgendwann heute oder so, einverstanden?”
„Wie spät ist es eigentlich, können wir uns noch einfach aneinander kuscheln, bevor der Tag beginnt? Ich verspreche auch, es Dir nicht so schwer wie gestern Abend zu machen.”
„Wie meinst Du das?”
„Nun, bei meinem letzten Kuss, ich glaube jedenfalls, dass es mein letzter war, hast Du wie unter Schmerzen gestöhnt, obwohl ich Dich sicher nicht anders als vorher geküsst hatte. Ich mochte nicht fragen, aber das Stöhnen war irgendwie so, als wenn ich mal wieder eine Stelle traf, die ich gar nicht treffen wollte, obwohl ich Dich doch nur im Gesicht berührt habe, oder? Ich versichere Dir, es war wirklich unabsichtlich, und wenn ich wüsste, was ich da falsch gemacht habe, würde ich versprechen, das nie wieder zu tun. Aber ich weiß es einfach nicht.”
„Elfchen, wenn Du etwas falsch gemacht hättest, würde ich es Dir nicht verraten, weil ich derartige Fehler liebe. Aber Du hast nichts falsch gemacht. Wirklich nicht. Du warst so perfekt, dass ich wieder 'Tun' wollte, aber es nun mal leider nicht darf.”
„Ich finde es schlimm, dass wir noch drei Monate warten müssen, nein, mehr als vier. Das ist doch von der Vorsehung wirklich nicht gut eingerichtet!”
„Elfchen!!! Versündige Dich nicht! Ich will nicht, dass das Strafgericht über Dich kommt.”
„Fitzwilliam, es tut mir Leid. Das war wirklich nicht recht von mir … Und trotzdem!! Ich weiß, es ist im höchsten Maße ungehörig, und gegen die Kirche und gegen alle Anstandsregeln, von denen ich je gehört habe – aber ich vermisse Dein 'Tun' so sehr!” gestand sie kläglich.
Er konnte nur noch flüstern: ”Elfchen, bitte mach es mir doch nicht so schwer! Ich darf nicht, wenn ich unser Kind nicht in Gefahr bringen will!” Er war sehr frustriert, dass er dieses großartige Geständnis nicht anders honorieren durfte. Aber ihm war auch klar, dass er jetzt besonders hart sein musste, um von seiner zarten, liebebedürftigen Elfe nicht zu etwas verführt zu werden, was ihm schon kurz darauf Leid tun würde – und ihr ganz sicher ebenso.
Seine Worte wirkten wie ein Guss kalten Wassers. Sie atmete tief durch und sagte mit ihrer Alltagsstimme. ”Ich danke Dir, dass Du den Bann gebrochen hast, der mich um ein Haar mein Kind hätte vergessen lassen. Lass uns aufstehen und zum Frühstücken gehen.”
Elizabeth war ihm wirklich dankbar. Beinahe hätte sie ihr eigenes Kind vernachlässigt, um in den Armen ihres Gatten der Seligkeit nachzuspüren. So etwas durfte einer Mutter einfach nicht passieren.
Bevor sie sich am Abend im Salon erhoben, um in die Privaträume zu gehen, sagte sie zaghaft: „Wenn Du es für besser hältst, dass ich alleine schlafen soll, dann werde ich mich fügen.”
„Elfchen, das müssen wir gemeinsam tragen und ertragen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Kind es uns danken wird, wenn wir keine Freude mehr verspüren wollen.”
Sie strahlte ihn an, aber sie hatte zum ersten Mal seit ihrer Hochzeit das Gefühl, durch und durch verworfen zu sein. Nur noch drei Monate bis zur Geburt!

Sie lenkte sich in den nächsten Tagen dadurch ab, dass sie versuchte, Weihnachten so zu planen, dass sie nicht zu viel vermissten. Es würde schwer werden. Sicher, zum ersten Mal würden die Bingleys dabei sein, aber die Gardiners und Georgiana würden fehlen.
Sie hatte sich bei den Gardiners nie Gedanken darum gemacht, dass ihre Sterne nicht in den Ilexzweigen hingen. Aber mit den Bingleys war es eine andere Sache. Sie waren näher verwandt, aber 'gehörten' dennoch nicht in die Ilexzweige. Der Kronleuchter im Speisezimmer hatte sechsunddreißig Kerzen. Vielleicht könnte man leichte Sterne daran befestigen, ohne Namen, aber einen für jeden Anwesenden beim Weihnachtsdinner?
Sie fragte schließlich Fitzwilliam, ob er da Rat wüsste. Er hatte sich das gleiche Problem durch den Kopf gehen lassen und war auf zwei Möglichkeiten gestoßen: entweder man faltete Sterne aus Seidenpapier oder band sie aus Strohhalmen zusammen. Sie gingen in die Bibliothek, um nach Büchern mit Anleitungen zu suchen. Er suchte nach den Büchern, die ihm schon einmal bei der Zusammenstellung seiner Darcy-Bräuche fürs Weihnachtsfest geholfen hatten. Er drehte sich verdutzt nach Elizabeth um, die sich in einer ganz anderen Ecke nach dem untersten Regal bückte und einen Folianten herauszerren wollte.
„Elfchen, das Buch ist zu schwer für Dich, lass mich das holen.” Er legte es vorsichtig auf den Tisch und stellte erstaunt fest, dass es eine alte Shakespeare-Ausgabe war, eine sehr alte. Auf dem Vorsatzblatt stand, 'Ich gebe das Buch mit schwerem Herzen zum Pfand bis die Schuld an den Herrn James William Darcy zur Gänze abgetragen wurde.' Die Unterschrift sah aus wie 'G. Fitzwilliam' und das Datum wie '1670'.
Elizabeth meinte mit Ehrfurcht in der Stimme: „Ich hatte damals nicht auf diese Seite geachtet, sonst hätte ich nie vermutet, dass Du in ein solches Buch geschrieben haben könntest. Ich wollte nur noch einmal den Sommernachtstraum lesen und dieses Exemplar war so gut erreichbar, dass ich mich gar nicht nach anderen Büchern umsah. Aber hier sind die Anmerkungen drin.”
Fitzwilliam traute sich nicht, seine Elfe zu umarmen, wollte er ihr – und sich – die Abstinenz doch nicht unnötig schwer machen. Aber er konnte auch nicht so tun, als ob dieser Fund etwas Alltägliches wäre. „Elfchen, ich werde in den alten Büchern nachforschen, was da vor sich gegangen ist. Es scheint mir fast so, als ob der Earl aus einer Familie stammt, die den Darcys zu mehr Dank verpflichtet ist, als bisher bekannt. Das Buch bekommt er ganz sicher nicht zurück, weil das Pfand offensichtlich verfallen ist. Es scheint aus  der zweiten Auflage der Folio-Ausgabe zu sein. Aber lass uns doch jetzt in meinem Arbeitszimmer bequemer am Tisch nachsehen, was es mit den Anmerkungen auf sich hat.”
„Fitzwilliam, das ist eine Angelegenheit, in die ich mich nicht vertiefen möchte, wenn wir jederzeit von profanen Alltagsgeschäften unterbrochen werden können.  Ich habe das Gefühl, dass ich diese Nachforschung mit mehr Ehrfurcht betreiben sollte. Wenn Du möchtest, fange mit den Nachforschungen sofort an. Ich suche weiter nach den Anleitungen, die uns für das Weihnachtsfest nützlich sind. Da sind Unterbrechungen nicht so wichtig.”
Das war ein sinnvolles Vorgehen und so gab Fitzwilliam nach, auch wenn er darauf brannte, weiteres zu erfahren. Sie fanden bald die Bücher mit den Vorschlägen zum Weihnachtsschmuck. Die Arbeiten sahen zum Teil so filigran aus, dass Elizabeth ihre Zofe Lydia in den Salon bat, um diese Arbeit zu machen.
Das Mädchen hatte große Freude an dieser Arbeit. „Madam, das bringt solchen Spaß und sieht so schön aus! Meine Eltern werden bestimmt ärgerlich, wenn sie erfahren, was ich dazu meine, aber ich finde, für das Vergnügen darf ich eigentlich nicht bezahlt werden!”
„Lydia, betrachte die Arbeit daran einfach als ein vorweg genommenes Weihnachtsgeschenk von mir persönlich. Es geht ja nicht an, dass ich Dir dieses Geschenk erst zu Weihnachten mache, weil wir dann den Schmuck ja bereits brauchen.”
Elizabeth war berührt von dem Eifer eines Kindes, das bereits mit elf Jahren schon so erwachsen sein musste. Sie war froh, dass nicht nur ihr, sondern auch ihren Kindern diese Erfahrung erspart blieb. Sie ließ dem Kind die Freude, so viele Sterne herzustellen, wie sie wollte. Das hätte eigentlich für ein Fest für ganz Lambton gereicht, wie sie dachte, aber es waren Strohsterne, und das Stroh verdarb ja nicht. Erst kam es als Schmuck zur Geltung und nach Weihnachten wurde es dann verbrannt oder  in den Ställen verbraucht.
Fitzwilliam sah, was da vor sich ging, und hieß es gut. Auch er dachte daran, dass er dem Himmel dankbar sein musste, dass es seinen eigenen Kindern erspart blieb, so früh an den Broterwerb zu denken. Strohhalme brannten auch im Kamin gut und erzeugten einen Geruch, der ihm besonders angenehm war. Daher überlegte er, die Sterne so oft nach Weihnachten zu verbrennen, bis die Begeisterung des Mädchens nachließ. Dann musste sie halt ein Jahr wirklich Arbeit verrichten und diese Sterne wurden dann aufbewahrt. – Er war sich fast sicher, dass sein wohlwollender und wohltätiger Vater das ebenso gemacht hätte, aber sein Großvater hätte dafür wohl kein Verständnis gehabt.

Es zeigte sich in der Folgezeit, dass nicht nur das Speisezimmer, sondern auch die üblichen Räume und die Eingangshalle mit Strohsternen geschmückt werden konnten. Hätte Elizabeth ihre kleine eifrige Zofe bereits im September daran gesetzt, wäre wohl das ganze Pemberley House so geschmückt worden.

An jenem ersten Abend aber saßen Elizabeth und Fitzwilliam ohne jeden Gedanken an das Problem 'wohin mit all den Strohsternen' im Arbeitszimmer und versuchten, die Anmerkungen zu enträtseln. Er saß in dem Besucherstuhl, sie musste in seinem bequemeren Stuhl sitzen, und zwischen sich hatten sie einen Kartentisch, sodass beide gemeinsam in das Buch sehen konnte, ohne die Schrift 'über Kopf' enträtseln zu müssen. Fitzwilliam erkannte, warum sein Elfchen ihn verdächtigt hatte, den guten Shakespeare mit Anmerkungen versehen zu haben. Die Schrift war seiner wirklich sehr ähnlich, wenn sie so klein war. Er wusste, dass er in Briefen eine größere Schrift hatte und fragte sich, wie sie die Ähnlichkeit erkannt hatte.
„Fitzwilliam, Du hast eine Frage. Das sehe ich Dir an. Aber ich weiß nicht, welche. Kannst Du sie mir verraten?”
Er war erstaunt, wie sie das nun wieder erraten hatte, schob es aber, wie meist in solchen Fällen, einfach auf ihren 'Elfenzauber' und erklärte, was ihm durch den Kopf gegangen war.
„Oh, das ist eine berechtigte, aber schwere Frage. Ich kann Dir das nicht beantworten. Ich war einfach davon überzeugt, dass es Deine Handschrift war. Vielleicht haben mich einzelnen Buchstaben darauf gebracht. Oder eine andere Macht hat mich darauf gebracht, damit unsere Familiengeschichte nicht in Vergessenheit gerät. Ich weiß es wirklich nicht.”
Der Ausdruck 'unsere Familiengeschichte' ließ ihn heimlich den gleichen Stoßseufzer ausstoßen wie sie vor einigen Tagen: noch vier Monate.
Es war nicht so ohne weiteres festzustellen, ob es jener Fitzwilliam oder einer der späteren Darcys war. Den Anmerkungen nach hätte es ein Vertreter aus jeder Familie sein könne. Sie liefen nämlich darauf hinaus, dass der Leser bzw. Schreiber aus diesem Stück das Recht ableitete, seine Gattin mit allen Mitteln unerbittlich zu unterwerfen.
Elizabeth sah verblüfft auf: „Fitzwilliam, wenn ich alle Anmerkungen sorgfältig gelesen hätte, wäre ich nie im Leben auf die Idee gekommen, dass Du der Verfasser dieser Zeilen sein kannst!”
Fitzwilliam freute sich so über das Kompliment, dass er aufstand, zu seiner Elfe ging, sie umarmte und küsste. Er war erleichtert, dass er mit dieser spontanen Reaktion keine ungute Situation heraufbeschwor. Sein Elfchen schmiegte sich nämlich nur an ihn und hauchte selig: „Ich danke Dir!”
Review schreiben