SMALLVILLE-EXPANDED: 04. Reciprocal Effect

GeschichteAbenteuer, Mystery / P16
Clark Kent Cloe Sullivan Lois Lane
06.09.2014
06.09.2014
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PROLOG


     Stolz präsentierte Christian von Falkenhayn seinem Onkel Jason und seiner Tante Mary den schwarzen Lincoln Blackwood-Pickup mit dem er gerade auf den Hof gefahren war, und fragte begeistert: „Na, wie findet ihr ihn?“
     Jason und Mary Falken, die auf der Veranda ihres Hauses standen, zwinkerten sich unauffällig zu und Jason meinte schließlich nachdenklich: „Nun ja, er ist zu groß...“
     Mary unterdrückte ein Grinsen und ergänzte ernsthaft: „Und zu teuer...“
     „Und zu dunkel...“
     „Und viel zu breit...“
     „Um nicht zu sagen: hässlich...“
     Enttäuscht blickte Christian in die Mienen der beiden Erwachsenen, bis sein Gesicht die beiden zum Lachen reizte. Schnell erklärte Jason: „Der Wagen ist toll.“
     Mary legte ihren Arm um die Hüfte ihres Mannes und meinte: „Ich bin sicher, es wird Alicia gefallen, wenn du damit mit ihr eine Fahrt ins Grüne unternimmst.“
     Erst jetzt entspannte sich das Gesicht des Jungen und mit einem Grinsen meinte er kopfschüttelnd: „Für euren Auftritt eben habt ihr echt einen Oskar verdient.“
     Jason Falken ging darüber hinweg und erkundigte sich neugierig: „Wo hast du dieses Modell überhaupt gefunden? Dieser Typ ist hier nur 2001 und 2002 verkauft worden.“
     Christian lächelte zufrieden. „In Metropolis bekam ich einen Tipp, dass es in Granville einen Händler gibt, der dieses Modell noch hat und zu meinem Glück hatte der den Wagen noch nicht verkauft. Außerdem hat er ihn unter Wert verkauft, weil er anscheinend nicht gut geht. Kaum zu glauben.“
     Mary Falken meinte nachsichtig mahnend: „Nun, für die meisten Leute in dieser Gegend sind 52.000 US-Dollar auch kein Pappenstiel.“
     „In diesem Fall 47.000 Dollar“, verbesserte Christian. „Ich lasse ihn gleich morgen durchchecken, und sollte er Mängel haben, dann bringe ich ihn zurück. Das habe ich mit dem Händler im Vertrag festgehalten.“
     „Nicht schlecht“, nickte Jason anerkennend. „Du hast also deinem Vater gelegentlich über die Schulter geschaut bei seinen Geschäften.“
     „Stimmt“, schmunzelte der Blonde. „Darum habe ich beim Händler durchblicken lassen, dass ich seinen Laden meinen Freunden weiterempfehlen werde, wenn der Wagen in Ordnung sein sollte. Darum denke ich, dass ich mir da keine Sorgen machen muss.“
     Seine Tante, die in Wahrheit eigentlich eher eine entfernte Cousine war, fragte neugierig: „Kommst du herein, oder willst du gleich wieder los?“
     Christians Blick wurde übergangslos ernst. „Ich habe bisher vermieden, das Grab von Chloe Sullivan zu besuchen, aber ich denke, dass ich es tun sollte. Immerhin waren wir gerade dabei, uns besser zu verstehen, bevor ich mit Alicia in die Ferien geflogen bin. Ich kann immer noch nicht ganz fassen, dass es sie nicht mehr gibt.“
     Jason nickte. „Ich denke, ihr würde es gefallen, wenn sie wüsste, dass du ihr Grab besuchst. Nimmst du Alicia mit?“
     „Nein ich hole sie später ab. Sie ist heute Morgen mit Samantha unterwegs. Seit Neil sein Studium an der Kansas-City A&M begonnen hat, glucken die beiden Mädels wieder stärker zusammen.“
     „Das musst du verstehen“, sagte Mary beschwichtigend. „Die beiden sind schon immer die besten Freundinnen gewesen. Lass Alicia diesen Freiraum um mit Samantha zusammen sein zu können, und sie wird dich dafür umso mehr lieben.“
     Christian lächelte verlegen, weil er im Moment nur an sich gedacht hatte. „Ja, du hast Recht. Danke, Tante Mary.“
     „Immer gerne.“
     Christian stieg schnell wieder in seinen Wagen und startete ihn. Erst vor wenigen Tagen hatte er die Führerscheinprüfung, die er im Nachhinein für einen Witz hielt, abgelegt und die Fahrerlaubnis erhalten. In Deutschland hätte er damit noch bis zum November warten müssen. Dann nämlich erst wurde er Achtzehn.
     Während er den Pickup vorsichtig auf die Straße lenkte, dachte er daran, wie schnell er sich daran gewöhnt hatte, ein so schweres Auto zu steuern. Nachdem er und Alicia aus Europa zurückgekehrt waren hatte er umgehend damit begonnen, mit dem Pickup seines Onkels zu üben, was ihm zunächst etwas schwer gefallen war. Doch mit der Zeit hatte er sich an die Eigenschaften des Pickups gewöhnt. Obwohl dieser schwarze Lincoln noch etwas schwerer war, als der Pickup seines Onkels, war er sofort damit klargekommen. Leicht lächelnd dachte er daran, dass er in Deutschland bestenfalls einen Wagen gefahren hätte, der halb so schwer war wie dieses 2532 Kilogramm schwere Fahrzeug, dessen 8-Zylinder-Motor 5,4 Liter Hubraum, und 304 PS besaß.
     Immer noch hörte er die mahnenden Stimmen von Jason und Mary, die ihn permanent ermahnt hatten vorsichtig zu fahren und zu bedenken, welche Kraft und Masseträgheit solche Autos besaßen. Da er nie die Neigung dazu verspürt hatte Rennen zu fahren, war dies für ihn ohnehin kein Problem.
     Er hielt vor dem kleinen Blumenladen in Smallville und besorgte schnell einen Strauß von siebzehn weißen Tulpen, bevor er sich auf den Weg zum Friedhof machte.
     Es dauerte eine Weile, bis Christian sich auf dem Friedhof zurechtgefunden hatte. Schließlich hielt er vor einem rot-braunen Marmorstein an, der sich unweit der kleinen Kapelle befand. Auf ihm stand:

CHLOE SULLIVAN
1987 – 2004
Geliebte Tochter


     Anders, als auf den meisten europäischen Friedhöfen, gab es hier keine Einfassung vor dem Stein, und so kniete sich Christian dicht am Stein, auf dem Rasen, ab und legte die siebzehn Tulpen, beinahe vorsichtig an den, etwas breiteren Sockel des Steins, der sich nach oben hin in der Breite leicht verjüngte. Ein beinahe identischer Stein, mit dem Namen ihres Vaters, stand direkt links davon.
     Der hochgewachsene, athletische Junge blickte gedankenverloren auf den Text der Inschrift, die ihm ein wenig nüchtern erschien. Nur der Name, die Jahreszahlen und die beiden Worte darunter. Er ballte seine Hände zu Fäusten und dachte zurück an ihre erste Begegnung, in der Redaktion der TORCH. An diese seltsame Wand dort, die sie selbst als Die Wand des Wahnsinns bezeichnete, und an ihre permanente Neugier, die gelegentlich enervierend sein konnte. An den Moment, als er ihr durchgegangenes Pferd gestoppt hatte, oben am Kratersee – kurz bevor er mit Alicia nach Deutschland gereist war. Er erinnerte sich auch daran, wie sie seine Hand berührt, und ihm, fast scheu, einen Kuss auf die Wange gehaucht hatte, als sie sich später dafür bedankte, während sie am See nebeneinander auf dem Steg gesessen hatten.
     Der Grabstein verschwamm langsam vor seinen Augen und als sich Christian mit den Fingern über die Augen fuhr, stellte er fast überrascht fest, dass sie feucht waren. Er hatte Chloe Sullivan kaum gekannt, und dennoch waren ihm die Tränen in die Augen getreten, jetzt, da er an ihrem Grab kniete. Erst nach einer ganzen Weile wurde ihm klar, dass er nicht allein wegen Chloe weinte, sondern auch wegen des verfrühten Todes seiner Mutter, an die er zwischenzeitlich gedacht hatte.
     Schließlich erhob er sich, wischte die Tränen fort und warf einen letzten Blick auf das Grab des Mädchens, bevor er sich abwandte und ging, ohne nochmal zurückzublicken.

* * *


     Als Christian wieder in seinem Wagen saß, überlegte er, was er mit diesem lauen Samstag-Nachmittag anfangen sollte. Alicia würde erst am Abend wieder da sein. Schließlich beschloss er, Martha Kent zu besuchen. Von seiner Tante Mary hatte er erfahren, dass sie tagsüber am Krankenbett ihres im Koma liegenden Mannes saß, und ihm aus seinen Lieblingsbüchern vorlas, in der Hoffnung, er würde ihre Stimme unterbewusst wahrnehmen. Das Schicksal der Kents berührte ihn, denn er war nicht nur mit Clark befreundet, sondern er mochte auch seine Eltern, die zwei der liebenswertesten Menschen waren, denen er außerhalb der eigenen Familie bislang begegnet war. Und nun musste sich Martha Kent nicht nur um ihren Mann sorgen, sondern auch noch um ihren Sohn Clark, der nun seit beinahe drei Monaten spurlos verschwunden war. Einen solchen Doppelschlag zu verkraften, das hatte diese nette Frau wahrhaftig nicht verdient.
     Nachdem er seinen neuen Wagen neben dem Pickup der Kents geparkt hatte, stieg er aus, schloss den Wagen ab und überquerte die Zufahrtsstraße zum SMALLVILLE-MEDICAL-CENTER.
     Am Empfang erkundigte er sich freundlich bei der Diensthabenden nach dem Zimmer, in dem Jonathan Kent lag, dankte, und fuhr dann mit einem der Aufzüge hinauf in den zweiten Stock. Vor dem Zimmer mit der Nummer 257 hielt der Blonde an und klopft vorsichtig an die Tür, bevor er eintrat.
     Drinnen saß Martha Kent am Bett ihres Mannes. Sie hatte gerade ein Buch neben sich auf einen kleinen Tisch gelegt. Offensichtlich wollte sie ihm heute daraus vorlesen. Passend zu ihrem ruhigen Wesen trug die Frau eine hellbraune Hose und eine farblich dazu passende Strickjacke. Um nicht ganz auf ihre Lieblingsfarbe zu verzichten trug sie einen roten Pulli unter der Jacke, obwohl Christian der Meinung war, dass sich die Farbe mit ihren rötlichen Haaren biss. Doch davon ließ sich diese Frau offensichtlich nicht beeindrucken.
     Als Christian eintrat, blickte die Frau auf und lächelte freundlich, als sie ihn erkannte.
     Schnell sagte der Junge: „Guten Tag, Misses Kent. Ich wollte Sie nicht stören, aber ich dachte mir, Sie würden sich vielleicht über etwas Abwechslung freuen.“
     „Hallo, Chris“, antwortete die Frau freudig und deutete auf den zweiten Stuhl, an der Wand des Zimmers. „Setz´ dich doch. Es ist schön, dich zu sehen.“
     Christian folgte der Aufforderung und um das eintretende, unangenehme Schweigen zu durchbrechen deutete er auf das Buch und fragte: „Sie lesen Ihrem Mann etwas vor?“
     „Huck Finn. Das ist Jonathans Lieblingsbuch.“
     Der Junge nickte mit schiefem Grinsen und meinte dann: „Es war eines der ersten Bücher, das ich geschenkt bekam, aber ich war wohl immer mehr der Fantasy-Fan. Offen gestanden, mir gefiel die Geschichte nie besonders.“
     Martha Kent nickte schmunzelnd: „Nun, die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Wäre wohl auch seltsam, wenn alle Menschen dieselben Geschichten lesen würden, nicht wahr?“
     Der Junge nickte und sagte dann gerade heraus: „Eigentlich hatte ich gehofft, sie könnten mir etwas über Clarks Verschwinden und über das, was Chloe passiert ist, erzählen.“
     Martha, die wusste, dass Clark mit Christian über seine Fähigkeiten und seine Herkunft gesprochen hatte, blickte den Jungen eine Weile stumm an, bevor sie berichtete:
     „Es begann damit, dass wenige Tage nach deinem und Alicias Abflug nach Europa, dieses blonde Mädchen auftauchte. Sie klopfte eines Abends splitternackt an unsere Haustür und behauptete, sie heiße Kara und sie würde vom Krypton kommen, um Clark mit sich nach Hause zu nehmen. Doch Jonathan fand heraus, dass es sich bei dem Mädchen um eine gewisse Lindsay Harrison handelte, die von Jor-El – Clarks leiblichen Vater – nur benutzt worden war, um ihn zu sich zu locken. Jonathan folgte den beiden zu den Kawatschen-Höhlen, wo ich ihn später bewusstlos gefunden habe. Von dem Mädchen und Clark war jedoch keine Spur zu entdecken. Und mein Mann liegt seither im Koma.“
     Martha Kent blickte für einen Moment zu Boden und Christian wartete geduldig, bis sich die Frau wieder gefangen hatte, und ihn erneut ansah und sagte: „Etwa drei Wochen später erfuhren wir von der Explosion des Hauses, in dem das FBI Chloe und ihren Vater untergebracht hatten. Beide kamen dabei ums Leben.“
     Christian schluckte und berichtete: „Ja, ich weiß. Ich war eben an ihrem Grab. Ich wollte heute morgen in der Früh nach Lex Luthor sehen, aber man sagte mir, er wäre mit unbekanntem Ziel nach Ägypten gereist, nachdem er sich von seiner Vergiftung erholt hat.“
     Martha Kents Gesicht wurde um eine Spur ernster, als sie fragte: „In welchem Verhältnis stehst du zu Lex?“
     „Nun, ich denke so kann man das kaum nennen, Misses Kent“, erwiderte der Junge. „Wir haben uns im Frühjahr kennengelernt und ein längeres Gespräch geführt, und das war es dann auch schon. Natürlich hatte ich schon in Deutschland von ihm und seinem Vater gehört, aber persönlichen Kontakt gab es zu dieser Zeit nicht.“
     „Dann sei froh“, entgegnete die Frau bedeutungsvoll. Sie setzte ein gezwungenes Lächeln auf und fragte: „Wie waren denn deine Ferien mit Alicia. Ich könnte mir vorstellen, dass sie diese Ferien niemals vergessen wird.“
     „Oh, sie waren sehr interessant“, antwortete Christian und lächelte in Gedanken daran, was sich alles ereignet hatte, und wovon er nur einen Teil erzählen durfte. So berichtete er von dem Besuch in Deutschland und der Woche in Paris, wobei er den letzten Tag dort, und die Zeit in La Roche-Guyon ausließ. Er endete mit den Worten: „Nun, zumindest Lana geht es gut. Alicia und ich haben sie dort gesehen.“ Christian überlegte kurz, ob er auch davon berichten sollte, dass sie in männlicher Begleitung gewesen war, entschied sich jedoch dagegen.
     Anschließend brachte Christian sich, was den Klatsch in Smallville betraf, auf den aktuellen Stand. Als er schließlich zur Uhr sah, stellte er erstaunt fest, dass es bereits 18:00 Uhr durch war, und entschuldigend sagte er: „Jetzt muss ich aber wirklich wieder los, Misses Kent. Ich wünsche Ihrem Mann, dass er schnell wieder aus dem Koma erwacht.“
     „Danke für deinen Besuch, Chris. Und sage auch deinem Onkel und deiner Tante, dass ich ihnen herzlich dafür danke, dass einige ihrer Angestellten auf der Farm ausgeholfen haben. Ohne ihre prompte Hilfe hätte ich die letzten Monate nicht durchgestanden.“
     Der Junge nickte. „Das werde ich, Misses Kent.“
     Die Frau lächelte den Jungen dankbar an und blickte ihm durch die Fenster, die zum Gang lagen, einen Moment nach, bevor sie zu dem Buch griff, und damit begann, ihrem Mann aus Huckleberry Finn vorzulesen.

* * *


     Vor der BEANERY hielt Christian seinen Pickup an. Seit das TALON richtig gut lief, war hier kaum etwas los gewesen, doch vor einigen Monaten hatte der Besitzer gewechselt und einige notwendige Verbesserungen durchgeführt. Auch der Hygienestandart war seitdem tadellos, so dass ein Teil der früheren Stammkundschaft hierher zurückgekehrt war. Doch erst seit das TALON, vor drei Monaten, geschlossen hatte, kurz bevor Lana Lang nach Frankreich gereist war, herrschte hier wieder richtig reger Betrieb. Der Junge überlegte, dass er hier ganz sicher einige Jungs aus dem Team der CROWS treffen würde. Zumindest hoffte er das, denn es wurde langsam Zeit auf heiterere Gedanken zu kommen.
     Schon beim Eintreten empfing ihn die lärmende Fröhlichkeit zahlreicher Jugendlicher, die zusammen mit ihm zur Smallville-High gingen. Ein Mädchen, das etwa in seinem Alter war, stieß ihn unabsichtlich an und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, als er zu ihr sah.
     Er erwiderte das Lächeln freundlich und bahnte sich dann einen Weg zur Bar, ohne dabei mitzubekommen, dass ihm das Mädchen etwas enttäuscht hinterher sah.
     Nachdem er endlich einen großen Kaffee bekommen hatte, wandte er sich um und grüßte dann in Richtung einer Gruppe von Jungs, die er aus dem Team der CROWS kannte. Er machte sich auf dem Weg zu ihnen, und wurde gleich darauf mit großem Hallo empfangen. Natürlich kam er nicht darum herum zu erzählen wie es drüben in Europa gewesen war. Danach wurde er in die zuvor unterbrochene, heitere Unterhaltung verstrickt.
     Etwa eine halbe Stunde später verabschiedete sich Christian von den Jungs, da er mit Alicia abgemacht hatte, etwa gegen 19:00 Uhr bei ihr hereinzuschauen. Auf dem Weg nach Draußen besorgte er sich noch schnell einen Kaffee zum mitnehmen.
     Vor der Tür stellte er überrascht fest, dass es ungewöhnlich finster geworden war. Schwere, düstere Wolken, die Regen mit sich führten, hatten sich über der Stadt zusammengezogen und ein frischer Wind kam auf. Der kurze Blick zum Himmel hatte ihn die junge Frau übersehen lassen, die eilig auf den Eingang der BEANERY zuhielt, und so prallte er fast mit ihr zusammen, als er sich zu seinem Wagen wenden wollte.
     Im letzten Moment konnte er sie mit der linken Hand abfangen, während er mit der anderen seinen Kaffee rettete, und etwas verwundert blickte er in das leicht genervte, aber dennoch hübsche Gesicht der jungen Frau.
     „Verdammt, kannst du nicht aufpassen, Landei?“, fauchte sie ihn an und Christian trat einen halben Schritt zurück um sie genauer zu mustern. Die Fremde trug Jeans und eine kurze, hellbeige Jacke unter der ein lachsfarbenes Shirt hervorlugte. Trotz ihrer dunkelbraunen hochhackigen Schuhe musste sie zu ihm aufblicken. Ihre braunen, langen Haare hatte sie teilweise hinter dem Kopf zusammengebunden, der Rest fiel ihr bis zu den Brüsten über die Schultern. Ein aufgebrachtes Glitzern lag in ihren grün-braunen Augen.
     Im ersten Moment war der Junge baff gewesen, doch dann stahl sich ein Schmunzeln auf sein Gesicht, und er meinte süffisant: „Pass doch selbst auf, neurotische Großstadtzicke.“
     Jetzt war die Reihe an der jungen Frau etwas verblüfft dreinzuschauen.
     Christian ließ sie stehen und wollte zu seinem Pickup gehen, doch die schneidende Stimme der Fremden hielt ihn zurück. „Hey, was fällt dir denn ein...?“
     Sie überholte ihn mit raumgreifenden Schritten und stellte sich ihm in den Weg. Dann erklärte sie: „Hör zu, ich war den ganzen Tag über unterwegs und ich bin sowohl auf Nikotinentzug, als auch auf Koffeinentzug, und deshalb etwas gereizt. Dabei versuche ich nur herauszufinden wo die Kents wohnen, und außerdem...“
     „Auszeit!“, schnitt ihr Christian das Wort ab. „Du redest mehr, als zehn alte Tanten zusammen. Ach und hier: Nimm den Kaffee. Ich habe noch nicht davon getrunken, und ich denke du brauchst ihn mehr, als ich.“
     Er musterte sie nochmals kurz und er fragte sich, was die Fremde wohl von ihnen wollte. Vielleicht war sie ja eine Verwandte, die zu Martha wollte, um ihr beizustehen. Etwas entspannter sagte er: „Na schön, du willst also zur Kent-Farm. Dazu fährst du zunächst einmal in dieser Richtung aus der Stadt hinaus und biegst auf die Einunddreißig ein. Der Straße folgst du in östlicher Richtung und biegst an der zweiten Querstraße rechts ab, okay.“
     Die Fremde nahm einen großen Schluck von dem Kaffee, gerade so, als würde es am nächsten Tag schon verboten, welchen zu trinken. Insgesamt machte sie jetzt einen erleichterten Eindruck, schien jedoch nur halb bei der Sache gewesen zu sein. Hektisch wiederholte sie schnell: „Toll. Die Einunddreißig - und dann rechts abbiegen. Alles klar.“
     Damit eilte sie auch schon zu ihrem Wagen davon.
     Konsterniert blickte Christian ihr hinterher und rief: „Hey...! Moment mal...!“
     „Ach ja! Danke für den Kaffee!“ Damit war sie auch schon eingestiegen, startete ihr Auto und brauste an ihm vorbei.
     Christian versuchte sie aufzuhalten und bildete mit seinen Händen einen Trichter vor dem Mund als er ihr hinterher brüllte: „Ich sagte, erst an der zweiten Querstraße rechts abbiegen!“
     Der helle Leihwagen fuhr ohne zu verzögern weiter und verschwand wenige Augenblicke darauf in der Dunkelheit des beginnenden, schweren Gewitters. Bereits jetzt zuckten am Horizont vereinzelt Blitze auf und erste Regentropfen benetzten sein Gesicht. Das Unwetter schien genau auf Smallville zuzuhalten.
     Seufzend machte sich Christian daran, zu seinem eigenen Wagen zu gehen. Beim Einsteigen dachte er daran, dass der Fremden eine ziemlich langweilige und eintönige Fahrt durch die riesigen Maisfelder bevorstand, ohne eine Chance darauf, die Farm der Kents auch nur von Weitem zu sehen, falls sie wirklich bereits an der ersten Querstraße abbog. Dann zuckte er mit den Schultern, schloss die Wagentür und ließ den Motor an. Er hatte ihr jedenfalls den Weg richtig erklärt, also konnte er kaum etwas dafür, wenn sie falsch abbog, weil sie nicht richtig zugehört hatte.
     Als Christian den Wagen startete hatte er den Vorfall bereits abgehakt und ein freudiges Lächeln überflog sein Gesicht, bei dem Gedanken daran, dass er gleich Alicia sehen würde. In bester Laune fuhr er los.
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