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Die Gilde der ungelüfteten Geheimnisse

Kurzbeschreibung
OneshotDrama, Fantasy / P16 / Gen
Administrator Lorlen Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Rothen Sonea
06.09.2014
26.03.2020
6
12.371
14
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
21.06.2015 2.364
 
Nachdem die letzten Oneshots allesamt irgendetwas mit Akkarin zu tun hatten, ist heute mal ein ganz anderer Charakter an der Reihe. Und es wird ziemlich düster. Ich bin mal gespannt, was ihr davon haltet.
Der nächste OS wird übrigens ein Leserwunsch sein ;)


***


Was ihm lieb und teuer ist



Genre: Drama
Rating: P16
Charaktere: Cery
Frage/Lücke: Hat Cery den Mann in dem Bordell wirklich getötet? Kann er seine Taten vor sich selbst rechtfertigen?

Angesiedelt zwischen Kapitel 10 und 11, The Magicians’ Guild


Widmung
Für meinen Metal-Kollegen. Auch wenn er diesen OS vermutlich niemals lesen wird, so möchte ich ihm auf diesem Wege danken, weil er mich mit unseren stundenlangen Diskussionen überhaupt erst auf die Idee gebracht hat, darüber zu schreiben. Ausgangspunkt für unsere Diskussion zu diesem Thema war folgende Stelle aus Kapitel 29, The Magicians’ Guild: „He had secrets. Things his father had told him. Things Faren had told him. Things even Faren would have been surprised to know.“ Daraufhin haben wir uns beide gewundert, warum Cery sich in einer auf Kapitel 10 folgenden Szene nicht mit dem Mord auseinandersetzt und ob dieses Zitat, als er überlegt, ob er Akkarin seine Gedanken lesen lässt, ein Hinweis darauf ist, dass er Faren in jener Szene gesquimt hat.

Solltest du den OS doch lesen, lieber Metal-Kollege, so hoffe ich, dass die Geschichte dich ein wenig für eine gewisse Kapuzenjacke entschädigen kann ;)




Die Nacht war kalt und dunkel. Zu kalt und dunkel fand Cery. Schaudernd schlug er den Kragen seines Mantels hoch, während er schnellen Schrittes durch die verlassenen Gassen eilte. In den Schatten glaubte er Gestalten zu sehen, die ihn vorwurfsvoll anstarrten. „Mörder“, flüsterten sie ihm zu, „Mörder“, und erinnerten ihn damit an das, was er getan hatte.

Obwohl Cery die Dunkelheit nicht fürchtete, ja sie sogar als Freund sah, wenn er untertauchen wollte, barg sie dieses Mal Schrecken. Zu viele Schrecken.

Auch eine Stunde später glaubte er immer noch zu spüren, wie seine Messer in den weichen Leib dieses widerwärtigen Mannes fuhren, bis dieser aufhörte, sich zu bewegen. Er erinnerte sich an die Schreie des Mädchens mit der Tätowierung und an Farens zufriedenes Lächeln, als Cery zu ihm zurückgekehrt war. Und er erinnerte sich an die Erleichterung, die für einen kurzen Moment in den Augen des tätowierten Mädchens aufgeleuchtet war, bevor er in die Nacht geflohen war.

Aber er hatte es nicht für sie getan.

Und auch nicht für den Kaufmann, dessen Tochter und Dienerschaft Verran auf so grausame Weise getötet hatte.

Als er in das Bordell zurückgekehrt war, um seinen Auftrag zu Ende zu führen, war er voll dunkler Entschlossenheit gewesen. Und voll Zorn. Nicht auf Verran, oder auf all das, wofür er stand. Sondern auf Grund einer Vorstellung, die für Cery entsetzlicher war als alles andere. Und dann hatte er den Mann all sein bewusstes Denken abstellend ohne noch einmal zu zögern getötet. Und dabei hatte es ihn nicht gekümmert, ob dieser Mann ihm oder jemandem, der ihm nahestand, etwas getan hatte.

Ich habe einen Menschen umgebracht, dachte er entsetzt. Weil ich ihm meine Messer in den Leib gerammt habe, lebt er nicht mehr.

Diese Erkenntnis erfüllte ihn mit einem unvorstellbaren Grauen. In nur wenigen Augenblicken hatte er ein Leben ausgelöscht. Es zählte nicht, warum er das getan oder ob dieser Mann es verdient hatte. Es zählte einzig, dass er es getan hatte.

Geld und Essen zu stehlen oder üblen Schurken eine Nachricht zu überbringen und in Panik zu versetzen, war eine Sache. Einen Menschen zu töten, eine andere. Cery hätte sich nie träumen lassen, dass er das eines Tages tun würde. Er hatte immer geglaubt, besser als die üblen Gestalten zu sein, die in den Hüttenvierteln ihr Unwesen trieben. Doch in dieser Nacht war er zu einem skrupellosen Killer geworden.

Als er in Farens Dienste getreten war, hatte er nicht damit gerechnet, auch solche Aufträge ausführen zu müssen. Nach dem Tod seines Vaters hatte Cery sich allein durchgeschlagen. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, für einen Dieb zu arbeiten, egal wie dringend er eine Beschäftigung brauchte. Aber dann hatte er all seine Prinzipien über den Haufen geworfen. Um Sonea zu beschützen und um in ihrer Nähe zu sein. Dafür hatte er sich zum Sklaven des Diebs aus Lonmar gemacht.

„Du musst wissen, dass ich dich teste“, hatte Faren ihm erklärt. „Du brauchst diesen Mann nicht zu töten. Mir ist es wichtiger, dass du lernst, mir zu vertrauen und dass ich deine Grenzen kenne.“[*]

Bis zu dieser Nacht hatte Cery seine eigenen Grenzen nicht gekannt. Jetzt dämmerte ihm jedoch, dass diese weitaus höher langen, als er geglaubt hatte.

Und das gefiel ihm nicht.

Aber was hätte ich sonst tun sollen?, fragte er sich. Er war nur ein kleiner unbedeutender Dieb. Er hatte nicht die Macht, einen Mann wie Verran aus der Stadt zu jagen und sein Verschwinden wie einen Mord aussehen zu lassen. Hätte Cery sich weiterhin geweigert, so hätte Faren ihm das nicht übelgenommen, und ihn für andere Aufgaben eingesetzt. Aber hätte Cery den Mord vorgetäuscht, so hätte Faren die Wahrheit herausgefunden und Sonea niemals wiederzusehen, wäre nur die harmloseste Konsequenz gewesen. Der Ruf ein Squimp gewesen zu sein, eilte seinem Vater bereits voraus. Cery war nicht so dumm, den gleichen Fehler zu begehen.

Verran war ein Squimp gewesen. Und ein Mörder. Faren hatte es nicht ausgesprochen, doch an seiner Stimme hatte Cery erahnt, was der Mann der Tochter dieses Kaufmanns vor ihrem Tod angetan hatte. Hätte ich Verran leben lassen, hätte er den nächsten grausamen Mord begangen. Vielleicht wäre das verängstigte tätowierte Mädchen als Nächstes dran gewesen.

Aber trotz allem, was in dieser Nacht geschehen war, weigerte ein Teil von Cery sich beharrlich, dies als Fehler zu sehen. Er hatte geschworen, Sonea zu beschützen. Er hatte geschworen, sie niemals wieder aus den Augen zu verlieren.

Aber war es das wert?

Irgendwann kommen die Magier und schnappen sie, dachte er. Und dann sollte ich so gut, wie es nur möglich ist, vorbereitet sein.

Seltsamerweise erschien ihm das wie eine verzweifelte Rechtfertigung.

Endlich erblickte er vor sich ein vertrautes Gebäude, aus dessen Fenstern ein nahezu heimeliges Licht schien. In der Dunkelheit der Nacht wirkte es unwirklich und einladend zugleich. Der Anblick war wie eine Erlösung und ein Teil seiner Anspannung fiel von Cery ab.

Genau das, was ich jetzt brauche …

Rasch schritt er auf das Bolhaus zu und stieß die Türen auf.

Eine Wand aus Hitze, Gelächter, Schweiß und dem alles dominierenden Geruch von Bol schlug ihm entgegen. Einen tiefen Atemzug nehmend trat er über die Schwelle und zwängte sich zwischen den Gästen hindurch. Auf seinem Weg durch die Schankstube erntete er zahlreiche unsanfte Stöße fremder Ellenbogen, doch Cery war nicht in der Stimmung, sich das gefallen zu lassen und boxte zurück, woraufhin er einige Beleidigungen einsteckte, die er jedoch betont ignorierte.

Dann hatte er die Theke erreicht. Dahinter stand ein Mann mit wässrigen Augen und zapfte Bol aus einem riesigen Fass, das auf der Theke stand. Als er Cery erblickte, blinzelte er einen Moment kurzsichtig, dann lächelte er. „Ceryni!“, rief er. „Ich schick’ Harrin gleich zu dir.“

„Danke, Gellin.“ Cery langte nach einem freien Hocker und setzte sich an die Theke.

„Was darf’s sein?“, fragte der Wirt. „Bol? Oder trinkst du noch immer Pachisaft?“

Cery schnaubte nur. „Bol wird’s eher tun.“

„Kommt sofort.“ Gellin belud sich die Arme mit mehreren gefüllten Krügen und hievte sie auf die Theke zu einer Gruppe Männer, die wie Hafenarbeiter aussahen. Cery beobachtete, wie er nach einem weiteren Krug griff und diesen mit dem dunklen Gebräu füllte. „Hier“, sagte Gellin und stellte den Krug vor Cery ab.

Cery griff nach dem Krug und trank einen tiefen Schluck. Der süße Likör brannte sich seine Kehle hinab, erfüllte seinen leeren Magen mit Wärme und legte sich wie ein tröstendes Polster zwischen ihn und seine Erinnerungen – und seine Schuld. Nach den Schrecken der vergangenen beiden Stunden kam es ihm wie das Beste vor, das er je empfunden hatte.

„Hai! Ceryni!“, riss eine vertraute Stimme ihn aus seinen Gedanken. „Hast dich lang nicht mehr blicken lassen!“

Cery fuhr herum und blickte direkt in Harrins blaue Augen. Mit einem Mal fühlte er sich ertappt. „Hatte viel zu tun“, antwortete er ausweichend. „Kann ich heute Nacht hier pennen?“

„Klar“, sagte Harrin. „Für dich haben wir immer ein Zimmer frei.“

Cery rang sich ein Lächeln ab. „Danke.“ Er hatte Faren gesagt, er würde nach Hause gehen. Die Vorstellung, die Nacht in seinem gewohnten Schlafplatz zu verbringen, erfüllte ihn jedoch mit einem unvorstellbaren Grauen.

Zu seiner Erleichterung stellte Harrin keine Fragen. Allerdings es war auch nicht das erste Mal, dass Cery eine Nacht in Gellins Bolhaus verbrachte. Das Bett war bequemer und die Zimmer waren frei von Flöhen und anderen unerfreulichen Insekten. Und es war wärmer.

Die Wahrheit, warum Cery in dieser Nacht um Obdach bat, hätte er seinem Freund jedoch nicht einmal anvertraut, wäre es dabei um sein Leben gegangen.

„Wie geht’s unserer gemeinsamen Freundin?“, erkundigte Harrin sich.

„Ich hatte noch keine Zeit, sie zu sehen.“ Das war nicht einmal gelogen. Faren sorgte dafür, dass er beschäftigt war und gar nicht erst auf die Idee kam, nach Sonea zu fragen. Das war der Nachteil, wenn man sich mit Dieben einließ. Für Soneas Schutz war Cery jedoch kein Preis zu hoch erschienen. Zumindest nicht, als er zu Faren gegangen war. Jetzt war er sich dagegen nicht mehr sicher.

„Aber ich seh’ sie morgen“, fügte er mit einem schiefen Grinsen hinzu.

„Ich hab’ getan, was du wolltest“, hatte er zu Faren gesagt, als er die blutbesudelten Klingen seiner Messer sauergewischt hatte. Herausfordernd hatte er zu dem Dieb aufgesehen. Für seinen Geschmack hatte er mehr als genug getan, um sich das zu verdienen. „Dafür will ich Sonea sehen. Und ich will keine weiteren Tests mehr in dieser Art.“

„Ich werde dir deinen Wunsch gewähren“, hatte Faren versprochen. „Jetzt, wo du deine Loyalität unter Beweis gestellt hast, sehe ich keinen Grund mehr, dich nicht zu ihr zu lassen.“

Meine Loyalität gegenüber dir oder Sonea?, fragte Cery sich nun.

„Was ist los, Mann?“, riss Harrin ihn aus seinen Gedanken.

Cery fuhr hoch. „Nix“, log er. „Ich hab’ mich nur gefragt, wie’s Sonea so geht.“

Harrin nickte verstehend. „Ich weiß, du hast ein Auge auf sie geworfen. Aber du solltest wirklich langsam kapieren, dass sie nicht für dich bestimmt ist. Sie’s ne Magierin. Wenn sie erstmal ihre Magie beherrscht, kann sie jedem Schurken in den Hüttenvierteln das Fürchten lehren. Sogar den Dieben!“

„Hai!“, rief Cery eine nervöse Erheiterung verspürend. „Darauf trinke ich!“

Harrin stellte sein Tablett mit leeren Krügen ab und griff nach einem frischen, den Gellin gerade gefüllt hatte.

„Heh!“, protestierte der Wirt. „Finger weg von den Getränken meiner Gäste!“

Harrin lachte. „Dann müssen sie eben was länger warten.“ Er streifte seine Schürze ab. „Ich mach für heute Feierabend.“

Er griff nach seinem Bol und bedeutete Cery, ihm durch eine Tür hinter der Theke zu folgen. Hinter ihnen konnte Cery den Wirt noch immer schimpfen hören, was seine Stimmung ein wenig hob.

Sein Freund führte ihn die Stufen hinauf zu den Gästezimmern. Er stieß eine der Türen auf und bedeutete Cery, einzutreten. Ironischerweise war es genau das Zimmer, in das sie Sonea nach der Säuberung gebracht hatten.

Erschöpft ließ Cery sich auf das Bett sinken, den halbleer getrunkenen Krug noch immer in seiner Hand.

„Wie geht’s Donia?“, fragte er.

„Wie immer“, antwortete Harrin. „Heute Abend hilft sie ihrer Ma in der Küche aus, nachdem der Koch krank geworden ist.“

„Arme Donia“, sagte Cery.

„Glückliche Donia“, entgegnete Harrin. Er verzog das Gesicht. „An Tagen, wo so viel los ist wie heute, gerät sie mit den Gästen andauernd in Reibereien. Die Kerle denken immer, sie könnten sie angrapschen.“

„Aber Donia kann sich doch wehren“, entgegnete Cery.

„Deswegen mag sich es aber nicht lieber.“ Das Gesicht seines Freundes verfinsterte sich. „Und ich kann es auch nicht leiden. Einmal hat ein Kerl nach ihren Titten gegrapscht und sie auf seinen Schoß gezogen.“ Seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Ich hab’ zwei von Gellins Stühlen und einen Tisch zu Bruch gehenlassen. Und dem Kerl drei Zähne rausgeschlagen.“

Ob Harrin jemanden, der Donia ein ernsthaftes Leid zufügt, töten würde?, fragte Cery sich an die Tochter des Kaufmanns und das tätowierte Mädchen erinnernd. Oder würde er zögern? Harrin war groß, breit und kräftig. Er würde nicht einmal Messer brauchen.

Ah, aber wenn ich es kann, ohne es für jemanden zu tun, der mir was bedeutet …

Doch das war nur ein Teil der Wahrheit. Cery mochte Verrans Opfer nicht gekannt haben. Er hatte sich nur vorgestellt, eines von Verrans Opfer hätte ihm etwas bedeutet. Damit er nicht zögerte, sollte er die Person beschützen müssen, die ihm am meisten bedeutete. Denn ein ungutes Gefühl sagte ihm, die Magier würden nicht aufgeben, nach Sonea zu suchen.

Aber machte das einen Mord richtiger?

Rechtfertigte die Tatsache, dass ein geliebter Mensch in Gefahr oder getötet worden war, einen anderen Menschen zu töten?

Mit einem Mal war die Erinnerung an das Gefühl, als er die Messer in einem dunklen Rausch in Verrans Leib gestoßen hatte, wieder so frisch, als stünde der Mann gerade vor ihm. Cery erinnerte sich an den entsetzten Laut, den der Mann von sich gegeben hatte, bevor er zusammengebrochen war. Er erinnerte sich an das Blut, das aus der offenen Wunde gesprudelt war und an dessen metallischen Geruch. Und an das tätowierte Mädchen und den Ausdruck in ihren Augen.

Aber er erinnerte sich auch an das Gefühl von Macht, das er für einen kurzen Augenblick verspürt hatte.

Es war ein Gefühl, das er niemals wieder fühlen wollte.

Aber noch während sein Gewissen mit seinen Taten haderte, konnte er einen dunklen Teil in sich flüstern hören: „Du wirst es wieder tun.“

Ja, das würde ich, dachte Cery. Mit einem Mal verspürte er eine ungeahnte Entschlossenheit, die all seine Zweifel hinwegwischte. Um zu beschützen, was mir lieb und teuer ist. Und nur dann.

Und er schwor sich, dass sie niemals davon erfahren würde.


***


[*] frei übersetzt aus The Magician’s Guild.

Allen, die daran zweifeln, dass Cery wirklich in der Lage ist, einen Menschen zu töten, wenn es die Situation erfordert, empfehle ich an dieser Stelle, noch einmal ganz gründlich die letzten Seiten von Kapitel 10, The Magicians’ Guild zu lesen ;)
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