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Die Gilde der ungelüfteten Geheimnisse

Kurzbeschreibung
OneshotDrama, Fantasy / P16 / Gen
Administrator Lorlen Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Rothen Sonea
06.09.2014
26.03.2020
6
12.371
14
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Dieses Kapitel
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06.05.2015 3.262
 
Lange ist es her, dass ich hier zuletzt etwas hochgeladen habe. Eigentlich wollte ich diese OS-Sammlung komplett aufgeben, weil abzusehen war, dass sie ihren ursprünglichen Zweck nicht erfüllt. Doch nun habe ich mich entschieden, ihr noch einmal eine Chance zu geben.


***



Der Fremde



Rating: P12
Genre: Drama
Charaktere: Lorlen, Akkarin
Frage/Lücke: Lorlens erste Begegnung mit Akkarin, nachdem er erfahren hat, dass sein bester Freund ein schwarzer Magier ist. Der OS nimmt Bezug auf Kapitel 4, ’The Novice’ und enthält einige weitere Anspielungen auf dieses Buch.

Angesiedelt kurz nach The Magician’s Guild


Zum ersten Mal in zwei Jahren hieß Lorlen sein Arbeitspensum willkommen. Als Administrator der Gilde schien er an manchen Tagen regelrecht in Arbeit zu versinken. Obwohl er oft glaubte, durch seine Aufgaben keinerlei Privatleben mehr zu haben, ging er in seiner Tätigkeit regelrecht auf. Hin und wieder vermisste er dennoch den klinischen Duft des Heilerquartiers und das befriedigende Gefühl, einem anderen Menschen geholfen zu haben.

Doch dafür trug er nun die Verantwortung für die gesamte Gilde. Und wenn er seine Gedanken zu sehr auf diese Tatsache fokussierte, dann war dies eine Last, die er kaum zu trage vermochte. Nicht mit dem Wissen, das er heute besaß.

Denn die Anhörung hatte alles verändert.

Seit jenem Tag, an dem die Gilde darüber entschieden hatte, wem von zwei miteinander konkurrierenden Magiern das Mentorenamt für ein Mädchen aus den Hüttenvierteln, dessen Magie sich auf natürliche Weise entfesselt hatte, übertragen werden sollte, war nichts mehr, wie es sein sollte. Zumindest für Lorlen. Das Leben in der Gilde ging weiter wie zuvor und die Magier lebten in völliger Ahnungslosigkeit ihr beschauliches Leben, während der Feind in ihrer Mitte saß.

Angesichts dessen war seine Arbeit Flucht und Alibi zugleich.

Einige wenige Male war er Lord Rothen jenseits der allwöchentlichen Zusammenkünfte im Abendsaal begegnet. Sie hatten einander höflich gegrüßt und der Administrator hatte sich nach den Fortschritten des jungen Mädchens erkundigt, das der Alchemielehrer inoffiziell bereits zu seiner Novizin ernannt hatte. Nur ein leises Zögern in Rothens Blick und eine kaum merkliche Veränderung in seiner Körperhaltung, die Achtsamkeit suggeriert hatte, hatten Lorlen gesagt, dass auch er bescheid wusste. Er hatte es indes nie gewagt, den Alchemisten darauf anzusprechen. Denn nichts blieb in der Gilde lange ein Geheimnis.

Der Universitätsgong gefolgt von dem Getrappel zahlreicher Stiefelsohlen und den hellen Stimmen mehrerer Dutzend Novizen riss ihn aus seiner Grübelei. Mittagspause. Er konnte hören, wie sie vor der Tür seines Büros in Richtung Speisehalle zogen, während andere den Park vor seinem Fenster bevölkerten, wo die ersten warmen Sonnenstrahlen den Schnee von den Bäumen und Sträuchern schmolzen und frühe Blumen ihre zartgrünen Sprieße aus der dunklen Erde streckten.

Erst als ein leises und höfliches Klopfen von der Tür erklang, wandte er den Blick ab.

„Herein!“, rief er seinen Willen nach der Tür ausstreckend.

Lord Osen trat ein, einen Packen Briefe in beiden Händen. Lorlen hob die Augenbrauen. „So viel Post?“, fragte er überrascht.

„Alles von heute, Administrator.“

So wird mir auch niemals langweilig. „Danke, Osen“, sagte er. „Legt die Briefe auf meinen Schreibtisch.“

Sein Assistent kam näher und legte die Briefe in die Schachtel, in der Lorlen seinen Posteingang beherbergte. „Habt Ihr etwas, das ich mitnehmen kann?“

Lorlen nickte. „Meine Antworten auf die Berichte von Botschafter Vaulen und Botschafter Tadyk. Seht zu, dass Letzterer möglichst bald nach Tol-Gan verschifft wird, bevor die Frühjahrsstürme beginnen.“

„Ich werde mich als Erstes darum kümmern.“ Sein Assistent hob die Mappen, auf die Lorlen deutete, von seinem Schreibtisch und klemmte sie unter seinen Arm. „Falls ich sonst noch etwas für Euch tun kann, lasst es mich wissen.“

„Das werde ich.“ Mit einem Seufzen blickte Lorlen auf die Briefe. „Doch zuvor werde ich mich erst einmal durch die Post wühlen.“

Lord Osen lächelte schief. „Viel Erfolg dabei.“

Nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, lehnte Lorlen sich zurück und öffnete den ersten Brief. Die Anfrage einer angesehenen Familie, ihren Sohn noch zu diesem Winterhalbjahr anstatt wie vereinbart zum Sommer auf die Universität gehenzulassen. Lorlen runzelte die Stirn. Er musste das Gesuch ablehnen. Das Halbjahr hatte vor anderthalb Monaten begonnen. Bis der Junge seine Magie entfesselt und die Kontrolle gemeistert hatte, würde seine Klasse ihm weit voraus sein. Womit er das Halbjahr vermutlich würde wiederholen müssen. Der nächste Brief war ein eher vorwurfsvoller, indem das Oberhaupt einer Familie aus Haus Maron erklärte, seine magisch begabten Kinder nicht mehr auf die Universität zu schicken, wenn ein Mädchen aus den Hüttenvierteln dort studierte. „... eine ehemalige Kriminelle ist wohl kaum der richtige Einfluss für meine wohlerzogenen und äußerst intelligenten Kinder“, schrieb der Mann, „sie würden verderben und Schande über mein Haus bringen.“

Kopfschüttelnd legte Lorlen den Brief beiseite. Ein Teil von ihm konnte die Bedenken bezüglich Sonea verstehen. Für die Häuser waren alle Bewohner der Hüttenviertel potentielle Verbrecher. Doch er hatte Sonea als eine aufrichtige und moralisch handelnde junge Frau kennengelernt und war geneigt, ihr eine Chance zu geben. In Lord Rothen hatte sie zudem einen einfühlsamen und verständnisvollen Mentor zur Seite. Wenn sie ihr Studium aufnahm, würde sich zeigen, ob sie zurück in alte Verhaltensmuster fiel.

Er wollte gerade den nächsten Brief zur Hand nehmen, als ihm ein Umschlag auffiel, dessen Papier ihm nur allzu vertraut war. Den Umschlag zwischen den anderen hervorziehend, war er nicht überrascht, das Incal der Gilde auf dem Siegel zu entdecken. Als er jedoch die elegante Handschrift erkannte, setzte sein Herz einen Schlag aus.

Mit klopfendem Herzen erbrach Lorlen das Siegel. Es war Wochen her, dass sie zuletzt gesprochen hatten. Wochen, in denen er sich in eine Ausflucht nach der anderen gestürzt hatte.

An Lord Lorlen, Administrator der Gilde,

Hiermit lade ich dich zum formalen Dinner in meiner Residenz ein. Heute nach Sonnenuntergang. Bring gute Laune und Neuigkeiten mit.

Dein Freund Akkarin.

Lorlen starrte auf den Brief, der eher einer kurzen, steifen Notiz glich. Noch förmlicher war es ihm wohl nicht möglich gewesen.

Doch die eigentliche Frage, die ihm durch den Kopf schoss, war: Was wollte Akkarin damit bezwecken?

Früher hätte Lorlen die Einladung für einen von Akkarins üblichen Scherzen gehalten. Hin und wieder hatten sie auf Grund ihrer Positionen sich betont förmlich gegeben und zu Lorlens Überraschung war Akkarin darauf eingegangen, obwohl ihm seit seiner Ernennung zum Oberhaupt der Gilde eine düstere Aura umgab, deren Bedeutung Lorlen erst bei jener Anhörung begriffen hatte.

Akkarin, sein ehemals bester Freund und Hoher Lord der Magiergilde, war ein schwarzer Magier.

So lange Lorlen zurückdenken konnte, war sein Freund schon immer ambitioniert gewesen. Dass er dabei so weit gehen und verbotene magische Praktiken lernen würde, hätte er jedoch nie gedacht.

Nachdenklich betrachtete er den Brief. Ob Akkarin herausgefunden hat, dass ich sein Geheimnis kenne und mich deswegen zu sich bestellt?, fuhr es ihm durch den Kopf.

Bei der bloßen Vorstellung verkrampfte sich etwas in seinen Eingeweiden. Alles in ihm schrie danach, seine Arbeit vorzuschieben oder vorzugeben, er fühle sich nicht wohl, um die unausweichliche Konfrontation hinauszuzögern. Doch eine Einladung des Hohen Lords schlug man nicht aus und Lorlen hatte so eine Ahnung, dass Akkarin kein Mann war, dem man sich verweigerte.

Auch als Novize hatte er das Sagen gehabt, während Lorlen immer der Vorsichtigere von ihnen beiden gewesen war. Mit Akkarin als treibender Kraft hatte er sich jedoch Dinge getraut, für die er alleine zu ängstlich gewesen wäre. Mit schwarzer Magie besaß Akkarin jedoch die Macht, seinen Willen durchzusetzen und Lorlen verspürte nicht den Drang, es drauf ankommen zu lassen.

Während des Nachmittags versuchte Lorlen, alle Gedanken an den ihm bevorstehenden Abend weitgehend aus seinem Kopf zu verbannen. Die Sonne wanderte weiter bis ihre nahezu waagerecht durch die Papierblenden fallenden Strahlen in seine Augen stachen. Die übrigen Briefe trugen nicht gerade dazu bei, dass seine Stimmung sich hob.

Viel zu schnell war der Abend gekommen und er legte seine Schreibfeder zur Seite, belegte die Tür seines Büros mit einem magischen Schloss und verließ die Universität. Die Sone stand tief über den Kuppeln und Türmen der Stadt und die Luft war empfindlich kalt, wo sie am Mittag beinahe behaglich warm gewesen sein musste. Schaudernd schlang Lorlen die Arme um seinen Leib und errichtete einen Wärmeschild. Dann stieg er die Stufen hinab und wandte sich nach links zu dem Haus am Waldrand.

Die Sonne berührte die Dächer der Stadt und sandte ein letztes Glühen auf den grauen Stein des Hauses vor sich, bevor sich die Düsternis verdichtete.

Ein Seufzen unterdrückend betrat Lorlen den Weg zur Residenz.

Auf sein Klopfen hin schwang die Tür auf. Alle unerwünschten Gedanken aus seinem Kopf verbannend trat Lorlen ein und blickte sich in der kleinen Empfangshalle um.

Als sich ein Schatten in einem der beiden Treppenaufgänge bewegte, zuckte er zusammen.

„Guten Abend, Lorlen.“

„Guten Abend, Hoher Lord“, erwiderte Lorlen sich dazu zwingend seine Atmung zu kontrollieren. Lass ihn nicht sehen, dass du Angst hat …

Nahezu lautlos glitt Akkarin aus dem Schatten. „Warum so förmlich, mein Freund?“

Betont lässig hob Lorlen die Schultern. „Ich war nicht derjenige, der diese Einladung verschickt hat.“

Akkarin hob eine Augenbraue. „Es schien mir einen Versuch wert, nachdem du dich so lange nicht mehr bei mir hast blicken lassen.“

Während er sprach, beobachtete Lorlen ihn genau. Es schien die Wahrheit zu sein und der Gesundheit seiner Nerven zuliebe war er geneigt, daran zu glauben. „Ich hatte viel zu tun“, antwortete er ein entschuldigendes Lächeln aufsetzend. „Sonst wäre ich schon früher vorbei gekommen.“

„Aber du warst im Abendsaal.“

Und du bist erstaunlich gut informiert … Lorlen zwang sich zur Ruhe. „Als zweitwichtigster Mann der Gilde wird das von mir erwartet. Im Gegensatz zu den anderen Mitgliedern unserer Familie ist das für mich Arbeit.“

„Du hättest mich fragen können, ob ich mitkommen will.“

Als ob du jemals ja sagen würdest, wenn ich das tue …

„Du hättest auch einfach selbst hinkommen können.“

Sie starrten sich an. Mit einem Mal wurde Lorlen bewusst, dass er den Mann, der ihm gegenüberstand, nicht kannte. Hatte er ihn überhaupt jemals gekannt oder hatte er sich erst durch seine Reisen verändert? Ein Teil von ihm wünschte jedoch, dass zumindest der Akkarin, den er als Novizen gekannt hatte, aufrichtig gewesen war.

Schließlich lächelte Akkarin leicht. „Verzeih mir, mein Freund. Ich weiß, du arbeitest viel und hast dementsprechend selten den Kopf frei. Ich sollte dir keine Vorwürfe machen.“

„Das ist schon in Ordnung“, winkte Lorlen ab. „Ich hätte vorbeikommen und fragen sollen. Aber ich war so in meiner Arbeit versunken, dass ich nur an die Erfüllung meiner Pflicht gedacht habe.“

„So, wie ich es von dir kenne“, erwiderte Akkarin. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, als er Lorlen eingehend musterte. „Du solltest dir ein paar Tage freinehmen. So viel Arbeit wird dir auf Dauer nicht guttun.“

Lorlen lächelte schief. „Wenn ich die Geschicke der Gilde ruhigen Gewissens für ein paar Tage abgeben könnte, würde ich darüber nachdenken.“

„Die Gilde wird nicht davon untergehen.“

„Wahrscheinlich nicht.“

Zumindest nicht, solange du dich in Sicherheit wiegst …

Für einen kurzen Moment zogen sich Akkarins Augenbrauen zusammen. „Komm“, sagte er dann. „Takan serviert gleich das Abendessen.“ Mit einer auffordernden Geste bedeutete er Lorlen, die Treppe ins obere Stockwerk zu nehmen.

Sich der Präsenz in seinem Rücken bewusst, konnte Lorlen das Gefühl von Gefahr und Unbehagen nur mit Mühe unterdrücken. So oft war er vor Akkarin die Stufen hinauf zum Speisezimmer gestiegen, doch nie hatte er sich dabei unwohl gefühlt.

Weil er nicht gewusst hatte, wie gefährlich sein bester Freund war.

Lass dir deine Furcht nicht anmerken. Tue so, als sei alles, wie immer und du nur müde und überarbeitet. Lass nicht zu, dass er Verdacht schöpft, denn sonst wirst du das Unheil auslösen, das du zu vermeiden suchst.

Für seinen Geschmack dauerte es viel zu lange, bis sie das Speisezimmer erreichten. Von irgendwo erschien Takan und schenkte ihnen Wein ein, bevor er sich wieder zurückzog. Lorlen unterdrückte ein Schaudern. Akkarins Diener war sein Komplize bei dessen schwarzmagischen Ritualen.

„Wie ist es dir ergangen?“, erkundigte Akkarin sich. „Ich meine, außer deiner Arbeit.“

„Ehrlich gesagt habe ich nicht viel anderes gemacht, außer Essen und Schlafen.“ Lorlen nippe an seinem Wein. Wo die Worte früher leicht aus ihm gekommen waren, wenn sie einander für einige Wochen nicht gesprochen hatten, scheiterte er nun beinahe daran, überhaupt Worte zu finden. „Unsere kleine Familie hat mich ziemlich in Atem gehalten. Und momentan werden vermehrt Anfragen aus den Häusern an mich herangetragen.“

„Womit behelligen sie dich?“

Während der Vorspeise, einer Suppe aus Monyos, Tugor und zartem Reberfleisch, berichtete Lorlen, welche Unerfreulichkeiten ihm allein an diesem Tag beim Lesen seiner Post begegnet waren. „Und der Mann von Haus Maron war auch nicht der einzige“, schloss er. „Auch wenn er der Lauteste war.“

„Antworte allen, die ihre Kinder zurückbehalten wollen, dass sie sich damit auch um das Ansehen bringen, das sie durch Gildenmagier in der Familie naturgemäß erhalten würden“, antwortete Akkarin. „Sollten sie sich dann immer noch weigern, sieh es nicht als persönliche Niederlage oder Versagen der Gilde. Es war zu erwarten, dass nicht alle positiv auf unsere erste Öffnung gegenüber der einfachen Bevölkerung reagieren. Doch indem wir dies tun, werden wir langfristig größere Beliebtheit erlangen.“

Er hatte wie immer recht, musste Lorlen widerwillig einsehen. „Ihre Reaktion ist trotzdem ärgerlich und unnötig. Sonea sollte eine Chance bekommen, sich zu beweisen, bevor gegen ihre Anwesenheit in der Gilde protestiert wird.“

„Es ist Haus Maron, Lorlen.“ Akkarin lange nach einem der winzigen Brötchen in einem Korb in der Mitte des Tischs und brach ein Stück davon ab. „Sie fühlen sich beleidigt, weil einer ihrer Magier zu einem entlegenen Fort versetzt wurde, ohne dass sie begreifen, oder vielmehr einsehen wollen, dass Fergun einen Fehler gemacht hat. Spätestens, wenn das Mädchen ihr Studium aufnimmt, werden sie sehen, dass sie keine Bedrohung für ihre Kinder ist.“

„Woran machst du das fest?“

Akkarin ließ sich mit seiner Antwort Zeit. „Weil ich Lord Rothens Urteil für kompetent erachte“, sagte er schließlich. „Er mag dazu neigen, sich der schwierigen Fälle anzunehmen. Doch bis jetzt hatte er damit immer Erfolg. Er hätte Sonea nicht ausgewählt, würde er sie als Gefahr für die Gilde einschätzen. Und“, er drehte das Weinglas zwischen seinen langen Fingern, „weil ich dir vertraue. Denn du hast ihre Gedanken gelesen.“

Lorlen zuckte zusammen. Nur unter größter Willenskraft gelang es ihm, die Erinnerung zu verdrängen. Es hieß, der Hohe Lord könne die Gedanken anderer Magier lesen, ohne sie zu berühren, weil er über so feine Sinne verfügte. Lorlen hatte das immer für ein albernes Gerücht gehalten, bis er aus Soneas Gedanken die Wahrheit über seinen Freund erfahren hatte. Das brachte ihn jedoch in die unerfreuliche Situation, seine eigenen Gedanken zu verbergen. Neben seiner Unfähigkeit, sich normal zu verhalten, war dies der größte Grund, weswegen er Akkarin während der letzten Wochen aus dem Weg gegangen war.

Um sein Unbehagen zu überspielen, nahm er einen weiteren Löffel von der Suppe. Das feinwürzige Aroma brachte seinen Appetit zurück, nachdem er seit dem Mittag bei dem bloßen Gedanken an Essen Übelkeit verspürt hatte.

„Welche Neuigkeiten hast du?“, fragte er in der Hoffnung auf ein weniger verfängliches Thema.

„Keine, die dich interessieren würden.“ Akkarin faltete seine Serviette und lehnte sich zurück. „Parties und Empfänge im Palast und Gespräche mit den Diplomaten der Herrscher anderer Verbündeter Länder. Da fällt mir ein, weil wir gerade über Fergun sprachen“, mit einem leisen Lachen drehte er sein Weinglas zwischen seinen langen Fingern, „erinnerst du dich an Ganen?“

Lorlen schüttelte den Kopf. „Wer ist das?“

„Eines der Familienoberhäupter von Haus Maron.“ Akkarin verzog das Gesicht, als würde die Erinnerung sein Missfallen erregen. „Bei allen Festen im Palast, wo er zugegen ist, preist er mir seine drei Töchter an, die älteste ist bereits im heiratsfähigen Alter, die anderen beiden sind dreizehn und vierzehn, was Ganen jedoch nicht davon abhält, nach einer passenden Partie für sie zu suchen.“

„Aber?“, hakte Lorlen nach.

„Abgesehen davon, dass sie mir zu jung sind, hege ich keinerlei Ambitionen, eine Verbindung mit Haus Maron einzugehen.“ Mit einem nachdenklichen Lächeln starrte Akkarin ins Leere.

Früher hätte Ersteres dich nicht abgehalten, dachte Lorlen sich an den Novizen erinnernd, mit dem er einst befreundet gewesen war. Abgesehen von dem elynischen Mädchen, das beinahe das Ende ihrer Freundschaft bedeutet hätte, hatte Akkarin sich rasch auf die Mädchen in den unteren Jahrgängen spezialisiert. „Sie zu verführen, übt einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus“, hatte er damals erklärt.

Aber der Akkarin von damals hatte sich verändert. Nach der Rückkehr von seinen Reisen war er schon nicht mehr derselbe gewesen. Lorlen hatte das jedoch darauf geschoben, dass die Begegnung mit fremden Kulturen seinen Freund erwachsen gemacht hatte. Aber nun kannte er die Wahrheit und das Gefühl, einem Fremden gegenüberzusitzen, verstärkte sich.

„Das Interessante sind jedoch nicht Ganens Töchter, sondern dass der Verbleib Ferguns, der ihm allenfalls ein Neffe dritten oder vierten Grades ist, ihn neuerdings mehr dazu umtreibt, mit mir zu sprechen.“

Lorlen hob fragend die Augenbrauen. „Weil er mit Ferguns Versetzung nicht einverstanden ist?“

„Exakt.“ Für einen Moment hielt Akkarin inne, als Takan eintrat, die schmutzigen Teller abräumte und das Speisezimmer wieder verließ. „Nicht, dass ich etwas anderes erwartet hätte, doch es ist bemerkenswert, wie der begehrteste Junggeselle der Gilde – denn das ist es, als was ich offenkundig in den Häusern gehandelt werden – an Attraktivität verliert.“

„Das klingt nicht, als wärst du darüber traurig.“

Die Tür zum Speisezimmer öffnete sich erneut und Takan kehrte zurück mit einem Tablett voll duftender und dampfender Schälchen, die Lorlens Appetit erst recht anregten.

„Nein, das bin ich nicht.“

„Also hast du noch nicht vor zu heiraten?“

Akkarin schüttelte den Kopf. „Nicht in der nächsten Zeit.“

Seit er Hoher Lord war, erhielt Akkarin Heiratsanträge und ebenso lange lehnte er diese ab. Wo Lorlen lange Zeit geglaubt hatte, sein Freund wäre einfach noch nicht bereit, sich zu binden, war er nun sicher, den wahren Grund zu kennen.

Eine Weile aßen sie schweigend und Lorlens Unbehagen kehrte zurück. Früher war ihnen der Gesprächsstoff nie ausgegangen. Nach so vielen Wochen hätten sie eigentlich den ganzen Abend reden müssen, doch das Wissen, das er nun besaß, machte jede unbefangene Konversation unmöglich. Was, wenn Akkarin irgendwie aus seinen Gedanken las, dass er bescheid wusste? Und was würde er dann tun?

Die möglichen Antworten auf diese Frage waren so entsetzlich, dass Lorlen hastig nach seinem Weinglas griff und einen tiefen Schluck trank.

Vielleicht wäre es besser, hätte ich ihn gefragt, ob er mit in den Abendsaal kommt, fuhr es ihm durch den Kopf. Akkarin wäre nicht auf ihn fixiert gewesen und Lorlen hätte sich unter seinen Kollegen sicherer gefühlt. Aber so hatte er durch seine Furcht vor eine Begegnung diesen Abend forciert.

Nachdenklich betrachtete er Akkarin. Obwohl er äußerlich noch immer derselbe Mann wie einige Wochen zuvor war, wirkte er verändert. Verändert, weil Lorlen nun die Wahrheit kannte. Wie sollte er sich jetzt noch so verhalten, als wäre alles wie immer? So als hätte er die Wahrheit nie aus Soneas Gedanken erfahren?

Und mit einem Mal erkannte Lorlen, dass er in eine denkbar schlechte Situation geraten war. Wenn er den anderen Mann mied, würde dieser früher oder später Verdacht schöpfen. Aber das würde er auch, weil Lorlen sich unfähig sah, seinem Freund etwas vorzumachen. Alles in ihm schrie danach, sich von Akkarin fernzuhalten, während er zugleich wusste, das war das Schlechteste, was er tun konnte.

Vielleicht wird es besser, wenn ein wenig Zeit vergangen ist, überlegte er. Bis dahin schiebe ich die Arbeit vor. Und dann bin ich vielleicht wieder in der Lage, mich wie ein Freund zu verhalten.

Aber er wusste genau, er machte sich etwas vor.

Denn er würde nie vergessen, was er in den Gedanken dieses Hüttenmädchens gesehen und was seinen besten Freund in einen Fremden verwandelt hatte.


***


Ich hoffe, dieser One-Shot hat euch ein wenig gefallen. Wann der nächste kommt, kann ich leider noch nicht sagen. Danke fürs Lesen!
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