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Die Gilde der ungelüfteten Geheimnisse

Kurzbeschreibung
OneshotDrama, Fantasy / P16 / Gen
Administrator Lorlen Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Rothen Sonea
06.09.2014
26.03.2020
6
12.371
14
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Dieses Kapitel
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06.09.2014 1.802
 
Der Mann, der Sonea verdarb



Genre: Drama, Schmerz/Trost
Rating: P12
Charaktere: Rothen, Dannyl
Frage/Lücke: Welche Worte wurden zwischen Rothen und Akkarin nach der Anhörung gesprochen?

Angesiedelt in Kapitel 18, The High Lord.


***


Ich kann das nicht mit ansehen. Rothen spürte, wie seine Augen zu brennen begannen, als die Magier einer nach dem anderen vortraten, die rituellen Worte sprachen und Soneas Robe zerrissen. Soeben hatte sie das Angebot der Gilde auf eine zweite Chance wütend ausgeschlagen. Für einen Mann, der ihr nicht guttat. Nicht einmal auf ihn hatte sie gehört. Noch auf Rothen selbst, der sie nahezu angefleht hatte, nicht zu gehen. Die darauffolgenden Worte des Administrators hatten wie ein Todesurteil geklungen.

„Lasst überall in den Verbündeten Ländern verlauten, dass Akkarin von Delvon, Haus Velan, einst Hoher Lord der Magiergilde und Sonea, einst die Novizin des Hohen Lords für die Verbrechen, schwarze Magie erlernt, praktiziert und damit getötet zu haben, verbannt wurden.“

Erst einmal hatte Rothen erlebt, wie die Gilde einen Magier ausgestoßen hatte. Damals war er erst wenige Monate verheiratet gewesen und seitdem waren viele Jahre vergangen. Er erinnerte sich indes noch, ganz hinter dem Urteil der Gilde gestanden zu haben. Als er die Robe jenes Mannes zerrissen und die rituellen Worte gesprochen hatte, hatte es sich richtig angefühlt.

Jetzt hingegen zog sich bei dem Gedanken Selbiges bei ihr zu tun etwas in seiner Brust schmerzvoll zusammen. Die vergangene Stunde erschien ihm wie ein böser Traum, in dem er sich noch immer gefangen fühlte. Er war fest davon überzeugt gewesen, die Gilde würde Sonea freisprechen, weil sie nur Bücher über schwarze Magie gelesen hatte. Doch dann hatte sie geradeheraus zugegeben, schwarze Magie erlernt und damit getötet zu haben. Und es war noch schlimmer gekommen: Als die höheren Magier entschieden hatten, ihr eine zweite Chance zu geben, hatte sie diese ausgeschlagen.

Wenn Ihr den Hohen Lord Akkarin ins Exil schickt, müsst Ihr mich mit ihm schicken. Denn dann ist er vielleicht noch am Leben und kann Euch helfen, wenn Ihr wieder zur Vernunft kommt.

Er war ihr größter Feind gewesen. Sie hatte ihn gehasst und gefürchtet. Und jetzt das.

In einer fahrigen, nahezu ohnmächtigen Bewegung seiner Hand fuhr Rothen sich über die Stirn.

Wie hatte das passieren können?

Seit dem vergangenen Morgen hatte er nicht aufhören können, darüber nachzudenken. Mit einem Mal hatte alles einen Sinn ergeben. Warum Sonea ihm ausgewichen war, als er sie im Park abgepasst hatte, nachdem er gesehen hatte, wie sie Akkarin angelächelt hatte, warum sie oft so nachdenklich gewirkt hatte. Und warum Akkarin ihren Abendunterricht bis zum Ende des Halbjahres gestrichen hatte.

Und mit dieser Erkenntnis waren seine schlimmsten Befürchtungen wahr geworden.

Doch während er wünschte, die junge Frau, die für ihn zu einer Tochter geworden war, würde nicht dort unten stehen und das Ritual des Ausstoßes über sich ergehen lassen müssen, empfand er bezüglich Akkarin nichts als grimmiger Genugtuung. Er hatte ihm Sonea weggenommen und sie manipuliert und verdorben. Er war ein schwarzer Magier und damit gefährlich und unkontrollierbar. Zu lange hatte er agiert, ohne dass seine Verbrechen der Gilde bekannt gewesen waren. Ihn dafür zu bestrafen war längst überfällig gewesen.

Ah, wenn sein Geheimnis nur der Gilde nicht erst offenbar geworden wäre, nachdem er Sonea in bereits diese Sache hineingezogen hat!

Eine Berührung auf seinem Arm ließ ihn zusammenzucken.

„Es tut mir so leid, Rothen.“

Bei den Worten seines Freundes wurde das Brennen in Rothens Augen übermächtig. Einen tiefen Atemzug nehmend nahm er sich einen Augenblick Zeit, um sich zu sammeln. Dann wandte er sich Dannyl zu.

„Danke“, zwang er sich zu sagen. „Ich kann einfach nicht glauben, was da gerade passiert.“

„Ich auch nicht, mein Freund.“

Für den Augenblick schien Dannyl einer Antwort verlegen. Doch es gab keine Worte, die Rothen getröstet hätten. Ich will aufwachen und feststellen, dass das alles nur ein böser Traum war, dachte er flehentlich. Und dass es gestern Morgen ist und Tania mit dem Frühstück und nicht mit der Nachricht, dass Sonea unter Arrest gestellt wurde, zu mir kommt.

„Ich weiß, du hast sehr viel Arbeit und Herz in Sonea investiert“, sagte sein Freund, nachdem sie das Geschehen eine Weile reglos beobachtet haben.

„Ja“, sagte Rothen nur.

„Bereust du es?“

Ohne nachzudenken, schüttelte Rothen den Kopf. „Ich glaube nicht einmal, mich in ihr getäuscht zu haben. Ich glaube eher, Akkarin hat sie manipuliert.“ Die Frage war nur: wie? Wenn Rothen darüber nachdachte, fielen ihm nur unerfreuliche Wege ein, wie der Hohe Lord das vollbracht hatte. Einige davon hatten mir Regelverstößen und Verletzung der Aufsichtspflicht gegenüber Schutzbefohlenen zu tun. Der bloße Gedanke machte Rothen krank. Doch was es auch war, er war ganz sicher, Sonea war ein Opfer von Täuschung. „Sie ist viel zu gut darin zu tun, was getan werden muss.“

Und das machte ihn so unglaublich wütend. Was hatte Akkarin getan, um sie auf seine Seite zu ziehen und dazu zu bringen, seine absurde Geschichte zu glauben?

Um meinen Feind zu verstehen, hatte sie einen Tag zuvor bei Rothens Besuch im Dome gesagt, als er zu erfahren verlangt hatte, warum sie Bücher über schwarze Magie gelesen hatte. War sie durch die Bücher vielleicht in Versuchung gekommen, diese finsteren Praktiken selbst auszuprobieren? Um Akkarin zu verstehen oder weil sie sich in den Kopf gesetzt hatte, ihn zu besiegen und er hatte es herausgefunden und sie irgendwie dazu gebracht, seine Komplizin zu werden?

So oft Rothen diese Fragen in seinem Kopf zu beantworten suchte, gab es darunter für ihn nur eine unumstößliche Tatsache: Sonea konnte die Bücher nur von Akkarin gehabt haben.

„Ich weiß nicht“, murmelte Dannyl. „Vielleicht hat er sie gar nicht manipulieren müssen? Was, wenn er die Wahrheit gesagt hat?“

Rothen starrte ihn an. „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass diese absurde Geschichte wahr ist?“, entfuhr es ihm.

„Wenn ich an Akkarins Stelle wäre und eine Rechtfertigung für meine finsteren Machenschaften bräuchte, würde ich mir eine Geschichte ausdenken, die ein wenig glaubhafter ist.“ Dannyl schüttelte leicht den Kopf. „Ich will damit nicht sagen, dass ich ihm glaube, Rothen. Aber du solltest ihn nicht unterschätzen.“

„Das tue ich nicht, Dannyl.“ Sein Freund mochte seine Ansicht nicht teilen, doch er hatte recht damit, dass Akkarin nicht zu unterschätzen war. Wie sonst sollte es ihm gelungen sein, Sonea auf seine Seite zu ziehen?

„Und deswegen würde ich ihm eher zutrauen, sich eine derart absurde Geschichte auszudenken, anstatt eine die so plausibel erscheint, dass es bereits wieder unrealistisch ist.“

An dem Blick, den Dannyl ihm zuwarf, konnte Rothen sehen, dass er ihm nicht glaubte.

„Komm“, sagte Dannyl, als die Reihe von Magiern immer kürzer wurde. „Bringen wir es hinter uns.“

Rothen konnte nur nicken. Mit einem Mal fühlte er sich elender denn je. Er wollte das hier nicht tun müssen. Doch es war, was von ihm erwartet wurde.

Und er konnte nicht zulassen, dass Sonea die Gilde verließ, ohne dass er ihr Lebewohl gesagt hatte.

Nur mit äußerstem Widerwillen erhob er sich von seinem Platz und stieg gefolgt von Dannyl die Stufen hinab zu dem Platz vor der Empore. Als die Letzten reihten sie sich in die Schlange von Magiern ein, die sich vor Akkarin und Sonea gebildet hatte. Für Rothens Geschmack war sie viel zu schnell an ihrem Ende angelangt. Gleich würde er Sonea für immer Lebewohl sagen müssen. Weil sie in ihrem Bestreben, das richtige zu tun, einer Täuschung zum Opfer gefallen war.

Und dann fand er sich Akkarin gegenüber.

Mit einem Mal wurde Rothens Zorn übermächtig. Rituelle Worte konnten nicht einmal annähernd ausdrücken, was er empfand.

Einen tiefen Atemzug nehmend hob er den Kopf und zwang sich, dem ehemaligen Hohen Lord in die Augen zu sehen.

Ich wünsche, dass die Sachakaner vollbringen, wozu die Gilde heute nicht fähig war, dachte er grimmig. Er fühlte sich nicht in der Lage, die Worte laut auszusprechen. Er versagte bereits jetzt schon fast bei dem Versuch, seinen Zorn zu kontrollieren. Zu lange hatte der Wunsch nach Akkarins Tod unerfüllt in ihm geschlummert. Du hast ein unschuldiges Mädchen verdorben. Dafür gibt es keine Entschuldigung und keine Strafe, die dem auch nur annähernd gerecht wird.

„Ihr solltet aufpassen, was Ihr wünscht, Rothen“, erwiderte Akkarin kühl. Seine Stimme war leise, doch erfüllt mit einer unterschwelligen Drohung. Rothen zuckte unwillkürlich zusammen, begreifend, dass der andere Mann seine Gedanken gelesen hatte. „Denn wenn ich sterbe, wird auch Sonea nicht überleben.“

Obwohl Rothen sich nichts lieber wünschte, als dass die Sachakaner Akkarin jagen und töten würden, wollte er kein solches Ende für Sonea. Er schluckte einmal. Sonea zuliebe durfte er nicht darauf hoffen.

„Dann seht besser zu, dass Ihr nichts zustößt“, grollte er.

Akkarin nickte nur.

In einer energischen Bewegung riss Rothen den Stoff an Akkarins Ärmel entzwei. „Ich stoße dich aus, Akkarin. Betritt mein Land niemals wieder.“

Dann wandte er sich ohne einen weiteren Kommentar zu seiner ehemaligen Novizin.

„Warum Sonea?“ [*]

Ihre dunklen Augen waren groß und rund und Tränen glitzerten darin. Rothen konnte ihr ansehen, wie sehr es ihr das Herz zerriss. Wenn Ihr den Hohen Lord Akkarin ins Exil schickt, müsst Ihr mich mit ihm schicken. Denn dann ist er vielleicht noch am Leben und kann Euch helfen, wenn Ihr wieder zur Vernunft kommt.

Dann schloss sie ihre Augen und schluckte. Als sie sprach, war ihre Stimme kaum mehr ein Flüstern.

„Sie schicken ihn in den Tod.“

Er erschauderte unwillkürlich. So weit war es also gekommen, dass sie um sein Leben fürchtete. Nur seinetwegen hatte sie ihre zweite Chance ausgeschlagen. Mit einem Mal wünschte sich Rothen mehr denn je, dass sie dafür einen berechtigten Grund hatte.

„Und was ist mit dir?“

„Zwei können überleben, wo einer sterben würde. Die Gilde muss die Wahrheit für sich selbst herausfinden. Wenn sie das getan hat, kehren wir zurück.“

Sie wirkte wahrhaftig überzeugt von ihrer Entscheidung. Jeder andere Mensch wäre an dieser Stelle umgekehrt und zur Besinnung gekommen, doch sie war Sonea. Seine kleine, sture, entschlossene Sonea. Was sie sich in den Kopf setzte, konnte nichts und niemand ihr ausreden. Akkarin täte besser daran, gut auf sie aufzupassen.

Einen tiefen Atemzug nehmend machte Rothen einen Schritt auf sie zu und schloss sie in eine feste Umarmung. Der Zorn war längst gewichen, jetzt musste er darum kämpfen, nicht in Tränen auszubrechen. „Pass auf dich auf, Sonea.“

„Das werde ich, Rothen.“

Er konnte hören, wie ihre Stimme versagte. Eine Träne rollte über ihre Wange und sie wischte sie rasch mit einem zerrissenen Ärmel ihrer Robe fort. Sich elend fühlend trat er einen Schritt zurück, um Dannyl Platz zu machen.

„Sachakaner, also?“, hörte er seinen Freund fragen.

Sie nickte nur.

„Wir werden uns darum kümmern.“ Einen Arm ausstreckend klopfte Dannyl ihr auf die Schulter. Dann traten er und Rothen zurück, als die Krieger den Kreis um die beiden schwarzen Magier schlossen und sie aus der Universität hinauseskortierten und Sonea aus der Gilde und damit auch aus seinem Leben verschwand.

***


[*] Dialoge ab hier frei übersetzt aus The High Lord.
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