Johanna Mason

GeschichteAbenteuer, Drama / P16
Johanna Mason
05.09.2014
19.08.2019
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Es war später Nachmittag als die junge Frau mit dem Pferdeschwanz das rostige Gartentor öffnete, um in einen verwilderten Garten zu treten. Unkraut spross auf dem Kiesweg, der sich an den Rändern irgendwo in der dunklen Erde verlor und Büsche und Bäume schossen in die Höhe ohne dass jemand ihre verfaulten Blätter je abschnitt oder die zu schweren Äste festband.
Die blasse Hand der Frau drückte das Gartentor hinter sich zu. Mit argwöhnischem Blick richtete sie ihre lederne Aktentasche und betrachtete das heruntergekommene Haus mit den hölzernen Fensterläden. Sie rümpfte die Nase, als der schmierige Geruch des nahegelegenen Sägewerks zu ihr hinüberwehte. Dann strafften sich ihre Gesichtszüge und sie ging entschlossenen Schrittes auf die robuste Haustüre zu, die dünnen Absätze versanken im Kies.
Sie suchte vergeblich nach einer Klingel und betätigte schließlich unbeholfen den altertümlichen Türklopfer. Ruhig wartete sie, doch niemand öffnete. Sie klopfte erneut, lauter.
Wieder rührte sich nichts, doch sie wagte nicht, ein weiteres Mal anzuklopfen und beschloss, umzukehren, um am nächsten Tag wiederzukommen. Dabei hatte man ihr gesagt, dass sie zu Hause wäre…
Die Türe wurde mit Schwung aufgerissen. „Verflucht nochmal, Loren! Ich hab dir doch gesagt, ich…“
Die keifende Stimme erstarb und der Blick der alten Frau wanderte ganz langsam an der Erscheinung der Besucherin herunter. Über das blasse Gesicht mit den hübsch gezupften Augenbrauen, den dunkelblauen Einteiler, den sie unter dem mandelfarbenen Mantel trug, bis zu den hübsch lackierten Zehennägeln, die vorne aus hohen Plateausandalen herausragten. Die Falten in der Stirn der alten Frau gruben sich noch tiefer in die Haut, bedrohlich wie Krater und sie kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. Ihr glasiger Blick zuckte wieder nach oben zum Gesicht des unerwünschten Besuchers. Ihre Stimme war rau und alt.  „Was wollen Sie?“
„Mein Name ist Rhea Ellsworth.“, stellte die junge Frau sich mit einnehmendem Lächeln vor, unbeeindruckt von der harschen Begrüßung. „Ich bin Sonderbeauftragte der Impress. Sind Sie Johanna Mason?“
Die Lippen der alten Frau kräuselten sich. „Ja, die bin ich allerdings. Aber Sie hätten sich vor Ihrer Reise besser informieren sollen.“ Sie ging einen Schritt zurück ins Haus und machte Anstalten, die Türe zu schließen. „Ich gebe keine Interviews...“
„Warten Sie!“, rief Rhea Ellsworth und streckte eine Hand aus, um die Türe am Zuschlagen zu hindern. „Dieser Auftrag ist wirklich wichtig für mich! Es würde keine fünf Minuten dauern...“
„Ich bin nicht interessiert daran, meine Geschichte in fünf Minuten herunterzubeten, nur um Ihnen eine Beförderung zu ermöglichen, Miss Ellsworth.“, schnarrte Johanna Mason und wollte die Türe endgültig schließen. „Die Antworten auf die Fragen, die Sie mir stellen wollen, finden Sie in jedem dahergelaufenen Klatschmagazin…“
„Aber diese Antworten sind unstimmig!“, rief Rhea Ellsworth und trat näher heran, die Türe war nur noch einen winzigen Spalt breit geöffnet. Doch sie schloss sich nicht. „Keiner dieser Reporter hat je mit Ihnen gesprochen, nicht wahr? Miss Mason?“
Johanna Mason ließ sich Zeit mit der Antwort und ihre Stimme war nicht minder unfreundlich. „Mein Leben ist keine Abenteuergeschichte.“
„Wir von der Impress verkaufen keine Abenteuergeschichten.“, sagte Rhea. „Unsere Leser wollen die Wahrheit. Die reine Wahrheit.“
Die alte Frau lachte bitter auf. „Kein Mensch dieser Welt möchte die reine Wahrheit hören, Miss Ellsworth. Das wüssten Sie, wenn Sie ein weniger länger darauf wandeln würden. Denn die reine Wahrheit…“ Die Türe öffnete sich wieder ein Stück, sodass sie in das verbitterte Gesicht der Frau sehen konnte, deren Geschichte Millionen wert war. Die Augen glänzten trübe und der Hals war lang und faltig. „Die reine Wahrheit ist niemals schön. Und was nicht schön ist, will man nicht hören.“
„Wieso stellen Sie die Menschen nicht auf die Probe?“, fragte Rhea hartnäckig und umklammerte ihre Aktentasche fester. „Wir wollen kein inhaltloses Interview veröffentlichen, in dem Sie das Kapitol beschimpfen. Wir wollen Ihr Leben aufschreiben.“
„Wozu soll das gut sein?“
„Die Vergangenheit darf nicht in Vergessenheit geraten. Es wäre ein furchtbarer Fehler, den Schrecken vergessen zu wollen. Denn was würde uns in unserer Unwissenheit daran hindern, ihn erneut zu provozieren?“
Johanna Masons Blick wurde nachdenklich. „Die Geschichte des Spotttölpels ist bei Weitem revolutionärer als meine. Fragen Sie Katniss Everdeen…“
„Ein Kollege ist zu Katniss Everdeen unterwegs. Ich bin wegen Ihnen hier.“
„Dann haben Sie wohl das schwarze Los gezogen.“
„Ehrlich gesagt, habe ich um dieses Los gebeten.“
Die alte Frau wirkte zum ersten Mal überrascht, wenn nicht sogar mäßig beeindruckt. „Dann sind Sie tatsächlich noch dümmer als Sie aussehen.“
Rhea ließ sich nicht beirren und hielt die Hand weiter an der Türe, um sie am Zuknallen zu hindern. „Vielleicht kann ich Sie überraschen. Lassen Sie es uns zumindest versuchen…“
„Hör zu, Mädchen.“, sagte Johanna Mason ungeduldig. „Du bist ein Kind. Du hast keinen Hunger gesehen,  keine Armut und keine Spiele. Du hast keine Ahnung.“
„Klären Sie mich auf.“
„Sie sind hartnäckiger als Ihnen guttut.“ Ihre Mundwinkel zuckten. „Das ist keine positive Eigenschaft, aber es beeindruckt mich.“
Rhea wartete darauf, dass sie fortfuhr und als sie es nicht tat, fragte sie vorsichtig: „Werden Sie mir nun meine Fragen beantworten?“
Die andere schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Ich werde Ihre lahmen Fragen nicht beantworten. Wenn Sie die ganze Wahrheit hören wollen, dann benötigen Sie Zeit. Viel Zeit.“
„Ich habe Zeit.“, sagte Rhea zuversichtlich und ein euphorisches Glücksgefühl breitete sich in ihrer Magengrube aus. Würde sie tatsächlich diejenige sein, die Johanna Masons Leben auf Papier bringen durfte?
„Aber ich kann dir versprechen, Mädchen“, sagte Johanna Mason mit drohendem Unterton, „dass es nicht die Geschichte ist, die du hören möchtest.“
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