STAR TREK - TIMELINE: 02-01. Das Sonneninferno

GeschichteAllgemein / P16
05.09.2014
05.09.2014
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1.

Ein neuer Anfang


Persönliches Logbuch
Ensign Valand Kuehn
Sternenzeit: 35454.8

     Ein wenig melancholisch habe ich mich vor etwa einer halben Stunde, von meinem andorianischen Freund, Tar´Kyren Dheran verabschiedet. Der Andorianer ist mir, innerhalb meines letzten Jahres an der Sternenflottenakademie, sehr vertraut geworden – vertrauter, als manch anderes Lebewesen, dass ich länger kenne, als diesen jungen Andorianer.
     Die Vertreter anderer Spezies haben mich schon als kleiner Junge fasziniert, aber nicht auf eine solche Begegnung vorbereiten können. Tar ist so ganz anders als ich – und dennoch gibt es da etwas, das uns von Anfang an verbunden hat. Auf eine Weise, die sich jedem rationalen Erklärungsversuch entzieht. Wir haben einander versprochen, dass wir in Verbindung bleiben werden, und tief in meinem Innern weiß ich, dass wir uns heute nicht zum letzten Mal gesehen haben, selbst wenn es etwas länger dauern sollte.
     Was mich im Moment aufheitert ist der Gedanke daran, dass ich gerade auf dem Weg bin, mein erstes Kommando als Offizier der Sternenflotte anzutreten. Dank sehr guter Abschlussnoten an der Akademie standen mir mehrere Posten zur Auswahl. Ich habe mich letztlich dazu entschieden, den vakanten Posten des Taktischen Offiziers, auf dem prestigeträchtigen Sternenflottenschiff, U.S.S. ALAMO anzutreten. Auch wenn dieses Schiff der EXCELSIOR-KLASSE nicht zu den neuesten der Flotte zählt – es hat eine lange und ruhmreiche Geschichte. Im Jahr 2308 in Dienst gestellt erkundete die erste Crew der NCC-2035 zunächst die Randzonen des Beta-Quadranten, und führte jene Forschungsmissionen fort, die von der U.S.S. EXCELSIOR und der U.S.S. ENTERPRISE-B begonnen worden waren.
     Ein Großteil der äußeren Sektoren des Beta-Quadranten sind in der Folgezeit von der ALAMO erforscht und katalogisiert worden. Vor drei Monaten erst ist das Schiff zum Mars zurückgekehrt und hat dort zahlreiche technische Upgrades und eine umfangreiche Modernisierung in so ziemlich jeder Abteilung des Schiffes erfahren. Das gilt auch für alle Waffensysteme des Schiffes für deren Einsatz in Zukunft ich verantwortlich sein würde. Mit der Modernisierung und Aufstockung dieser Systeme hatte man die Aufgaben für die Taktischen Operationen an Bord dieses Schiffes von den Aufgaben des Operations-Offiziers getrennt. Auf Grund dieser Tatsache werde ich mit meinem Dienstantritt auf dem Schiff zugleich der erste Taktische Offizier sein, der auf diesem Schiff dient, was mich bis zu einem gewissen Grad mit Stolz erfüllt aber auch mit einem Gefühl der Verpflichtung, diese Aufgabe überdurchschnittlich gut zu erledigen. Dabei hoffe ich natürlich, dass ich die Waffensysteme so selten wie nur irgend möglich abfeuern muss. Zwar sehe ich die Notwendigkeit ein, sich gegen unbekannte Gefahren und Bedrohungen behaupten zu können, doch der Forscher in mir hofft darauf, dass es möglichst selten vorkommen wird.
     Mein Captain wird eine Tellaritin, namens Cianera Crel, sein. Ich bin schon sehr gespannt auf diese Frau, denn bisher habe ich kaum mit weiblichen Vertretern dieser interessanten Spezies zu tun gehabt. Böse Zungen behaupten, man könne sie nur dadurch von ihren männlichen Kollegen unterscheiden, weil sie einen kürzeren Bart haben – doch das gehört eindeutig ins Reich der Fabeln. Tellaritinnen sind zwar, nach menschlichem Ermessen, keine Schönheiten, doch Bärte tragen sie nicht. Und auch die sonst üblichen, weiblichen Attribute humanoider Frauen sind offensichtlich vorhanden. Sie gilt als erfahrener Captain, und hat bereits fünf Jahre in diesem Rang, auf anderen Schiffen gedient, bevor sie erst vor einem halben Jahr, die ALAMO übernahm.
     Vom Rest der Crew habe ich nur sehr wenig gehört, doch sobald ich an Bord bin werde ich erfahren, mit wem ich künftig Dienst tun werde. Lediglich die Pilotin dieses Shuttles habe ich bisher persönlich kennen gelernt. Ein gewisses nervöses Gefühl in der Magengrube, welches ich schon seit Jahren nicht mehr empfunden habe, kann ich momentan nicht verleugnen, doch ich bin sicher, das wird sich legen sobald ich erst einmal einige Tage an Bord der ALAMO sein werde.
     Ich muss meine Aufzeichnung an dieser Stelle beenden, da das Zubringer-Shuttle das Raumdock, in dem sich die ALAMO befindet, in weniger als drei Minute erreichen wird.


* * *


     Ensign Valand Kuehn deaktivierte die Aufnahmefunktion seines Padds, und gesellte sich dabei zu der izarianischen Pilotin des Shuttles, dass zur ALAMO gehörte, und mit dem er auf der Erde abgeholt worden war.
     Die sportliche erscheinende Frau, im Rang eines Lieutenant Junior-Grade, gab sich wenig Mühe ihr Schmunzeln zu verbergen. Sie hatte die letzten Worte des Hochgewachsenen mitbekommen „Ich fühle mich beinahe geehrt, Ensign Kuehn, dass Sie mich gleich nach dem Captain in ihrem persönlichen Logbuch erwähnt haben.“
     Mit einer anmutigen Kopfbewegung warf sie ihr blondes, schulterlanges Haar zurück. Ihre grün-blauen Augen funkelten dabei ironisch, aber keineswegs unfreundlich, und sie erweckte dabei den Eindruck als sei sie gespannt auf die Reaktion ihres Gegenübers.
     Der zwanzigjährige Norweger mit den intelligenten, grau-grünen Augen spürte trotz seiner ansonsten stets präsenten Selbstsicherheit eine gewisse Unruhe in sich aufsteigen. In den letzten vier Jahren hatte er Zeit gehabt sich in das Leben an der Sternenflottenakademie hinein zu finden, und natürlich kannte man die internen Abläufe und Gegebenheiten irgendwann in- und auswendig. Doch das, was nun auf ihn zukam war Neuland für ihn und eine Ähnliche Spannung wie seinerzeit, als er zum ersten Mal zur Akademie gereist war, machte sich nun in ihm breit.
     Lieutenant Miranea Kerath wusste nur zu gut, was in dem jungen Ensign vor sich ging, und mit einem leichten Lächeln meinte sie: „Ich erinnere mich noch daran, als ich, so wie Sie jetzt, mein erstes Kommando angetreten habe. Auf einem Schiff der MIRANDA-KLASSE. Meine Güte, war ich damals nervös. Und von dem Captain hatte ich vorher die tollsten Dinge gehört. Aber am Ende war nicht halb so viel dran, verstehen Sie.“
     Valand Kuehn nickte zustimmend. „Ich denke schon. Und wie ist unser Captain?“
     „Triple-C ist ganz in Ordnung. Sie ist kompetent und gerecht, nur ihre Umgangsformen und der etwas harsche Ton sind anfangs etwas gewöhnungsbedürftig.“
     Der Norweger horchte auf: „Triple-C?“
     Das Lächeln der Izarianerin vertiefte sich.
„Captain Cianera Crel...“

     Kuehn verdrehte die Augen und meinte: „Da können Sie sehen wie angespannt ich bin. Darauf hätte ich eigentlich von selbst kommen müssen.“
     „Noch dazu als RED SQUAD-Absolvent.“ Sie weidete sich einen Moment an der verblüfften Miene des Ensigns und fügte dann hinzu: „Triple-C erwähnte es bevor sie mich zur Erde schickte. Dass Sie damit bisher nicht hausieren gingen vermerke ich auf Ihrer Habenseite, Ensign. Ich selbst halte nämlich nicht viel von diesem Verein.“
     Valand Kuehn grinste säuerlich: „Ich muss Sie unbedingt mit meinem andorianischen Freund bekannt machen. Sie werden sich auf Anhieb verstehen.“
     Die Izarianerin blickte ihn fragend an, und Kuehn erklärte: „Mein Freund, Tar´Kyren Dheran, vertritt eine ganz ähnliche Ansicht, wie Sie. Anfangs sind wir deswegen ziemlich an einander geraten, müssen Sie wissen.“
     Die Augenbrauen der Izarianerin hoben sich leicht. „Aber Sie scheinen diese Differenzen erfolgreich beigelegt zu haben, da Sie ihn als Freund bezeichnen.“
     Der Norweger lächelte in Gedanken: „Ja, wir haben festgestellt, dass wir, trotz aller Unterschiede in unseren wesentlichen Anlagen einander sehr ähnlich sind. In manchen Dingen verstehe ich mich mit diesem Andorianer sogar besser, als mit meiner Schwester, Alana.“
     „Ja, mit meiner Lebenspartnerin, die ebenfalls an Bord der ALAMO Dienst tut, geht es mir ähnlich. Von Anfang war da eine seltsame Vertrautheit.“
     Ein wenig Ernüchterung machte sich in Kuehn breit bei den letzten Worten der Pilotin. Nicht nur, dass sie vergeben war – sie interessierte sich offensichtlich auch nicht sonderlich für Männer. Zumindest was ihre Beziehungen anging.
     Valand Kuehn blickte durch die Frontscheibe nach draußen, wo der Mars bereits die Hälfte des Sichtbereiches einnahm. Ablenkend deutete er nach vorne auf einen kleinen, leuchtenden Punkt. „Ist das unser Ziel, Lieutenant?“
     Die Izarianerin bestätigte: „Ja. Dort wurde das Schiff bis gestern umgerüstet und modernisiert. Momentan finden die letzten Systemchecks statt. Morgen um diese Zeit werden wir starten und einen ersten Testflug nach Capella unternehmen. Von dort aus bringen wir eine Ladung Topalin zu den Antares-Flottenwerften.“
     Kuehn hatte seine leise Enttäuschung bereits überwunden, und blickte wieder zu Miranea Kerath. „Klingt nach Routine.“
     Die Izarianerin verzog das Gesicht. „Ist Routine. Aber die neuen Systeme müssen nun einmal eingehend getestet und eingefahren werden, bevor es wieder weit hinaus geht.“ Sie wechselte das Thema, während vor ihnen das Raumdock immer klarer erkennbar wurde. „In etwa drei Stunden geht mein Dienst zu Ende, Ensign. Was halten Sie davon, wenn wir uns dann in der Offiziersmesse treffen, und ich führe sie anschließend etwas durch das Schiff. Bis dahin haben Sie sicherlich ihren Antrittsbesuch bei Triple-C und der Bordärztin beendet.“
     Kuehn nickte erfreut, etwas überrascht durch das Angebot.
     Die blonde Frau lächelte spitzbübisch. „Machen Sie sich keine falschen Hoffnungen, Mister Kuehn, ich bin absolut treu. Aber Sie sind mir irgendwie sympathisch.“
     Valand Kuehn, der sich schnell mit Tatsachen abfinden konnte, antwortete: „Kein Problem für mich, Lieutenant.“
     „Nennen Sie mich Miranea.“
     „Gerne. Mein Vorname ist Valand.“
     „Also dann haben wir eine Verabredung, Valand.“ Die junge Frau, die etwa drei bis vier Jahre älter sein mochte, als der Norweger, verzögerte das Shuttle und konzentrierte sich nun auf den Anflug auf das Dock, und Valand Kuehn blickte gebannt nach draußen. Das Shuttle näherte sich von vorn-oben, und der Norweger erkannte die unübersehbare Registriernummer des Schiffes - NCC-2035. Die Izarianerin ließ das Shuttle rasch an Höhe verlieren, und der, für das Refit des Originaldesigns typische, Ringwulst um den Hauptdeflektor des Schiffes, dem momentan noch das typische, blaue Leuchten fehlte rückte ins Sichtfeld der beiden Offiziere. Über dem breiten Hals erstreckte sich nun die flache Unterseite der Primärhülle über ihnen.
     Miranea Kerath beobachtete den jungen Ensign unauffällig von der Seite, während dieser mit offensichtlicher Begeisterung das Abbild des Schiffes in sich aufnahm. Eine spürbare Veränderung war mit ihm vor sich gegangen. Im Vergleich zu vorher schien er ihr plötzlich härter, entschlossener – männlicher. Ein flüchtiges Lächeln umspielte ihren Mund, bevor sie sich wieder ganz auf die Steuerung des Shuttles konzentrierte. Elegant unterflog das kleine Beiboot die ALAMO und flog nun dicht unter dem Schiff dahin. Am Heck des Schiffes ließ die Frau das Shuttle einen halben Looping vollführen, und eine anschließende halbe Rolle um seine Längsachse. Sie flogen nun dicht über dem Heck dahin, so dass sie einen fantastischen Blick auf die beiden, ebenfalls noch inaktiven, Warpgondeln hatten, während sie sich zwischen ihnen hindurch bewegten. Endlich näherten sie sich der rechten, hinteren Primärhülle, die recht und links je einen großen Shuttlehangar enthielt.
     Valand, der sich kaum vom Anblick der ALAMO losreißen konnte, wurde bewusst, dass die Izarianerin diese Besichtigung des Schiffes allein für ihn durchgeführt hatte. Der Weg über die Primärhülle des Schiffes wäre wesentlich kürzer gewesen. Lächelnd blickte er zu seiner Begleiterin und sagte: „Danke für diese Aussicht, Miranea. Die ALAMO ist ein beeindruckendes Schiff.“
     Die Pilotin nickte zustimmend, während sie Verbindung mit der Hangarkontrolle der ALAMO aufnahm. Zwar gab es seit fast zwanzig Jahren die deutlich größere AMBASSADOR-KLASSE, aber dennoch waren die EXCELSIORS, mit einer Gesamtlänge von über 485 Metern, und einer lichten Breite von 184 Metern, immer noch ziemlich eindrucksvoll. Die Gesamthöhe dieser Klasse, die über 26 Decks verfügte betrug dabei fast 83 Meter. Durch ihre besondere Vielseitigkeit und Wirtschaftlichkeit stellten die Schiffe der EXCELSIOR-KLASSE immer noch eine der besten und erfolgreichsten Schiffsklassen dar, die bislang im Dienste der Sternenflotte stand. Dies mochte wohl letzten Endes auch der Hauptgrund dafür dafür sein, dass Raumschiffe dieser Schiffsklasse selbst nach 77 Jahren noch immer eingesetzt wurden.
     Kurz nachdem die Izarianerin um Landegenehmigung im Steuerbordhangar ersucht hatte, erfolgte bereits die Bestätigung, und das große Hangartor öffnete sich. Schnell und sicher flog sie in den hell erleuchteten Hangar ein. Die Sicht auf den Weltraum schwand und machte den nüchtern weißen Hangarwänden Platz.
     Weiter vorne in dem geräumigen Shuttlehangar erkannte Kuehn zwei höher gelegene Ebenen mit kleineren, seltener benutzten, Shuttles. Jetzt, einen Tag vor dem Start des Schiffes, herrschte hier reger Betrieb. Nicht alles konnte oder wollte man per Lastentransporter, die ohnehin bis zum Maximum ausgelastet waren, an Bord bringen.
     Miranea Kerath schaltete um auf Landeleitstrahl, und das Shuttle setzte federleicht auf, um sanft in seine endgültige Position zu gleiten. Gleich nachdem es zum Stillstand gekommen war, deaktivierte die Pilotin ihre Konsole und blickte Valand Kuehn verschmitzt an. „Da wären wir, Valand. Sie sollten Triple-C nicht warten lassen. Ich werde Ihnen mit dem Gepäck helfen, und Ihnen dabei gleich ihr Quartier zeigen.“
     Kuehn, der sich mittlerweile auf die launige Art des Lieutenants eingestellt hatte, nickte lächelnd. „Danke, Miranea.“
     Sie nahmen die vier Reisetaschen und verließen das Shuttle durch den Seitenausstieg. Nachdem Valand Kuehn einen Augenblick lang die Umgebung in sich aufgenommen hatte, nickte er seiner Begleiterin zu.
     Einige anwesende Crewmen musterten den Neuankömmling mit einem kurzen Seitenblick, bevor sie wieder ihrer jeweiligen Beschäftigung nachgingen. Ansonsten nahm man nur wenig Notiz von ihm und die Izarianerin, während sie sich auf den Weg zum Turbolift machten. Anders als bei Schiffen, welche den Shuttlehangar am Heck der Sekundärhülle hatten, war der Weg vom Hangar der ALAMO zu Deck 4, auf dem die Quartiere der Junioroffiziere lagen, erfreulich kurz. Die beiden Haupthangardecks besaßen jeweils zwei Verbindungsschotts zu Deck 9. Auf dem Weg durch die beeindruckende, hell erleuchtete Halle hatte der Norweger die Gelegenheit, die beiden farblich abgegrenzten Bodenplatten im hinteren Bereich der Halle eingehend zu begutachten. Natürlich hatte sich Kuehn eingehend mit dem Aufbau dieser Schiffsklasse vertraut gemacht, und so wusste er, dass dies Liftplatten waren, die nach unten gefahren werden konnten, wo die Reparaturhallen lagen.
     Nachdem sie zunächst in den radialen Gang nach links eingebogen waren, schwenkten sie schon bald nach rechts ein und näherten sich dem Zentrum der Primärhülle. Mit einem der beiden zentralen Turbolifts fuhren sie die fünf Decks hinauf, und begaben sich zu dem Quartier, das Valand Kuehn für die nächste Zeit bewohnen würde. Sie legten nur die Taschen nahe des Schotts ab, und begaben sich dann gemeinsam wieder zum Turbolift, wobei die Izarianerin meinte: „Ich werde sie, ganz nach Befehl, zum Captain geleiten, Valand. Ab da müssen sie sehen, wie Sie zurecht kommen.“ Bei ihren letzten Worten zwinkerte sie dem jungen Ensign belustigt zu.
     „Kein Problem“, erwiderte Kuehn schmunzelnd. „Ich bin ein großer Junge, der es gewohnt ist, auf eigenen Füßen stehen. Und sie wird mir bestimmt nicht den Kopf abreißen...“

* * *


     „Sollten Sie noch einmal das unflätige Wort Mhäm in meiner Gegenwart benutzen, Ensign Kuehn, dann reiße ich Ihnen den Kopf ab!“
     Wie vom Donner gerührt stand Valand Kuehn im Bereitschaftsraum von Cianera Crel und blickte etwas fassungslos auf die, gut einen Kopf kleinere, Tellaritin hinunter, die sich, mit zornfunkelnden Augen vor ihm aufgebaut hatte, wobei sie ihre, zu Fäusten geballten, dreifingrigen Hände in den Hüften abstützte.
     Der junge Norweger hatte sich zwar mit tellaritischen Gewohnheiten vertraut gemacht, sich aber dennoch offensichtlich einen Schnitzer geleistet, als er sie mit dem auf der Erde gebräuchlichen Ma´am angesprochen hatte. Er spürte, wie ihm unangenehm warm wurde, was nur zum Teil an der hohen Temperatur in diesem Raum lag. Im ersten Moment war er versucht, sich dafür zu entschuldigen. Gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, dass Tellariten auch darauf negativ reagierten. Darum besann er sich auf seine Studien und erwiderte mit lauter Stimme: „Ich benutzte das terranische Wort – nicht irgendein unwichtiges Wort, einer unwichtigen Spezies, Captain!“
     Ein undefinierbares Glitzern trat in die Augen der Tellaritin, und Valand Kuehn fragte sich, mit einem unguten Gefühl in der Magengegend, ob er nicht doch zu weit gegangen war. Gleich darauf verzogen sich die Mundwinkel der Tellaritin auf merkwürdige Weise, und zunächst glaubte Kuehn, sie würde ihn nun beißen. Doch dann erkannte er, zu seiner gelinden Erleichterung, dass es ein Lächeln sein sollte. Gleich darauf entspannte sich die Haltung der Tellaritin, und sie sagte etwas zugänglicher: „Sie sind richtig, Ensign. Endlich scheinen sich  dazu entschlossen zu haben, sich vernünftiger Manieren zu befleißigen.“
     Sie schritt wieder hinter ihren Arbeitstisch, und Kuehn nutzte die Gelegenheit sich schnell umzusehen. Ihm fielen die geschnitzten Götter-Statuen auf, die Triple-C in einer Vitrine, die auf einem breiten Sideboard am Fenster stand, aufbewahrte. Auf dem Arbeitstisch lagen eine Reihe von PADD´s, und Valand begann zu ahnen, dass diese administrative Arbeit nicht gerade zu einer besseren Stimmung der Tellaritin beitrug. Es gab eine gemütliche Sitzecke, den obligatorischen Replikator, und einen Schrank mit Glastüren, bei dem es sich offenbar um ein tellaritisches Möbelstück handelte. Kuehn erkannte darin einige religiöse Gerätschaften, Bücher und Gläser. Andere Dinge darin konnte er nicht auf Anhieb identifizieren. So wie es aussah, war Captain Crel eine spirituell interessierte Frau; etwas, dass der Norweger so nicht unbedingt erwartet hatte.
     Cianera Crel deutete auf einen der beiden gemütlichen Lehnstühle vor ihrem geschwungenen Arbeitstisch. „Setzen Sie sich, Mister Kuehn.“
     Valand Kuehn kam der Aufforderung nach und musterte die Tellaritin eingehender. Ihr Alter wäre schwer zu schätzen gewesen, hätte Kuehn es nicht gekannt, da Tellariten schon in jungen Jahren ein faltiges Gesicht besaßen – besonders um die Augenpartien. Ihre tiefliegenden Augen waren beinahe schwarz, und dennoch schienen sie von innen heraus zu glühen. Natürlich trug sie keinen Bart, wie ihre männlichen Landsleute. Ihr langes, dunkelbraunes Haar hatte sie mit einer breiten Holzspange gebändigt. Ihre Statur wirkte auf ihn, als Mensch, etwas mollig, doch das gedrungene Erscheinungsbild lag in der Natur ihres Volkes. Kuehn wusste zudem, dass sich Tellariten in Gewässern sehr viel agiler bewegten, als es den meisten Humanoiden möglich war, was man ihnen aufgrund ihrer körperlichen Attribute kaum zutraute. Ihre dichten, buschigen Augenbrauen erweckten den Eindruck, als würden sie regelmäßig in Form gebracht. Entgegen der landläufigen Meinung schien Captain Crel gut auf ihr Äußeres zu achten. Der für Menschen unangenehme, auffallend herbe, Geruch ihrer Haut war typisch, und so ließ sich Valand Kuehn seine Abneigung dagegen nicht anmerken.
     Die Tellaritin musterte den Ensign einen Moment lang, bevor sie sagte: „Also schön, Ensign Kuehn. Ich heiße Sie, an Bord der ALAMO, willkommen. Doch merken Sie sich Eines: Bei der RED-SQUAD gewesen zu sein zählt auf diesem Schiff gar nichts. Sie werden im Dienst dieses Schiffes Ihr bestes geben – wehe wenn nicht.“
     „Danke, Captain. Ich sehe es als eine Ehre an, auf der ALAMO dienen zu dürfen.“
     Das Gesicht der Tellaritin verfinsterte sich bereits wieder, während sie sich in ihrem Sessel vorbeugte. „Verstecken Sie Ihr wahres Gesicht, in meiner Gegenwart, niemals hinter höflichen Floskeln, Ensign. So etwas zeugt von Schwäche.“
     Kuehns Gesicht spannte sich wieder etwas an, bevor er antwortete: „Aye, Captain.“
     Cianera Crel blickte Valand Kuehn für einen langen Moment so intensiv an, das dieser bereits neues Unheil befürchtete, doch dann sagte die Kommandantin lediglich: „Damit Sie im Bilde sind, Ensign: Ich dulde im Dienst keine Nachlässigkeiten. Wer zur Crew der ALAMO gehören will, der hat Leistung auf höchstem Level zu erbringen. Sie werden lernen, ihre Fähigkeiten bis zu einem Niveau zu entwickeln, bis Fehler etwas sind, das nur Anderen machen. Und noch eines will ich Ihnen dringend nahelegen: Dies ist ein Sternenflottenschiff und kein lahmarschiger Debattier-Club. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie Ihre Meinung frei äußern, doch wenn ich einmal einen Befehl erteilt habe, dann erwarte ich, dass er ausgeführt wird. Ohne Diskussionen.“
     Kuehns Gestalt straffte sich unwillkürlich, bevor er antwortete: „Ich habe verstanden, Captain Crel!“
     „Das bezweifle ich, aber wir werden ja sehen“, konterte Triple-C widerspenstig. „Das wäre momentan alles, Ensign Kuehn. Der Erste Offizier wird Sie, nach der medizinischen Untersuchung, mit dem Dienstplan vertraut machen. Sie können gehen.“
     Der auffordernde Blick der Tellaritin veranlasste Valand Kuehn, sich schnell zu erheben. Noch während er zum Ausgang des Bereitschaftsraumes schritt klang hinter ihm die ernste Stimme der Tellaritin noch einmal auf: „Sehen Sie zu, dass Sie an Bord meines Schiffes keinen Ärger verursachen, oder Sie werden mich kennenlernen, Mister Kuehn.“
     Valand Kuehn, der bereits den Öffnungskontakt betätigt hatte, blickte über die Schulter zurück und versicherte ernsthaft: „Ich verspreche, an Bord keinen Feetz zu machen.“
     Damit wandte er sich ab – und zog erschrocken den Kopf zwischen die Schultern, als Cianera Crel durch das sich schließende Schott hinter ihm her heulte: „FHETS...?!!“

* * *


     Die Offiziere, Petty-Officers und Crewmen, die momentan auf der kreisrunden Brücke, dem Nervenzentrum des Schiffes, anwesend waren, reagierten individuell verschieden, als der neue Ensign den Bereitschaftsraum des Captains verließ. Im Grunde genommen jedoch gleich. Einige versuchten, sich krampfhaft ein Lachen zu verbeißen, andere husteten verdächtig laut.
     Valand Kuehn nickte ihnen dennoch freundlich zu, und betrat eilig den Turbolift, der ihm am nächsten lag. Als er schließlich, allein in der Kabine, nach unten fuhr, atmete er erleichtert auf. Er hatte an der Akademie bereits Tellariten kennen gelernt, doch das hatte ihn keinesfalls auf die Begegnung mit Captain Crel vorbereiten können. Doch noch bevor er Deck 6 erreichte, auf dem die Krankenstation des Schiffes lag, stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Wer einen Andorianer, wie Tar´Kyren Dheran, seinen Freund nannte, der wurde auch mit einem tellaritischen Captain fertig.
     Bereits wieder besser gelaunt verließ er den Turbolift und schritt eilig in Richtung der Krankenstation durch die weißen Gänge des Schiffes die in diesem Bereich wie ausgestorben lagen. Kein Wunder – die Besatzung hatte 24 Stunden vor dem Start wahrlich besseres zu tun, als die Krankenstation zu belagern.
     Als er die Medizinische Abteilung betrat, erblickte er eine zierliche, blonde Frau, in der blau abgesetzten Uniform für Wissenschaft und Medizin, die ihm freundlich entgegen blickte. „Hallo, Ensign. Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie unser neuer, Taktischer Offizier, Valand Kuehn, sind, der unserer Abteilung für heute, zu einer Routineuntersuchung, angekündigt wurde?“
     Kuehn erwiderte ihr Lächeln, dass sich auch in ihren blauen Augen wiederfand. „Sie vermuten richtig, Ensign.“
     Die blonde Frau reichte ihm die Hand. „Ich bin Schwester Melanie Gerlach. Doktor Veron weilt momentan auf Capella IV. Einer der Gründe warum wir hin fliegen. Seine Assistentin, Lieutenant Ahy´Vilara Thren, hat gestern eine Doppelschicht übernommen und tritt ihren Dienst erst in drei Stunden an. Ich bin zwar in der Lage, die Routineuntersuchung durchzuführen, doch falls Sie lieber auf meine andorianische Kollegin warten möchten...?“
     „Ich vertraue Ihnen“, meinte Kuehn lächelnd. Er folgte der Schwester in den Hinteren Bereich, zur Haupt-Medoliege. Während er sich darauf setzte, fragte er neugierig: „Das Schiff hat eine andorianische Assistenzärztin? Klingt interessant, Schwester Gerlach.“
     Melanie Gerlach lachte hell auf: „Nicht alle Andorianerinnen landen bei der Imperialen Garde, Mister Kuehn. Und nennen Sie mich bitte nicht Schwester Gerlach. Melanie wäre mir angenehm.“
     „Gern, wenn Sie mich dafür Valand nennen...“
     Die junge Frau, die Valand auf wenig älter schätzte als sich selbst, schmunzelte unterdrückt und meinte: „Dann legen Sie sich bitte hin und entspannen Sie sich, Valand.“
     Der Norweger tat, wie ihm geheißen, wobei sein Blick auf die rechte Hand der blonden Frau fiel. Fragend blickte er sie an, während sie die Scannereinheit über seinen Körper fuhr. „Sie sind verheiratet?“
     „Ja, seit zwei Jahren bereits. Sind Sie nun enttäuscht?“
     Valand Kuehn grinste schief. „Nein, enttäuscht werde ich erst dann sein, wenn ich feststellen sollte, dass ich der einzige Single an Bord bin.“
     Melanie Gerlach lachte erneut auf. Sie schien dies überhaupt gerne und mit Behagen zu tun. „Sie hätten wohl doch besser auf Lieutenant Thren gewartet, denn die ist nicht nur Single, sondern obendrein intelligent und sehr hübsch.“
     „Sie machen mich wirklich neugierig, Melanie.“
     „Denken Sie an etwas anderes“, versetzte die Krankenschwester launig. „Wie soll ich denn einwandfreie Durchschnittswerte ihrer Biofunktionen bekommen.“
     „Nun übertreiben Sie aber“, beschwerte sich Kuehn gespielt vorwurfsvoll.
     Ein breites Grinsen der Frau war die Antwort. „Wenn Sie sich nun endlich entspannen, dann können wir beginnen. Ich kann ja später meine Kollegin fragen, ob sie mit Ihnen ausgehen möchte.“
     „Danke, aber das erledige ich lieber persönlich.“
     „Oh“, machte Melanie und verbiss sich dabei ein amüsiertes Grinsen. „Sie gehören zu den etwas altmodisch eingestellten Männern.“ Sie hatte beinahe damit gerechnet, dass Kuehns Kopf bei diesen Worten nach oben ruckte, denn schnell lag ihre Rechte auf seiner Stirn und drückte seinen Kopf sanft wieder auf das Lager. „Liegen bleiben ich starte jetzt den medizinischen Scann, Valand.“
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