Rollentausch!

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
Robin Sir Guy of Gisborne
05.09.2014
05.09.2014
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Willkommen zu meinen zweiten Robin Hood OS!
Dieser ist länger als der erste und ich persönlich mag ihn lieber. Betagelesen wurde er ebenfalls von Jomi und Sprosse :)
Wo die Idee dazu herkam, weiß ich gar nicht mehr so genau...
Was meint ihr dazu?




Rollentausch!


<-LOCKSLEY-MANOR--<<<

Das erste, was Robin bemerkte, als er an diesem Morgen aufwachte, war, dass er sich in Locksley Manor befand. Er drehte leicht den Kopf, um sein Schlafgemach anzusehen. Locksley Manor, wie er es kannte. Bis auf Gisbornes Sachen, die überall im Raum verteilt waren.

Robin hob beide Hände, um sich den Schlaf aus den Augen zu reiben.. Allerdings sahen seine Hände nicht mehr so aus, wie er sie in Erinnerung gehabt hatte. Verwirrt schaute er an sich herunter. Dabei fielen ihm einige schwarze Strähnen ins Gesicht. Schwarz? Was zum Henker war hier los?

Wie der Blitz war er aus dem Bett. Er trug ein schwarzes Leinenhemd und eine ebenso schwarze Leinenhose. Als er sein Gesicht berührte, traf ihn die Erkenntnis: Er sah aus wie Guy of Gisborne. Steckte er etwas in Gisbornes Körper? Anders konnte er es sich nicht erklären. Aber wenn das der Fall war, was war mit Gisborne selbst passiert?

Hastig tauschte er Hemd und Hose und warf sich Gisbornes Lederjacke über die Schultern. Dann schnappte er sich das Schwert und schnallte es sich um die Hüfte. Er riss die Tür seines Schlafgemachs auf und rannte die Treppe hinunter. Die Stufen knarrten laut unter den schweren schwarzen Stiefeln, die Gisborne immer trug.

Der Diener Thornton trat aus der Tür zu den Gemächern der Bediensteten, als Robin gerade das Haus verlassen wollte.

„Sir Guy, wollt Ihr denn nichts frühstücken?“, fragte er sichtlich erstaunt. Anscheinend sah er wirklich aus wie Gisborne.

„Nein“, schnauzte Robin. Bevor Thornton noch etwas sagen konnte, fiel schon die Tür ins Schloss. Im Stall traf er seinen Stallburschen. „Sattel mein Pferd.“

Mit Gisbornes Rapphengst im Schlepptau verließ er den Hof. Schnell stieg er auf und ließ das Pferd sofort angaloppieren.



<-SHERWOOD-FOREST--<<<

Guy schlug die Augen auf und stutzte. Die Outlaws hatten ihn doch nicht gefangen genommen, oder? Wie sonst sollte er in ihr gut verstecktes Camp gelangt sein? Langsam und gähnend setzte er sich auf. Ein Gefangener sollte eigentlich gefesselt sein, dachte er. Erst nach diesem Gedanken bemerkte er die seltsame Kleidung, die er trug. Grün und Braun. Farben, die die Outlaws trugen, um im Wald nicht aufzufallen. Irgendwie kamen ihm seine Beine kürzer vor als sonst. Außerdem sahen seine Hände anders aus. Raue Haut, kurze Finger mit dreckigen Nägeln.

Was war passiert? Hatte er zu viel Wein getrunken und litt nun an den Folgen? Aber was hatte er dann im Camp von Robin Hood zu suchen?

„Robin, ist alles in Ordnung?“,  fragte jemand. Der Mann, der Robin oft als „Master“ bezeichnete, schaute ihn besorgt an. Könnte es sein, dass er plötzlich aussah wie Robin Hood?



Bei seinem Ritt durch den Wald stellte Robin fest, dass Gisborne unter ständigen Rückenschmerzen litt. Außerdem fand er es seltsam, plötzlich längere Beine zu haben.Es hätte nicht mehr lange gedauert, bis er im Camp angekommen wäre, als jemand aus dem Gebüsch brach. Erschrocken brachte er sein Pferd zum Stehen. Er stand vor sich selbst.

„Was ist hier los?“, fragte sein Gegenüber aufgebracht. Wie Gisborne sich wohl fühlte? Er redete immerhin mit jemandem, der exakt so aussah, wie er normalerweise. „Locksley, was hat das zu bedeuten?“

„Ihr scheint euch ziemlich sicher zu sein, das ich es wirklich bin“, antwortete Robin. „Aber ich weiß auch nicht, was hier los ist. Ich weiß bloß, dass ich heute in Eurem Körper aufgewacht bin.“

Gisborne brachte Robins Gesicht zum Grinsen. „Tat bestimmt gut, deinen Besitz mal wieder von innen zu sehen.“

„Sehr witzig.“ Robin versuchte eine Miene aufzusetzen, die auf Gisbornes Gesicht hoffentlich genervt aussah. „Was schlagt Ihr vor, was wir jetzt tun?“

Robins Gesicht hörte auf zu grinsen. „Ich schlage vor, wir übernehmen die Rolle des anderen, bis wir eine Möglichkeit gefunden haben, unsere Körper zurückzutauschen.“

„Einverstanden“, erwiderte Robin. „Was muss ich tun?“

„Zuerst musst du zum Sheriff reiten. Er wird dir einen Auftrag für heute geben oder dir eine andere Aufgabe zuweisen. Wenn du das soweit erledigt hast, solltest du Marian in ihrem Gemach besuchen. Danach wird der Sheriff dir wahrscheinlich eine andere Aufgabe geben. Was hättest du heute gemacht?“

Robin dreht den Kopf zur Seite. „Ich glaube nicht, dass Ihr das gerne tun werdet. Heute wird ein Gast des Sheriffs über den Großen Nordweg durch den Wald kommen. Wir wollten die Kutsche überfallen. Später wollten wir in die Burg einbrechen, die Steuereinnahmen stehlen und sie an die Armen von Locksley, Clun und Nettlestone verteilen.“

Er hatte Gisborne absichtlich verschwiegen, dass er Marian auch besucht hätte. Hoffentlich sah sie Gisborne später nicht in seinem Körper in die Burg eindringen.

„Du liegst richtig damit, dass ich es nicht gern tun werde“, begann Gisborne, „aber ich werde es tun. Ich werde deinen Ruf bewahren, keine Sorge.“

Robin nickte. „Gut. Wir sehen uns.“

Er wendete sein Pferd und verließ den Wald. Ob Gisborne das Camp wiederfindet?, fragte er sich.

Einen Vorteil hatte es, Gisborne zu sein oder jedenfalls wie er auszusehen: Er konnte Marian offiziell besuchen. Sollte er ihr die Sache erklären? Er könnte sie davon abhalten, mit Gisborne zu reden, wenn dieser mit den Outlaws in die Burg eindrang. Würde sie ihm glauben?

Mittlerweile ritt er den staubigen Weg zur Burg entlang. Er hielt den Kopf hoch erhoben, wie er es bei Gisborne häufig beobachtet hatte. Die Obdachlosen neben der Brücke bettelten ihn an, er versuchte krampfhaft, sie zu ignorieren. Am liebsten hätte er angehalten und Gisbornes Geld verschenkt.

Die Wachen am Tor ließen ihn passieren, für Robin war es ungewohnt, so einfach in die Burg zu gelangen. Er übergab das Pferd an einen Stallburschen und stieg die Treppe hoch zu einem der Eingänge in die Burg.

Der Sheriff hatte ihn - oder eher Gisborne - bereits erwartet.

„Gisborne, endlich“, begrüßte er ihn. „Ich habe eine Aufgabe für Euch.“

Robin unterdrückte ein erleichtertes Seufzen. Er hatte Schlimmeres erwartet, da er recht spät dran war. „Das habe ich bereits erwartet, Mylord.“

„Ja, ja“, sagte der Sheriff schnell. „Ihr werdet nach Clun reiten. Der Steuereintreiber traut sich nicht alleine hierher. Er könnte unterwegs überfallen werden.“

„In Ordnung.“ Robin drehte sich um und marschierte auf die Tür zu.

„Ach... Gisborne?“ Er schaute zum Sheriff zurück. „Eure Leprafreundin hat Euch gesucht.“

Leprafreundin? Wer sollte das denn sein?

„Wie bitte?“„Marian. Gisborne, ich sage es immer wieder, Frauen sind wie Lepra.“„Wie ihr meint, Mylord.“

Als die Tür hinter ihm geschlossen war, konnte sich Robin ein Grinsen nicht verkneifen. Der Sheriff hatte nicht bemerkt, dass er nicht mit Gisborne sprach.



<-GROSSER-NORDWEG--<<<

Währenddessen musste Guy sich anstrengen, um nicht aufzufallen. Er war mit den Outlaws auf dem Weg zum Großen Nordweg, allerdings hatte er keine Orientierung im Wald. Daher hatte er sich zurückfallen lassen und folgte John, der strammen Schrittes durch das Unterholz marschierte. Guy hoffte, den Outlaws keine Anweisungen geben zu müssen, denn er wusste natürlich nicht, wie sie die Überfälle sonst durchführten. Er vertraute einfach darauf, dass Robin und seine Männer das schon so oft gemacht hatten, dass alle wussten, was zu tun war.Vor ihnen tauchte der Große Nordweg auf. Unzählige Radspuren verliefen über den mit Unkraut bewachsenen Pfad. Sie blieben hinter den Gestrüppen stehen, die am Rand des Weges wuchsen. Das Gewucher trug viele Blätter, die sie perfekt verbargen, aber auch Dornen.

„Dieselben Verstecke wie immer?“, fragte Allan ihn.„Ja“, antwortete Guy knapp. Er sah die Outlaws nacheinander an. Es schien, als müsste er noch irgendetwas sagen. „Seid vorsichtig.“

Allan grinste. „Sind wir doch immer.“„Komm jetzt, Master“, drängte ihn Much. „Es dauert sicher nicht lange, bis die Kutsche kommt.“

Der Mann mit dem Kopftuch zog Guy hinter einen dicken Baum, der am Wegrand stand. Er hoffte, der ehemalige Leibdiener würde noch etwas zu ihrem Vorgehen sagen. Tatsächlich ließ dies nicht lange auf sich warten: „Bitte töte den Kutscher nicht wieder. Ich weiß, das war nur ein Versehen, aber du wolltest ihn nur erschrecken. Das klappt bestimmt genauso gut.“

„Das weiß ich doch.“ Was würde Robin in dieser Situation sagen? „Mach dir keine Gedanken, wir... “„Es geht los! Du musst schießen!“, unterbrach ihn Much.

Guy legte einen Pfeil an, spannte die Sehne, zielte und ließ los. Der Pfeil hätte das Holz neben dem Kutscher treffen sollen, der eine von zwei Braunen gezogene verzierte kastenförmige Kutsche fuhr. Allerdings verfehlte er sein Ziel, sein Pfeil surrte knapp am Gesicht des Mannes vorbei. Dieser erschrak, riss an den Leinen, woraufhin seine Pferde unwillig die Köpfe warfen und stehen blieben.

„Wer ist da?“, brüllte er. Allan trat aus dem Gebüsch hervor, gefolgt von John, Will und die Sarazenin tauchten auf der gegenüberliegenden Seite aus dem Gestrüpp auf. Schließlich stellten sich Guy und Much vor die Pferde.

„Dies“, begann Allan, „ist ein Überfall. Verhaltet Euch ruhig, dann wird Euch nichts passieren. Wir werden nur einige Wertsachen und ein bisschen Geld an uns nehmen.“

Wie auf ein unsichtbares Zeichen gingen Will und John auf den hinteren Teil der Kutsche zu.„Entschuldigt bitte“, hörte Guy John sagen. „Das hätten wir gerne.“

Die ganze Zeit über lächelte Guy. Mit Robins Gesicht fühlte sich das natürlich an, der Outlaw schien oft zu lächeln.

Will brachte ihm die Ausbeute. „Es ist nicht viel, aber es wird die Bewohner von Locksley für einige Zeit satt machen.


<-CLUN-VILLAGE--<<<

Robin war auf dem Weg nach Clun. Warum musste er den Steuereintreiber zur Burg bringen? Konnte das nicht irgendjemand anders machen? Er hatte ja gewusst, dass er heute kommen würde. Vielleicht könnte er irgendwie herausfinden, wie viel die Outlaws später erbeuten würden.

Ob der Überfall gut gelaufen war? Hoffentlich hatte Gisborne nicht die Nerven verloren. Und hoffentlich hatte er den Bogen nicht zerstört.

Der Steuereintreiber war ein gutgenährter Mann, der schon zu keuchen anfing, wenn das Pferd nur trabte. So mussten sie den Weg zurück nach Nottingham im Schritt zurücklegen. Außerdem redete er gerne. Er erzählte ihm bereits kurz nachdem sie losgeritten waren, wie viel er in den Dörfern, in denen er war, eingenommen hatte. Robin musste sich stark zusammenreißen, um nicht triumphierend zu lächeln. Gisborne schien nie zu lächeln, dementsprechend fühlte sich sein Gesicht jedenfalls an.

Und wie am Morgen hatte er mit Gisbornes Rückenschmerzen zu kämpfen. Was machte dieser Mann, dass er so verspannt war?


Nach einiger Zeit, die Robin wie eine Ewigkeit vorkam, ritten sie endlich durch das Tor nach Nottingham.
„Warum hat denn das so lange gedauert?“, brüllte der Sheriff schon von Weitem.

Robin drehte sich im Sattel zu dem Steuereintreiber um. „Das erklärt Ihr ihm. “Zwar hatte er beabsichtigt, Gisbornes Stimme kalt klingen zu lassen, aber dass sie wie Splitter aus Eis klingen würde, damit hatte er nicht gerechnet.

„Mylord“, wandte sich der dicke Mann an den Sheriff. „Es ist meine Schuld. Ich habe solche Rückenprobleme, ich konnte nur im Schritt reiten.“

„Interessiert mich das?“ Der Sheriff machte eine abfällige Bewegung. „Ein Hinweis: Nein.“Er drehte sich um, bedeutete dem Steuereintreiber ihm zu folgen und ging.

Robin ließ sein Pferd versorgen und betrat ebenfalls die Burg. Da er nun seinen Auftrag erfüllt hatte, konnte er doch Marian besuchen. Er wusste, wo sich ihr Gemach befand, weil er sie schon einmal dort „besucht“ hatte.

Seine Schritte hallten von den Wänden wider, als er den Gang entlanglief, auf dem Marian wohnte. Neben ihrer Tür standen Wachen, die ihn aber nicht weiter beachteten. Er klopfte an und nachdem Marian „Herein!“ gerufen hatte, betrat er den Raum.

„Guy“, begrüßte sie ihn. Ihre Augen blickten ihn unsicher an, scheinbar überlegte sie, was er tun würde.

„Marian, du musst mir jetzt genau zuhören. Und bitte versuche, mir zu glauben“, begann Robin. War es eine gute Idee? „Ich bin es, Robin. Ich wachte heute Morgen in Gisbornes Körper auf und er in meinem. Wir wissen beide nicht, wie das passieren konnte, aber wir sind uns einig, dass es nicht auffallen darf. Er wird mit meinen Männern in die Burg eindringen, um die Steuerabgaben zu stehlen. Aber wenn er meinen Bogen zerstört, bringe ich ihn um, sobald er wieder in seinem eigenen Körper ist.“

Marian kam auf ihn zu und legte ihm mit besorgtem Blick eine Hand auf die Schulter. „Geht es Euch gut, Guy?“„Marian!“ Robin drehte sich zum Fenster. „Du weißt, dass ich es bin.“„Was soll das?“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ihr redet dummes Zeug. Seid Ihr etwa betrunken? Ihr seid nicht Robin Hood.“

Sie glaubte ihm nicht. Na toll. „Natürlich bin ich es. Du wirst schon noch sehen.“

Er riss die Tür auf, trat hinaus und schlug sie hinter sich zu. Wütend stapfte er den Gang hinunter. Als er aber an einem Fenster vorbeikam, blieb er abrupt stehen. Gisborne und die Outlaws waren angekommen. Vielleicht würde er Gisborne beiseite nehmen und Marian von der Wahrheit überzeugen können. Im Laufschrift eilte er zurück zu ihrem Gemach. Ohne anzuklopfen stürmte er hinein.

„Komm mit, ich werde dir zeigen, dass ich die Wahrheit sage.“Zwar zog sie skeptisch die Augenbrauen nach oben, folgte ihm aber. Seite an Seite stiegen sie die Treppen zu den Kerkern hinunter. Dort hatte der Sheriff schon immer das Geld aufbewahrt.

Hinter einer Säule versteckt sahen sie die Outlaws näherkommen.„Gisborne“, zischte Robin. Zu Marians großer Überraschung drehte sich der Mann um, den sie für Robin gehalten hatte.„Geht ohne mich hinein, ich komme gleich nach“, rief er Much zu. Dann trat er zu Robin und Marian hinter die Säule.

Erst in diesem Moment wurde ihm klar, was er getan hatte. Er hatte gerade Gisborne verraten, dass Marian mit ihm zu tun hatte.

„Sagt ihr, dass wir versehentlich die Körper getauscht haben“, verlangte der Outlaw von Guy. Das tat dieser nur allzu gerne.

Er sah Marian an. „Es stimmt. Ich bin es, Guy of Gisborne.“

„Wie konnte das passieren?“, fragte Marian, die ihnen anscheinend endlich Glauben schenkte.„Ich weiß es nicht“, antwortete Guy. Dann fuhr er an Robin gewandt fort: „War wohl doch nicht so einfach, meine Rolle zu übernehmen, hm? Du hast dich immerhin verraten, Locksley.“

Es war seltsam für Guy, sich selbst in die Augen zu sehen. Besonders, wenn diese ihn feindselig anfunkelten. Dann fiel sein Blick auf die Frisur. „Was hast du mit meinem Haar gemacht?“

„Gar nichts“, erwiderte der Outlaw. So sah auch die Frisur aus.

„Guy“, sagte Marian plötzlich. „Solltet Ihr nicht die Steuerabgaben stehlen?“Er schaute um die Ecke. Die Outlaws hatten das Geld eingepackt, ohne entdeckt zu werden. „Ihr habt Recht.“

Guy entfernte sich von Marian und Robin. Irgendwie wunderte es ihn, dass Marian das Ganze dann doch geglaubt hatte. Immerhin war die Sache ziemlich absurd.„Master, wir haben alles“, rief Much und warf ihm im selben Moment einen Sack zu. „Lass uns gehen.“

Glücklicherweise schafften sie es heraus, ohne bemerkt zu werden. Das liegt daran, dass ich sie diesmal nicht entdecken kann, weil ich einer von ihnen bin, dachte Guy. Er wusste, dass das nicht so sein sollte, aber in die Burg einzudringen hatte ihm Spaß gemacht. Er genoss es, Anführer dieser Bande zu sein, da sie seinen Befehlen Gefolge leisteten. Sie waren ihm alle treu ergeben. Aber wären sie das auch, wenn sie wüssten, dass er nicht Robin war? Wahrscheinlich nicht.

Er könnte sich an ein Leben als Outlaw gewöhnen, begriff er. Wenn er aus Robins Körper nicht mehr herauskam, würde er das müssen. Robin könnte ihm, solange er in der Burg nicht enttarnt wurde, helfen, Marian zu besuchen. Er war sich sicher, ohne sie könnte er nicht leben.

„Das ist mehr als sonst“, riss ihn Will aus seinen Gedanken. „Die Armen werden sich freuen.“Das entlockte Guy ein Lächeln. Er freute sich über die gelungene Mission, er freute sich darüber, dass sie den Armen würden helfen können. Anscheinend hatte er doch eine menschliche Seite. Und die kurze Zeit mit den Outlaws hatte sie zum Vorschein gebracht.

„Dann lasst uns das Geld noch heute verteilen“, schlug John vor. „Robin?“Er schaute Guy erwartungsvoll an. Dieser stand - noch immer lächelnd - auf. „Natürlich.“

Sie zogen los, nachdem sie das Geld in kleine Säckchen gefüllt hatten. Will hatte die Aufgabe, sie an den einzelnen Häusern aufzuhängen.

„Weißt du, Robin“, begann Much, als sie in einem Versteck saßen und beobachteten, wie sehr sich die Bewohner von Nettlestone über das Geld freuten, „das mag ich von allem, was wir so tun, am liebsten. Es ist schön zu sehen, wie Leute, die ständig Hunger leiden, die Hoffnung auf einen vollen Bauch wiederbekommen. Da fällt mir ein, ich habe auch Hunger. Sehr großen sogar.“

Guy lachte leise. „Wir essen, wenn wir wieder im Camp sind.“„Wir könnten Kaninchen essen“, sagte Much sofort begeistert. „Das haben wir uns heute wirklich verdient.“

„Und morgen ist Clun an der Reihe“, murmelte Guy, als er mit den anderen zusammen in den Wald zurückkehrte. Much redete den ganzen Weg über, aber er hörte ihm nicht zu. Lächelnd lief er hinter der Bande her. Wahrscheinlich war dies der schönste Tag in seinem grauen Leben. Er hatte jedenfalls noch nie so viel gelächelt.


<-LOCKSLEY--<<<

Später am Abend, die Sonne war bereits am untergehen, lief Guy durch den Wald in Richtung Locksley. Robin müsste mittlerweile in Locksley Manor angekommen sein. Er hatte geplant, durch das Fenster einzusteigen, um zusammen mit dem Outlaw zu überlegen, wie sie ihre Körper wieder zurücktauschen könnten.

In Robins beweglichem Körper stellte es kein Problem dar, zu dem Fenster im ersten Stockwerk hinaufzusteigen. Er klopfte an das Holz. Keine Minute später öffnete ihm Robin.

„Gisborne.“ Guys blaue Augen sahen ihn belustigt an. „Ihr habt ganz schön viel Lärm gemacht. Die Wachen wollten schon nachsehen, ob Robin Hood versucht, hier einzubrechen. Kommt rein.“

Er setzte sich auf das Fensterbrett und schwang beide Beine gleichzeitig nach drinnen. Beinahe wäre er nach hinten gekippt, konnte sich aber noch halten.

„Rollentausch“, sagte er. „Hast du eine Idee, Robin?“Robin schüttelte Guys Kopf. „Leider nicht.“

Die beiden sahen sich eine Weile schweigend an. Für beide war es seltsam, sich selbst gegenüber zu stehen.

„Ich denke“, brach Guy schließlich das Schweigen, „alles, was wir tun können, ist schlafen gehen. Du in meinem Bett und ich im Camp bei den Outlaws. Vielleicht passiert dasselbe wie letzte Nacht auch. Vielleicht wache ich morgen wieder hier in Locksley Manor auf und du in deinem Camp.“

„Hoffentlich“, erwiderte Robin. „Wir werden es morgen sehen.“
Er nickte. „Aber da ist noch etwas, was ich sagen wollte.“

„Was denn?“, fragte sein Gegenüber.„Damals, als du aus dem Heiligen Land zurückkehrtest, konnte ich nicht verstehen, wie du deinen Besitz hier wegen ein paar Bauern aufgeben konntest. Aber ich verstehe dich jetzt vollkommen. Ich verstehe, warum du für die Armen und Schwachen kämpfst, anstatt ein gemütliches Leben als Adliger zu führen. Der heutige Tag hat mir so einiges gezeigt, was ich vorher nicht kannte. Ich habe wahren Zusammenhalt erlebt. Robin, deine Männer sind dir alle treu ergeben, jeder einzelne von ihnen würde ohne zu zögern sein Leben für dich geben. Ich habe gesehen, was wahre Freude ist. Ich dachte bisher, ich hätte mich immer sehr über Geld gefreut, aber jetzt ist mir klar, dass ich es als selbstverständlich angesehen habe. Die Bewohner von Nettlestone nicht. Bei ihnen war es nicht einfach Freude darüber, Geld zu bekommen, nein, sie freuten sich darüber keinen Hunger mehr leiden zu müssen. Sie freuten sich darüber, weiterleben zu können. Das alles kannte ich bis heute nicht. Ich konnte mich blind auf deine Männer verlassen, was wahrscheinlich daran lag, dass sie dachten, ich sei du, aber so was habe ich nie zuvor erlebt. Ich glaube, dieser Tag hat meine menschliche Seite berührt, sie wieder ausgegraben. Und dafür bin ich dir dankbar, Robin.“

Einige Minuten lang sagte der Outlaw gar nichts. Dann löste er sich aus der Starre, in die er während Guys Rede gefallen war und machte einen Schritt auf ihn zu. Ein wirklich herzliches Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Auch ich kann Euch besser verstehen. Glaube ich zumindest. Ihr scheint es sehr schwer zu haben mit dem Sheriff, und ich glaube, die unterdrückte Wut auf ihn macht Euch so gefühllos und kalt.“

Guy lächelte. Mittlerweile fragte er sich, warum er nicht auch sonst öfter lächelte.Er drehte sich um und lief zum Fenster zurück.

„Und... Gisborne?“, sprach Robin ihn noch einmal an.
Er schaute zurück.
„Nach alldem werdet Ihr mich und meine Männer doch nicht verraten, oder?“
„Nein“, erwiderte Guy. „Nein, das werde ich nicht.“
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