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Wenn der Tod tanzt

von Frogger
KurzgeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 Slash
03.09.2014
03.09.2014
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Das ist mein erster Beitrag zu den Puzzlegeschichten (http://forum.fanfiktion.de/t/27877/1), aber ich denke mal, ich habe die Vorgaben von Flyte Calvin ganz gut umgesetzt:
Das Wetter sollte nicht gerade kalt, aber trüb und feucht sein. Mein Gegenstand war eine Nivea-Cremedose und zwei Leute sollten in einem kitschigen Wohnzimmer sein. Außerdem war nach etwas makaberen gefragt, ob ein Thema, eine Person, ein Vorfall, oder was auch immer.

In diesem Kapitel gibt es ein bisschen grenzwertigen Humor. Schwarzer Humor kann ja auch makaber sein, dessen habe ich mich ein wenig bedient, weil es eher gepasst hat. Bitte nehmt die Witze nicht ernst, das soll nicht beleidigend gedacht sein oder ähnliches, sondern war nun mal Mittel zum Zweck.
Der Rest hängt wohl von der Interpretation ab (womit es übrigens große Probleme gab. Die Meisten meiner Testleser hatten keinen Plan von der Metapher, die durchaus als makaber gedeutet werden kann). Naja, ich habe euch schon genug aufgehalten.

Viel Spaß beim Lesen :3



Wenn der Tod tanzt



„Was für ein Scheiß-Wetter!“, beschwerte sich Erika und schloss den Regenschirm, während Delia die Haustür aufschloss.
„Es ist nun mal kein Sommer mehr. Der Herbst ist doch auch eine schöne Jahreszeit, dann werden die Bäume bunt und leuchten in allen erdenklichen Farben“, schwärmte Delia und betrat das Haus, dicht gefolgt von Erika, die einfach nur rein ins Warme wollte. Sie zog Schuhe und Jacke aus und ging dann ins Bad. Ihre ganze Kleidung war durchnässt, weil sie diesen verfluchten Schirm nicht rechtzeitig gefunden hatte, also musste sie sich wohl oder übel komplett umziehen.
„Lilly, kannst du mir bitte neue Wäsche bringen? Mir ist kalt… Oh Gott, und wie meine Haare aussehen!“
Kurz darauf trat Delia mit einem Stapel Kleidung in das Badezimmer. „Erika, deine Haare sind immer so zerzaust… aber das ist gut so, ich finde, du siehst toll aus.“
Delia lächelte und sah durch den Spiegel auch ihre Freundin lächeln, dann trat sie an sie heran und umarmte sie von hinten.
„Ich mag alles an dir… deine Haare, die sich einfach nicht bändigen lassen, deine blasse, zarte Haut, deine grasgrünen Augen, alles…“, sanft fuhr Delia über Erikas Körper, über jede einzelne Schramme, jede Narbe, jede Wunde. Dann trat sie einen Schritt zurück, drehte die andere Frau zu sich und küsste sie sanft.
„Du bist wundervoll, genauso wie du bist. Kümmer dich nicht darum, was die anderen sagen und wie sie sich benehmen. Wie wäre es jetzt mit einem schönen, warmen Bad und wenn du fertig bist, gibt es Abendessen vor dem Kamin?“
Erika lächelte sanft und strich sich durch die Haare. Schon wieder blieben ganze Strähnen in ihren Händen hängen und offenbarten eine weitere kahle Stelle ihres Kopfes. Ihr Blick trübte sich, doch dann wurde sie schon wieder von Delia geküsst.
Diese hauchte sanft gegen ihre Lippen: „Mach dir keine Sorgen darum… entspann dich jetzt erstmal und ich mach uns beiden richtig schöne Lasagne, die hatten wir schon lange nicht mehr.“
Die beiden Frauen lösten sich und lächelten sich nochmal an, ehe Erika das Wasser einließ und Delia in das Wohnzimmer ging, um schon mal das Holz im Kamin zu entzünden und danach das Essen vorzubereiten.



Ein ausgiebiges Schaumbad später trat Erika in das Wohnzimmer ein. Es war gefüllt mit warmen Farben, die Wände gestrichen in zarten Rottönen und weiß, das einladende Dunkelbraun des Holztisches und der Stühle, die blossrosane Tischdecke, die zu dem Sofa-Überwurf passte und der rote Teppich auf dem Holzboden in einem warmen Braun. Ja, dieses Wohnzimmer war ein wahrer Traum für Erika, dennoch ließ sie sich traurig auf das Sofa vor dem Kamin sinken und betrachtete die Bilder an der Wand. Es waren Bilder von besseren Tagen, als sie noch nicht so krank war. Als ihre Haare noch nicht ausfielen, ihre Haut nicht andauernd aufriss und ihr Körper nicht zum Großteil von Narbengewebe überseht war.
Das war nun schon viele Jahre her. Schon damals hatte sie Delia, ihre geliebte Lilly, gekannt, auch wenn es ihrem Körper seit ihrem Treffen immer schlechter erging. Als sie sich das erste Mal begegneten, war Delia wegen der Arbeit zu ihr gekommen und hatte ihr das näher rückende Ende mitgeteilt, doch Erika wollte nicht aufgeben und so Delias Interesse geweckt. An diesem Tag hatte sich Delia entschieden, mehr Zeit mit ihr zu verbringen.
Oft hatten sie gemeinsam getanzt, doch Erika hatte trotz ihrer angeschlagenen Gesundheit nicht aufgegeben. Delia wurde klar, dass Erika so lange durchhalten würde, wie sie nur konnte und da sie sich so gut verstanden, wollte sie bei ihr bleiben.
Nun waren sie schon seit einer Ewigkeit zusammen und dennoch schien Delia sie jeden Tag mehr zu lieben.
Erikas Lippen umspielte ein leichtes Lächeln. Ja, Delia war wie Balsam für ihren geschundenen Körper. Sie war so lebensfroh, so sanft und gutmütig, als könnte sie kein Wässerchen trüben.
Das Lächeln verschwand wieder. Sie war ohne Delia aufgeschmissen. Bevor sie sie kennengelernt hatte, war sie ziemlich oft alleine gewesen. Damals hatte es sie nicht gestört, sie hatte sich einfach in eine Blumenwiese gesetzt und der Natur gelauscht. Doch seit sie Delia kannte, wollte sie nicht mehr alleine sein. Es war viel schöner, zusammen am Strand entlang zu laufen, über die Wellen zu springen, gemeinsam auf den Felsen zu sitzen, dem Meer beim Rauschen zuzuhören und den Wind in den Haaren zu spüren, durch den Regen zu tanzen, sich Hand in Hand jedem Sturm zu stellen, einfach aus vollem Herzen herauszuschreien, dass man lebt, dass man glücklich ist und frei. Dass es für immer so bleiben sollte.
Aber es blieb nicht so. Erika wurde kränker und kränker, sie verlor immer mehr Gewicht, ihre Haut war blass und immer neue Wunden öffneten sich. Von der damals unglaublichen Haarpracht war immer weniger übrig und Erika fragte sich immer wieder, wann Delia sie wohl wegschicken würde. Wann sie es nicht mehr aushielt mit ihr, ihr nicht mehr zusehen konnte, wie sie körperlich nur noch ein Schatten ihrer selbst wurde.

Gleich müsste das Essen fertig sein und Delia würde mit zwei Tellern und der Lasagne den Raum betreten, ihn mit ihrer Freude und Leben erfüllen und Erika sagen, dass sie sie liebte, auch wenn sie es manchmal nicht einmal schaffte, alleine zu laufen, weil ihre Beine plötzlich nachgaben.
Damit ihre geliebte Lilly das nicht mit ansehen musste, stand Erika schnell auf und ging zum Tisch, nahm sich einen Stuhl und sah dem Kaminfeuer beim Flackern zu.
Kurze Zeit später kam auch schon, wie vorhergesagt, Delia in den Raum und stellte Essen und Teller ab. Sie setzte sich neben Erika, strich ihr zart über die Wange und flüsterte: „Tut mir Leid, Schatz… ich muss gleich wieder zur Arbeit, es gab einen Unfall…“
„Ich warte mit dem Essen gerne auf dich, geh ruhig und tu, was du tun musst“, flüsterte Erika lächelnd zurück, aber Delia erkannte, dass etwas mit ihr nicht stimmte.
„Was ist los, Erika…? Liegt es an der Lasagne? Du hast sicher auch gehört, dass Sägespäne im Fleisch gefunden wurden, aber ich kann dir versichern, bei der Zubereitung kam kein Schaukelpferd zu schaden!“
Jetzt musste die kranke Frau doch wieder lachen. „Danke… dein schwarzer Humor bringt mich immer wieder zum lachen!“
„Aber ich bin doch gar nicht Schwarz, oder siehst du mich auf den Plantagen arbeiten?“, kam es danach gespielt empört von Delia und Erika brach nun wirklich in fröhliches Gelächter aus.
„Okay, okay, ich hab’s verstanden: Nicht Trübsal blasen.“
Aber Delia schien noch nicht fertig zu sein: „Gut, ich befürchte sonst noch, dass du dich von mir trennst, um einige Kilo überschüssiges Gewicht loszuwerden. Okay, das war vielleicht etwas zu weit hergeholt, aber ich bin eben blond.“
Inzwischen hielt sich Erika vor Lachen den Bauch.
„Wag es ja nicht, mir vor Lachen zu sterben, sonst muss ich mir ja ‘nen Stapel Kondome zulegen“, fuhr Delia fort und fügte auf Erikas verwunderten Blick hinzu, „Denn ein Kondom und ein Sarg haben was gemeinsam, es ist ein Steifer drin.“
Während Erika sich ein paar Lachtränen aus den Augenwinkeln wischte, meinte sie: „Aber es gibt auch gravierende Unterschiede: Der eine kommt, der andere geht.“
Beide lachten gemeinsam, verabschiedeten sich dann und Delia beeilte sich, zu ihrer Arbeit zu kommen.

Um nicht einfach nur herumzusitzen, stand Erika auf und ging ins Bad. Eigentlich hielten sie und Delia nichts von Kosmetika, doch hinter den Spiegel hatte sie ein bisschen Schminke und Hautcreme gebunkert.
Sie nahm sich etwas zur Grundierung und ihr Puder, musste jedoch feststellen, dass sie schon wieder zu bleich für die eh schon unglaublich hellen Töne war. Mit einem Seufzen trug sie sich also zarten Lippenstift auf, um nicht mehr ganz so Leichenblass zu wirken. Ihre Unterlippe war schon wieder rissig und würde bald erneut anfangen zu bluten, aber heute Abend wollte sie schön sein.
Sie griff sich die Nivea-Cremedose und trug die Creme vorsichtig auf ihre Haut auf, um keine neuen Aufschürfungen hervorzurufen und in der Hoffnung, dass die Creme ihrer Haut vielleicht ein bisschen helfen würde, noch etwas länger durchzuhalten.
Als sie hörte, wie die Wohnungstür geöffnet wurde, legte sie die Sachen schnell wieder zurück, betätigte die Spülung, wusch sich die Hände und ging ins Wohnzimmer, wo Delia vor dem Kamin saß und neues Holz auf die Flammen legte.
„Und, wie war es?“, fragte Erika und Delia richtete sich auf.
„Es war recht schön. Der Mann, den ich wegbringen musste, sah recht gut aus. Rhythmusgefühl hatte er zwar auch, aber ich habe gemerkt, dass seine Seele eigentlich noch nicht bereit war. Zum Glück hat er es aber recht schnell akzeptiert, wer weiß, wie lange das sonst noch gedauert hätte…“
„Aber ich dachte, du tanzt gerne?“, gab Erika verblüfft von sich.
Delia trat ganz nah an sie heran, legte eine Hand auf ihr Schulterblatt und nahm Erikas Hand in ihre andere.
„Ja, mit dir“, als Erikas Hand auf Delias Oberarm ruhte, begannen die beiden langsam, sich zu bewegen. „Niemand ist so sehr im Einklang mit mir, wie du. Ich liebe es zu tanzen, nur was es bewirkt finde ich schade. Durch das Tanzen baut man eine starke Bindung auf, diese dann einfach für immer zu lösen… Aber ich bin froh um jeden Tanz, den ich bekomme, denn alleine macht es nicht so viel Spaß.“
Erika hatte die ganze Zeit gelauscht und beobachtet, wie Delia während dem Erzählen doch immer wieder leicht lächelte.
„Ich finde es beeindruckend, wie du trotz allem immer noch so fröhlich und so rein sein kannst… Weißt du, Lilly… Die Lilie steht für Reinheit, für Unschuld, für Leidenschaft und Lebensfreude. Sie ist ein Zeichen wahrer, aufrichtiger Liebe… Und dagegen ich… Die Erika, eine Blume, die für Einsamkeit steht…“, erklärte Erika und sie verharrten in ihren langsamen Bewegungen.
„Ich finde, die Erika ist eine wunderschöne Blume. So wie alles in der Natur“, sagte Delia ernst und trat einen Schritt näher, „Deshalb braucht die Natur auch keine Schminke und keine Hautcreme“, sie klang kurz ein bisschen tadelnd, hatte Erika durchschaut, „Sie ist gut und toll so, genauso wie sie ist. Ich werde die Natur immer lieben, ich werde dich immer lieben. Und wenn du irgendwann nicht mehr bist, dann werde ich an dich denken, daran, wie wir beide getanzt haben, gemeinsam und nicht allein, an die schöne Zeit, die wir hatten. Irgendwann, wenn du nicht mehr bist, das ist nicht heute. Sieh aus dem Fenster, sieh die Bäume an, wie sie alle erdenklichen Farben tragen. Noch haben sie ihre Blätter nicht abgelegt. Kosmetika können dich nicht heilen. Das, was du brauchst, ist Liebe und Zuneigung.“
Mit diesen Worten fasste Delia ihre Gefährtin wieder und begann, sie in einem wundervollen Tanz durch das Zimmer schweben zu lassen, bewegte sich mit ihr durch das ganze Haus in schwungvollen Drehungen, mit schnellen Schritten und der Melodie der Natur im Hintergrund, die Erika leise summte. Es war, als würden alle Pflanzen im Haus wachsen und erblühen, als würde sich alles aufrichten, um ihnen beim Tanzen zuzusehen und Erikas Wunden schienen sich langsam zu schließen. Ja, alles war gut, wie es war. Irgendwann, dachte Erika, würde sie nicht mehr sein und die Menschheit würde sie zerstört haben, aber bis dahin würde sie mit Delia tanzen, einen Tanz um Leben und Tod, den die Natur tanzte. Sie würde tanzen, bis sie in Delias Armen verstarb, bis auch die letzte Blume ihr Köpfchen senkte, jeder Baum seine Blätter auf ewig abgeworfen hatte und die Erde unter Beton erstickte. Sie würde tanzen, bis ihre Seele sich durch die leidenschaftlichen Bewegungen nicht mehr am Körper halten konnte und sich löste. Sie würde mit dem Tod tanzen, solange Delia ihr Partner war und wollte sonst auch keinen anderen.
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