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In meiner Brust der kälteste Winter

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12 / Gen
03.09.2014
03.09.2014
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Mein Beitrag für den Liederthemen-Oneshot Wettbewerb von Nidoqueen: http://forum.fanfiktion.de/t/27084
Lied: Stolen Dance - Milky Chance


In meiner Brust der kälteste Winter

HERBST

Simon sitzt im Auto, als sie Kieren holen kommen. Er hat die Heizung angemacht, obwohl er Kälte nicht spürt, einfach aus einer alten Gewohnheit heraus; er glaubt fest daran, dass ihn Kleinigkeiten menschlicher machen - Kieren hat so viele Kleinigkeiten, die es zu lieben gilt.
Es ist ein lauer Herbstmorgen, Simon schaut unverhohlen dabei zu, wie sie Kieren’s Kopf nach unten drücken, gerade ein bisschen zu grob, damit er sich nicht an der Tür stößt.

Simon wartet noch bis der Wagen verschwunden ist, bevor er den Zündschlüssel herumdreht.

Drei Tage später wummert Amy an seine Haustür, sie ist stinkesauer, so wütend ist sie, dass sie vor lauter Zorn beinahe einen roten Kopf bekommt.
Simon öffnet ihr widerwillig, aber er kann sie nun einmal nicht schreiend und tobend auf der Matte stehen lassen; sie passt ihm momentan wirklich nicht in den Kram.
„Simon Monroe“, Amy stürmt an Simon vorbei in die ordentliche Dunkelheit seiner Wohnung, die kleinen Hände zu Fäusten geballt, „Du bist der blödeste untote Dummkopf der jemals die Freude hatte, meine Bekanntschaft zu machen!“

Simon gibt der Tür einen Schubs, kurz darauf fällt sie mit einem ratternden Knall in die Angeln.

„Hallo Amy“, sagt er bloß kurzangebunden, dann stellt er sich an die Spüle und streift sich die Pulloverärmel nach oben, bis knapp unter die bleichen Ellenbogen.
Amy bläst entrüstet die Wangen auf.

„Na hör mal! Ich hab Kieren seit Tagen nicht gesehen, mach mir Unmengen Sorgen, dass sich der kleine Schussel wer weiß was einfallen hat lassen - und dann muss ich erfahren, dass sie ihn zurück ins Behandlungszentrum geschickt haben!“, Amy macht große Gesten mit den Händen, die Simon aus den Augenwinkeln wahrnimmt. Er zuckt mit den Schultern, was so viel heißt wie „Ja und, was soll ich deiner Meinung nach tun“. Amy starrt ihn ungläubig an, wie er in aller Seelenruhe sauberes Geschirr abwäscht, das tut er oft, obwohl er ja nicht isst, streng genommen; alles bloß Schein.

Sie schweigen sich bockig an, ein leichter Herbstwind bauscht die Vorhänge auf und irgendwann ist Amy wieder weg - Simon dreht den Schlüssel im Schloss und trocknet sich die Hände am Geschirrtuch ab. Dann setzt er sich aufs Sofa und heult wie ein Schlosshund, weil er Kieren weder beschützen noch wahrhaftig retten kann.

Irgendwann geht Simon nach draußen. Er stopft die bläulichen Hände tief in die Parkataschen und stapft durch die Flur bunten Herbstlaubs, unweigerlich muss er an Kieren denken, an seine kupferrote Mähne; das viele Lachen, das sie sich heimlich hinter aller Rücken geteilt haben.
Simon zieht die Nase hoch, jetzt heißt es wieder Einsamer Wolf sein, unantastbar und kalt - mit Furcht bemerkt Simon, dass er das vielleicht gar nicht mehr kann.

(In ihm köchelt noch Kieren’s Liebe)

Es beginnt zu regnen, als Simon sich dem Roarton Legion nähert, schwere Tropfen klaren Wassers klatschen unbemerkt auf sein Gesicht. Als er den Pub betritt, verstummt das geschäftige Stimmenwirrwarr, welches ihm von draußen entgegen geschwirrt ist wie ein Schwarm Bienen - Pearl wirft ihm einen raschen Seitenblick zu, sie zapft mit sicheren Händen eine Pinte, neigt den Kopf sanft in Richtung der Stelle, an dem sie das Poster angebracht hatten: Keine Bedienung für Verrottende.
Simon durchquert den Raum, fühlt die hasserfüllten, kleinen Augen auf seinem Körper - das ist ganz normal in kleinen Städten, wo nunmal jeder jeden kennt.

„Eine Pinte“, sagt Simon schließlich fest, kramt in den Tiefen seiner Taschen nach dem nötigen Kleingeld, ein paar Münzen gibt es da immer zu finden.

Pearls Blick pendelt unruhig zwischen Simon und dem Zapfhahn hin und her, bis sie schließlich kleinlaut: „Aber ihr trinkt doch nicht“ murmelt, sie meidet seinen Blick so gut es geht, aus Scham und auch aus einem dem Umfeld entsprechenden Ekel heraus.

Simon legt zwei Pfund auf den Tresen, irgendjemand murmelt: „Hier drin stinkt es“, gerade so laut, dass es gut vernehmbar ist. „Ich möchte gerne ein bisschen hier sitzen bleiben“, sagt Simon bloß, sein Herz ist wild genug, den stumpfsinnigen Bemerkungen der Einheimischen ein dickes „Mir egal“ entgegenzusetzen. Ein Tropfen Regenwassers plumpst von seiner Nasenspitze, er wischt sich geistesabwesend mit der Hand übers Gesicht.

„Monroe“, bellt Gary Kendall, der mit Jam in einer dunklen Nische hockt, die Kappe der HVF tief ins Gesicht gezogen, „Wenn du hier sitzen bleiben willst, musst du auch was bestellen“.

Simon kabbelt an seinen Fingernägeln, als er nüchtern feststellt: „Dich habe ich hier drin auch noch nie bezahlen gesehen, Kendall“, mit einem so rotzfrechen Unterton, dass Gary in die Höhe fährt und Jams Pinte umstößt - „Gary!“, macht Jam mit großen Augen, Kleckser braunen Bieres über ihre Uniform verteilt.

„Irisches Aas!“, geifert Gary und wuchtet seine Faust auf die Tischplatte, „Hast du schon mal darüber nachgedacht, warum das so ist? Hm? Weil Typen wie du sich an dieser Gemeinschaft vergreifen wollten. Weil Typen wie du Menschen, Nachbarn, kaltblütig umgebracht haben! Und weil wir Typen wie dich - einen nach dem anderen - kaltgemacht haben! Ekelhafte Biester wie dich und deinen stinkenden kleinen Freund“. Gary spuckt aus, er hasst mit der Intensität, mit welcher Kieren liebt; Simon sagt mit bebender Stimme: „Ich geb ihm einen aus“ und hastet mit wackeligen Knien zwischen den Tischen hindurch der Tür entgegen.

„Von Verrottenden lass ich mich nicht einladen“, brüllt Gary noch, bevor Simon erneut im Regen steht, die Wut in seinem Bauch hart wie ein faustgroßer Tumor - er wünscht sich die Wärme einer Umarmung für einen Moment so inniglich, dass er darüber vergisst, dass er nicht fühlen kann.

Ein paar Tage später steht Simon vor Gary’s Haus, eine Tablette Blue Oblivion in seiner Hand - er steht da noch eine Stunde, bevor er die Tablette zurück in seine Hosentasche stopft.

WINTER

Es schneit über Nacht. Simon hockt in der Küche und blättert durch die Lokalzeitung, ein paar Todesfälle, einige Debatten über PDS; Kieren ist seit sechs Wochen in Norfolk.
Ohne großes Interesse überfliegt Simon einen Artikel über die Erweiterung des Gemeindezentrums, dann packt er einen Laib Brot in die tintenschwarzen Seiten und wirft sich den Parka über die Schultern. Ohne ein richtiges Ziel schlendert Simon durch die Nachbarschaft, er versucht seine Schuhe zu fixieren, alles erinnert ihn so schmerzhaft an Kieren - wie aus heiterem Himmel fällt ihm plötzlich wieder ein, wie sie zusammen vor dem Supermarkt gesessen haben.

Kieren hat gesagt: „Da drin hab ich jemanden getötet, Simon. Und ich kann mich so klar daran erinnern, dass ich mich manchmal frage, ob ich je damit aufgehört hab“. Simon hat nach seiner Hand gefasst, zart wie Quellwasser haben sich ihre Finger umflossen. „Du bist kein grausamer Mensch“, hat er bloß gesagt, und es reicht für sie beide aus.

(Kieren kann ein starkes Herz haben, kann ein wahres Kämpferherz haben)

Die Einsamkeit pocht wie ein dumpfer Schmerz unter Simons Haut, frisst sich wie Maden in sein Fleisch; er weiß wie sich das anfühlt, so hohl und durchflossen von Gift und Schleim - das ist ein schrecklich vereinnahmendes Gefühl.
Er lässt sich auf die dünne Schneedecke sinken, brockt ein Stück Brot ab und beißt zögerlich hinein - es schmeckt nicht, nach gar nichts, doch es füllt die Leere, wenn auch bloß die biologische.

Ein paar Minuten später erbricht Simon schwarze Pampe, die sich über das makellose Winterweiß ergießt.

(In ihm bleibt nichts als verrottende Organe)

In halsbrecherischer Trauer versucht Simon eines Morgens mit Kierens Eltern zu sprechen. Er steht zeitig auf der Matte, hat sich mit Make-Up die tote Haut zugekleistert, die Haare ordentlich zur Seite gekämmt - so falsch tritt er auf, dass er sich wundert, nicht sofort an Ort und Stelle verrückt zu werden vor Scham.

„Mrs. Walker“, stammelt Simon schließlich, als Kierens Mutter ihn durch die milchig-weiße Scheibe beäugt, „Können Sie sich an mich erinnern? Simon Monroe, ich war zum Essen da“

Ein verräterisches Glänzen blitzt in Mrs. Walkers Augen auf, ganz so als wisse sie, weswegen er hier ist  - warum sollte er auch sonst den Weg auf sich nehmen, wenn nicht für Kieren (alles und immer für Kieren)

„Kieren schläft, Simon“

Die Lüge ist so banal, dass Simon und Mrs. Walker ein betretenes Schweigen lang aneinander vorbeischauen. „Komm nicht mehr vorbei“, setzt Mrs. Walker schließlich hinterher, dann verschwindet ihr Gesicht und hinterlässt nichts außer einer beschlagenen Stelle dort, wo ihr Atem das Glas geküsst hat.

Simon ist so voller wilder Angst um Kieren und seine Liebe, dass er einige Tage lang in der Nähe des Walker-Hauses lauert - er hat keinen echten, greifbaren Grund dafür, bloß panische, sich wichtig nehmende Zuneigung. Er lungert auf der Bordsteinkante zur Einfahrt, wirft in regelmäßigen Abständen hoffnungsschwere Blicke über die Schulter - irgendwann läuft zufällig Amy vorbei und setzt sich zu ihm, bis sie sein trauriges Schweigen nicht mehr erträgt.
„Er ist weg, Simon“, sagt sie lauter und wütender als beabsichtigt - er beansprucht Kieren so sehr für seine Liebe, dass für ihr Vermissen gar kein Platz mehr bleibt.
Simon sagt bloß: „Ich weiß, Amy“ und bleibt wie angeklebt sitzen.
Das geht so lange, bis Kieren’s Vater ihm damit droht, die HVF zu verständigen.

Anfang Januar gibt Simon Kieren auf. Es ist das hässlichste Gefühl der Welt.

FRÜHLING

Es ist Mai als Kieren nach Hause kommt. Simon hört es von Amy, die mit viel Aufregung in seine Bude stürmt, in jeder Falte ihres Petticoats scheinen eintausend freundliche Lächeln zu stecken; Simon zittert so sehr, dass ihm der Teller aus der Hand gleitet und mit einem schepperndem Krachen am Boden zerschellt.

(So viel Licht bricht ganz urplötzlich durch das Schlüsselloch)

Amy zieht ihn an der Hand hinter sich her, wild wirbelnd posaunt sie belanglose Dinge hinaus. „Wir müssen mit Kieren auf den Kirmes gehen, ich war mit Philipp schon dort, Simon, es ist ganz herrlich!“ - und dann sieht er ihn.

Eine kalte Angst breitet sich in Simon aus, dass es wahr ist, was Kieren gesagt hat, dass er immer noch Menschen töte, fernab allen Lichts - „Amy, wie kann ich sicher sein, dass ich überhaupt fühle? Wie kann ich sicher sein, dass ich überhaupt lieben kann?“, platzt Simon heraus, wimmernd und angstvoll, er bleibt wie angewurzelt mitten auf der Straße stehen.
Es klingt furchtbar kitschig und abgehalftert, was er sagt, warum auch nicht, immerhin ist er im tiefsten Inneren seines Herzens ein Romantiker, unter all dem Ultrafanatismus für die Undead Liberation Army.

Amy seufzt so tief, dass sie sich beinahe an der vielen Luft verschluckt, packt ihn grob am Kragen und sagt sehr ernst: „Halt den Mund, Simon Monroe, und schnapp dir diesen hübschen Kerl“

Es dauert weitere dreieinhalb Minuten, bis Simon und Kieren sich gegenüberstehen.

„Hey“, sagt Kieren leise und zieht sich die Ärmel seiner Kapuzenjacke über die bläulichen Fingerspitzen.

„Hey“, sagt Simon mit tanzendem Herzen, ein schiefes Lächeln auf den Lippen.

Es ist früher Nachmittag als Simon erkennt, dass das mit dem Fühlen überhaupt nicht wichtig ist. (Solange man liebt)
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