Let Me Forget

GeschichteSchmerz/Trost / P12
Maid Marian Robin Sir Guy of Gisborne
02.09.2014
02.09.2014
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So, hier kommt nach längerer Zeit mal eine neue Geschichte von mir. Fertig habe ich diesen OS schon seit Ewigkeiten, gebetat wurde er auch schon vor einigen Wochen (dankeschön, Sprosse und Jomi!), ich war bloß zu faul, ihn hochzuladen.
Über Kritik würde ich mich freuen (über Lob natürlich auch^^), ich will mich ja verbessern ;)
Inspiriert wurde dieser OS übrigens von dem Lied "One Thing Left" von Richard Marx.



Let Me Forget


I wish my eyes could
forget what they've seen


Blut.
Marians Blut.
Es durchtränkte ihr weißes Kleid. Ihre blauen Augen, die er immer schon geliebt hatte, starrten ihn entsetzt an, schienen nicht glauben zu wollen, was sie sahen, als er sie mit seinem Schwert durchbohrte.
Das Bild verschwand. Stattdessen sah er jemand anderen vor sich.
Robin Hood. Sein Gesicht war wutverzerrt, als er schwor, sich zu rächen.
Zum zweiten Mal änderte sich das Bild. Er sah wieder Marians Gesicht, bleich wie Pergament, ihre Augen waren größer, als er sie jemals gesehen hatte. Egal, wohin er sich drehte, ihr Gesicht verfolgte ihn. Ihre Augen blickten ihn anklagend an, aber er gab allen die Schuld, außer sich selbst. Auch Marian war daran schuld.



Guy wachte schweißgebadet auf. Diesmal hatte er den Traum nach dem ersten Teil verlassen können. Er hatte den ganzen Traum schon zu oft geträumt, sodass er mittlerweile auswendig wusste, wie er verlief. Jede Nacht dieselbe Qual.
Ein Blick zum Fenster verriet ihm, dass es noch tiefste Nacht war. Er schwang die Beine aus dem Bett und stand auf. Ihm wurde kurz schwindelig, aber nachdem er einen Moment lang stillgestanden hatte, war das Gefühl weg.

Er überlegte, was er nun tun sollte. Weiterschlafen kam nicht in Frage, da er sich sicher war, dass der Traum, oder zumindest ein Teil davon, zurückkehren würde. Frische Luft hingegen würde ihm sicher gut tun.
Bevor er die Tür seines Schlafgemachs erreichte, hatte er eine andere Idee. Ein Plan entstand in seinem Kopf, als er sein Hemd auszog und es sich zwischen die Knie klemmte. Dann nahm er einen schmalen Gürtel aus seiner Truhe und band ihn sich um den Bauch, etwa eine Handbreit über den Saum seiner Hose. Daran befestigte er nun seinen Dolch und zog sein Hemd wieder an. Jetzt kann ich gehen, dachte er.

Für sein Vorhaben war sein Schwert nur hinderlich, aber er hätte es trotzdem gerne mitgenommen. Leise stieg er die Treppe hinunter und achtete darauf, nicht auf die Stellen zu treten, die laut knarrten. Zwar knarrte das ganze Holz der Treppe, aber nicht laut genug, um jemanden auf ihn aufmerksam zu machen.
Da er wusste, dass die Eingangstür seines Hauses bewacht wurde, versuchte er erst gar nicht, auf diesem Weg nach draußen zu gelangen. Er konnte es nicht gebrauchen, gesehen zu werden, es reichte, wenn sie am Morgen bemerken würden, dass er verschwunden war.

Guy betrat einen kleinen Raum im Erdgeschoss, der momentan nicht benutzt wurde. Dieses Zimmer hätte ein Werkraum für Marian werden sollen, da sie einmal gesagt hatte, sie sticke gern. Marian... Wieder blitzte das Bild von seinem Schwert, das in ihrem Bauch steckte, vor seinem geistigen Auge auf. Schnell verdrängte er es und durchquerte den Raum. Er öffnete das einzige Fenster und sah nach unten. Keine Dornen oder sonst etwas, das ihn hätte verletzen können. Den rechten Fuß auf das Fensterbrett setzend, drückte er sich mit dem linken vom Boden ab und sprang mit einer geschmeidigen Bewegung durch das Fenster nach draußen.

Er ließ das Dorf hinter sich, betrat den Wald. Seine Schritte waren auf dem weichen Boden kaum zu hören, da Nadeln und tote Blätter die Geräusche dämpften. Mit seinem Schwert hätte er sich nicht so einfach durch das Unterholz schlängeln können, wie er es nun tat. Auch seine schwere Lederweste, die ihm etwas zu weit war, hätte leise geknarzt. Er war froh, dass er sie nicht mitgenommen hatte.

Eine leichte Brise wehte ihm sein mittlerweile recht langes schwarzes Haar ins Gesicht. Es war durch fehlende Pflege fettig geworden und klebte in dicken Strähnen zusammen. Da Marian nicht mehr lebte, hatte er keinen Grund gesehen, sich zu waschen. Marian. Schon wieder tauchte sie ihn seinen Gedanken auf. Er wünschte sich, für eine Weile gar nichts denken zu müssen, für eine Weile seine immerzu umherschweifenden Gedanken einsperren zu können.

Plötzlich sah er eine Bewegung im Augenwinkel. Er blieb stehen und drehte sich langsam um. Mit dem Rücken zu ihm saß Robin Hood auf einem Baumstamm. Er hatte den Kopf auf seine Hände gestützt und schien, genau wie Guy selbst, nicht schlafen zu können.

Eigentlich war dies seine Chance, sich anzuschleichen und den ehemaligen Lord of Locksley endlich zu töten. Aber eine andere Idee hielt ihn auf. Er kann nicht die ganze Nacht hier sitzen, überlegte Guy, irgendwann muss er zurück in sein Lager. Und dann würde er ihm folgen. Zwar würde er dabei das Risiko eingehen, selbst getötet zu werden, aber wenn das nicht passierte, kannte er das Lager der Outlaws und konnte zurückkommen, um ihre versteckte Beute zu holen. Ein bisschen Geld konnte er immer gut gebrauchen.

Robin saß noch lange auf dem Baumstamm. Er fragte sich, was den Outlaw vom Schlafen abhielt. Träumte er auch von Marian? Vielleicht kam er, wie Guy, nicht mit ihrem Verlust zurecht. Oder hatte er sich aus dem Lager geschlichen, um in Ruhe nachzudenken?

Endlich stand er auf. Er streckte sich wie eine Katze, bevor er gemütlich losstiefelte. Guy folgte ihm mit großem Abstand, darum bemüht, lautlos und unauffällig zu bleiben. Wie er es erwartet hatte, führte er ihn auf direktem Wege zum Camp. Anscheinend hatte er nicht bemerkt, dass er verfolgt wurde.

Guy staunte, als Hood einfach nur einen Hebel im Fels herunterzog und sich eine mit Laub bedeckte Klappe öffnete. Sie schien an Holzpfosten befestigt zu sein. War nicht einer von Hoods Outlaws Zimmermann?

Bevor Robin die Klappe mit einem zweiten Hebel wieder schließen konnte, huschte Guy hinein und drückte sich Flach an die Wand neben einem dicken Pfosten.
Im Camp war es stockdunkel. Aus einer Art Regal hörte er die regelmäßigen Atemzüge der schlafenden Outlaws. Platzsparend, dachte er. Keiner von ihnen schien Robins Abwesenheit bemerkt zu haben. Der Anführer kroch in sein „Regalfach“, das unterste von dreien. Er streckte sich flach auf dem Rücken aus und zog ein Fell, das als Decke diente, bis zu seiner Brust hoch.

Guy wartete eine ganze Weile ab, ob noch etwas passieren würde. Aber wie es aussah, war sein Feind eingeschlafen. Tief geduckt schlich er an der Wand entlang auf das Bett Hoods zu. Er ließ sich vor dem mit dicken Fellen und Decken bedeckten Brett vorsichtig auf den Knien nieder, dann schob er sein Hemd ein Stück nach oben und löste den Dolch aus dem Lederriemen. Den Griff seiner Waffe mit beiden Händen fest umschlossen hielt er die Klinge über die Brust seines Feindes. Er zielte und hob ihn höher, um stärker zustechen zu können, doch in diesem Moment schlug Robin die Augen auf. Guy erstarrte. Was würde der Outlaw jetzt tun?

Er tat gar nichts. Aus seinen hellblauen Augen starrte er ihn erschrocken an. Anscheinend wusste er genauso wenig, was er nun tun sollte. Dann, als wäre Robin gerade klar geworden, was hier passierte, griff er blitzschnell Guys Handgelenke. Dieser lag schneller auf dem Rücken, als ihm lieb war.

Großartig gelaufen, dachte er. Mal wieder hatte er dabei versagt, Hood zu töten.
Der Rest der Outlaws war durch den Lärm auch aufgewacht und war sofort an Robins Seite. Little John band Guys Hände fest zusammen, während die anderen ihn bloß anstarrten.

„Schon wieder gescheitert, Gisborne“, spottete Hood. „Hättet Ihr nicht gezögert, wäre ich jetzt tot.“
„Master, was werden wir mit ihm machen?“, fragte Much. „Wirst du ihn töten? Natürlich wirst du ihn töten. Er hat Marian auf dem Gewissen. Aber du hast immer gesagt, wir töten nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss.“

Hood verdrehte die Augen. „Much. Siehst du nicht die Ringe unter seinen Augen? Wir würden ihm einen Gefallen tun, wenn wir ihn töten würden.“
„Du meinst, er leidet jetzt schon?“, wollte Much wissen. Dann sah er sich den Gefangenen genauer an. „Natürlich, du hast Recht. Er muss Albträume haben. Ich hatte auch Alpträume, nachdem wir aus dem Heiligen Land zurück waren. Es geht nicht einfach an jemandem vorbei, einen Menschen zu ermorden.“
„Wir fesseln ihn an einen Baum“, entschied Robin. Guy seufzte auf. Das hatte ihm gerade gefehlt. Er hatte gehofft, er könnte sich irgendwie befreien und fliehen, aber momentan sah es nicht so aus, als ob das möglich sei.



Wenige Augenblicke später saß er an einen Baum gelehnt auf dem Waldboden, sein Oberkörper war mit einem Seil umwickelt, seine Handgelenke auf der anderen Seite des Stammes zusammengebunden. Immerhin hatten sie ihn nicht geknebelt.
Hood hatte sich vor ihm niedergelassen und starrte ihn an. Auf was wartete er? Wollte er, dass Guy ihm erzählte, warum er hier war, um ihn zu töten?

Das würde er nicht tun. Er schüttelte sich einige Strähnen aus dem Gesicht und erwiderte ruhig den Blick seines Gegenübers. Wie lange sie sich bloß angestarrt hatten, bevor Locksley aufstand und ging, konnte Guy nicht mit Sicherheit sagen. Irgendwie hatte er jegliches Zeitgefühl verloren.

Nun war er alleine. Alleine mit seinen Gedanken, alleine mit den Bildern aus seinen Träumen. Wieder sah er sein Schwert aus Marians Bauch ragen, viel realer als vorher. Er fühlte ihr Blut warm über seine Hände laufen, sah, wie ihre blauen Augen ihn entsetzt anstarrten. Sehr langsam sah er sie fallen, als er sein Schwert losließ.
Ein Zischen entwich ihm, als er die Realität ihn wieder einholte. Er schloss seine Augen und atmete tief durch.

Zwar hatte er diesmal nicht geträumt, dafür waren die Bilder in seinem Kopf schärfer gewesen.

Marian war tot. Er war daran schuld, auch wenn er sich dies nicht eingestehen wollte. In diesem Moment dachte er, dass er sehr viel, wenn nicht sogar alles dafür geben würde, wenigstens den Anblick Marians aus seinem Gedächtnis streichen zu können. In diesem Moment wünschte er sich, seine Augen könnten vergessen, was sie gesehen hatten.
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