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Abhängig

von Simkaja
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteDrama, Angst / P12 / Gen
02.09.2014
02.09.2014
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Lied: Gorillaz - Clint Eastwood

Nach langem anhören und Text studieren, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das Lied von Drogen handelt. War nicht einfach zu erkennen, aber ich wollte nicht gleich beim ersten meinen Joker einsetzen und wechseln. Dann habe ich lange überlegt, was ich schreiben soll. Letztlich habe ich mich für eine Geschichte entschieden, die leider teils biografisch ist (nicht autobiografisch!). Der Fokus liegt hierbei auf der Abhängigkeit.  
______________________________________________
Aaargh, der Wecker klingelt, wieder ein neuer Morgen. Die Nacht war zu kurz.
Aufstehen, anziehen, zur Arbeit fahren. Neue Anforderungen, neue Erwartungen. Ich will nicht. Aber ich brauche das Geld. Wenn ich wieder zu Hause bleibe, kürzen sie mir noch irgendwann das Gehalt. Also raus aus den Federn! Erst einmal einen starken Kaffee. Essen. Was habe ich überhaupt noch da? Ach, was soll’s, mir dreht sich eh schon der Magen, was brauche ich da noch zu essen. Es ist ohnehin bereits recht spät. Ich wünschte wirklich, die Zeit würde morgens langsamer vergehen und auf Arbeit schneller. Aber irgendwie ist es immer umgekehrt.

Meine Hände zittern am Lenkrad. Ich hätte doch frühstücken sollen, nun dankt mir der Kreislauf. Doch jetzt ist es zu spät, um anzurufen und mich krank zu melden. Die letzten paar Meter zum Büro werde ich wohl noch schaffen müssen, dann kann ich dort eine Kleinigkeit zu mir nehmen. Jetzt stehe ich auch noch wieder ewig an dieser blöden Ampel! Das gibt bestimmt ärger vom Chef, weil ich zu spät bin. Angekommen. Endlich raus aus dem Auto. Meine Hände sind ganz schwitzig. Ich sollte mich frisch machen, bevor ich zum Chef gehe.

Doch er kommt mir bereits auf dem Gang entgegen. Verflucht! „Herr Martens, schön, dass Sie den Weg ins Büro gefunden haben“, lautet seine Begrüßung. Sowas wie „Guten Morgen“ kennt der einfach nicht. „Entschuldigung, ich stand im Stau.“ Auch, wenn ich getrödelt habe, das ist nicht gelogen.
„Ach? Tatsächlich! Das ist ja höchst interessant. Mich interessiert einen Scheißdreck, wieso Sie zu spät sind. Stehen Sie früher auf. Und nun, da Sie uns mit Ihrer Anwesenheit beehren, ich habe einige Aufträge für Sie. Und ich möchte nicht wissen, was noch alles in Ihrer Ablage liegt. Lange schaue ich mir das nicht mehr an, Herr Martens. Ihre Nachlässigkeit bereitet mir ernsthaft Sorgen. Sie sind unproduktiv und das ist schlecht für die Firma. Und was für die Firma schlecht ist, ist letzten Endes schlecht für mich.“ Damit drückt er mir einen Haufen Blätter und Mappen in die Hand. Ein wahrlicher Berg. Himmel, wie soll ich das alles schaffen? Ich bin keine 30 mehr! Wenn er schon merkt, dass ich nicht nachkomme, wieso brummt er mir dann noch mehr auf? Ich kann das nicht!
Schweiß tropft von meiner Stirn, doch meine Arme schlackern vor Kälte. Die Wände beginnen plötzlich, sich zu bewegen und kommen auf mich zu. Tausend Stimmen in meinem Kopf, alle reden auf mich ein, wollen was von mir. Lasst mich in Ruhe! Der Raum dreht sich. Schwarz.

„Herr Martens? Herr Martens, hören Sie mich?“ Warum sitze ich auf dem Boden? Und wieso fragt mein Chef mich, ob ich ihn hören kann? Was ist passiert? „Ja, ich verstehe Sie sehr gut.“ Erleichterung in seinem Gesicht. „Gott sei Dank! Ich glaube, Sie waren für einen Moment bewusstlos. Sie sind für heute entlassen. Gehen Sie zum Arzt.“ Bewusstlos? Ist mein Kreislauf so schlimm im Eimer? Nun gut, in meinem Alter weiß man auch nicht mehr. 60 Jahre und Kreislaufkollaps im Büro. Und die hochwohlgeborenen Politiker wollen das Rentenalter immer höher setzen!

„Guten Tag, Dr. Schlesig.“ „Ah, Guten Tag, Herr Martens. Was kann ich für Sie tun?“ Peinlich berührt erzähle ich ihm was vorgefallen ist und der Doktor bittet mich auf die Krankenliege, damit er mich untersuchen kann. „Nach einem typischen Kreislaufkollaps hört sich das für mich nicht an“, meint er. Ich bin verwundert. Was sollte es sonst gewesen sein? „Herr Martens, sagen Sie, gehen Sie gerne zur Arbeit?“, fragt Dr. Schlesig mich mit eindringlichem Blick. Ich zögere. „Nun … Also, in letzter Zeit nicht, wissen Sie.“ Er erkundigt sich nach dem Grund und ich erzähle ihm, dass mir alles etwas zu viel wird und ich fürchte, den Erwartungen meines Arbeitgebers und meiner Kollegen nicht gerecht zu werden. Er runzelt die Stirn, setzt an, etwas zu sagen, schweigt dann aber. Schließlich jedoch meint er: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass das kein Kreislaufkollaps war. Sie hatten eine Panikattacke. Ich überweise Sie an einen Kollegen.“ Ich bin entsetzt. „Doch nicht etwa in eine Nervenheilklinik!“ Dr. Schlesig guckt mich an und lacht: „So schlimm ist es auch wieder nicht, keine Sorge. Aber eine psychotherapeutische Behandlung erscheint mir richtig.“ Ich bin zwar erleichtert, doch nicht unbedingt beruhigt. Eine Panikattacke! Therapie. Nun ja, was soll's, wenn der Doktor das meint.

Gleich am nächsten Tag habe ich meinen Termin beim Therapeuten. Dieser diagnostiziert mir nach einer ewig langen Sitzung Depression. Ich bekomme Tabletten verschrieben, die eine beruhigende Wirkung haben und soll sie ins Büro mitnehmen und eine zu mir nehmen, wenn ich gestresst bin und ein neuer Panikanfall ausgelöst werden könnte. Allerdings darf ich maximal drei pro Tag schlucken.
Ich bin baff. Dazu fällt mir nun wirklich nichts ein. Zu Hause bin ich so müde, dass ich mich erst einmal ins Bett lege. Doch ich finde nicht in den Schlaf. Das Wort „Depression“ geistert mir einfach im Kopf herum. Was hatte der Therapeut gesagt? Die Tabletten haben eine beruhigende Wirkung? Schaden kann es nicht. Also nehme ich eine und lege mich wieder hin. Und endlich kann ich einschlafen.

Morgens nehme ich zur Sicherheit gleich eine Tablette, um vorzubeugen. Ich will nicht noch einmal im Büro zusammenbrechen. Das war peinlich! Doch nach wenigen Tagen ist die Packung aufgebraucht. Also frage ich bei meiner nächsten Sitzung nach einem neuen Rezept. Der Therapeut beäugt mich misstrauisch. „Schon leer? Sie sollen die nicht jeden Tag dreimal schlucken, nur im Bedarfsfall.“ Na toll. Er will mir kein Rezept geben. Er muss! Was soll ich denn sonst machen, ich brauche sie doch! „Nun ja, wissen Sie, das ist mir jetzt unangenehm. Ich kann die Packung nicht finden. Wahrscheinlich habe ich sie bei meiner Tochter vergessen, ich habe sie am Wochenende besucht. Ich habe schon bei ihr angerufen, doch sie findet die Tabletten auch nicht. Bitte geben Sie mir ein Rezept, ich fühle mich wohler, wenn ich was dabei habe.“ Der Therapeut holt tief Luft und händigt mir schließlich den Zettel aus.

Anscheinend lässt die Wirkung der Tabletten nach einer Weile nach. Jedenfalls genügt eine am Morgen nicht mehr. Und auch im Büro benötige ich mehr als zwei weitere. Ich nehme gerade die sechste für heute zu mir. Endlich scheint die Wirkung einzusetzen. Ich fühle mich jetzt ruhig. So ruhig, dass ich schlafen könnte.

Dumpf vernehme ich eine Stimme. „Herr Martens? Sind Sie wach?“ Hilfe, bin ich eingeschlafen? Ich blicke mich um. Das hier sieht nicht nach meinem Büro aus. Nein, mir scheint, ich bin im Krankenhaus. Ich liege in einem Bett und es sind einige Schläuche an mich angeschlossen. Unter anderem ein Sauerstoffschlauch. „Oh nein! Sagen Sie nicht, ich hatte erneut eine Panikattacke?“ Der Arzt sieht mich an. Etwas trauriges liegt in seinen Augen. „Nein, Herr Martens. Sie hatten keine Panikattacke. Sie sind hier, weil Sie eine Überdosis Medikamente genommen haben.“

    Diane Wolters
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