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Die Bürde der schwarzen Magier II - Die zwei Könige

GeschichteAbenteuer, Drama / P18
Ceryni Lord Dannyl Lord Dorrien Regin Savara Sonea
31.08.2014
19.07.2016
62
755.275
90
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Dieses Kapitel
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08.03.2016 13.600
 
Das heutige Kapitel ist mit einem seltenen Gastcharakter. Ich habe lange überlegt, ob ich diese Szene reinnehmen soll, weil sie schon fast tiefer blicken lässt, als der Story wahrscheinlich guttut, und bin zu dem Schluss gekommen, dass sie nötig ist.

In der ersten Szene gibt es übrigens ein paar Parallelen zu zwei anderen Szenen, die jedoch nicht aus meiner Fortsetzung stammen. Vielleicht erkennt ihr sie ja ;)


***





Kapitel 29 – Eine Magie, die man nicht kontrollieren kann



Seit Tagen wanderten sie durch die Ödländer. Wenn sie Wasser fanden, dann reichte es gerade, um ihren Durst und den des Pferdes zu stillen. Der Proviant war ihnen ausgegangen. Die einzige Vegetation waren kleine, windschiefe Bäume und trockenes Gras. Die Nächte waren eisig und es kam Sonea so vor, als wären auch die Tage nur noch mäßig warm.

Jeden Tag von Sonnenaufgang bis Einbruch der Nacht unterwegs zu sein war anstrengend und zuweilen langweilig. An einem Tag waren sie noch lange vor Anbruch der Dämmerung aufgestanden und hatten die Straße überquert, die von Norden nach Süden durch die Ödländer führte. Sonea hatte nur einen Tag gebraucht, um Akkarin jedes Detail über die Monate seit der Schlacht in der Ettkriti-Ebene zu entlocken. Sie hatte Zöpfe in die Mähne des Pferdes geflochten und es Varakhi getauft, nach dem Mann von Yarah, der Dunaprinzessin. Die restliche Zeit war sie darum bemüht, nicht nachzudenken.

Sonea verbrachte nur halbe Tage reitend. Sie hatte herausgefunden, dass ihre wundgescheuerten Oberschenkel sich über Nacht von selbst heilten, wenn sie den Rest des Tages zu Fuß unterwegs war. Sie hatte sich fast mit Akkarin gestritten, als sie sein Angebot, sie zu heilen, wiederholt abgelehnt hatte. Es war eine von den unzähligen Diskussionen gewesen, die sie immer geführt hatten, wenn sie sich durchgesetzt hatte. Früher. Bevor Marika sie genommen hatte.

Seit sie nicht mehr zusammen waren, hatten sie sich kein einziges Mal mehr ernsthaft gestritten. Obwohl es oft weh tat, wenn er sie ansah oder eine seiner trockenen Bemerkungen machte, verspürte Sonea auch Erleichterung. Es gab nichts mehr, was sie versuchen mussten, wiederherzustellen, keine Kluft mehr, die sie überwinden mussten. Wenn sie nicht darüber nachdachte, dass sie keine Zärtlichkeiten mehr austauschen würden, dann war dieser neue Zustand gut zu ertragen. Für Sonea war er sogar sehr viel angenehmer, als sich abwechselnd zu streiten oder anzuschweigen. Nachdem sie ein halbes Jahr lang Marikas Sklavin gewesen war, war sie seltsam zufrieden damit, einfach nur in Akkarins Nähe zu sein. Eine leise Stimme in ihrem Kopf konnte jedoch nicht aufhören sie zu fragen, wie lange ihr das genügen würde.

Überhaupt war Akkarins Gesellschaft sehr viel erträglicher geworden. Wenn sie fror, wärmte er sie mit seiner Magie. Wenn sie zusammen ritten, dann fühlte er sich nicht mehr so steif an. Und er war netter. Am ersten Tag nach ihrer Trennung hatte sich das noch seltsam angefühlt. Seitdem hatte sich eine neue Vertrautheit zwischen ihnen eingestellt.

Manchmal fühlte es sich sogar fast so an, als wären sie noch zusammen. Das entschädigte Sonea ein wenig dafür, dass sie es nicht waren. Wenn die Alternative aus Streit und Tränen bestand, dann war das hier besser. So wie es jetzt war, würden die anderen Magier nach ihrer Rückkehr nichts von ihrer Trennung bemerken. In der Gegenwart anderer war Akkarin stets sparsam mit Zärtlichkeiten umgegangen. Sonea würde wieder seine Novizin sein. Aber sonst nichts.

Angesichts dessen, was sie mit Marika erlebt hatte, war das vielleicht sogar besser.

Jetzt, wo ihr Verhältnis mit Akkarin geklärt war, ertappte Sonea sich immer öfter dabei, wie sie an den ehemaligen König von Sachaka dachte. Diese Gedanken waren in jeder Hinsicht unerfreulich, weil sie nichts lieber wollte, als zu vergessen. Es waren indes weniger die vielen Gelegenheiten, bei denen Sonea ihn verflucht hatte, als an jene, bei denen sie seine Gesellschaft fast gemocht hatte, die sie verstörten. So wie an ihrem letzten Tag in Arvice. Doch dann musste sie jedes Mal unweigerlich daran denken, wie sie ihn mit seinem Schwert getötet hatte. Ein Teil von ihr konnte nicht aufhören zu bedauern, das getan zu haben. Marika hatte sie geliebt. Und trotz allem, was er ihr angetan hatte, konnte Sonea nicht vergessen, wie es mit ihm gewesen war, wenn er nett gewesen war.

Es ist nur gut, dass Akkarin und ich nicht mehr miteinander schlafen, überlegte sie. Denn ich würde mich schlecht fühlen, müsste ich dabei an Marika denken. Obwohl sie sich nichts sehnlicher wünschte, als ihren Meister zu vergessen, ahnte sie, dass ein Teil von ihr niemals ganz aufhören würde, an ihn zu denken. Und so wie sie ihre Erinnerungen nicht auslöschen konnte, könnte sie nicht rückgängig machen, dass er sie verdorben hatte.

Ah, aber eigentlich hat Akkarin mich verdorben. Marika hat nur erkannt, dass meine Unanständigkeit noch erweiterbar ist. Ich wünschte nur, das würde Akkarin gefallen! Doch Akkarin hatte deutlich gemacht, dass er es als unangemessen empfand, diesen Teil ihrer Beziehung wieder aufleben zu lassen. Sollten sie jemals wieder zusammenkommen, so würde Sonea mit ihm im Bett keine Befriedigung mehr finden, weil er nicht bereit war, seine dunkle Seite mit ihr auszuleben.

So betrachtet war es besser, getrennt zu sein. Sonea war weder bereit, sich zu langweilen noch sah sie sich in der Lage, seine Bedenken zu zerstreuen. Das konnte nur er.

„Ich wünschte, es gäbe mehr Wasser in den Ödländern“, sagte sie eines Nachmittags. Sie war es leid, jeden Tag hungrig, durstig, müde und schmutzig zu sein. Wie groß waren die Ödländer, dass sie sich noch immer darin befanden? „Warum bist du nicht mit einem Schiff gekommen, um mich zu holen?“

„Weil Arvice keinen Hafen hat und weil die Passage gefährlich ist“, antwortete Akkarin. „Südlich von Kyralia fließen zwei Ozeane zusammen. Die Strömungen sind unberechenbar und fast das gesamte Jahr über toben heftige Stürme.“

„Aber wir hätten genug Wasser, um nicht zu verdursten und um uns zu waschen“, wandte sie ein. „Du könntest das Salz herausfiltern, wir hätten Fisch zu essen. Und du hättest deinen Kindheitstraum wahr werden lassen können. Das Rauben von Frauen gehört doch sicher ebenso zum Alltag eines Piraten wie das Überfallen von Schiffen und literweise Siyo.“

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Wenn du das nächste Mal entführt wirst und der Ort auf einer Insel oder am Meer liegt, werde ich darüber nachdenken. Aber dazu wird es nicht kommen, weil ich das nicht zulassen werde.“

Überrascht hob Sonea den Kopf. Seine Worte bewegten sie zutiefst, doch sie fragte sich, wie er das anstellen wollte.

„Aber wenn ich mit dem Schiff gekommen wäre, würdest du die ganze Zeit über glauben, zu träumen“, fuhr er wie zu sich selbst fort. „Und ich hätte viel Arbeit damit, dich vom Gegenteil zu überzeugen.“

Da musste Sonea ihm recht geben. Dass sie dank einer bedenklichen Menge mit Cremeblüte vermischtem Wein bei ihrer Rettung geglaubt hatte, sich in einer Enrasa-Partie zu befinden, verstörte sie bereits genug. „Aber dadurch wäre ich wie früher und wir könnten wieder zusammen sein.“

Akkarin musterte sie nachdenklich. „Ja, vielleicht könnten wir das. Doch so einfach ist das nicht, Sonea.“

„Warum nicht?“

„Weil es für mich kein Traum wäre.“

Natürlich nicht, dachte sie, ihre Tränen fortblinzelnd. Mit einem Mal wurde ihr wieder schmerzlich bewusst, dass sie nicht mehr Akkarin und Sonea waren. Und dann tat es weh, noch immer von ihm geliebt zu werden.

Ich darf nicht zurückblicken, sagte sie sich. Ich darf nicht zurückblicken.

Gegen Abend erreichten sie ein ausgetrocknetes Flussbett, das an einigen Stellen noch kleine Tümpel enthielt. Nachdem sie etwa eine Stunde flussaufwärts gewandert waren, verbreiterte sich der Fluss zu einem See mit klarem Wasser. An seinem Ufer wuchsen Bäume, Sträucher und langes, saftig grünes Gras.

„Das ist ein guter Platz zum Lagern“, entschied Akkarin. Er führte das Pferd zu einer kleinen Lichtung und band es an einen Baum am Ufer, so dass es aus dem See trinken konnte.

Sonea war begeistert. Hier würden sie sich und ihre Kleider waschen können und hoffentlich auch etwas zu essen finden. Und vor allem ihren Durst stillen. Sie kramte ihren Becher aus dem Gepäck hervor und tauchte ihn ins Wasser. Es war herrlich kalt und klar und sie füllte ihren Becher mehrfach, bis sie sich erfrischt fühlte.

Akkarin war derweil unter den Bäumen verschwunden, um die Schutzbarrieren für das Lager zu errichten. Sonea trug das Gepäck zu einem Baum, unter dem das Gras sehr dicht wuchs, und bereitete ein Nachtlager vor. Ihren Kleidersack schob sie als Kissen gegen den Baumstamm.

„Was hältst du von Fisch zum Abendessen?“, fragte Akkarin, als er zurückkehrte. „Mehr kann ich dir als Pirat auf dem Land nicht bieten.“

Sonea lachte. „Klingt gut.“

Er schritt zum Ufer und starrte eine Weile auf das Wasser. Dann watete er ein Stück hinein und sammelte mehrere tote Fische von der Oberfläche auf, mit denen er zu ihr zurückkehrte.

„Und was gibt es dazu?“, fragte sie.

Akkarin wandte sich um. „Die Sträucher dort“, sagte er auf ein Gestrüpp deutend. „Das sind wilde Vare. Um diese Jahreszeit sind sie reif und süß. Pflück davon so viele, wie du magst. Ich kümmere mich derweil um den Fisch.“

Sonea lächelte und lief zu den Sträuchern. Der Ort erinnerte sie ein wenig an das kleine Tal in den Bergen, in dem sie gelagert hatten, als die Gilde sie ein Jahr zuvor nach Sachaka verbannt hatte. Ein Gefühl von Sehnsucht überkam sie und sie fühlte sich unfähig, es zur Seite zu schieben.

Bevor sie die Beeren pflückte, probierte sie eine davon. Sie schmeckten überraschend süß mit einer leicht säuerlichen Note. Der Geschmack erinnerte sie an etwas, doch sie hätte nicht sagen können, was es war. Den Saum ihres Rocks anhebend sammelte sie so viele Beeren darin, bis sie ihr Gewicht spüren konnte. Inzwischen stand die Sonne tief im Westen und ein würziger Geruch von gebratenem Fisch stieg in ihre Nase.

Als sie zu ihrem Lager zurückkehrte, hatte Akkarin den Fisch bereits auf zwei große Blätter verteilt. Sonea ließ sich mit den Beeren neben ihm nieder und verteilte diese über ihr Essen. Die restlichen Vare gab Akkarin in ihre Becher, zerstampfte sie und füllte sie mit Wasser aus dem See auf.

Vorsichtig probierte Sonea von dem Saft. „Das ist fast wie Wein!“, rief sie. „Wenn auch wie ein sehr süßer Wein.“

„Würden wir es ein paar Tage stehenlassen, hätte es auch dieselbe Wirkung.“

Sie begannen zu essen. Das kräftige Aroma des Fisches glich die fehlenden Gewürze aus. Die Beeren waren eine ungewohnte und doch erfrischende Beilage. Sonea hörte erst auf zu essen, als sie an jeder Gräte so lange gesaugt hatte, dass sie nicht mehr nach Fisch schmeckte. Die Sonne war hinter den Bäumen versunken und es dunkelte rasch.

„Das war gut“, seufzte sie und lehnte sich zurück. „Danke fürs Kochen.“

Akkarin bedachte sie mit seinem Halblächeln. „Es freut mich, dass es dir geschmeckt hat.“

Sonea senkte den Kopf. Plötzlich fiel es ihr schwer, seinem Blick standzuhalten. „Ich sollte baden, solange ich noch etwas sehen kann“, sagte sie.

„Tu das.“

„Was ist mit dir?“, fragte sie. „Der See ist groß genug für uns beide.“

Er schüttelte den Kopf. „Geh du nur.“

„Du hast dich seit Tagen nicht gewaschen.“

„So wie du.“

Sie funkelte ihn an. „Deswegen gehe ich jetzt baden.“

„Ich bade morgen früh.“

Sonea verspürte einen Anflug von Enttäuschung. Was hast du erwartet?, schalt sie sich dann. „Dreh dich um“, wies sie Akkarin an.

Er hob die Augenbrauen, tat jedoch, was sie von ihm verlangte.

Sonea schritt zu einem Stein am Ufer und legte ihre Kleider darauf ab. Als sie den Rock ihre Beine hinabgleiten ließ, hielt sie inne. Sie hatte verlernt, sich normal auszuziehen. Plötzlich verspürte sie eine ungeahnte Erleichterung, weil sie Akkarin dabei nicht zusehen ließ. Nicht, dass er auf die Idee kam, sie wolle ihn verführen!

Sie beeilte sich, ins Wasser zu steigen. Es war unangenehm kühl und Sonea konnte selbst in der Dämmerung sehen, wie sich die Härchen auf ihren Armen aufrichteten. Nachdem sie ein paar Schritte gewatet war, reichte ihr das Wasser bis zur Brust. Sie tauchte unter und schwamm ein paar Züge. Im tieferen Wasser wurde es noch kälter und sie begann zu zittern.

Als sie das Ende des kleinen Sees erreicht hatte, kehrte sie um. Akkarin stand am Ufer und beobachtete sie. Wie lange steht er schon da?, fuhr es ihr durch den Kopf. Hat er schon die ganze Zeit zugesehen?

„Willst du wirklich nicht ins Wasser kommen?“, fragte sie. „Es ist tief genug, um darin zu schwimmen.“

„Ich bade morgen.“

„Komm schon, Akkarin! Es ist kalt. Kannst du es nicht zumindest ein wenig für mich aufwärmen?“

„Das kann ich auch von hier.“ Zu ihrer Freude kam er jedoch näher. Er streifte seine Robe und seine Stiefel ab und watete ins Wasser.

„Ist das eigentlich alles, wofür du mich brauchst, Sonea?“, fragte er, während er zu ihr kam und das Wasser allmählich wärmer wurde. „Zum Wärmen, zum Kochen und um dich vor bösen Magiern zu beschützen?“

Vor ihr blieb er stehen. Das Wasser reichte ihm bis zu den Schultern. In der Dämmerung konnte Sonea seine Augen nicht erkennen, was es ihr erschwerte, seine Stimmung zu deuten.

„Nein“, antwortete sie. „Ich brauche dich für sehr viel mehr.“

„Für was zum Beispiel?“, fragte er sanft.

„Um mich wieder lebendig zu fühlen.“ Sie wollte noch mehr sagen, doch ihre Stimme versagte.

Akkarin musterte sie nachdenklich. Dann streckte er eine Hand nach ihr aus, zog ihren Kopf zu sich und küsste sie roh.

Sonea schnappte nach Luft, als sich sein anderer Arm um ihre Taille schlang und sie zu sich zog. Sie legte ihre Hände auf seine Wangen, wand ihre Beine um seinen Leib und erwiderte seinen Kuss voll Verlangen. Akkarin hob sie hoch und trug sie zurück zum Ufer, wo er sie auf dem sandigen Boden niederlegte.

Die Luft um sie herum wurde angenehm warm, als er einen Wärmeschild errichtete. Dann wurde Soneas Aufmerksamkeit jedoch wieder zurück zu Akkarin gelenkt. Seine Hände hatten ihre Brüste umfasst und ihr entfuhr ein leises Stöhnen, als er sie dort küsste und behutsam an den Spitzen saugte.

„Ich will dich in mir spüren“, sagte sie heiser, während sie an der Schnürung seiner Hose nestelte. Was, wenn er seine Meinung änderte, wenn sie ihm zu viel Zeit ließ? „Zeig mir, dass ich dir gehöre.“

Akkarin lachte leise. „Du hast nie jemand anderem gehört“, murmelte er und küsste sie. „Er hat dich nie wirklich besessen. Weil ein Teil von dir ihm nie gehören konnte, egal wie sehr es ihm danach verlangt hat.“

„Meine Liebe“, sagte sie. Marika mochte alles von ihr besessen haben, was er nur hatte besitzen können. Ihren Körper, ihre Magie, ihre Gedanken, ihren Gehorsam, aber niemals die Liebe und Ergebenheit, die sie nur für einen einzigen Mann auf der Welt empfand. Akkarin.

Er besaß alles, was sie nur fähig war zu geben.

„Ja.“

Ihre Schenkel öffneten sich wie von selbst, als er in sie eindrang. Für einen kurzen Moment tat es weh, dann wurde es erregend. Sonea zog seinen Kopf herunter und sah in seine Augen.

„Uyi’hami aze.“*

Statt einer Erwiderung küsste Akkarin sie erneut. Seine Finger berührten ihre Schläfen, dann glitt seine Präsenz in ihrem Geist. Entgegen all ihren Erwartungen fürchtete Sonea sich nicht davor, was er sehen könnte. Stattdessen war sie überrascht, dass er mindestens genauso gierig war wie sie. Sie schob all ihre Gedanken an die Unmöglichkeit ihrer Vereinigung beiseite. In diesem Augenblick gab es nur sie beide und ihre unbändige Gier aufeinander und alles andere versank in Bedeutungslosigkeit.


***


Ein kalter nasser Regen prasselte auf Straßen und Hausdächer, als Rothen die Nordtore durchschritt. In den Straßen hatten sich Pfützen gebildet. Die wenigen Passanten wichen ihnen geschickt aus, während ein Karren achtlos hindurchrumpelte und jeden nassspritzte, der nicht in einem sicheren Abstand ging. Eine in einen Umhang gehüllte Gestalt eilte an den Häusern entlang und entzündete die Straßenlaternen.

„Der Herbst ist nicht die beste Zeit für solche Projekte“, sagte Lord Larkin. „Wir haben fast die Hälfte des Tages damit verbracht, unsere Baustelle trocken zu halten.“

Rothen nickte. „Lord Davin behauptet, das Wetter würde sich ab nächster Woche bessern und dann bekommen wir noch einen richtig schönen Herbst.“

Der Regen trommelte auf seinen Schild. Die Tropfen, die nicht sofort verdampften, rannen daran hinab und spritzten zu Boden. Nach einem Tag im Regen waren seine Stiefel völlig durchweicht und seine Füße nass und halb taub. Sich zu trocknen war hier draußen jedoch ein sinnloses Unterfangen.

Obwohl es seit Tagen ohne Unterlass regnete, hatten sie ihr Bewässerungsprojekt nach der Fertigstellung der letzten Schildsenker fortgesetzt. Ohne Yaldin und Sarrin schritten die Arbeiten langsamer voran. Larkin hatte sich freiwillig bereit erklärt, Rothen und Farand mit der Konstruktion der Wasserleitungen zu helfen. An drei Tagen der Woche waren sie in den Hüttenvierteln, die anderen beiden Tage unterrichteten Rothen und Larkin und trainierten in der Arena, während Farand Unterricht in den anderen beiden Disziplinen hatte.

Das Bewässerungssystem kam bei den Hüttenleuten sehr viel besser an, als Rothen anfangs befürchtet hatte. Nachdem die ersten Straßen in Captain Cerynis Bezirk mit fließendem Wasser versorgt worden waren, waren die Hüttenleute noch skeptisch gewesen. Rothen hatte von dem ehemaligen Dieb erfahren, dass die Bevölkerung diese Verbesserung inzwischen dankbar angenommen hatte. Vor einer Woche war zudem Luzille aus Elyne zurückgekehrt und hatte Rothens Projekt mit einer weiteren großzügigen Spende bedacht und damit die Finanzierung für die nächsten Monate gesichert. Von einem Teil des Geldes hatte Rothen Arbeiter eingestellt. Er wollte zumindest einen Bezirk vor Einbruch des Winters mit Frischwasser versorgen.

Nichtsdestotrotz ertappte Rothen sich immer wieder bei der Frage, ob es überhaupt Sinn machte, das Bewässerungsprojekt voranzutreiben, während sich die Gilde im Krieg mit Sachaka befand. Wenn die Sachakaner die Stadt eroberten, würde seine Arbeit in die Hände seiner Feinde fallen. Und er wollte nicht, dass sie davon einen Vorteil hatten oder alles zerstörten.

Doch der Krieg konnte sich noch Monate hinziehen. Oder Jahre. Die Bewohner des Äußeren Ringes verdienten sauberes Wasser und Rothen brauchte eine Beschäftigung, die ihn von seinen Sorgen ablenkte.

„Hat Lord Davin auch etwas darüber gesagt, ob uns wieder so fürchterliche Winterstürme bevorstehen wie im letzten Jahr?“, fragte Farand.

„Seine Studien sind noch nicht so weit gediehen, dass er das Wetter mit einer solchen Präzision für mehrere Wochen voraussagen könnte“, antwortete Rothen.

„In jedem Fall sollten wir zusehen, dass wir keine offenen Baustellen haben, wenn der erste Schnee fällt“, sagte Larkin. „Die Konstruktion würde sonst unter der Witterung leiden und wir müssten dort im Frühjahr noch einmal von vorne beginnen.“

„Ja, das sollten wir“, pflichtete Rothen ihm bei. „Vorausgesetzt Davin warnt uns früh genug.“

„Wer hätte gedacht, dass Davins verrückte Ideen so erfolgreich würden?“, murmelte Larkin.

Rothen unterdrückte ein Kichern. „Ich weiß zumindest, wer das nicht gedacht hätte.“

Sie lachten. Was Peakin wohl dazu sagen würde, wenn er erfährt, wie präzise Davins Wettervorhersagen geworden sind? Allein in diesem Jahr hatte Davin das Wetter so oft korrekt vorhergesagt, dass ein Zufall unwahrscheinlich war. Aber Peakin war mit den anderen Magiern am Nordpass.

Die Sehnsucht nach trockenen Füßen und einer Tasse Sumi verstärkte sich, als die Tore der Gilde in Sicht kamen. Hinter den Fenstern der Quartiere der Magier und der Novizen schimmerte vereinzelt heimeliges Licht durch den Regenschleier, während die Fenster der Universität dunkel waren. Alle, bis auf eines. Rothen schüttelte den Kopf. Selbst am Wochenende gönnte sich der Administrator keine Pause.

„Ich wünsche Euch einen schönen Abend“, sagte Rothen zu seinem Kollegen, als sie den Platz vor der Universität erreicht hatten. „Farand und ich bringen noch die Messinstrumente zurück, dann werden auch wir uns ins Trockene begeben.“

Larkin deutete zum Badehaus. „Ich werde zunächst noch ein Bad nehmen. Falls einer unserer Kollegen Euch irgendwann mit einem Projekt für wasserfeste Stiefel aufsucht, genehmigt es.“

Rothen lächelte. „Ich werde Euch in meine Überlegungen miteinbeziehen.“

Sie verabschiedeten sich. Rothen und Farand stiegen die Stufen zur Universität hinauf. „Lust auf ein Abendessen in meinem Apartment?“, fragte Rothen.

„Heute nicht“, antwortete der junge Elyner. „Ich esse fast jeden Tag bei Euch. Ich will Euch nicht mehr als nötig zur Last fallen.“

„Das tust du nicht“, erwiderte Rothen. „Ich würde mich freuen, wenn du mir Gesellschaft leistest.“

Farands Gesicht hellte sich auf. „Also dann …“

„Lord Rothen!“

Rothen fuhr herum. Administrator Osen eilte mit wallenden Roben durch die Eingangshalle auf ihn zu. Er wirkte aufgeregt.

Oh, was ist denn jetzt schon wieder passiert?, dachte Rothen von unguten Vorahnungen erfüllt.

„Guten Abend, Administrator“, wünschte er und neigte höflich den Kopf. „Was kann ich für Euch tun?“

Osen warf einen Blick zu Farand. „Können wir in meinem Büro reden?“

„Natürlich.“ Rothen wandte sich zu seinem Novizen. „Farand wärst du so lieb und bringst die Instrumente ins Alchemielager?“

„Sehr gern, Mylord.“ Farand nahm ihm den Koffer ab. Er verneigte sich vor Rothen und dem Administrator und eilte davon.

Osen bedeutete Rothen, ihm in sein Büro zu folgen. Die Unruhe, die er erfolgreich verdrängt hatte, seit Takan ihm berichtet hatte, dass Akkarin kurz davor war, Sonea zu befreien, erreichte einen neuen Höhepunkt. Takans Bericht lag nun mehr als zwei Wochen zurück. Seitdem hatten die Magier in Imardin weder von ihm noch von den Magiern am Nordpass Nachrichten erhalten.

Wäre Akkarin gescheitert und die Gilde in Schwierigkeiten, hätten wir das längst erfahren, versuchte Rothen sich einzureden. Die Verräter hätten die Magier am Nordpass informiert. Und Takan hätte gewusst, wäre Akkarin etwas passiert und hätte Rothen informiert.

„Heute kam ein Kurier vom Nordpass mit Neuigkeiten aus Sachaka“, begann Osen, nachdem er die Tür hinter ihnen geschlossen hatte. „Das heißt, so neu sind diese Neuigkeiten nicht mehr. Das meiste davon liegt bereits zwei Wochen zurück.“ Er holte tief Luft, dann strahlte er unvermittelt. „Anscheinend ist es Akkarin gelungen, den König zu töten und Sonea zu retten. Sie sind auf dem Weg zum Nordpass.“

Rothens Herz machte einen Sprung. „Das ist wundervoll!“, rief er.

„Das ist noch nicht alles. Die Verräter haben sich mit uns verbündet und den Sachakanern den Krieg erklärt.“

Rothen konnte kaum glauben, was er da hörte. Seine größten Hoffnungen waren wahr geworden. Am Ende schien sich doch alles zum Guten zu wenden.

„Aber warum erfahren wir erst jetzt davon?“, fragte er.

„Wir hätten es nicht erfahren, wäre Botschafter Dannyl nicht vor einigen Tagen am Fort mit einer Gruppe Verräter eingetroffen, die den Pass sichern sollen“, antwortete Osen. „Die Verräter wissen es auch nur von ihren Leuten, die Akkarin und Sonea nach dem Überfall auf den Palast außerhalb von Arvice gesehen haben.“

Verwirrt schüttelte Rothen den Kopf. „Ich verstehe nicht. Warum hat Akkarin weder Lord Sarrin noch seinen Diener darüber informiert?“

Osens Gesicht verdüsterte sich. „Davon stand in der Nachricht nichts. Aber ich würde vermuten, dass Akkarin im Augenblick mit anderen Dingen beschäftigt ist.“

Das Mitgefühl in Osens Stimme ließ Rothen aufhorchen. Was soll das heißen?, wollte er fragen, doch die Antwort kam ihm, noch bevor er die Frage stellen konnte. Seine Erleichterung schlug in Besorgnis um. Wenn Akkarin recht gehabt hatte und Marika so schlimm gewesen war, wie der Rest der Sachakaner, dann würde Sonea nichts als ein Häuflein Elend sein.

Bei dem Gedanken zog sich etwas in Rothens Brust schmerzhaft zusammen und er glaubte, kaum noch atmen zu können. Sonea mochte in Sicherheit sein. Doch das bedeutete noch lange nicht, dass alles wieder in Ordnung war.


***


Auch mehrere Tage nach der Schlacht herrschte in Arvice Chaos. Die Häuser in der Nähe der Stadttore und entlang der Straßen zum Palast lagen in Trümmern. Ein Teil der Kanalisation war eingestürzt, als Verräter und Imperialisten einander in den Tunneln bekämpft hatten. Die bei ihrem Tod freigewordene Magie hatte die darüberliegenden Straßen und Häuser mit eingerissen.

Während der Schlacht hatte eine größere Anzahl von Sklaven die Gelegenheit genutzt und war zu den Verrätern geflohen. Andere Ashaki hatten ihre Sklaven den Verrätern überlassen, in der Hoffnung, dann von ihnen verschont zu werden. Ivasako war zu Ohren gekommen, dass die Aufständischen um Miriko und Takedo all ihre Sklaven aufgegeben hatten, als sie von den Verrätern an der Westseite der Stadtmauer umzingelt worden waren. Tückisch und hinterlistig wie die Verräter waren hatten sie ihr Wort nicht gehalten und unter den Ashaki gewütet. Von Miriko und Takedo fehlte seitdem jede Spur. Ivasako bezweifelte jedoch, dass sie tot waren.

Mit weniger Sklaven zogen sich die Aufräumarbeiten überall in der Stadt in die Länge. Den Imperialisten, deren Häuser zerstört waren, hatte Ivasako Obdach im Gästehaus gegeben. Die Duna campten auf den geernteten Feldern vor der Stadt. Eine Gruppe Duna war den Verrätern bis zu den Ödländern gefolgt und hatte unterwegs mehrere der Magierinnen und ihre erbeuteten Sklaven getötet.

Und ich habe den Palastsklaven mein Wort gegeben, dass sie bei den Verrätern in Sicherheit sind. Ivasako fuhr sich müde über die Stirn. Er hatte erneut versagt. Im Palast wären die Sklaven unfrei, aber geschützt gewesen. In solchen Situationen musste er sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass Krieg herrschte und Sklaven magische Quellen waren, die ihre Feinde stärkten. Er würde selbst seine Quellen töten, um in einer Schlacht zu überleben, so wie er die seiner Gegner töten würde, wenn er die Chance erhielt. So betrachtet hätte er die Palastsklaven den Verrätern gar nicht überlassen dürfen, doch er hatte sich verpflichtet gefühlt, ihnen die Freiheit anzubieten.

Und woher hätte er wissen sollen, dass die Duna sie verfolgen würden, als er diese Vereinbarung mit den Verrätern getroffen hatte?

Und er konnte nicht aufhören daran zu denken, was mit Ienara geschehen wäre, hätte sie ihm gehorcht und wäre mit den Verrätern gegangen.

Die Tür ging auf und Jorika platzte herein.

„Die Duna sind da, Meister Ivasako!“, rief er und warf sich zu Boden.

„Und die königlichen Berater?“

„Warten im Hof.“

„Gut.“ Ivasako erhob sich. „Ich brauche dich heute nicht mehr, Jorika. Du kannst gehen. Aber schicke vorher noch Ienara her. Sie soll ihr Vyer mitbringen. “

„Aber ich will die Duna sehen!“, protestierte Jorika.

„Es war ein langer Tag“, sagte der Palastmeister sanft. „Müsstest du nicht eigentlich müde sein?“

Der Junge schüttelte den Kopf.

Ivasako unterdrückte ein Seufzen. Er hasste es, Jorikas Dienste über das hinaus zu beanspruchen, was in seinen Augen über einen Assistenten hinausging. Zudem war er ein Kind. Doch zugleich fühlte er sich schlecht dabei, den Jungen in seinem Eifer zu bremsen.

„Also schön“, gab er nach. „Du darfst bleiben und meinen Wein halten.“

Jorika strahlte. „Soll ich Ienara trotzdem holen?“

„Ja.“ Es war nicht üblich, dass bei politischen Verhandlungen der Unterhaltung dienende Sklaven anwesend waren, aber Ivasako fand, es könne nicht schaden, wenn Ienara leise musizierte. Die Stimmung würde entspannter sein und sie würde sich gebraucht fühlen.

Marikas Berater hatten sich bereits auf den Stufen vor dem Eingang versammelt und begutachteten die Fortschritte der Reparaturen. Das Loch in der Mauer war inzwischen fast vollständig geschlossen, der Eingang selbst würde wie die Außenfassade wiederhergestellt werden. Zuletzt würde das Innere der Eingangshalle wieder in seinen ursprünglichen Zustand gebracht werden. Bis dahin würden jedoch noch Monate vergehen, wusste Ivasako. Er hatte die an dem Bau beteiligten Architekten und ihre Sklaven von dort abgezogen, weil der Wiederaufbau der Stadt Vorrang hatte.

„Guten Abend“, grüßte Ivasako, als er aus dem Loch trat, das einst das Eingangsportal gewesen war.

„Guten Abend, Palastmeister“, erwiderten Marikas ehemalige Berater.

„Wie machen sich Eure Gäste?“, fragte Divako.

„Bis jetzt verhalten sie sich überraschend bescheiden.“

Die Ashaki lachten, dann wurde ihre Aufmerksamkeit von einer Gruppe von zehn Reitern abgelenkt, die durch die Tore in den Hof galoppierten. Im Schein der über den Hof verteilten Lichtkugeln konnte Ivasako die Details ihrer Kleidung und ihrer Statur ausmachen. Die Gruppe bestand aus sieben Männern und drei Frauen. Wie Karamis Delegation wirkten sie wild und gefährlich. Alle trugen Hosen aus Pferdeleder, die Brüste der Frauen waren mit knappen Westen aus demselben Material bedeckt. Ihre Oberkörper waren wie die der anderen Duna, die Ivasako bis jetzt gesehen hatte, tätowiert. Nur ein Mann mit schlohweißem Haar trug ein langes Gewand.

Vor den Stufen saßen sie ab. Stallsklaven eilten herbei und nahmen ihnen die Pferde ab. Ein junger Duna, dessen Ähnlichkeit mit Karami nicht zu übersehen war, stieg die Stufen zum Eingang empor, gefolgt von seinen Begleitern.

„Palastmeister Ivasako“, sprach er in dem schweren Akzent, mit dem die Duna Sachakanisch sprachen. „Und Kriegsmeister Kachiro.“ Er nickte den anderen Ashaki zu. „Nun treffen wir also endlich aufeinander, um den Pakt neu auszuhandeln, den Euer König und mein Vater vor einem Mond ausgehandelt haben.“

„Seid gegrüßt, Kriegsherr Arikhai“, erwiderte Ivasako. „Wir heißen Euch und Eure Sandreiter willkommen. Wir bedauern den Tod Eures Vaters zutiefst.“

„Das weiß ich zu schätzen“, erwiderte Arikhai. „Was wisst Ihr über seinen Tod?“

„Ich würde Euch gerne sagen, dass er ehrenhaft im Kampf gestorben ist, doch stattdessen wurde er von den Verrätern und den Gildenmagiern mit Gift betäubt und feige im Schlaf ermordet. So wie die Krieger und seine Frauen, die mit ihm nach Arvice kamen.“

Arikhais Gesichtsmuskeln verhärteten sich. „Sein Tod wird erst gerächt sein, wenn der letzte Verräter und der letzte Gildenmagier den Tod gefunden haben“, erklärte er, die Stimme mit leidenschaftlichem Zorn erfüllt.

„Dasselbe gilt für unseren König“, erwiderte Ivasako. „Aus diesem Grund habe ich Euch heute Abend in den Palast eingeladen.“ Er machte eine Geste zu dem Loch über den Stufen. „Doch ich würde vorschlagen, dass wir dieses Gespräch an einen etwas behaglicheren Ort verlegen. Ihr werdet sehr bald sehen, das Innere des Palasts ist von dem Überfall nahezu unversehrt geblieben.“

Arikhai musterte das hohe Gebäude mit dem Unbehagen eines Menschen, der ein Zelt sein Zuhause nannte. „Dann lasst uns gehen“, sagte er entschlossen. „Es gibt viel zu verhandeln.“

„Allerdings“, stimmte Ivasako zu. „Das gibt es.“

Er wandte sich um und bedeutete den Duna, ihm zu folgen. Die Ashaki schlossen sich ihnen an. In der Eingangshalle wandten sie sich zu der nur zum Teil reparierten Treppe, die von einem Gerüst gestützt wurde. Er hätte es vorgezogen, die Duna in der Thronhalle zu empfangen, doch das erschien ihm als unpassend, weil sein Meister dort aufgebahrt lag, bis der neue König den Thron bestieg.

Stattdessen führte er die kleine Gruppe in einen der Konferenzräume im zweiten Stock. Der großzügig geschnittene Raum bot Platz für dreißig Mann, so dass Ivasako die Hälfte der Sessel in einen Nebenraum hatte bringen lassen. Sklaven eilten herbei und brachten Wein und Früchte, Ienara ließ sich mit ihrem Vyer in einer Ecke hinter Ivasako auf einem Kissen nieder und begann leise zu spielen.

„In Abwesenheit des Königs oder nach dessen Tod bin ich, bis ein Nachfolger gefunden wurde, sein Stellvertreter“, eröffnete Ivasako das Gespräch. „Die Details unseres Paktes auszuhandeln, überlasse ich jedoch Marikas militärischem Berater, Kriegsmeister Kachiro, welcher bereits Marikas Vater Vareka mit seinem Rat zur Seite gestanden hat.“

Arikhai nickte. „Das ist mir gleich. Die Duna betrachten den stärksten Krieger ihres Volkes als ihren Anführer, doch wie mir scheint, gilt das nicht für die Sachakaner.“

„Die politischen Beziehungen, die wir untereinander pflegen, verkomplizieren unsere Machtstrukturen“, erklärte Ishaka. „Jedoch ist auch bei uns der König der stärkste Magier.“

„Verstehe.“ Karamis Sohn musterte die königlichen Berater mit wachsamen Augen. Seine diplomatischen Umgangsformen hatte er zweifelsohne von seinem Vater. Die Duna waren ein kriegerisches Volk und klärten ihre Streitigkeiten im Kampf. Karami war eine Ausnahme gewesen und hatte damit gesorgt, dass sein Stamm zu einem der mächtigsten Stämme in ganz Duna aufstieg.

„Kriegsmeister Kachiro, wir sind gekommen, um den Tod meines Vaters und seiner Sandreiter zu rächen“, wandte Arikhai sich an Marikas militärischen Berater. „Doch seine Mörder konnten entkommen. Anstatt sie zu verfolgen, haben wir uns von Euch überreden lassen, die Verhandlungen wieder aufzunehmen, die mein Vater und Euer König geführt haben. Mein Volk erhebt weiterhin den alleinigen Anspruch auf die Aschenwüste – werdet Ihr uns diesen gewähren?“

Kachiro und Ishaka tauschten einen Blick. „Kriegsherr Arikhai, Ihr habt mein Wort, dass Marikas Nachfolger, der Herrscher über das neue Sachakanische Imperium, Euch die Aschenwüste zugestehen wird“, sprach der Kriegsmeister.

„Aber Ihr habt diesen Herrscher noch nicht gewählt“, folgerte Arikhai.

„Die Unruhen in der Stadt und der Krieg mit den Verrätern haben diese Entscheidung bis jetzt verzögert“, antwortete Ishaka. „Aber Ihr könnt unbesorgt sein. Marika hatte vorgesehen, dass die Thronfolge unter seinen Beratern – also uns – ausgemacht wird. Somit wird Sachaka in seinem Sinne weiterregiert werden. Der neue Imperator wird sowohl Marikas Eroberungspläne bezüglich Kyralia weiterverfolgen als auch die Beziehungen zu Duna pflegen. Sobald Marikas Nachfolger den Thron bestiegen hat, werdet Ihr eine offizielle Urkunde erhalten, die Eurem Stamm die komplette Aschenwüste zugesteht.“

Arikhai beugte sich zu dem Duna in dem Sessel neben ihm und begann mit ihm, in seiner hart klingenden Muttersprache zu diskutieren. Eine der Frauen warf eine Bemerkung ein, woraufhin Karamis Sohn die Stirn runzelte und sich an den weißhaarigen Mann wandte. Eine Weile diskutierten sie, dann wandte Arikhai sich wieder Ivasako und den Ashaki zu.

„Ashaki Ishaka“, sagte er. „Ich werde vorerst auf Euer Wort vertrauen. Euer König hat meinem Vater außerdem Unterstützung bei der Unterwerfung der übrigen in der Aschenwüste lebenden Duna-Stämme versprochen. Werdet Ihr sein Wort halten?“

„Ja“, antwortete Kachiro. „Sobald Sachaka den Krieg mit den Verrätern beendet hat und die Gildenmagier vernichtet sind. Es war ausgehandelt, dass Euer Volk uns dabei behilflich ist.“

„Nach allem, was Eure Feinde mit meinem Vater, seinen Kriegern und seinen Frauen gemacht haben, ist das nur fair“, erwiderte Arikhai. „Es dürstet uns nach ihrem Tod ebenso wie Euch.“

„Tatsächlich sind die Gildenmagier unser eigentlicher Feind“, sagte Kachiro. „Sie haben den Großteil unseres Landes unbewohnbar gemacht und uns jahrhundertelang zum Narren gehalten, indem sie uns glauben ließen, dass sie noch immer höhere Magie praktizieren. Die Enthüllung, dass sie über einzig zwei höhere Magier verfügen, welche sich dieses Wissen nur mit verbotenen Mitteln angeeignet haben, hat Sachaka dazu bewogen, diesen Krieg zu beginnen und sich zurückzuholen, was rechtmäßig schon seit je her uns gehört.“

„Kyralia war einmal ein Teil des Großen Sachakanischen Imperiums“, sagte Arikhai. „Ich erinnere mich, darüber gelernt zu haben. Doch die Gildenmagier verfügten über Waffen, mit denen Ihr nicht gerechnet habt.“

„Und sie werden von den Verrätern beschützt.“

„Die wie ein glühender Stein unter Euren Fußsohlen sind, weil sie Eure Frauen und Sklaven rauben.“

Kachiro lächelte dünn. „Ich sehe, wir verstehen uns.“ Er griff in die Schale mit Früchten, die ein Palastsklave für ihn hielt. „Tatsächlich waren sie uns gegen die Ichani und während des Bürgerkrieges nützlich. Doch seit dem Überfall auf den Palast haben sie sich offen gegen uns gestellt. Sie haben die unerfreuliche Angewohnheit, uns bei unseren Versuchen, die Gildenmagier zu vernichten, zuvorzukommen.“

„Das heißt, die Verräter müssen vor den Gildenmagiern sterben.“

„So ist es.“ Kachiro griff erneut in die Obstschale. „Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Die Verräter operieren von einem Versteck in den Bergen aus. Seit ihrer Existenz haben die sachakanischen Herrscher wieder und wieder versucht, es ausfindig zu machen. Doch diese Rebellen arbeiten im Geheimen und sind nur schwer gefangenen zu nehmen. Und auch dann können sie nicht verhört werden. Entweder sie sind einer Wahrheitslesung gegenüber resistent oder sie töten sich selbst, bevor sie ein Wort ausplaudern können. Nach gestern halte ich es zudem für unwahrscheinlich, dass sie irgendwann erneut offen angreifen.“

„Dann muss ihr Versteck gefunden und ausgeräuchert werden.“ Arikhai sah zu seinen Duna. Einige nickten kaum merklich. „Meine Krieger sind nicht dafür gemacht, in der Stadt auszuharren, bis Eure Ashaki die Trümmer weggeräumt und sich gestärkt haben. Ich werde ein paar Reitergruppen aussenden und nach dem Versteck dieser Verräter suchen. Wenn es gefunden wurde, hilft mein Volk Euch, die Verräter zu töten.“

„Das war einfacher, als ich erwartet habe“, sagte Divako, als die Duna zu ihrem Lagerplatz zurückritten.

„Das liegt daran, dass sie kein Geld und keine Reichtümer von uns wollen“, sagte Takiro. „Alles, was sie wollen, ist ein Stück unfruchtbares Land und Rache.“

„Und damit lässt sich momentan das beste Geschäft machen.“ Kachiro schob den Vorhang seiner Sänfte zurück, die seine Sklaven herangetragen hatten, und stieg ein. „Gute Nacht Euch allen. Wir sehen uns morgen.“

Die Ashaki und Ivasako verabschiedeten sich. Der Palastmeister blieb noch eine Weile auf den Stufen vor dem Eingang stehen und starrte in die Nacht. Die Verhandlungen mit den Duna waren ein guter Anfang, aber sie befriedigten nicht den Wunsch nach Rache, der tief in seinem Herzen brannte. Die Verräter mochten ihnen den Krieg erklärt haben, doch die Feinde des Palastmeisters waren zwei Gildenmagier:

Akkarin und Sonea.

„Meister Ivasako?“

Ivasako fuhr herum. Ienara trat aus dem Loch in der Mauer, ihr Vyer in einer Hand.

„Was macht Ihr noch hier?“

Er zuckte die Schultern. „Nachdenken.“

„Dann gehe ich lieber.“ Sie hob ihr Instrument und huschte an ihm vorbei. „Gute Nacht.“

„Ienara, warte.“

Am Fuße der Stufen blieb sie stehen. „Ja?“

„Du hast vorhin sehr schön gespielt.“

Ienara senkte den Kopf. „Das ist sehr freundlich von Euch, Meister Ivasako.“

„Ich meine es so.“

Sie hob den Blick und lächelte verlegen.

Ivasako erwiderte ihr Lächeln. „Ienara, ich …“ Er müsste sich zwingen, nicht die Stufen hinabzusteigen und ihre Wange zu berühren. „Schlaf gut.“

„Ihr auch.“ Sie lächelte ihm zu und eilte dann über den Hof zur Cachira.

Ich will Akkarin und Sonea tot sehen, dachte er, während er durch die zerstörte Eingangshalle zu seinem Büro ging. Ich will sie tot sehen, koste es, was es wolle.


***


Bis auf die üblichen Betrunkenen und Kleindiebe war die Gasse, durch die Cery schritt, verlassen. Zwischen einem Bolhaus und einem Rakahändler bog er in eine schmalere Gasse, an dessen Ende das Schlachthaus lag. Es war keines der Schlachthäuser, in denen Tiere getötet und zu Fleischstücken weiterverarbeitet wurden. Es war ein totes Ende, in die Gorin jene Leute lockte, die ihm unbequem waren. Hier wurden sie still und leise beseitigt und weggeschafft.

Für ein geheimes Treffen war der Ort indes mindestens ebenso geeignet.

Kurz bevor sie das Ende der Sackgasse erreichten, zog Cery seine Begleiterin in den Schatten eines Hauseingangs. „Jeder Dieb versucht, sich dem Tier anzupassen, nach dem er sich nennt“, sagte er. „Du kannst dich in bunte Kleider hüllen. Aber es wär’ mir ’ne Ehre, wenn man dich hier dran erkennt.“

Er zog den Anhänger, den Savara ihm vor so langer Zeit geschenkt hatte, unter seinem Mantel hervor. Nenia hatte mit ihm geschimpft, als er ihr gesagt hatte, sie sollte den Anhänger wieder aus Versteck holen, in das sie ihn gelegt hatte. Es hatte Cery einen Streit und mehrere weitere Kratzspuren auf seinem Rücken und schmerzende Lenden gekostet, um sie davon zu überzeugen, ihm die Inava für Farens Schwester zu überlassen. Die Inava war nicht alles, was ihm von Savara geblieben war. Er hatte jede Menge Erinnerungen, die immer ein Teil von ihm sein würden.

Kaira hatte bei dem Anblick des Schmuckstücks die Luft eingesogen. „Cery, das kann ich nicht annehmen!“, sagte sie. „Das muss ein Vermögen wert sein!“

„Der große rote Stein in der Mitte ist aus Glas. Als Diebin solltest du dich mit teuer aussehendem Schmuck schmücken.“ Durch Savaras Tod funktionierte das Blutjuwel nicht mehr. Doch man musste genau hinsehen, um zu erkennen, dass einer der Steine nicht echt war.

„Ich weiß. Faren denkt auch so. Aber das ist ein Geschenk.“

„Es war auch für mich mal’n Geschenk. Aber das Glück, das es mir mal gebracht hat, brauchst du nun mehr. Du bist die einzige Diebin in Imardins Unterwelt, von der die Stadtwache nix weiß. Du kannst es zu ungeahnter Macht bringen und den Rest von uns aus dem Hintergrund unterstützen. Wie eine Königin der Unterwelt.“ Er drückte die Inava in ihre Hand und schloss ihre Finger darum. „Also nimm’s gefälligst.“

Das Weiß in Kairas großen Augen blitzte erheitert in der Dunkelheit. „Dann muss ich’s wohl nehmen“, sagte sie und hing sich die Kette um den Hals. „Danke, Ceryni.“

Cery winkte ab. „Dank mir erst, wenn die anderen Diebe dich akzeptiert haben.“

Hinter ihm räusperte sich Gol. „Die and’ren warten schon, Chef.“

„Sollen sie doch“, sagte Cery erheitert. Wenn er die anderen Diebe warten ließ, dann mussten sie warten. Für eine Weile genoss er dieses Gefühl von Macht, denn es würde das letzte Mal sein.

Sie betraten das verlassene Haus. Früher hatte Gorin es als eines seiner Verstecke benutzt, inzwischen stellte er es den Dieben für ihre geheimen Treffen zur Verfügung. Das Gebäude war baufällig und inzwischen hausten Ravi darin. Gorin sah indes keinen Bedarf etwas daran zu ändern, weil er damit verhindern wollte, dass sich Obdachlose darin niederließen.

Die vier verbleibenden Diebe hatten sich im größten Raum des Erdgeschosses um einen Tisch versammelt. Auf dem Tisch standen ein Krug mit Raka und ein weiterer mit Bol. Auch die anderen Diebe hatten ihre Leibwächter mitgebracht. Cery entdeckte den Magier Senfel hinter Ravis Stuhl und nickte ihm zu, woraufhin sich die Miene des anderen Diebes verfinsterte.

„Ich hab’ euch zusammengerufen, weil uns schwere Zeiten bevorstehen“, begann er, nachdem er Platz genommen und sich an dem Raka bedient hatte. „Wir müssen uns ’nen Plan zu überlegen, wie’s weitergehen soll, jetzt wo Faren und Sevli im Gefängnis sind. Als wir entschieden, Stadtwache zu werden, haben wir geschworen, einander zu helfen, wenn einer von uns in Reibereien mit dem Gesetz steckt. Wir müssen alles tun, um unsere Kollegen zu retten und Beweise zu vernichten. Und wir müssen uns ’nen Plan überlegen, was mit den Geschäften der beiden passiert, wenn wir sie nicht befreien können.“

Die anderen Diebe nickten mit finsteren Mienen. Ihnen allen war bewusst, dass sie sich damit in einen Konflikt mit dem Gesetz brachten, sollten sie auffliegen. Auch Cery war nicht ganz wohl bei der Sache, aber er wusste, er tat das Richtige.

Er wies zu der Frau neben sich. „Das hier’s Farens Schwester. Sie nennt sich Inava. Sie war jahrelang Farens rechte Hand. Er hat ihre Existenz geheim gehalten, damit ihr nix passiert, sollte er von der Stadtwache erwischt werden oder ein Konkurrent ihm ein Messer schicken.“

Die anderen Diebe starrten Kaira an, als hätten sie noch nie eine Frau gesehen. Anscheinend hatten sie weder gewusst, dass Faren eine Schwester hatte noch dass sie so schön war. Zill grinste derweil. „Endlich bin ich nicht mehr die einzige Frau unter den Dieben!“, rief sie. „Willkommen, Inava.“

„Das bietet uns ungeahnte Möglichkeiten, nachdem wir für die Stadtwache so viel aufgeben mussten“, murmelte Limek.

Inava lächelte. „Danke“, sagte sie. „Ich hoffe, wir werden gut zusammenarbeiten. Von meinem Bruder weiß ich alles über seine Geschäfte und das Leben als Dieb. Ich werde euch aus dem Verborgenen helfen können. Doch zunächst müssen wir Faren und Sevli helfen.“

Die Ruhe, mit der sie sprach, zusammen mit ihrer tiefen, melodischen Stimme hatte die Diebe verstummen lassen. Selbst Zill starrte die andere Frau nun mit offenem Mund an.

„Mein Bruder hat Vorkehrungen getroffen, die Stadt zu verlassen, für den Fall, dass ihm Tod oder Gefängnis drohen“, fuhr Farens Schwester fort. „Ich bin bereits dabei, das zu organisieren, aber ich habe keine Verbindungen, über die ich ihn aus dem Knast befreien könnte. Ein paar seiner Leute, die noch frei sind, sind bei mir untergekommen und werden von nun an für mich arbeiten. Soweit kann ich vorsorgen. Aber ich weiß nix über Sevli und seine Leute. Wer wird seine Geschäfte übernehmen?“

„Sevlis Geschäfte übernehm’ ich“, erklärte Limek. „Soll heißen, wenn er nicht freikommt.“

„Wie meinst du das?“, fragte Cery.

„Der von seinen Männern, den sie geschnappt ha’m, behauptet steif und fest, sich an dem Schmuggel beteiligt zu haben, weil er als Stadtwache zu wenig verdient.“

„Hai!“, rief Cery. „Und das glaubt die Stadtwache?“

„Sevlis andere Männer und Sevli selbst behaupten, sie hätten nix davon gewusst. Die Stadtwache untersucht den Fall. Bis zur Anhörung bleiben Sevli und alle, die geschnappt wurden, im Knast.“

Das war Cery neu. Allerdings vermutete er bereits seit einer Weile, dass die an der Untersuchung beteiligten Stadtwachen ihre Ergebnisse unter Verschluss hielten. „Woher weißt du das?“, verlangte er zu wissen.

„Ich hab’n paar Gefälligkeiten eingefordert.“ Limek grinste. „Dabei hab’ ich übrigens auch Sevli besucht. So wie du’s mit Faren gemacht hast.“

„Was ist mit Sevlis anderen Leuten?“, fragte Cery. „Die, die nicht geschnappt wurden?“

„Die sind bei mir. Falls Sevli nicht rauskommt, werden sie bei mir bleiben und ich werd’ seine Geschäfte übernehmen.“ Limek grinste und entblößte zwei Reihen gelblicher Zähne, mit denen er dem Tier, nach dem er sich genannt hatte, alle Ehre machte. „Dann gehören die Märkte mir allein.“

Ravi zischte und Gorin gab ein dumpfes Grollen von sich.

„Hai! Damit würdest du der mächtigste aller Diebe werden!“, rief Zill. „Bei so’nem Plan mach’ ich nicht mit.“

„Ich auch nicht“, erklärte Ravi säuerlich und Gorin grunzte zustimmend. „Wenn du das versuchst, gibt’s Krieg. Und dann ist mir egal, ob ich irgendso’nen bescheuerten Eid geschworen hab’.“

„Da kannst du auf mich zählen!“, erklärte Gorin.

„Und während ihr euch streitet, reiße ich die Macht an mich“, sagte Zill entspannt.

Cery seufzte. „Könnt ihr das bitte unter euch ausmachen? Wir haben zwei unserer Kollegen zu retten. Mit etwas Glück auch nur einen, aber wir müssen uns was überlegen. Und dazu müssen wir alle zusammenarbeiten.“

Allmählich verstummten die anderen Diebe. „Cery führt sich auf wie der Capt’n Commander der Hüttenviertel“, grollte Ravi.

„Hai! Irgendwer muss euch ja zur Vernunft bringen“, gab Cery zurück.

„Jetzt ist aber gut!“ Inavas Stimme hallte scharf durch den Raum. Die Diebe und ihre Leibwächter zuckten zusammen. „Mein Bruder’s im Knast. Er ist einer von euch, so wie Sevli. Wir sind hier, um ihnen zu helfen.“

Cery schenkte ihr ein Lächeln. „Danke.“ Er trank einen Schluck Raka und wandte sich dann wieder den anderen zu. „Als ich Faren besucht hab’, hab’ ich ’ne Stadtwache wiedererkannt, die bis vor ’nem halben Jahr noch Patrouille gelaufen ist. Der Kerl heißt Marrek. Er und seine Kumpels wurden von Worril ins Gefängnis versetzt, weil sie sich mit Huren vergnügt haben. Von meiner Frau weiß ich’n paar Details, die besser nicht rauskommen sollten, denn diese Typen sind aus den Häusern.“

Ravi pfiff anerkennend durch seine spitzen, gelben Zähne. Gorin gluckste unterdrückt und Zills Augen leuchteten auf, während sie eine rote Haarsträhne zwischen den Fingern zwirbelte.

Limek lächelte raubtierhaft. „Damit können wir sie erpressen. Wir müssen nur an ihren Dienstplan.“

Cery winkte ab. „Das ist das kleinste Problem. Der Kerl mit den Dienstplänen schuldet mir noch ’ne Gefälligkeit.“

„So weit so gut“, sagte Ravi. „Aber wie sollen wir in den Knast reinkommen? Kennst du auch die Wachen am Eingang?“

„Da hatte ich auf eure Ideen gehofft.“

„Ich kann einen oder zwei über die Mauer schweben lassen“, sagte Senfel. „Aber ins Gefängnis gehe ich nicht mit. Dort müsst ihr alleine zurechtkommen.“

„Solange du uns auf’m Rückweg nochmal über die Mauer schweben lässt, ist mir das egal“, brummte Gorin.

„Deswegen nicht mehr als zwei von euch“, antwortete Ravis Leibwächter.

„Und wer soll gehen?“, fragte Limek. „Ich würde Ceryni vorschlagen, weil er klein ist.“ Er sah in die Runde. „Ravi, wie wär’s mit dir? Zwei Nagetiere fallen im Knast nicht auf.“

Cerys nächsthöherer tierischer Verwandter verschränkte die Arme vor der Brust. „Nur über meine Leiche.“

„Ich bin zu groß“, brummte Gorin. „Und Zill redet zu viel.“

Zill gab dem großen, haarigen Dieb einen Klaps auf den Hinterkopf. „Und du bist’n Mistkopf!“

Limek seufzte. „Dann geh’ ich noch mit. Schließlich ist Sevli mein engster Kollege.“ Er wies mit dem Finger auf Gorin, Ravi und Zill. „Und ihr drei kümmert euch darum, dass der Weg zum Gefängnis sicher ist und dass wir ’nen Fluchtweg haben.“

„Weiß jemand, was Sevli für den Fall geplant hat, dass er die Stadt verlassen muss?“, fragte Inava.

„Er hat mal gesagt, er würd’ sich ins Ausland absetzen.“ Limek schenkte sich ein zweites Bol ein und grinste. „Aber er setzt immer darauf, dass man ihm nix nachweisen kann.“

„Für den Fall, dass er nicht rauskommt, kann ich die Wilden Brüder fragen, ob sie ihn mitnehmen und in ’nem anderen Land absetzen“, erbot sich Inava. „Das wär’ für mich und Ceryni einfacher, da wir Faren zu ihnen bringen.“

Ravi lachte. „Faren will unter die Piraten gehen?“, rief er.

„Das ist gar keine so schlechte Idee“, sagte Zill. „Es ist nicht so viel anders, wie Dieb sein, nur dass er auf ’nem Schiff ist, und er kann dem Rest von uns die feinste Schmuggelware liefern.“

„Genauso war es gedacht“, sagte Cery. „Also helft mir und Inava gefälligst, damit er dahin kommt.“

„Und er bringt uns dann die Waren, die Sevli in ’ner anderen Stadt beschafft“, murmelte Gorin. „Find’ ich gut.“

„Ich auch“, stimmte Limek zu.

„Wir müssen unsere Aktion gut verschleiern“, sagte Ravi. „Wir brauchen die genauen Dienstpläne und das möglichst bald. Marrek und seine Freunde sind gut und schön, aber was, wenn sie an dem Abend keinen Dienst haben oder in ’nem anderen Trakt sind? Das Gefängnis ist gut bewacht, wahrscheinlich werden wir noch mehr Wachen bestechen müssen.“

„Da kann ich mich drum kümmern“, sagte Limek. „Wenn du mir hilfst.“

„Dann kümmern Gorin und ich uns um den Fluchtweg und den Weg ins Gefängnis“, erbot sich Zill. „Und wir alle müssen darauf achten, dass man uns nicht zurückverfolgen kann.“

„Farens Leute können dabei helfen“, sagte Inava. „Am Ende wird’s so aussehen, als wären sie es gewesen.“

Aber das würde egal sein, weil sie fortan mit Inava im Untergrund arbeiten würden. Cery lächelte in sich hinein. Sie hatten einen Plan.

„Ich werde Sevlis Leute anweisen, ebenfalls zu helfen“, sagte Limek. „Falls sie erwischt werden, wird Worril denken, sie hätten mal wieder aus eigenem Antrieb gehandelt.“

Cery sah in die Gesichter der anderen. „Sieht aus, als könnte das was werden.“ Er leerte seinen Raka und nahm einen tiefen Atemzug. „Das hier wird meine letzte Aktion sein“, teilte er den anderen Dieben dann mit. „Wenn Faren und Sevli frei sind, werd’ ich mich zurückziehen und mich nur noch passiv an den Aktivitäten der Diebe beteiligen.“

„Und warum?“, schnarrte Ravi.

„Weil ich ’ne Frau hab’ und bald Vater werde.“ Er hatte es Nenia versprochen. Die Diebe würden ihn nicht wieder umstimmen können.

Limek lachte. „Wir alle haben Kinder und das nicht nur von einer Frau!“, rief er. „Außer Zill, die hat viele Kinder von vielen Männern!“

„Limek, du bist so’n blöder Mistkopf!“, sagte Zill.

Cery und die anderen lachten. „Auch wenn ich nur eine Frau habe und mein erstes Kind noch nicht geboren ist, steht meine Entscheidung. Ich will was Besseres für mein Kind als es ständig in der Furcht leben zu lassen, dass sein Vater in den Knast kommt. Und ich will auch nicht, dass es in meine Fußstapfen tritt. Und deswegen will ich, dass alle bei dieser Aktion ihr Bestes geben.“


***


Obwohl der Himmel über der Ebene im Osten in einem sanften Rot erglühte, war er weiter oben noch immer mit Sternen übersät. Akkarin hatte beobachtet, wie das Schwarz der Nacht am Horizont allmählich erst einem Silber, gefolgt von einem blassen Gelb und schließlich diesem Rot gewichen war. Nirgendwo war der Nachthimmel atemberaubender als in den Ödländern, die für ihn zugleich der schönste und entbehrungsreichste Ort waren, den er sich vorstellen konnte.

Lange Zeit hatten Sternenhimmel und Sonnenaufgänge Erinnerungen an Isara geborgen. Sie hatten ihn mit einer unstillbaren Sehnsucht und einem süßen Schmerz erfüllt, und ihm zugeflüstert, er würde niemals wieder eine Frau so sehr lieben.

Aber nicht mehr länger.

Er hatte immer geglaubt, Isara wäre die Liebe seines Lebens gewesen. Doch es war eine unerfüllte, an Besessenheit grenzende Liebe gewesen. Akkarin hatte lange gebraucht, um das zu begreifen. Erst durch Sonea war es ihm klargeworden, wie Liebe sich anfühlte. Obwohl sie Isara in mancher Hinsicht ähnelte und ein dunkler Teil in ihm Besitzansprüche auf sie wie auf keine andere erhob, war es mit ihr anders. Sie war anders.

Sie war etwas ganz Besonderes.

Er sah zu der kleinen Gestalt, die in seinen Armen schlief. Ihre weiche Haut schmiegte sich vertrauensvoll an seine und ihr Körper strahlte eine angenehme Wärme ab. Der Anblick erinnerte ihn ein wenig an einen Zill, der sich zum Schlafen zusammengerollt hatte. Klein, unschuldig und zerbrechlich.

Im Schlaf war die Decke, in die er sie beide gewickelt hatte, nachdem sie sich am Ufer des Sees geliebt hatten, ein Stück von ihrer Schulter gerutscht. Einen Finger ausstreckend strich er die Konturen des Cravas nach. Selbst, wenn die Erinnerungen eines Tages verblassen sollten, so würde ihn dieses Zeichen immer schmerzhaft daran erinnern, dass sie für eine Weile einem anderen gehört hatte.

Du könntest sie selbst kennzeichnen, flüsterte ein dunkler Teil in ihm.

Nur, wenn sie das will, dachte er. Sonst verliere ich sie.

Akkarin zog die Decke über ihre Schulter und strich dann behutsam über ihren Rücken. Sonea bewegte sich leicht, wachte jedoch nicht auf.

Er sah hinaus auf den See. Dünne Nebelschwaden verweilten über der Oberfläche wie eine Erinnerung an den Herbst. Die beste Zeit des Jahres.

Ob sie es mögen würde, wenn ich sie kennzeichne?, fragte er sich. Irgendwie ließ ihm dieser Gedanke keine Ruhe. Zugleich fand er jedoch, das hatte Zeit, bis sie das hier überstanden hatten.

Als sie ein Paar geworden waren, hatte er einiges mit ihr ausprobiert. Bereits hinter dem Wasserfall am Krikara war Akkarin bewusst geworden, dass er seine dunkle Seite nicht dauerhaft unterdrücken können würde. Auch das war ein Grund gewesen, warum er nach seiner Rückkehr aus Sachaka Junggeselle geblieben war und sich so sehr gegen eine Beziehung mit Sonea gesträubt hatte. Aber Sonea hatte etwas an sich, das ihn hatte hoffen lassen, sie würde ihn nicht wegen seiner dunklen Seite zurückweisen. Weil sie etwas besaß, das Isara fehlte.

Und so hatte er sie langsam, aber behutsam mit seiner dunklen Seite bekanntgemacht. Es hatte ihn überrascht, wie willig sie auf ihn eingegangen war, ohne auch nur irgendeine Ahnung zu haben, was es bedeutete. Es hatte ihn seine ganze Willenskraft gekostet, nicht mit ihr zu versuchen, was er bei Dakova und den anderen Ichani gesehen hatte. Er würde es sich nie verzeihen, würde er sie mit seiner dunklen Seite verstören.

Stattdessen hatte er eine Grenze gezogen und gehofft, es würde ihm niemals nach mehr verlangen. Durch Marika hatte Sonea diese Grenze jedoch ohne sein Zutun überschritten und brachte ihn in die unerfreuliche Situation, seine eigene Grenze zu überdenken. Der Gedanke, sich darauf einzulassen, erfüllte ihn mit Furcht und Verlangen und brachte ihn nicht zum ersten Mal zu der Frage, ob er dann überhaupt noch in der Lage war, seine dunkle Seite zu kontrollieren.

Ein dunkler Teil von Akkarin raste vor Eifersucht, weil nicht er derjenige gewesen war, der Sonea weiter in diese Welt entführt hatte. Obwohl ihre Beziehung zu Marika mehr Abhängigkeitsverhältnis als aufrichtige Zuneigung gewesen war, hatte sie sich ihm schließlich bereitwillig hingegeben. Und Akkarin begriff, warum. Marika und er hatten, wenn auch auf eine verdrehte Weise, einige erschreckende Ähnlichkeiten. Deswegen, und weil er Soneas Vorlieben ergänzte, war es dem König von Sachaka trotz seiner anfänglichen Brutalität gelungen, ihre dunkle Seite zu entfesseln – etwas, von dem Akkarin fand, dass es nur ihm allein zustand.

Aber sie hat sich mir unterworfen, dachte er sich an den vergangenen Abend erinnernd. Die Erinnerung jagte einen anregenden Schauer seinen Rücken hinab. Sie hatte es nicht gesagt, weil Marika etwas in ihr zerbrochen hatte. Er hatte es in ihren Augen und in ihren Gedanken gesehen, als sie sich vereint hatten. So hatte sie Marika nie angesehen. Selbst die Art und Weise, wie sie ihn früher angesehen hatte, war nur ein Schatten dessen. Als sie ihn so angesehen hatte, hatte Akkarin gewusst, dass er Sonea nicht länger durch Marikas Augen sehen würde.

Ob er das Spiel weitertreiben konnte? Würde sie darauf eingehen? Oder tat er besser daran, sie nach allem, was ihr widerfahren war, zu verschonen?

Durch ihre tagelangen Streitereien hatte Akkarin eines über Sonea begriffen: Sie differenzierte zwischen dem Marika, der ihre Magie genommen und ihr Gewalt angetan hatte, und dem Marika, mit dem sie schließlich ihre eigene dunkle Seite hemmungslos ausgelebt hatte. Es war keine Liebe gewesen und auch kein Geschäft, sondern einfach nur Sex. Und auch wenn Akkarin es am liebsten sähe, wenn sie nicht einmal Verlangen nach einem anderen Mann verspürte, kam er nicht umhin, sie dafür zu bewundern. Sie hatte nicht gewusst, dass er kommen und sie befreien würde. Sie hatte versucht, sich mit ihrer Situation zu arrangieren und sich ihr Leben so erträglich wie möglich zu machen und dabei selbst in ihrem größten Feind einen Spaßfaktor gefunden. Trotz allem hatte sie nicht aufgegeben.

Das war die Frau, die er liebte.

Als er etwas Feuchtes zwischen seinen Fingern spürte, wusste er, dass seine Hand in ihrem Schoß angelangt war. Für einen kurzen Augenblick runzelte er die Stirn, dann erkannte er, dass es die Überreste ihrer Vereinigung am Abend waren, die unter der Decke nicht getrocknet waren. Behutsam, fast schon übervorsichtig strich er mit seinen Fingern über die noch immer glatte Haut. Als er etwas Kleines, Hartes ertastete, wusste er, dass er ihren Schmuck gefunden hatte.

Ob sie zulässt, wenn ich damit spiele? Am vergangenen Abend hatte er es bewusst gemieden, sie dort zu berühren, um den Moment nicht zu zerstören, sollte sie mit Ablehnung oder Panik reagieren.

Er entschied, das Risiko einzugehen.

Unter seiner Hand regte Sonea sich. Sie seufzte leise und schmiegte ihren Kopf dichter gegen seine Brust. Das Bein, das oben lag, bewegte sich und erleichterte ihm den Zugang zu ihrem Schoß. Mit seiner freien Hand strich Akkarin über ihre Stirn und sandte seinen Geist in ihren Körper.

Sofort begriff er, dass sie träumte. Von ihm. Ihr Schlaf musste leicht sein, denn der Traum spielte sich in ihren Oberflächengedanken ab, aus denen er trotz ihrer blockierten Magie wie aus einem Buch lesen konnte.

Dass das überhaupt möglich war, überwältigte ihn. Denn er wusste, was es bedeutete.

In ihrem Traum war sie mit ihm zusammen und glücklich, so als wäre das vergangene halbe Jahr nie geschehen. Zugleich enthielt ihr Traum jedoch auch Elemente dessen, was er begonnen hatte und von Marika fortgeführt worden war. Eine Weile lauschte er ihrem Traum, unfähig sich aus ihrem Geist zurückzuziehen, während seine andere Hand damit fortfuhr, sie zu streicheln und immer feuchter wurde.

Wie oft sie solche Träume in Arvice gehabt haben mag?, fragte er sich. Wie oft hat sie von mir geträumt und war währenddessen glücklich? Aus Marikas Gedanken wusste er, dass sie häufig von ihm geträumt hatte. Aber das waren nur die Träume gewesen, an die sie sich am anderen Morgen noch erinnert hatte. Und vielleicht war das auch besser so. Denn er wusste nur allzu gut, wie schmerzhaft das Erwachen aus dieser Art von Traum war.

Mit einem Mal begriff Akkarin, dass er vielleicht der Einzige war, dem dieser Traum im Gedächtnis bleiben würde. Und das erfüllte ihn mit leisem Bedauern.

Soneas Atmung wurde schneller. Allmählich verwandelte sich der Traum, als ihre Erregung größer wurde, und Akkarin begann sich zu fragen, ob sie diese Phantasien auch hätte, wäre sie wach, wo die Erinnerungen an Marika intervenieren konnten.

Akkarin machte sich nichts vor. Wenn sie erwachte, würden die Erinnerungen an Marika unweigerlich zurückkehren. Trotz der Sturheit, die sie selbst im Hinblick auf Intimitäten seit ihrer Flucht aus Arvice gezeigt hatte, würde das ihre Glückseligkeit trüben. Im Nachhinein war es Akkarin ein Rätsel, wie der vergangene Abend überhaupt hatte geschehen können.

War es ein Fehler?, fragte er sich. Irgendetwas war passiert, als sie in den See gegangen war. Eine längst vergangene Erinnerung hatte sich invertiert und zu etwas vervollständigt, was sein früheres Ich niemals gewagt hätte. Für einen Moment hatte er die Kontrolle über seine dunkle Seite verloren und sie sich genommen.

Sie waren beide wie berauscht gewesen. Sonea hätte nicht so auf ihn reagiert, hätte Marika in diesem Moment zwischen ihnen gestanden. Aber er würde zurückkehren. Irgendwann holte die Vergangenheit einen immer ein. Noch mochte es Sonea gelingen, ihre Erinnerungen zu verdrängen, indem sie sich auf Akkarin fixierte und den grausamen Marika ausblendete. Aber Akkarin fürchtete den Tag, an dem sie dabei versagte.

Seine dunkle Seite wollte ihr diesen Mann mit allem, was er aufbieten konnte, austreiben. Doch er wusste auch, wenn Sonea von ihren Erinnerungen gequält wurde, würde er das nicht über sich bringen. Seine dunkle Seite – er wollte sie mehr denn je. Doch er war kein Monster wie Dakova. Er konnte nur tun, was sie ebenfalls wollte.

Ich werde alles tun, damit es ihr gutgeht, schwor er sich. Egal, was es mir abverlangt.

Er würde ihr Marika austreiben, wenn sie darauf bestand. Aber er würde sich in Zurückhaltung üben, wenn sich herausstellte, dass das ihr das besser tat. Wenn er fünf Jahre sein Verlangen nach der Frau, von der er nahezu besessen gewesen war, hatte kontrollieren können, dann musste ihm das auch bei der Liebe seines Lebens gelingen.

Für den Augenblick blieb ihm jedoch nichts zu tun, als ihr den Traum zu versüßen, den sie am nächsten Morgen vergessen haben würde.

Die Erregung, die ihre Oberflächengedanken ihm entgegengeschrien, war anstreckend. Akkarin löste seine Hand von ihrer Stirn und schob zwei seiner Finger tief in ihr warmes, weiches Inneres. Sie sog leicht die Luft ein und schlief weiter. Während seine andere Hand sie weiter streichelte, bewegte er seine Finger behutsam in ihr.

Ihr Höhepunkt kündigte sich zugleich in ihren Gedanken und in der Reaktion ihres Körpers an. Dann zuckten Ihre Muskeln rhythmisch um seine Finger, stärker als er es in Erinnerung hatte. Es war beinahe so gut, als wäre er gerade in ihr. Seine Lenden begannen zu schmerzen und ein dunkler Teil seiner Selbst wollte sie auf den Rücken drehen und sie sich einfach nehmen.

Sonea tat einen tiefen Atemzug, der wie ein langgezogenes Seufzen klang, und entspannte sich.

„Ich liebe dich“, murmelte er und küsste sie auf die Stirn.

Akkarin zog die Hand zurück und wischte sie an seinem Oberschenkel trocken. Wäre sie wach gewesen, hätte er überlegt, sie sie ablecken zu lassen. Beim nächsten Mal, dachte er. Sollte es ein nächstes Mal geben. Wenn sie erwachte, würde der traumhafte Zustand, in dem sie beide sich seit dem vergangenen Abend befanden, enden und Marika würde wieder an Macht über sie gewinnen.

Für den Augenblick wollte er darüber jedoch nicht nachdenken. Im Augenblick zählte nur eines:

Dass er sie wiederhatte.


***


Vogelgesang und etwas Warmes in ihrem Gesicht waren das Erste, das Sonea wahrnahm, als sie erwachte. Das war ebenso ungewohnt, wie das Plätschern von Wasser und das Rascheln des Windes im Laub. Doch das fast vergessene Gefühl eines vertrauten Körpers in ihrem Rücken und der Arme, die sie festhielten, war als wäre sie nach Hause gekommen.

Sie seufzte selig und wandte sich um.

„Guten Morgen“, sagte Akkarin und küsste sie. Er saß mit dem Rücken gegen den Baumstamm gelehnt, an dem sie am vergangenen Abend das Nachtlager hergerichtet hatte. Sonea blinzelte verwirrt. Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie vom Ufer hierher gekommen waren.

„Guten Morgen“, erwiderte sie, den Kopf an seine Brust lehnend.

Ihr Blick wanderte hinaus auf den kleinen See. Über dem Wasser lagen dünne Nebelschwaden, der Himmel war von einem blassen Blau und die Schatten waren tief.

„Es ist noch früh“, stellte sie fest. „Bist du schon lange wach?“

„Eine Weile.“

Also die ganze Nacht. Sonea fragte sich, ob sie wirklich geträumt hatte, wie er ihr zugeflüstert hatte, dass er sie liebte. Oder dieser andere Traum, in dem sie so erregt gewesen war, dass sie für einen Augenblick aufgewacht war. Nein, das konnte nicht wirklich geschehen sein. So war Akkarin nicht. Aber sie spürte auch ganz deutlich, dass sich seit dem vergangenen Abend etwas zwischen ihnen verändert hatte.

Sie sah zu ihm hoch.

„Ich liebe dich“, flüsterte sie.

Akkarin bedachte sie mit seinem Halblächeln und ihr Herz machte einen Sprung. „Ich liebe dich auch, Sonea.“ Er wickelte sie fester in seinen Reiseumhang. „Schlaf noch ein wenig, es ist noch früh. Ich wecke dich, wenn es Zeit ist, weiterzuziehen.“

Sonea verspürte eine jähe Enttäuschung. „Du willst heute noch weiterziehen?“

„Ja.“

Seine Worte erinnerten sie daran, dass sie nach Kyralia zurück mussten. Der Gedanke erfüllte Sonea mit Furcht und Unbehagen. Während ihrer Reise hatte oft darüber nachgedacht, wie es wäre, wieder zuhause zu sein. Aber in ihrer Vorstellung war sie noch immer die alte Sonea. Ihre Vorstellungskraft versagte bei der neuen. Und sie fürchtete, Akkarin würde sich wieder daran erinnern, dass sie kein Paar mehr waren, wenn sie diesen Ort verließen.

Oder waren sie wieder zusammen? Das, was am vergangenen Abend geschehen war, war mehr als nur bloßes Verlangen gewesen. Sonea wusste, sie brauchte Akkarin nur zu fragen, doch sie fürchtete zu sehr, er würde seinen Fehler bemerken und wieder kalt und abweisend werden.

„Können wir nicht ein paar Tage hierbleiben?“

„Sonea, die anderen warten auf uns“, sagte er sanft. „Die Gilde bereitet sich darauf vor, dass uns eine ganze Armee folgt.“

„Aber uns folgt niemand. Hast du vor ein paar Tagen nicht gesagt, dass die Verräter auf dem Weg nach Arvice sind und dass einige zum Nordpass gegangen sind, um der Gilde zu helfen?“

„Das ist richtig. Doch ich will mich nicht darauf verlassen, dass sämtliche Ashaki in Arvice sind oder dorthin kommen, weil sie vor den Verrätern fliehen oder um sich mit den anderen zu verbünden. Zudem habe ich aus den Gesprächen von Balkan, Vinara und einigen Magierinnen der Verräter erfahren, dass vor mehr als einer Woche eine Armee von Duna die Ödländer durchquert und die Verräter vor Arvice bekämpft hat. Wenn sie erfahren, welche Rolle ich bei dem Überfall auf dem Palast hatte, könnten sie sich wieder nach Norden wenden.“

„Das heißt, die Duna sind hinter uns, richtig?“

„Möglicherweise.“

„Dann macht es doch keinen Unterschied, ob wir noch einen Tag hierblieben“, sagte Sonea. „Wir wären vor ihnen am Nordpass.“

„Ich bin schon viel länger weg, als ich geplant hatte, Sonea. Und will ich dich endlich in Sicherheit wissen.“

„Der sicherste Ort auf der ganzen Welt ist bei dir.“ Sonea sah zu ihm auf. „Seit Wochen sind wir quer durch Sachaka gewandert. Nur einen Tag. Bitte.“

Akkarin seufzte. „Meinetwegen. Im See leben genug Fische, dass wir eine ganze Woche davon satt würden, die Büsche sind voller Vare und unser Pferd kann sich erholen und satt fressen.“ Seine Stimme wurde streng, als er fortfuhr. „Aber morgen früh ziehen wir weiter.“

„Ein Tag genügt mir.“ Lächelnd sah Sonea zu ihm hoch. „Danke.“

Akkarin drückte sie an sich. Seine Nähe genießend döste sie allmählich wieder ein.

Als sie das nächste Mal erwachte, stand die Sonne ein gutes Stück höher. Akkarin saß noch immer an den Baumstamm gelehnt.

„Wird dir nicht allmählich langweilig, bloß dazusitzen und mir beim Schlafen zuzusehen?“, fragte Sonea.

Akkarin bedachte sie mit seinem Halblächeln und schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte er und strich eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.

Sonea fand das verrückt, kam jedoch nicht umhin, sich geschmeichelt zu fühlen. Dass er sie nicht mehr zurückwies, war ein großer Fortschritt. Allerdings hielt sie es für besser, ihre Gedanken für sich zu behalten. Je länger sie diesen traumhaften Zustand aufrechterhalten konnte, desto unwahrscheinlicher würde Akkarin wieder so werden, wie er seit ihrer Flucht aus Arvice gewesen war.

Nach einer Weile löste Sonea sich von ihm. „Ich gehe baden“, erklärte sie. „Dieses Mal aber richtig.“

Akkarin lachte leise. „Dann sollte ich mich dieses Mal wohl nicht von dir ins Wasser locken lassen.“

„Oh, du kannst mitkommen“, sagte sie. „Du solltest mir nur die Chance geben, auch wirklich sauber zu werden.“

Er hob kaum merklich die Augenbrauen.

„Wenn ich mich recht erinnere, hast du gestern auch nicht gebadet.“

„Ich war im Wasser“, erwiderte er ernsthaft.

„Aber nur um mich wieder rauszuholen.“ Sie griff nach seiner Hand. „Komm schon, Akkarin. Ich würde mich freuen, mit dir zu baden.“

Akkarin seufzte betont resigniert. „Ich habe keine Wahl, fürchte ich.“ Zu Soneas Freude erhob er sich und folgte ihr zum Ufer.

Fast eine ganze Stunde lang schwammen sie durch die See und alberten herum. Als Sonea nicht hinsah, tauchte Akkarin unter und zog sie an ihren Füßen unter Wasser. Anschließend lieferten sie sich eine wilde Wasserschlacht, bei der sie einander durch den See jagten. Sonea beschwerte sich lautstark, weil sie überzeugt war, dass er Magie verwendete, da sie dabei weitaus schlechter wegkam, woraufhin er sie erneut untertauchte.

Prustend durchbrach sie vor ihm die Wasseroberfläche. „Warte nur, bis ich meine Magie zurückhabe, dann kannst du etwas erleben!“

Erheitert hob Akkarin die Augenbrauen. „Versuchst du mir zu drohen?“

„Wenn du so willst, ja.“

„Dann werde ich mir noch einmal gründlich überlegen, ob ich deine Kräfte nicht doch blockiert lasse und dich als Kraftquelle benutze.“

Sonea bespritzte ihn mit Wasser. „Das wagst du nicht.“

„Wir werden sehen.“

„Dafür brauchst du mich zu sehr.“

„Ich bin stärker denn je.“ Er bekam ihre Arme zu fassen, zog sie zu sich und küsste sie, bevor Sonea protestieren konnte.

Nachdem sie sich erschöpft hatten, wusch Sonea ihre Kleider und Akkarins Robe im Fluss. Die sauberen Sachen legte sie auf einem Stein ab. Als sie fertig war, hob sie die Kleider auf und wollte sie hinüber zu den Büschen tragen, doch Akkarin bekam ihren Arm zu fassen. „Wo willst du hin?“

„Unsere Sachen aufhängen, damit du keine Magie benutzen musst, um sie zu trocknen.“

„Sonea, du brauchst das nicht machen …“

„Ohne Magie komme ich mir nutzlos vor“, schnitt sie ihm das Wort ab. „Ich kann dich nicht die ganze Arbeit allein machen lassen.“

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Widerspenstig wie eh und je“, bemerkte er. „Häng sie meinetwegen auf. Doch es wird nicht viel Magie brauchen, um sie zu trocknen.“

„Was, wenn uns die Sachakaner wirklich folgen?“, wandte sie ein. „Oder die Duna? Du würdest jede Magie brauchen, die du hast.“

Er seufzte leise. „Lass mich wenigstens eines deiner Kleider trocknen, damit du etwas zum Anziehen hast.“

Widerwillig überreichte Sonea ihm ein frisches Paar Hosen mit passendem Oberteil. Sie sah zu, wie Dampf davon aufstieg, während Akkarin es trocknete. Inzwischen knurrte ihr Magen so bedenklich, dass sie glaubte, ihr Magen würde sich selbst verdauen, wenn er nicht bald etwas zu tun bekam.

Mit einem Stirnrunzeln gab Akkarin ihr das Kleid zurück. „Ich gehe fischen.“

Er krempelte seine Hose bis zu den Knien hoch und watete ins Wasser. Sonea schritt derweil zu den Büschen und breitete ihre Kleider darauf aus. Die Sonne schien warm, der Stoff würde rasch trocknen.

Als sie zum Ufer zurückkehrte, saß Akkarin auf einem Stein und nahm die Fische aus. Auf ihre Schritte hin hob er den Kopf. Der Blick, mit dem er sie musterte, ließ Sonea erschaudern.

„Was ist?“, fragte sie verunsichert.

„An diesen Anblick könnte ich mich gewöhnen.“

Seine Magie umschlang ihre Taille und zog sie zu ihm. Der Impuls war so heftig, dass Sonea vor ihm auf die Knie sank. Sie konnte sich gerade noch mit ihren Händen abstützten, um nicht gegen ihn zu fallen.

„Akkarin!“

Akkarin lachte leise. Er beugte sich vor und küsste sie. Sonea wollte sich aufrichten, doch er drückte sie wieder hinab. Ihren Protest erstickte er mit einem weiteren Kuss. Dann nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände, fuhr durch ihr Haar und strich die Konturen ihres Gesichts mit seinen Fingern entlang. Ein angenehmes Kribbeln breitete sich unter seinen Berührungen bis in jede Faser ihres Körpers aus. Sonea schloss die Augen und lächelte.

„Sieh mich an“, befahl er leise.

Sonea erschauderte und gehorchte. Akkarin musterte sie mit einem Blick, den sie vergessen, jedoch nicht weniger vermisst hatte. Sie hatte sogar vergessen, wie nachdenklich er dabei wirkte. Oder war das früher anders gewesen?

Eine gefühlte Ewigkeit lang starrte er in ihre Augen. Sonea begann sich zu fragen, was er dort sah. Oder ob er dabei war, ihre Oberflächengedanken zu lesen. Ein wenig fürchtete sie, er würde sie zurückweisen. Nach der vergangenen Nacht würde sie das nicht ertragen können.

„Ich will, dass du meine Hand liebkost.“

„Ja, Lord Akkarin“, erwiderte sie mit einem neuerlichen Schaudern. Ihre Lippen berührten die Hand, die noch immer auf ihrer Wange ruhte. Es war seine gesunde. Aber Sonea hätte auch nicht davor zurückgeschreckt, wäre es die andere gewesen. Während seine Finger sanft über ihre Lippen strichen, küsste Sonea diese hingebungsvoll. Die plötzliche Erregung war überwältigend.

„Du darfst mich benutzen für alles, was du willst“, brachte sie hervor. „Nicht nur als Kraftquelle. Uyi’dicikemi aze.*“

Er musterte sie durchdringend. „Wenn du solche Versprechen machst, solltest du dir auch der Konsequenzen bewusst sein.“

Sie sah zu ihm auf. „Deswegen biete ich es an.“

Seine dunklen Augen bohrten sich in ihre. „Ize yi’hami usha hiku.“*

Sonea erschauderte. Akkarin zog sie hoch und küsste sie. Dieses Mal jedoch sehr viel verlangender als zuvor. Seine Hände strichen über die nackte Haut an ihrem Bauch und streiften dann ihr Oberteil ab. Dann ließ er sich mit ihr ins Gras sinken.

„Warum ziehst du mich aus, wenn dir so sehr gefällt, was ich trage?“, fragte Sonea.

„Weil es bei dem, was ich vorhabe, nur stören würde.“

Sonea war zu überwältigt, um das Grinsen aus ihrem Gesicht zu wischen. Sie ahnte, dass sie sobald nicht zum Essen kommen würde. Ihr Hunger war indes von einem anderen Hunger abgelöst worden, den zu stillen ihr mit einem Mal wichtiger schien.

Dieses Mal ließen sie sich Zeit, einander neu zu entdecken. Sonea war wie berauscht, als Akkarin mit seinen Vorsätzen brach und keinen Zweifel daran ließ, dass sie ausschließlich ihm gehörte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es nur annähernd so befriedigend wäre, würde er seine dunkle Seite kontrollieren.

„Nicht“, flüsterte sie, als seine Hand in ihren Schoß fuhr und ihren Schmuck entdeckte. Ihr entfuhr ein unfreiwilliges Stöhnen. „Hör auf damit!“

„Warum sollte ich?“, fragte er, ohne von ihr abzulassen.

„Weil mir das unangenehm ist.“

Akkarin lachte leise. „Dein Körper sagt etwas anderes“, murmelte er dicht an ihrem Ohr.

„Er hat mich dort entstellt“, protestierte sie.

„Ich würde es vielmehr als Verschönerung bezeichnen.“

Sie schnappte nach Luft. „Ich will trotzdem nicht, dass du mich dort anfasst.“

„Letzte Nacht hat dich das nicht gestört.“

Sonea starrte ihn an. Dann war es also doch kein Traum gewesen. „Da habe ich geschlafen“, wandte sie hilflos ein.

„Ah, aber du kannst dein Versprechen von vorhin nicht mehr zurücknehmen.“ Seine Lippen streiften ihren Hals. „Du gehörst mir.“

Es war schwierig, ernsthafte Gegenargumente zu finden, wenn er sie so unverhohlen manipulierte. Mit einem Schaudern erkannte Sonea, dass es ihn nicht kümmerte, ob sie sich wehrte, weil er sehr genau wusste, dass es ihr zu sehr danach verlangte, dass er weitermachte. Allein das war es wert, der Sache eine Chance zu geben, wenn ihr nur ihre Scham im Weg stand.

„Wenn sich hinterher herausstellt, dass das keine gute Idee war, wirst du das nie wieder tun“, sagte sie, während sie sich unter ihm wand, unfähig ihre Erregung zu unterdrücken.

Akkarin lachte leise. „Darauf hast du mein Wort. Aber dazu wird es nicht kommen.“ Er küsste sie behutsam. „Sollte ich dennoch etwas tun, das du nicht ertragen kannst, sag einfach meinen Namen und ich werde aufhören.“

Sonea konnte nur nicken. Sie wusste, sie konnte darauf vertrauen, dass er das tat. Im Bett hatte sie Akkarin noch nie mit seinem Namen angesprochen. Und sie wusste, sie würde das auch niemals tun.

Am folgenden Morgen brachen sie das Lager ab. Sie räumten ihr Gepäck zusammen, füllten ihre Essens- und Wasservorräte auf und Akkarin zog seinen Handschuh wieder über. Eine Weile ritten sie das Flussbett entlang, das hinter dem See wieder trocken wurde. Als sie gegen Mittag den Fluss verließen, konnte Sonea im Dunst am Horizont zum ersten Mal eine unregelmäßige, dunkle Linie erkennen.

Die Berge.


***


Der König von Kyralia betrachtete die beiden schwarzen Magierinnen in seinem Empfangsraum mit einem leisen Unwillen. Er war diesem Volk von Anfang an mit einem gesunden Misstrauen begegnet, da es zu einem potentiellen mächtigen Feind werden konnte. Jetzt wuchsen in ihm jedoch ernsthafte Zweifel ob der Verlässlichkeit dieser Leute.

„Verstehe ich das richtig – erst schickt Ihr Eure Leute aus, um die Pässe zu bewachen und jetzt, wo Ihr eine Niederlage gegen die Sachakaner eingesteckt habt, zieht Ihr sie wieder ab und lasst die Gilde verwundbar zurück?“, verlangte er zu wissen.

„Das ist so nicht richtig, König Merin von Kyralia“, antwortete Zalava. „Der Krieg gegen die Ashaki ist noch lange nicht vorbei. Die Große Mutter hat uns alle nach Hause gerufen, um über unsere weitere Vorgehensweise zu beraten. Ich lasse Euch zwei meiner Schwestern da, um den Pass zu bewachen. Sie werden ein paar von Euren Speicherkristallen behalten, um ihn im Ernstfall zu zerstören. Zwei weitere Magierinnen werden Euren anderen Pass bewachen.“

„Also zieht Ihr Euch nicht aus dem Bündnis zurück, für das mein Botschafter so hart gekämpft hat“, folgerte Merin.

Die Verräterin schüttelte den Kopf. „Die Große Mutter ist sich der Verantwortung bewusst, die auf den Schultern der Verräter lastet, weil Marika diesen Krieg begonnen hat“, sagte sie. „Zudem pflegen die Verräter eine Vereinbarung zu halten, wurde sie erst getroffen. König Merin von Kyralia, Ihr habt mein Wort und das unserer Anführerin, dass wir verhindern werden, dass die Sachakaner jemals wieder einen Fuß nach Kyralia setzen.“

„Das hoffe ich“, erwiderte der König unwirsch. Ihm missfiel die Entwicklung, welche die Ereignisse seit der Schlacht von Arvice nahmen. Die Verbündeten der Sachakaner waren den Verrätern in den Rücken gefallen und hatten sie bis in die Ödländer gejagt. Die Verräter hatten momentan keine Leute in Arvice, so dass weder sie noch die Gilde erfuhren, was dort vor sich ging. Wenn Merin den Worten dieser Leute Glauben schenkte, dann würden die Sachakaner in den nächsten Wochen damit beschäftigt sein, ihre Stadt und ihre Häuser wieder aufzubauen, und einen neuen König auf den Thron setzen.

Die Duna waren indes ein unwägbares Übel.

„Ich wünschte, Akkarin wäre hier“, sagte er zu seinem Berater, nachdem die schwarzen Magierinnen fort waren. Der ehemalige Hohe Lord würde wissen, was in einer solchen Situation am besten zu tun war.

„Dann ruft ihn“, schlug Rolden vor.

Merins Blick fiel auf die kleine Schatulle, in der er den Blutring aufbewahrte, den Akkarin ihm vor seinem Aufbruch nach Sachaka angefertigt hatte, und schüttelte den Kopf. „Er wird nur antworten, wenn die Situation es erfordert.“

Akkarin kontrollierte die Blutjuwelen der halben Gilde, darunter die der Krieger entlang der Grenze, aber auch die der höheren Magier und weiterer Magier, die in den Kämpfen gegen die Sachakaner die Gruppen angeführt hatten. Botschafter Dannyl besaß ein weiteres und außerdem Akkarins Diener Takan, der die Magier in Imardin mit Informationen versorgte. Alle, bis auf Akkarins Diener, trugen ihre Blutjuwelen jedoch so, dass sie nicht andauernd mit dem schwarzen Magier verbunden waren.

„Ruft die höheren Magier zusammen“, wies er seinen Berater an. „Botschafter Dannyl und Lord Sarrin mögen sich ebenfalls hier einfinden.“

„Ja, Euer Majestät.“ Rolden sank auf ein Knie und verließ den Raum.

Wenig später hatten sich die höheren Magier in Merins Empfangsraum zusammengefunden. „Die Anführerin der Verräter hat ihre Leute bis auf zwei von den Pässen abgezogen“, teilte der König ihnen mit. „Ab sofort liegt die Verteidigung der Grenze damit wieder in den Händen der Gilde.“

„Hat Zalava etwas über die Gründe gesagt?“, fragte Lord Peakin. „Ich dachte, die Verräter hätten eine Niederlage gegen die Sachakaner eingesteckt. Müssten sie jetzt nicht vermehrt alles tun, um unsere Feinde daran zu hindern, nach Kyralia einzudringen?“

„Die Verräter haben Verluste eingesteckt, doch sie haben auch den Sachakanern hohe Verluste bereitet“, antwortete der Hohe Lord. „Insofern würde ich sagen, dass der Krieg noch nicht entschieden ist.“ Er sah zu Merin. „Euer Majestät, was hat Zalava Euch sonst noch mitgeteilt?“

„Nur, dass ihr Volk zunächst über seine nächsten Schritte beraten will “, antwortete der König.

„Nun, nach der Schlacht vor Arvice überrascht mich das nicht. Beide Seiten müssen sich regenerieren.“

„Und die Verräter müssen die Sklaven, die sie von den Sachakanern erbeutet haben, in Sicherheit bringen“, fügte Lady Vinara hinzu. „Das heißt diejenigen, die die Verfolgung durch die Duna überlebt haben.“

„Aber was bedeutet das jetzt für uns?“, fragte Peakin. „Befinden wir uns noch immer in Gefahr?“

„Wir werden uns solange in Gefahr befinden, wie kein Frieden mit Sachaka herrscht“, antwortete Balkan.

Was wiederum für Akkarins Notfallplan spräche, fuhr es Merin durch den Kopf. Er hatte gehofft, nicht mehr auf diese Möglichkeit zurückgreifen zu müssen, jetzt wo die Verräter ihre Verbündeten waren. Geschwächt waren diese indes auch nicht wehrhafter als die Magiergilde selbst.

„Botschafter Dannyl“, sagte er. „Was ist Eure Meinung zu unserer Situation?“

„Die Gilde wird sich noch lange nicht vollständig aus diesem Krieg zurückziehen können“, sagte er. „Wir mögen einen mächtigen Verbündeten gewonnen haben, doch die Sachakaner haben in den Duna ebenfalls einen mächtigen Verbündeten gewonnen, welcher uns und die Verräter vermutlich bereits zu seinem Feind erklärt hat.“

„Aber wir können nicht die nächsten Jahre hier am Fort ausharren und darauf warten, dass die Sachakaner erneut nach Kyralia marschieren“, wandte Lady Vinara ein. „Seit fast einem halben Jahr geht die Gilde nicht mehr ihren eigentlichen Aufgaben nach. Es muss doch einen anderen Weg geben.“

„Dank unserer Kooperation mit den Verrätern werden wir rechtzeitig erfahren, wenn die Sachakaner erneut gegen uns ausrücken“, sagte Balkan. „Zudem sind sowohl sie als auch meine Krieger bereit, die Pässe jederzeit zu zerstören, was uns Zeit für Gegenmaßnahmen verschafft.“

Der König runzelte die Stirn. Es behagte ihm nicht, die Armee vom Fort abzuziehen, aber er wusste, dass es sich für Kyralia rächen würde, wenn er diesen Kriegszustand noch sehr viel länger aufrechterhielt. Er war schon zu lange fort von Imardin und seinen Regierungsgeschäften. Die Gilde im Imardin bestand nur aus einer Notbesetzung. In der Stadt, insbesondere im Äußeren Ring, mangelte es an Heilern und den Novizen hier wie dort mangelte es an Lehrern und vernünftigen Ausbildungsmöglichkeiten. Dieser Krieg hatte die Gilde bereits genug gekostet, sie würde sich davon nicht erholen können, wenn die Ausbildung neuer Magier nur unzureichend vonstattenging.

„Also geht Ihr davon aus, dass die Pässe bewacht von der Belegschaft der Forts und insgesamt vier Verrätern gesichert sind?“, fragte er.

„Ja, Euer Majestät“, antwortete Balkan.

„Und die Verräter? Können wir uns darauf verlassen, dass wir rechtzeitig erfahren, wenn die Sachakaner unterwegs sind?“

Dannyl neigte den Kopf. „Das können wir, Euer Majestät.“

Merin nickte. „Dann sehe ich keinen Grund, warum wir noch länger hier ausharren sollten. Der König der Sachakaner ist tot und Akkarin und Sonea sind auf dem Weg zu uns. Unsere schwarzen Magier können sich auch in Imardin stärken. Die Gilde muss zurück und sich neu organisieren und der Unterricht der Novizen muss wieder aufgenommen werden.“

„Ja, Euer Majestät“, sagte Balkan. „Für wann habt Ihr unseren Aufbruch vorgesehen?“

„Wir brechen auf, sobald Akkarin und Sonea hier eintreffen.“


***


Sachakanisch – Kyralisch

Uyi’hami aze*. - Ich gehöre Euch.
Uyi’dicikemi aze*. - Ich unterwerfe mich Euch.
Ize yi’hami usha hiku. - Du gehörst mir allein.

*Eigentlich wäre hier ’ize’ die korrekte Anrede, weil es sich um eine Liebeserklärung handelt. Sonea wählt jedoch bewusst die förmliche Anrede ’aze’, weil sie ihren Gefühlen für Akkarin auf diese Weise besser Ausdruck verleihen kann.
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