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Yggdrasils Träne

von Lilia
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Angela Brooklyn Elisa Maza Goliath
28.08.2014
16.06.2017
22
41.356
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Dieses Kapitel
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15.05.2017 1.963
 
20. Das Wiedersehen

Wandel am Tag. Ungewohnt warm und hell. Sonnenstrahlen die in den Augen brannten. Vergessen das hoch oben am Himmel nicht der Mond über die Stadt wachte, sondern dessen Ablösung den Bewohnern dieser Welt Energie spendete – wichtige Kraft für einen neuen Tag. Sie ließ die Pflanzen gedeihen und spendete ihnen Allen wohlige Wärme.
Und dann gab es Jene die sich ihr entzogen – willentlich oder nicht. Dennoch war dies heller Himmelskörper nicht der Grund und auch nicht der Schuldige. Die Sonne gibt und nimmt das Leben. Sie hat viele Gestalten. Feuer. Dürre. Glühende Haut oder ein Eis das in ihrer Wonne zerfließt.
Goliath hatte sie wohl wahr genommen, aber er begegnete ihr mit Respekt. Ihr Licht brannte in seinen Augen. Anders als der Mond ließ sie sich nicht bewundern. Das ein oder andere Mal hatte er dies vergessen. Es war nicht, wie an jenen Tag, als ihm das Auge Odins von der Versteinerung befreite. Damals erfüllte ihn das alte Schmuckstück mit unendlicher Kraft. So etwas wie Schlaf hatte er nicht benötigt.
Heute zerrte es an Goliaths Kräften. Gleichwohl die Menschen ihm mit Medikamenten wieder auf die Beine halfen, wenn auch nicht von Dauer, aber gegen die Müdigkeit konnten sie nichts ausrichten. Damit musste das Clanoberhaupt allein zurecht kommen.
Etwas benommen ging Goliath in die Knie. Er war dösig. Doch jener Ort tat seinen Beitrag dazu, weswegen Goliath sich niedergeschlagen fühlte. Hier gab es einst einen Neuanfang für die Gargoyles und ein ebenso tragisches Ende.
Goliath blickte zurück auf die Trümmer des Glockenturms. Es schmerzte sich an die Zeit hier zu erinnern. Einst sein Zuhause und das seiner Familie und nun ebenso nah und doch unerreichbar, wie die Burg. Ja, er konnte zu ihr hinauf sehen – Burg Wyvern, aber dort sollte Goliath nicht sein. Allerdings fiel ihm kein besserer Ort ein, wo er die Suche hätte sonst beginnen sollen. Die Burg war schließlich ein zentraler Punkt in seinem Leben und würde es auch immer bleiben.
Plötzlich erschallten Schritte in seiner unmittelbaren Nähe. Goliath drehte sich rasch um und breitete seine Flügel aus – jederzeit bereit mit dem Wind davon zu gleiten.
Seine Anspannung fiel von ihm ab, als er sah wer sich ihm näherte – Matt Bluestone.
Der Rotschopf machte ein ernstes Gesicht. „Du solltest vorsichtiger sein, wenn du dich am Tage fortbewegst. Etwas Geröll kam herunter, gerade als ich meine Dienststelle verließ. Ich kam hier hoch, aber das ich tatsächlich einen von euch hier antreffe hätte ich nicht erwartet.“
Goliath runzelte skeptisch die Stirn. „Was meinst du damit?“
Matt verschränkte die Arme vor der Brust und blickte Goliath eindringlich an. „Ich habe gestern, kurz nach Sonnenaufgang Brooklyn und die Anderen in der Tierarztpraxis eingeschlossen. Mir blieb keine Wahl, als diese Fremden eindrangen. Ich musste sie weglocken und habe deine Freunde zurückgelassen. Diese Wächter verloren jedoch schnell das Interesse an mir und haben stattdessen irgendein ein Ritual vollzogen. Was dabei passierte weiß ich nicht.“
Goliath nickte verstehend. „Ich danke dir, das du sie beschützt hast.“
Matt schüttelte den Kopf und vergrub seine Hände in den Taschen. „Dank mir nicht! Ich weiß nicht ob die Drei noch am Leben sind.“
Mit glühenden Augen starrte Goliath hoch zur Burg. Er knurrte und sprach mit tiefer Stimme, die grollend in der Luft wieder schallte. „Ich muss zurück zur Burg und dem Spuk ein Ende bereiten. Doch Demona wird sich mir in ihrer menschlichen Gestalt nicht zeigen.“
„Also wartest du bis Sonnenuntergang?“
„Ja.“
Der Polizist trat geschwind einen Schritt nach vorne – dichter an den großen Gargoyle heran. Vermutlich wollte der Mensch ihn aufhalten. Aber für Goliath stand dies außer Frage. Irgendetwas musste er schließlich unternehmen. Für den Clan...für Elisa. Bei den Gedanken an sie verschwand jeglicher Zorn und machte tiefer Traurigkeit platz. Das Alles hatte er nicht gewollt.
Matt schaute unterdessen zwischen der Burg und Goliath hin und her. „Sag nicht, Elisa ist noch auf der Burg?“
Goliath hörte die Sorge in dessen Stimme und es war Matt auch nicht zu verdenken. Er und Elisa waren nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde. Folglich war es ganz normal, dass er sich sorgte.
„Wo ist Elisa, Goliath?“, fragte Matt sehr aufgebracht.
Der Gemeinte faltete seine Flügel um die kräftigen Schultern und senkte den Kopf. Seine Stimme war nun ganz sanft und voller Wehleid. „Sie ist in Sicherheit, doch das verdankt sie nicht mir.“
„Was ist geschehen?“
Es war sehr schwer für ihn, das laut aus zu sprechen, aber die Wahrheit käme irgendwann so oder so heraus. „Ich habe Elisa beinahe getötet.“
Sein Gegenüber blieb, wie erstarrt stehen. Genau jene Reaktion hatte Goliath auch erwartet. Er bedauerte es selbst, was geschehen war – durch seine Pranken. Seine Verwirrtheit und seinen Unmut. Der Versuch vor Ásdís Einfluss zu fliehen war der Ausgang jener Tragödie. Hudson würde auf Elisa Acht geben. Immerhin diese Tatsache beruhigte ihn.
„Glaub mir, Matt! Niemand bedauert das mehr, als ich. Elisa...“ Goliaths Stimme brach jäh ab.
Es war ihm unmöglich, das auszusprechen, was er in diesen Augenblick fühlte. Dies unendlich tiefer Schmerz zermürbte Goliath. Wäre es doch nur ein Albtraum aus dem aufzuwachen es sich lohnte.
Den Blick von Goliath abgewandt, schritt Matt Bluestone direkt zu seiner Linken.
„Elisa hält große Stücke auf dich. Du hättest sie niemals willentlich verletzt.“ Er seufzte und ließ die Schultern hängen. „Im ersten Moment war ich schon geschockt. Elisa ist mein Partner. Jemanden, wie sie trifft man nur einmal.“
Goliath nickte. „Ich weiß wohl was du meinst. Und doch lastet diese Schuld auf mir.“
Elisas Partner hob beschwichtigend die Arme. „Für Selbstmitleid haben wir keine Zeit. Wenn du meinst bei Elisa etwas gut machen zu müssen, dann flieg hinauf zu der Burg und bereite diesem Irrsinn ein Ende!“
So einfach würde es nicht werden. Selbst, wenn er Demona auf der Burg träfe, wäre die Gefahr längst nicht gebannt. Die momentane Misere in der sich die Gargoyles befanden war weitaus tiefgreifender.
Matt drehte ihm mit einem Mal den Rücken zu, aber gab dem grauen Hüne noch ein paar Worte mit auf dem Weg. „Ich kann jedenfalls nicht viel für euch tun. Mein Fernsehauftritt in der Kirche hat mir viel Ärger gebracht. Traue nur deinen engsten Freunden, Goliath! Ich werde es ebenso halten.“
Er spürte sie, die Anspannung des Polizisten. Detective Bluestone war zwischen die Fronten geraten, genau wie die Gargoyles. Natürlich hatte Goliath von dem Vorfall in der Kirche gehört, wenn er auch die Einzelheiten nicht kannte. Hudson hätte ihm sicherlich jede Einzelheit berichtet, aber Goliath wollte keine weitere Zeit verlieren und sich den Dingen stellen. Sein Entschluss stand fest. Wie lange ihn die Medizin der Menschen bei Kräften hielt, wusste er nicht. Aber so lange es dieser Umstand zuließ, war der angeschlagene Gargoyle gewillt zu handeln. Niemanden wollte er eine Last sein, außer vielleicht sich selbst.
Im Hintergrund waren Matts Schritte leise verhallt. Nur noch das Herabfallen der Leiter die hinunter ins Polizeirevier war zu hören. Dann kehrte Stille ein.
Wieder allein blieb Goliath in dem zerstörten Glockenturm zurück. Die Sonne bewegte sich gen Westen. Trotzdem gedachte sie noch nicht abzudanken. Die Nacht würde noch ein wenig auf sich warten lassen.
Goliath ging andächtig in die Knie. Er spürte den Wind der ihm durchs Haar sauste und die Sonne die seine Haut erwärmte. Über ihm zog ein großes Wolkenfeld vorüber und ein Schwarm aus Vögeln flog an Burg Wyvern vorbei. Seine Augen hefteten sich an das Bild des alten Gemäuers bis der Tag sich dem Ende neigte.
In dem dem Moment, als die Sonne sich mit einem Feuerwerk aus kräftigen Farben verabschiedete, läutete den Augenblick ein in dem die Gargoyles aus ihrem Schlaf erwachten. Der Stein zerbarst und gab das Leben unter dieser Hülle frei, doch nur bis zum Morgengrauen. Es war das Erwachen aus dem Schlaf. Manches mal sogar aus einem schönen Traum. Die kühle Nachtluft füllte ihre Lungen und jeder einzelner Muskel verlangte nach Bewegung.
Goliath fühlte eine gewisse Leere. Man hatte ihn einen Teil seines Lebens beraubt.
Dennoch nahm er alle Kraft, allen Mut und alle Zuversicht zusammen und erhob sich in die Lüfte hoch oben über die Wolkenkratzer Manhattans. Seine Schwingen trugen ihn zurück nach Burg Wyvern.
Leichtfüßig landete Goliath im Burghof. Die Stille welche ihn dort erwartete, hatte etwas Gespenstiges an sich. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Nichts könnte trügerischer sein, als diese Gegebenheit. Er hatte sich aus freien Stücken in die Höhle des Löwen gewagt. Doch blieb er im Unwissen was für einen Preis er dafür bezahlen würde.
Das erste Geräusch was ihn begrüßte hörte sich nach einen metallischen Klicken an. Goliath bemerkte es, bevor der Verursacher in sein Blickfeld kommen konnte. So leise er es vermochte kletterte der große Gargoyle hoch auf die erstbeste Brüstung der Burg.
Goliath trat in den Schatten und beobachtete den Eindringling. Gargoyles waren mit einem ausgezeichneten Sehvermögen beschenkt, sodass es ihm keine Schwierigkeiten bereitete den Fremden genauer zu inspizieren. Doch bis auf schwarze Kleidung und einer Waffe war nichts Auffälliges an jenem Menschen – gewiss keiner von Xanatos Männern. Welchen Grund hätte dieser auch einen Gargoyle auf diese Weise zu empfangen, wo sie gegen die gleiche Sache ankämpften.
„Ich weiß das du hier bist, Bestie.“,schrie der Mann es in die Nacht hinaus. „Auch, wenn ich mich doch sehr wundern muss, dass du noch unter den Lebenden weilst.“
Goliath knirschte mit den Zähnen und seine Augen leuchteten im Dunklen auf. Was hatte das schon wieder zu bedeuten? Irgendetwas sagte ihm, dass er diesen Menschen schon einmal begegnet war. Ihn überkam ein mulmiges Gefühl. Aber er durfte sich von diesen Empfindungen nicht erdrücken lassen und musste einen kühlen Kopf bewahren. So kam es, dass Goliath seine Deckung aufgab und zum Angriff überging. Mit einem großen Sprung landete er hinter dem Mann mit der Waffe, entriss diesem sein Spielzeug und zerquetschte es mit seinen kräftigen Pranken. Er packte den nun Unbewaffneten am Kragen und drückte diesen gegen die Wand.
Jener lachte hysterisch. Und er wollte nicht aufhören. Goliaths Kehle entwich ein zorniges Knurren. Erst da stellte der Fremde sein Lachen ein und blickte seinem Angreifer in die Augen.
„Oh ja, du zu groß geratene Fledermaus.“, sagte der Mensch im spöttischen Ton. „Wir sind uns schon einmal begegnet. Erinnerst du dich? Im Central Park war das.“
Wie könnte er das vergessen? Diese entsetzlichen Schmerzen, als sie ihm am Flügel verletzten. Der tiefe Sturz und die Gewissheit das jener Fall Elisa und ihn hätte das Leben kosten können. Es war war ein grauenhaftes Erlebnis und das vermutlich bis in alle Ewigkeit in sein Gedächtnis gebrannt.
Ohne auf Goliaths immer fester werdenden Griff zu achten, sprach dessen Peiniger ganz unberührt weiter. „Wäre es nach mir gegangen, hätte ich dich im Park sofort umgebracht. Doch Ásdìs hätte mir das übel genommen. Sie wollte dich lebendig. Nur war mir und meinen Männern deine Gefangennahme zu heikel. Und so mischte ich zu den verzauberten Mittelchen, welches in deinen Adern fließt, meinen kreierten Virus dazu. Qualvoll solltest du dadurch zu Grunde gehen. Aber, wie es aussieht habe ich versagt.“
„Warum willst du mich töten?“ Goliath musste es wissen. Nichts geschah ohne Grund.
Stolz reckte der Mann das Kinn in die Höhe. Er schien keinerlei Angst zu haben und das obwohl Goliath ihn mit Leichtigkeit verletzen könnte. „Yggdrasil ist eine Welt die sich vor uns Normalsterblichen verschließt. Ich bin es leid unter dem Scheffel der Großen zu stehen, während wir gemeines Fußvolk die Drecksarbeit erledigen. Àsdìs hat sich eines schönen Tages mir gezeigt und mir eine Aufgabe überbracht: dich und wenn möglich deine Tochter zu ihr zu bringen. Ich erfuhr aber auch, das es deine Gefährtin war die uns ins Unglück stürzen wird. Ich musste etwas unternehmen und habe mir geschworen dich und deine Sippe auszulöschen.“
Mit einem Mal ließ Goliath jenen Kämpfer Yggdrasils zu Boden fallen. „Demona war vor eintausend Jahren meine Gefährtin. Heute ist sie mir fremd, genau wie diese Welt in der wir nun leben.“
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