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Yggdrasils Träne

von Lilia
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Angela Brooklyn Elisa Maza Goliath
28.08.2014
16.06.2017
22
41.356
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29.02.2016 1.722
 
15. Sein oder Schein?

Er hustete und sprang zurück auf die Beine. Seine Kehle fühlte sich staubtrocken an.
Goliath atmete einmal tief ein und wieder aus. Die Luft war sehr dick und erdrückend. Es fühlte sich an, als lastete etwas schwer auf seiner Brust. Doch es musste dieser Ort sein, der ihn zermarterte.
Wieder musste Goliath husten und wünschte er bekäme auch nur einen Tropfen Wasser zu Trinken. Etwas Kühles das seinem Hals Linderung verschaffen konnte, denn es kratzte sehr. Mit der Zunge benetzte er seine ebenfalls spröden Lippen.
Nachdenklich fuhr er sich durch sein dunkles Haar und wirbelte dabei eine beachtliche Menge Staub auf. Verwundert schüttelte Goliath den Kopf. Dabei rieselte noch viel mehr von ihm herab. War das wirklich Staub?
Verwundert blickte Goliath an sich herab, bis hin zu den Armen. Seine sonst so graue Haut war mit einer weißlich gräulichen Schicht bedeckt. Mit einer Pranke wusch er sich den vermeintlichen Staub vom Arm und erst da bemerkte Goliath das es von oben kam.
Wie Schnee rieselte das Zeug auf ihn hinab. Doch es war kein Schnee.
Erst da bemerkte der Gargoyle den rauchigen Geruch in der Luft. Es roch nach Verbranntem. Nun erkannte er das gräuliche Pulver, welches er irrtümlich zuerst für Staub und dann für Schnee gehalten hatte, als Asche. Asche! Sie fiel, als sei es Regen.
Das beunruhigte Goliath. Ihm blieb kaum eine Wahl. Entweder stehen bleiben und das Schauspiel weiter beobachten oder seines Weges ziehen, in der Hoffnung Licht ins Dunkel zu bringen.
Goliath biss die Zähne fest zusammen. Er wusste wohl was dies bedeutete. Erneut hielt man ihn in einer Traumwelt gefangen.
Darum sprach er laut und deutlich: „Warum tut Ihr das?“
Von überall hallte Goliaths Stimme wider, bis sein Echo vom Nichts verschlungen wurde. Ruhe kehrte ein, so als habe er nie etwas gesagt.
Die Minuten des Wartens zogen sich dahin. Nervös drehte sich Goliath im Kreis. Völlige Dunkelheit umgab ihn. Nur ein schwacher Lichtstrahl von oben erhellte das Fleckchen Erde auf dem er stand. Goliath schloss einfach die Augen. Es würde vergehen. Jeder Traum hatte ein Ende. Irgendwann!
Ein kühler Windzug wehte ihm plötzlich um die Beine. Schlagartig hatte er die Augen wieder geöffnet. Nun konnte er endlich in ihr Antlitz blicken.
Ihre milchig trüben Augen begutachteten den Gargoyle abschätzend. Ásdís Lippen verzogen sich zu einen überlegenen Lächeln.
Goliath funkelte sie mit mürrischer Stimme an. „Bin ich Euer Gefangener?“
Sein Gegenüber grinste wissend. „Die selbe Frage hat mir dein Töchterlein auch gestellt.“
Mit dieser Antwort hatte Goliath nicht gerechnet. Es traf ihn, wie ein Schlag ins Gesicht. „Angela! Sie ist bei euch?“
Ásdís nickte. „Und sie ist wohlauf, falls du dich nach ihrem Wohlbefinden erkundigen wolltest.“
Goliath verschränkte die Arme. Konnte er ihren Worten Glauben schenken? Und wenn ja, warum lagen die Dinge so, wie sie sagte? Wieso war Angela bei ihr? Hatte Ásdís sie gezwungen? Warum das Alles?
Goliath erinnerte sich an die letzte Begegnung mit Ásdís. Sie hatte gesagt seine Unterstützung zu ersuchen. Allerdings besaß die Frau eine merkwürdige Art und Weise um Hilfe zu bitten. Kein Wunder das sich Goliath noch immer sträubte. Bisher hatte sie ihm nur Schmerzen bereitet. So wie in diesen Augenblick.
Ein pochender Schmerz beherrschte Goliaths Kopf – mal mehr, mal weniger präsent. Bisher konnte der Gargoyle sich beherrschen. Aber nun schien es ihn zu übermannen. Goliath keuchte und ging in die Knie. Aus der Ferne hörte er ein Rufen. Eine tiefe, ihm allzu bekannte Stimme.
„Hudson?“
Goliath wollte seinem alten Freund antworten, doch schoss ihm der Schmerz bis ins Mark. Der graue Hüne kippte vorne über, mitten hinein in eine Schicht Asche. Er atmete schwer und wartete ab, bis die Pein verging.
„Goliath.“, säuselte Ásdís ihm ins Ohr. „Je mehr du dich wehrst, desto schlimmer wird es. Warum machst du es dir so schwer?“
„Warum?“, stöhnte der am Boden liegende Goliath und pustete dabei etwas Asche weg.
„Warum das Alles?“ Ásdís kniete neben ihn und streichelte über sein Haar. „Oh Goliath, ich will dir nicht wehtun, aber du lässt mir keine andere Wahl! Ich verlange absoluten Gehorsam von dir! Wir können uns keinen Fehltritt erlauben. Es gibt nur diese eine Chance und die hängt am seidenen Faden.“
Erleichtert atmete Goliath aus. Der Schmerz, der ihn in seiner Gewalt hatte, wie ein Adler seine Beute, war verebbt.
Ein Tropfen ließ ihn aufhorchen. Wie von selbst stand er wieder auf den Beinen, so als sei nie etwas gewesen. Ásdís war wieder fort.Sie hielt ihn also noch immer gefangen. Goliath fügte sich der Situation, um weiterer Folter ihrerseits zu entgehen. Gewiss würde dieses Spielchen nicht von Dauer sein. Vielleicht wäre es einfacher für Goliath eine Weile mitzuspielen, bis sich ein Ausweg ergab.
Er nahm es hin und zog seines Weges. Schon bald umspülte eine seltsame Flüssigkeit seine Beine. Ein Schauer jagte Goliath über den Rücken. Er stand in einem Bach aus rotem Wasser.
Vorsichtig tauchte Goliath eine Hand darin hinein. Die Flüssigkeit warm seltsam war und fühlte sich sehr echt an. Ein beklemmendes Gefühl machte sich in ihm breit. Der Herumirrende spürte, das hier nichts war wie es schien. Aber gleichzeitig würde es zunehmend schwerer werden die Wirklichkeit vom Schein auseinanderzuhalten. Die Eindrücke um ihn herum waren viel zu real.
In der Ferne flimmerte der Horizont. Das glich dem, wie flackernde Luft an einem heißen Tag.
„Goliath!“, hörte er erneut nach sich Rufen. Diesmal war die Stimme eindeutig weiblich.
Goliath begann zu frösteln und rieb sich die Arme. Er kannte die Stimme, aber konnte sie in diesen Augenblick nicht einordnen.
Am flimmernden Horizont begann sich ein Bild zu manifestieren. Eine Gestalt mit weißen Haaren trat aus dem nichts heraus und marschierte geradewegs durch Goliath hindurch, als sei dieser Luft. Verwundert sah er dem unverhofften Ankömmling nach und war sichtlich überrascht Brooklyn zu sehen.
Sein Stellvertreter, sein Weggefährte, sein Freund! Brooklyn hinkte und ließ sich in das rote Gewässer fallen, das Goliath schon fast verdrängt hatte. Brooklyn tauchte die Arme unter und zog aus dem Wasser eine kleine Gestalt – Lexington. Lex lag in den Armen seines Freundes, aber bewegte sich nicht. Das einzige was Goliath sehen konnte, das der Kleine verwundet war.
„Genug!“, brüllte Goliath und erschrak vor sich selbst.
Ihm war bis dahin nicht bewusst gewesen, wie viel Wut sich in ihm aufgestaut hatte. Doch es verlangte ihm viel ab und noch viel schwieriger war es, den Zorn in Zaum zu halten. Seine Wut, sein Zorn und letztendlich die eigene Hilflosigkeit, bestätigten Ásdís in ihrer Überlegenheit. Im Moment war er machtlos gegen sie und es kränkte Goliath, wie sie mit ihm spielte.
„Siehst du wohin das führt?“ Seine Peinigerin trat erneut vor ihm in Erscheinung.
Goliath knurrte mürrisch, aber hielt sich selbst in Zaum. Er durfte sich ihr gegenüber nicht noch mehr verwundbarer zeigen. Was auch immer die Erscheinung von eben zu bedeuten hatte, musste nicht zwangsläufig heißen, dass Brooklyn und Lex in Gefahr schwebten. Gleiches galt für den Rest seiner Familie.
„Lasst mich gehen!“, sagte Goliath im versöhnlichen Ton. „Ich werde mit Demona sprechen.“
Ásdís Gesicht spiegelte eine Mischung von Verwunderung und leichter Zuversicht wieder. Jedoch schüttelte sie den Kopf. „So einfach ist das nicht, Goliath. Das was sich in Demonas Besitz befindet ist nicht einfach zurückzuerlangen. Es ist...“
Plötzlich verschwamm Ásdís Erscheinung und da war er wieder dieser höllische Schmerz. Goliaths Kopf fühlte sich an, als könne er jeden Augenblick zerspringen. Er ächzte und keuchte vor Qual. Schützend legte er die Pranken an seinen Kopf. Doch es wollte einfach nicht aufhören.
„Goliath...“ Da war sie wieder. Die Stimme die er kannte. Doch er hatte kaum mehr als seinen Namen verstanden.
Wer oder was auch immer ihn angesprochen hatte. Die Worte waren nichts weiter als ein Rauschen in seinen Ohren
Schwer ein und ausatmend schlug Goliath schließlich die Augen auf. Wieder befand er sich an einem Ort von dem er nicht wusste, ob er hier sein sollte. War es Traum oder Wirklichkeit?
Goliaths Herz schlug ihm bis zum Hals. Er konnte kaum atmen, geschweigeden einen klaren Gedanken fassen. Er war hilflos!
Und doch schien er langsam wieder zu Verstand zu kommen. Die Schmerzen wurden erträglicher, so als habe ihn eine unsichtbare Macht wieder freigegeben. Goliath blinzelte ein paar Mal und konnte sie sehen – zwei braune, ihm sehr vertraute Augen. Elisa!
Wie gern hätte er sich über ihr Wiedersehen gefreut, wäre da nicht die Unsicherheit die ihn zermürbte. Abermals fehlte es ihm an Orientierung.
Goliath fand sich in einem Raum wieder, an den er sich nicht erinnern konnte. Die Wände waren grau und in einer großen Scheibe, konnte er zwar sein Spiegelbild sehen, aber nicht was dahinter lag. Am anderen Ende des Raum standen zwei grimmig dreinblickende Männer mit Waffen. Daneben warteten ein paar Gestalten in Laborkittel. Goliath überkam eine Gänsehaut. Er fühlte sich hier nicht wohl. Was wenn er von einem Albtraum in den Nächsten schlitterte?
Erst als er den warmen Händedruck an seinen Pranken spürte, entspannte sich Goliath ein wenig. Doch die aufkommende Freude währte nicht lange.
„Ich...kenne diesen Ort hier nicht. Eben war ich noch...“
Die Kopfschmerzen waren zurück. Er atmete schwer und wollte schützend beide Pranken um den Schädel legen. Doch sie ließ ihn nicht! Elisa hielt an ihm fest und redete auf ihn ein. Allerdings konnte er keine ihrer Worte hören. Es war als trennte die beiden eine unsichtbare Mauer.
Goliath wollte ja antworten. Seinen Freunden verstehen geben, das er hier war, aber er konnte es nicht.
Verzweifelt hielt sich Goliath am letzten womöglich rettenden Strohhalm fest – Elisa!
Der graue Hüne nahm alle Kraft beisammen, um bei ihr zu sein. Die Zähne presste er fest aufeinander und er gab sich die größte Mühe dem Drang ohnmächtig zu werden, zu widerstehen.
Elisas braune Augen – noch eben aufmunternd auf ihn gerichtet, nahmen seltsame Formen an. Ihre Pupillen verzogen sich zu schmalen Schlitzen.
Goliath sah keinen Ausweg mehr. Er musste sich seinen Weg frei kämpfen. Weg von Illusionen. Weg von Folter. Weg von Dingen die nicht existierten und niemals geschehen würden.
Aufbegehrend entzog er sich dem geistigen und körperlichen Zugriff. Goliath handelte aus Reflex heraus. Blitzschnell versuchte er Herr über sämtliche Gefahr zu werden. Seine Hände umschlossen ihren Hals. Er drückte zu.
Mit einem Mal klärte sich seine Umgebung auf. Alles schien aufeinmal deutlicher zu sein, als je zuvor.
Mehrere Augenpaare blickten ihn entsetzt an. Gleichzeit entglitt etwas seinen mächtigen Pranken.
Goliath erstarrte, als er jenes realisierte. Elisa stürzte vor ihm zu Boden.
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