Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Yggdrasils Träne

von Lilia
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Angela Brooklyn Elisa Maza Goliath
28.08.2014
16.06.2017
22
41.356
3
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
19.11.2015 2.141
 
10. Gast oder Gefangene?


Gleißendes Licht berührte ihr Gesicht. Sie kniff die Augen zusammen und blinzelte hinter vorgehaltener Hand. Es war ungewohnt und brannte.
Ihr Mund fühlte sich trocken und staubig an. Im Hals lag ein Kratzen.
Angela rappelte sich unter starkem Husten auf. Ihre Beine waren noch etwas zittrig, aber diese trugen sie.
Die junge Gargoyledame drehte sich um die eigene Achse. Bis auf ein paar Kratzer war sie unverletzt. Sie blieb für einen kurzen Moment wie versteinert stehen und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Angelas Erinnerungen kehrten allmählich zurück und an das was sie sich besann, behagte ihr ganz und gar nicht.
Ein heißer Feuerball war durch die St. Patricks Kathedrale geflogen und hatte Brooklyn getroffen, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war und sich direkt in die Schussbahn geworfen hatte. Broadway und sie waren im ersten Moment geschockt gewesen. Doch als sie ihren Freund brennend und sich vor Schmerzen am Boden wälzend sahen, wollten die Zwei schnell einschreiten. Matt hatte gerade noch rechtzeitig seinen Mantel zum Löschen auf Brooklyn geworfen. Doch bei all dem Chaos hatten sie völlig Ásdís vergessen. Die Frau war rasend vor Wut gewesen. In ihrem Zorn zerbrachen die großen Fenster der Kirche. Danach war sie genau auf Angela herabgestürzt. Alles wurde daraufhin schwarz.
Angela lief es eiskalt den Rücken hinunter. Befand sie sich etwa in Ihren Fängen?
Von Verzweiflung gepackt marschierte sie los, denn es umgaben sie keine Gitterstäbe. Nichts deutete auf eine Gefangenschaft hin, nichts bis auf...
Angela erschrak. Es war für sie dennoch unmöglich zu gehen. Um sie herum existierte quasi nichts, einzig ein Felsplateau auf dem sie im Kreis lief. Es gab kein Ende.
Fauchend mit rot glühenden Augen sank Angela auf die Knie. Sie ließe ich doch nicht so einfach zum Narren halten!
„Ásdís! Was versprichst du dir hiervon?“, schrie sie und ihre Stimme schien dem Nichts zu entweichen. „Was hast du mit meinen Freunden gemacht?“
Neben ihr trat Ásdís plötzlich in Erscheinung. Die Flügel der Frau waren angelegt und das Kleid wirkte an diesem Ort schlicht und glanzlos. Ihre goldenen Haare hatten an ihrer Schönheit allerdings nichts verloren. Zu Angelas Überraschung blieb die Fremde ruhig und sachlich.
„Du bist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten .“, sagte Ásdís kühl und umrundete sie.
Angela war nicht wohl dabei, aber es wäre zwecklos die Wahrheit zu verschweigen, vor allem dann, wenn die Unbekannte es ohnehin schon wusste. Deswegen versuchte es Angela gar nicht erst abzustreiten. „Demona, die Frau die dich bestohlen hat, ist meine Mutter.“
Ásdís schmunzelte. „Ich wusste es, als du mir das erste Mal gegenüber getreten bist.“
„Du hättest mich fragen können, anstatt meine Freunde anzugreifen.“ Angela war sauer und verschränkte abweisend die Arme. „Wir haben versucht mit dir zu sprechen.“
„Verzeih in der Welt der Sterblichen fällt es mir schwer mein Temperament zu zügeln. Ich war so zornig als diese Menschen mich wahllos angriffen.“
Wahllos angriffen? Das Selbe hatte sie doch mit dem Manhattan-Clan getan! Sie hatte die Gargoyles angegriffen, auch dann als Brooklyn ihr die Lage erklären wollte, und die Freunde beinahe dabei umgebracht hätte. Wie könnte sie dieser Frau also vertrauen?
Erbost sagte Angela deswegen was sie dachte: „Du hast zwei meiner Freunde verwundet, Brooklyn sogar schwer. Wenn er stirbt wirst du MEINEN Zorn spüren!“
Die Frau mit den Engelsflügeln nickte. „Wir haben alle Fehler gemacht. Ich wandle nur sehr selten unter den Menschen und vergesse immer wieder das ihr Sterbliche andere Umgangsregeln zu pflegen schätzt.“
„Andere Umgangsregeln? Das was du in der Kirche angerichtet hast hätte viele das Leben kosten können.“
Alle Vorwürfe prallten an Ásdís ab. Es war als sei sie eine vollkommen andere Person. Sie schritt voran und bedeutete Angela ihr zu folgen.
Vor ihnen schwand das Nichts und aus dem Felsplateau wurde ein Weg der empor führte. Rechts und links des Weges erstreckte sich eine unendlich Landschaft. Wiesen, Wälder, Flüsse und Gebirge  prägten das Bild. Es war eine schier unberührte grüne und fruchtbare Natur. Angela staunte. Seid sie Avalon verlassen hatte kannte sie eine solche Idylle nicht mehr. Sicher besaß Manhattan seinen eigenen Reiz, aber es war nicht das Gleiche. Dort konnte kein Leben neu entstehen, bestimmten doch Beton, Eisen und Glas diese Welt. Hier war kein Platz für Mutter Natur. Doch an diesen Ort der einer Oase glich stimmte etwas gewaltig nicht – die Sonne schien.
Angela erschauderte für einen Moment ehe sie die wärmenden Strahlen auf ihrer Haut genoss und hoch erfreut die Augen schloss. Die Sonne – nie in ihren ganzen Leben zuvor war ihr diese Wonne vergönnt. Sie vergaß für kurze Zeit um sich herum alles.
Aber Angela war ein bodenständige Frau und kehrte rasch in die Realität zurück. Das war falsch.
„Warum bin ich nicht versteinert?“, schrie sie deswegen Ásdís an.
Die Gemeinte dachte nicht einmal daran stehen zu bleiben, aber sie gab Antwort. „Ich habe dich von dieser Einschränkung befreit.“
„Warum?“
Ásdís straffte die Gargoyledame mit bestimmenden Blick. „Versteinert nutzt du mir nicht. Ich habe dich rekrutiert um unser beider Fehler wiedergutzumachen.“
„Das heißt ich bin deine Gefangene.“, stellte Angela fest.
„Betrachte es wie du willst. Es war ein Glücksfall ausgerechnet dich, die Tochter der Frau die meinen Weg kreuzte und mich bestahl, zu finden. Ich wollte nicht zweimal den gleichen Fehler begehen.“
Die Fragen häuften sich zunehmend. Kaum hatte sie eine Antwort bekommen brannte Angela eine neue Frage auf der Zunge, besonders was Ásdís letzte Worte bedeuteten. Was meinte diese denn mit 'den gleichen Fehler zweimal begehen'?
Die vermeintliche Person gedachte nicht darauf einzugehen und setzte ihren Weg fort. Das widerstrebte Angela vollends und ihr stand nicht der Sinn danach Jener zu helfen. Ihre Freunde waren verletzt und sie verschleppt – kein guter Anfang für ein Bündnis! Diese Frau hatte Lex und Brooklyn verwundet. Ob sie noch mehr auf dem Kerbholz hatte? Den Angriff auf Goliath? Die Verwüstung Elisas Wohnung? Den Tod Coldstones, den Angela jedoch nicht kennengelernt hatte, hatte sie schließlich auch gestanden, ohne mit der Wimper zu zucken. Alles war bisher auf IHR Konto gegangen. Wieso dann auch nicht gleich noch der Rest?
Die grübelnde Gargoyledame räusperte sich, als Ásdís sie weiterhin ignorierte und stur ihren Weg fortsetzte.
„Ich kann mich nicht mehr versteinern, genau wie Goliath. Auch dafür bist du verantwortlich! Hab ich Recht?“
Ásdís Lippen formten ein diabolisches Lächeln. Doch gleichzeitig strahlte sie sowas wie Erstaunen aus. „Du besitzt einen scharfen Verstand, Sterbliche.“
Die 'Sterbliche' fauchte wutentbrannt und fletschte ihre Zähne. „Dein Spielchen wird Goliath das Leben kosten. Er ist krank und kann sich dank deines Zaubers nicht versteinern.“
Süffisant waren der Peinigerins nächste Worte.: „Was die Krankheit des Gargoyles betrifft, so ist dies nicht meine Schuld. Ich hatte ein paar Menschen beauftragt mir diesen prächtigen und überaus starken Gargoyle zu bringen, aber ich war wohl an die falschen Gehilfen geraten. Ich habe eine Blutprobe Goliathts verzaubert und damit sollte auch dein Artgenosse von der Last des Steins befreit sein. Doch wie mir scheint haben jene an dieser Blutprobe herumgepfuscht um mir einen Strich durch die  Rechnung zu machen.“
Angela schnaubte verächtlich. „Das liegt vielleicht daran das DU nicht weißt wie man mit uns Sterblichen umgeht!“
„Mag sein, aber ich denke du hast tiefgreifendere Beweggründe mich zu verachten, als mein anzügliches Benehmen.“ Die Sprecherin trat ganz dicht zu Angela heran und hauchte ihr ins Ohr. „Ich denke dieser Goliath scheint dir ganz besonders wichtig zu sein. Ist er etwa dein Bruder oder Gefährte?“
Angela wich deren stechend scharfen Augen aus. Sie wollte darauf keine Antwort geben, wenn es ihr Gegenüber sowieso schon wusste.
Ásdís legte unterdessen eine Hand unter Angelas Kinn und betrachtete sie von oben bis unten. Ihr Grinsen wurde dabei breiter und breiter. „Goliath ist dein Vater! Leugne es nicht!“
Dann brach Jene in haltloses Lachen aus. Es war das gleiche verspottende Gelächter das der Manhattan-Clan auch schon in der Kirche gehört hatte. Ein Glück das diesmal keine undurchdachten Attacken folgten. Ásdís stand eher der Sinn danach die Gargoyles auf ganz andere Weise zu quälen.
„Es ist die Ironie selbst die mich lachen ließ. So ist die Familie am Ende vereint im Kampfe, denn du und dein geliebter Vater werdet mir dienlich sein.“
„Warum sollten wir dir vertrauen?“, konterte Angela wütend.
„Es ist keine Frage des Vertrauens, sondern der Vernunft! Der Tag wird kommen an dem ihr froh sein werdet an meiner Seite zu stehen.“
„Das wage ich zu bezweifeln.“
Ásdís schüttelte bestimmend den Kopf. „Du weißt nichts von dem was deine Mutter für einen Schaden anrichten wird, wenn wir sie nicht aufhalten.“
Trotz der Warnung blieb Angela eher unbeeindruckt. „Ich habe deine Macht in der Kirche gesehen und finde du kommst wunderbar alleine zurecht. Wozu brauchst du die Hilfe der Gargoyles?“
„Weil ich fast nichts über eure Spezies weiß und mir keine weiteren Fehler erlauben darf. Ich muss diese Demona finden!“
Demona. In letzter war der Name sehr oft gefallen. Xanatos hatte die Gargoyles überhaupt darauf aufmerksam gemacht. Woher dieser Mann seine Informationen bekam wusste Niemand so wirklich und Xanatos war auch kein Mensch der seine Quellen verriet. So viel wusste Angela mittlerweile auch über ihn. Goliath und Elisa legten ihr nahe sich nicht allzu sehr auf David Xanatos zu verlassen. Er sei ein selbstsüchtiger Mann der stets an seinen eigenen Vorteil dachte – begrabene Fehde hin oder her. Xanatos musste noch viel an Wiedergutmachung leisten und dieser stand gerade erst einmal am Anfang dessen.
Angela die unbeschwert unter Menschen aufgewachsen war, waren bis zu ihrer Avalon Reise mit Elisa, Goliath und Bronx Misstrauen und Vorsicht unbekannt. Avalon war eine Gemeinschaft in der sich alle einander vertrauten und achteten. Hier in der Welt wo die Realität spielte beherrschten Krieg und Frieden gleichermaßen ihre Bewohner. Für die einen gab es Gerechtigkeit, aber für Andere wieder nicht. Ásdís die sich offenbar für erhaben hielt bildete da keine Ausnahme. Sie wusste auch nicht was richtig oder falsch war. Jedenfalls war es der falsche Weg was Sie hier tat. Ohne vernünftige Argumente mochte Angela ihr niemals folgen. Doch der Gargoyledame kam ein Gedanke um das Ruder vielleicht noch zu ihren Gunsten herumzureißen.
„Hilf Goliath! Und wir werden dich anhören!“
Die Engelsfrau kehrte Angela erneut den Rücken und sah über die Schulter zu ihr zurück. Ihre Worte waren endgültig. „Das kann ich nicht. Die Menschen selbst müssen ihren Fehler gutmachen und deinen Vater heilen. Mir ist ein Eingriff nicht gestattet.“
Angelas Zorn stieg weiter. Sie musste sich irgendwie aus dieser Lage befreien. „Doch mich zu entführen ist dir erlaubt?“
„Es gibt Dinge von denen ihr Sterbliche nichts wisst bis ein Unglück geschieht. Ich habe nicht erwartet das du mir willenlos ergeben bist. Deswegen gewähre ich dir Einblick in die Dinge. Komm Gargoylemädchen und ich gebe dir Antwort auf deine Fragen.“
Angela musste zugeben das ihre Entführerin sich mehr Mühe gab, als bei ihrer ersten Begegnung. Diese stieg in der Skala was Vertrauen betraf – allerdings eher minimal. Ihre Ablehnung Goliath zu helfen machte das wieder zunichte.
Aber vielleicht war es wirklich erst einmal das Sinnvollste ihr zuzuhören. Angela hatte sich nach langem hin und her dazu entschieden Ásdís auf ihrem Weg zu begleiten. Es war der Weg ins Ungewisse. Ihre Gefühle standen Kopf. Sie war zwischen Zorn, Neugierde und Angst zerrissen. Was wenn Goliaths Tochter das Kommende nicht gefallen würde? Was wenn es eine Falle darstellte und die Fremde sie mit ihren Worten nur umgarnen wollte? Von vertrauen konnte jedenfalls nicht die Rede sein. Angela ergab sich der Situation. Sie folgte der Frau wortlos – allein in der Fremde.
Nach all der Wut und den bösen Verwünschungen drängte sich die Frage nach dem Aufenthaltsort auf. Wo war sie?
Angela und Ásdís liefen in ein Tal hinab. Die Landschaft in ihrer Umgebung hatte sich gewandelt. Hohe Berge die zu einer riesigen Felswand verschmolzen, waren nun ihre Begleiter. Die Wiesen, die Felder, Flüsse und Seen – allesamt verschwunden, als seien sie sie nie da gewesen. Selbst die Sonne konnte Angela nicht mehr sehen. Die Berge verdeckten sie.
Etwas enttäuscht richtete sich deswegen Angelas Blick wieder noch vorne. Je weiter sie gingen, umso dunkler wurde es.
Eine schmale Brücke führte die beiden Frauen über eine tiefe Schlucht. Es war ein schwarzer Abgrund dessen Ende nicht ersichtlich war. Hier mochte nicht einmal ein Gargoyle hinabgleiten. Angela war umso erleichterter als sie diesen Abschnitt des Weges hinter sich ließen, wenngleich sie ihren Marsch in der Einöde fortsetzten. Die Felsmassive behielten auch weiterhin die Oberhand, sodass es sich schlecht abschätzen ließ, wie weit sie noch gingen.
Erst vor einem großen Tor das sich in einem Berg befand stoppte ihre Führerin.
Abschätzend betrachtete sich Angela das Tor im Fels. Mehrere Fuß hoch fasste es. Von der Aufmachung war es eher schlicht und einfarbig. Nichts gab einen Hinweis darauf was dahinter lag. Es war ein massiver und schlichter Eingang.
Obwohl Angela zwischen all den Bergen noch die Wärme der Sonne spüren konnte zitterte sie.
„Was erwartet mich hier?“
Ásdís blieb kühl und lächelte selbstgefällig. „Das wirst du gleich sehen!“
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast