Der Widergänger

von rebelyell
GeschichteAngst, Sci-Fi / P12
Marcus Cole Susan Ivanova
27.08.2014
07.12.2015
5
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Titel: Der Widergänger

Summary: inter/post 4x20 Marcus rettet Susan, indem er ihr seine Lebensenergie als finites Opfer darbringt. Eigentlich hätte er sterben sollen, aber die Ärzte auf Babylon 5 können noch rechtzeitig eingreifen, bevor alles zu spät ist.

Meine Version von 'Dat Ende gefällt mir net!'

Disclaimer: Nicht meins. Deins auch nicht. Und wenn ich auch noch so lange im Keller danach stöber, die Lizenzrechte werde ich da nie finden. Alles Eigentum von JMS. Der Neid darauf gehört allerdings zu mir.

Author's Note:

Es fing alles an mit "I need to rewatch Babylon 5. Who's joining me?"

Ich hätte die Frage einfach ignorieren sollen. Der Drache schlief 12 verdammt lange Jahre und hätte fröhlich weitergeschlummert, wäre ich nicht darauf angesprungen.

Es fing also mit dieser einfachen Frage an und endete darin, dass ich all meine B5 Sachen wieder aus der Versenkung hervorgekramt habe.

Ich bin unbelehbar... und ich steh dazu! :D (Meine Plotbunnies haben mich dazu gezwungen, das zu schreiben! Bitte helft mir!)

Der Titel ist ein wahrer Anschlag meines geschädigten Hirns. Die Spitze der Idiotie ist er aber bei weitem nicht. Zur Auswahl standen noch viel gruseligere Einfälle. Aber so sieht es eigentlich ganz gut aus. Mal schauen, wie ich morgen darüber denke!

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Der Widergänger
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Kapitel 1
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Es war kalt. Er merkte es nur, weil er zitterte. Doch die Kälte drang nicht zu ihm. Er spürte sie nicht. Nicht die Kälte, und auch nicht seinen Körper. Er bewegte sich in völliger Taubheit seiner Glieder.

Dunkelheit umgab ihn wie eine zweite Haut. Er hob seine Hand vor seine Augen - oder zumindest dachte er es. Sehen konnte er sie nicht.

Ob das das Ende war? Er wusste, dass er alle Aufgaben erledigt hatte. Alles andere - alle anderen würden hiernach ohne ihn auskommen. Er hatte keinen Grund zurückzuschauen - außer vielleicht… Sie würde leben… auch ohne ihn. Er bereute seine Entscheidung nicht, denn so hatte sein Leben letztendlich einen Sinn gehabt. Viele konnten das von sich nicht behaupten.

Aber das war nicht mehr wichtig. Seine Wurzeln lösten sich. Langsam. Er fühlte sich leicht, und sein Körper hörte auf zu beben. Zum ersten Mal in seinem Leben fiel die Last von seinen Schultern, die Schuld, die er für so lange Zeit ertragen hatte. Er war frei. Keine Fehler mehr, keine Reue, keine Abweisungen, die ihn in die Warteschleife zurückwarfen. Die Tragik in dieser Tatsache ließ ihn schmunzeln. Musste er doch erst sterben, um richtig leben zu lernen.

Es blieb dunkel.

Es erwartete ihn kein Licht, wie er es aus vielen Erzählungen gehört hatte. Keine paradiesische Wiese, über die er barfüßig wandelte. Der Raum war ein einziges Nichts. Dunkel und kalt.

Und so wanderte er den unsichtbaren Weg entlang, ohne Bedauern und ohne unerledigte Aufgaben, und er war glücklich.

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»Hast du deinen Bericht schon abgegeben? Dr. Franklin will bestimmt noch einmal nachlesen, was wir hier geschafft haben in seiner Abwesenheit«, fragte Alice ihre Kollegin und stellte gerade das Tablett für die stündliche Medikation zusammen.

»Nein, noch nicht. Ich wollte eigentlich noch die Ergebnisse vom Labor abwarten. Die brauchen mal wieder doppelt so lange. Aber wen wundert das schon. Hier geht ja alles drunter und drüber, wenn Franklin nicht da ist und sie alle nach seiner Pfeife tanzen lässt«, meinte Dennis und überprüfte noch einmal die Untersuchungsergebnisse vom Vortag auf seinem Klemmbrett.

»Ja, stimmt schon. Ist die Katze nicht da, machen die Mäuse Party.« Alice seufzte, als sie die Medikamentenfläschchen zurück in den Schrank stellte. Das Schloß rastete automatisch ein und piepte einmal dumpf, um zu signalisieren, dass der Schrank erfolgreich abgeschlossen wurde. Etwas, das ihnen Dr. Franklin gleich am ersten Tag eingetrichtert hatte. Ein offener Medikamentenschrank ist immer das beste Anlockmittel für Drogenabhängige. Auch wenn es unwahrscheinlich war, dass sich eben diese in gerade dem Augenblick im Medlab aufhielten, um Narkotika und anderes aus dem Schrank zu stehlen. Fehlte hinterher eine Flasche, war das nicht nur ärgerlich, sondern auch sehr teuer und es fiel immer auf denjenigen zurück, der als Letzter den Schrank mit seinem persönlichen Code geöffnet hatte.

»Bist du fertig?« fragte Dennis und stand schon wartend in der Tür.

»Ja, warte einen Augenblick«, sagte sie und schaute noch einmal auf das Schloß. 'Abgesperrt' war darauf in leuchtend grünen Lettern zu lesen. Sie beeilte sich, um zu ihm aufzuschließen. »Ich hoffe nur, dass die Medikamente reichen werden, wenn sie zurückkommen. Das wird sicherlich eine Menge verletzte geben«, sagte sie und zählte noch schnell die Tabletten und aufgezogenen Injektoren nach. Es würde ein ruhiger Tag werden, dachte sie noch, während sie gegen Dennis stieß und das Tablett fallen ließ. »Was…?!« Sie kam gar nicht dazu, ihn anzuzetern. Dennis packte sie gleich am Arm und zog sie mit sich in die hinterste Ecke des Medlab.

Ein Sicherheitsoffizier lag bewusstlos auf dem Boden und aus dem Raum, in dem ihr Sterbepatient lag, kamen eigenartige Geräusche.

Der Pfleger vom Nachtdienst lag ebenfalls auf dem Boden. Blut sickerte aus seiner Nase.

Dennis scannte zuerst den Sicherheitsoffizier auf Lebenszeichen. Sein Sensor zeigte ihm normale Werte an. Er schaute ratlos zu Alice hinüber, die den Puls ihres Kollegen abtastete. »Bewusstlos…«

»Der hier auch…«, sagte sie zu Dennis.

»Helft mir…« kam es krächzend aus dem Zimmer.

Beide schnellten auf und eilten zu Commander Ivanova. Sie hätte gar nicht wach sein dürfen. Susan Ivanova hatte gleich nach ihrer Ankunft das Bewusstsein verloren und wartete die letzten Stunden ihres Lebens mit geschlossenen Augen auf ihren Tod.

Aber da lag sie mit weit aufgerissenen Augen. Und neben ihr saß Marcus Cole - einer der Stammpatienten von Dr. Franklin, den sie sonst nie einzuordnen wussten. Seine Kleidung kam ihnen von Anfang an merkwürdig vor, aber keiner von ihnen hatte sich jemals getraut, Fragen zu stellen. Ständig kam er mit irgendwelchen Knochenbrüchen oder Prellungen ins Medlab und war einer der ungeduldigsten und nervigsten Patienten überhaupt. Alle waren immer froh, wenn er das Medlab wieder verlassen durfte.

»Helft mir… nehmt die Manschetten ab… Er stirbt!« stöhnte Susan, und hörte sich unendlich langgezogen und gequält an.

Die beiden machten sich sofort an die Arbeit. Sie trennten die beiden von der Maschine.

Dennis überprüfte Marcus' Werte mit seinem Scanner. Die unbekannte Maschine war jetzt unwichtig. Was auch vorgefallen war, die Sicherheitskameras würden später Aufschluss bieten. »Puls bei 190 zu 145! Kammerflimmern! Hol ne Trage und ruf Code 4-18 an alle verfügbaren medizinischen Mitarbeiter aus! Ich informier Dr. Hobbes!«

Susan Ivanova konnte sich grade noch bei Bewusstsein halten, auch wenn die müden Lider gegen ihren Willen immer wieder zufielen.

Das Medlab verwandelte sich in einen geschäftigen Bienenstock. Auf einmal wimmelte es in jeder Ecke. Hektisch war eine bloße Untertreibung. Eine Schwester trat an ihr Bett und überprüfte die Werte auf dem Monitor. Ihr Mund formte ein ungläubiges großes O. Dann wurde alles wieder schwarz um sie herum.

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Stephen Franklin rannte durch die Sicherheitskontrollen ohne mit seiner ID Karte einzuchecken. Er tippte sich nur mit der Hand an die Stirn als er an einen verwunderten Zach Allen vorbeilief, der ihn schon aufhalten wollte, es dann aber doch dabei beließ. Im Fahrstuhl kramte er sein Babcom heraus.

»Wie geht es ihr?« fragte er, ohne sich beim Namen zu melden. Für solche Kleinigkeiten hatte er keine Zeit.

»Dr. Franklin?!« meldete sich eine verwunderte Ärztin, deren Name ihm nicht mehr einfallen wollte.

»Ja, wie geht es Susan Ivanova?« Er wurde langsam ungeduldig und der Fahrstuhl schien auf jeder Ebene zu halten. Genervt verdrehte er die Augen. »Alle Mann RAUS HIER!« brüllte er die drei Passanten an, die gerade eingestiegen waren. »Das ist ein medizinischer Notfall!« Ohne auf eine Reaktion zu warten, schob er die Leute aus dem Lift. »Computer: Code 4-18, Durchfahrt Lift Blau/349 ohne Zwischenhalt bis Ebene Blau-7.«

»Commander Ivanovas Verfassung ist stabil. Ihre Biowerte nähern sich dem Normalzustand«, meldete sich die Ärztin wieder.

»Ist sie bei Bewusstsein?«

»Zur Zeit nicht, aber sie ist mehrere Male aufgewacht und hat unser Personal auf Trab gehalten. Wir mussten sie fixieren.«

Stephen schmunzelte. Anders hätte er es nicht von Ivanova erwartet. Er schüttelte schnell den Gedanken von sich. »Was ist mit Ranger Marcus Cole?«

»Instabil. Seine Werte schwanken zu sehr, um eine Prognose für die nächsten 24 Stunden abzugeben. Wir mussten ihn in den letzten 3 Stunden zweimal reanimieren.«

Franklin wusste nicht, ob er erleichtert oder besorgt sein sollte. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie Marcus noch lebend von der Maschine abkapseln würden. Er selbst hatte gesehen, wie schnell die Maschine die Lebensenergie von einem Wirt zum nächsten bei falscher Einstellung übertragen konnte. Binnen weniger Sekunden war der Todeskandidat damals zusammengebrochen. Unter den gecrackten Videodateien war nicht die Anleitung dabei gewesen, die Stephen vor vielen Jahren angefertigt hatte. Ob Marcus sie nicht gefunden hatte? Er wusste, dass Marcus seine Nachforschungen sehr gründlich durchführte. Trotzdem hatte Marcus die Dateien nicht gefunden. Vielleicht die einzige glückliche Fügung in diesem Fall.

Die Aufzugtüren glitten auf und Dr. Franklin stürmte hinaus. Den Weg konnte er blind abschreiten. Sicherheitskräfte wollten ihn aufhalten. Er ließ sie links liegen. Waren wohl Neulinge. Sein Gesicht kannte hier sonst jeder.

Im Medlab erwartete ihn geschäftiges Treiben. Jeder war darum bemüht, die beiden Grenzfälle durch die nächsten Stunden zu bringen.

Mit halber Aufmerksamkeit überflog er Susans Werte. Noch im Gehen streifte er sich einen Kittel über und desinfizierte seine Hände.

Dr. Hobbes und seine Assistenzärztin begrüßten ihn und brachten ihn auf dem Laufenden. Jetzt fiel ihm auch der Name der Ärztin wieder ein: Alice Cartwright. Sie hatte vor zwei Jahren bei Dr. Hobbes angefangen.

Es sah nicht gut aus. Marcus' Leber hatte vor einer Stunde kurzzeitig versagt. Das MedLab Team hatte ihn mit größter Mühe noch vor einem hepatischen Koma bewahren können. Hoher Blutdruck, Kammerflimmern, Reanimation, septischer Schock. Der Bericht las sich wie ein medizinischer Katastrophenfilm.

Marcus' Körper sprach nur schlecht und sehr langsam auf die Medikamente an.

Stephen massierte seinen Nasenrücken. Die Werte bereiteten ihm Kopfschmerzen.

»Erhöhen Sie die Infusionslösung auf 15%, und verlegen Sie ihn in den Quarantänesaal. Sein Immunsystem ist zu geschwächt für eine nicht sterile Umgebung. Setzen Sie ihn auf künstliche Beatmung. Dann sehen wir weiter.« Bevor seine Anordnungen ausgeführt wurden, schaute er auf das friedlich schlafende Gesicht vor ihm. 'Lass uns jetzt nicht im Stich, Junge!', dachte er sich im Stillen.

Die nächsten Stunden würden über sein Leben entscheiden. Stephen hasste das lange Warten. Geduld war noch nie seine Stärke gewesen.

Die jüngeren Assistenzärzte kümmerten sich um die anderen Patienten. Ein Sicherheitsoffizier wurde wegen mehrere Rippenbrüche, Prellungen und einer Platzwunde am Kopf behandelt.

»War er für den Wachdienst zuständig?« fragte Stephen und überprüfte das Infopad.

Der Assistenzarzt öffnete den Mund, doch es war der Patient, der antwortete: »Ja, das war ich. Hendrikson. Ich schwöre Ihnen, ich hab ihn nicht kommen sehen. Er kam aus dem toten Winkel gesprungen. Ehe ich mich versah, lag ich auf dem Boden. Dann wurde alles schwarz. Ich konnte nicht einmal um Verstärkung rufen.«

»Machen Sie sich keine Vorwürfe. Das hätte niemand voraussehen können. Sie werden für einige Tage unser Gast sein, fürchte ich. Ruhen Sie sich aus.«

Hendrikson nickte knapp und ließ sich auf die harte Krankenliege sinken.

Dr. Hobbes kam auf Stephen zu. »Ivanova ist bei Bewusstsein. Sie möchte mit Ihnen sprechen.«

»Alles klar, ich gehe gleich zu ihr. Sagen Sie mir bitte noch, wie es dazu kommen konnte. Wer hat die beiden gefunden?« Stephen war wütend. Ihm war nur noch nicht klar, auf wen genau.

»Meine Assistenten traten ihren Dienst an und fanden alles verwüstet vor. Die Wache und der Nachtdienst lagen bewusstlos auf dem Boden. Mehr kann ich Ihnen leider auch nicht sagen. Wir müssen froh sein, dass nicht noch mehr passiert ist.« Hobbes sah ihn mit einem unmissverständlichen Blick an, der ihm sagte, dass sie beide im selben Boot saßen.

Stephen seufzte. Er wollte etwas darauf entgegnen, entschied sich dann doch anders.

Susan versuchte krampfhaft, ruhig zu bleiben. Das konnte er ganz klar von ihrem Blick ablesen als er das Zimmer betrat. Tränen glitzerten in ihren Augenwinkeln.

»Wie fühlen Sie sich?« fragte er und überprüfte ungläubig die Scanner.

»Müde und schwer. Ich war tot… oder ich sollte sterben… Wieso bin ich nicht tot, Stephen?«

»Das ist eine zu lange Geschichte für heute. Eins nach dem anderen. Haben Sie noch Schmerzen?«

»Nein, ich fühle mich nur unheimlich erschöpft und verwirrt«, antwortete sie leise.

»Ich werde Ihnen jetzt die Kopfstütze abnehmen. Das kann ein wenig unangenehm werden. Und wenn Sie sich benehmen, nehme ich Ihnen auch die Schnallen ab.«

»Setzen Sie 'entmündigt' zu meiner Befindenliste hinzu.«

»Wir Ärzte haben unsere Methoden, Patienten von unserem guten Willen zu überzeugen. Ihre kleine Rebellion kam meinem Personal gerade unpassend.«

Die Schrauben waren schnell gelöst. Susan stöhnte erleichtert auf als er ihr den unförmigen Drahtkäfig abnahm.

»Was ist mit Marcus? Ich habe jeden hier gefragt, aber keiner will mir antworten.« Sie bemerkte sein Unbehagen und Zögern. »Stephen! Bitte sagen Sie es mir! Er lag leblos neben mir als ich wach wurde. Sagen Sie mir, ob er noch lebt! Ich könnte es mir nie verzeihen…«

»Er lebt«, unterbrach er sie. »Allerdings wissen wir nicht, ob er durchkommt. Es steht nicht gut um ihn. Wie es scheint, haben meine Mitarbeiter ihn in letzter Sekunde von der Maschine lösen können, bevor es…«

»Ich möchte ihn sehen«, sagte Susan. Sie sah ihn flehend an als er ihr nicht gleich antwortete: »Bitte.«

»Also gut. Warten Sie, ich hole Ihnen einen längeren Kittel«, fügte er schnell hinzu, obwohl er sicher war, dass ihre Aufmachung momentan ihr kleinstes Problem war. Er löste die Schnallen, die sie ans Bett fesselten und legte ihr einen dünnen weißen Operationskittel um die Schultern. Sie zitterte als ihre nackten Füße den Boden berührten. »Ich habe leider keine Schuhe für Sie parat«, entschuldigte er sich.

»Ist schon gut. Ich hab schon Schlimmeres durchgemacht. Barfuß über arschkalten Boden zu laufen ist doch…« Sie wankte und hielt sich krampfhaft an der Bettkante fest.

»Kommen Sie… Ich helfe Ihnen.« Franklin fing sie auf und schlang einen Arm um ihre Taille.

»Wie steht es an der Front? Waren Sie nicht auf dem Mars zugange? Was machen Sie hier schon wieder auf Babylon 5?« fragte sie, um sich selbst von anderen Fragen abzulenken. Ihre nackten Füße tapsten unkoordiniert über die kalten Fliesen.

»Wir haben gewonnen. Der Mars wurde befreit. President Clark hat während der finalen Schlacht den feigen Ausweg gesucht und Selbstmord begangen. Er wollte seine Niederlage nicht mit ansehen und die Erde außerdem zerstören. Sheridan konnte die Verteidigungssateliten zerstören bevor sie den letzten Befehl ausführen konnten. Er ist jetzt auf der Erde. Weitere Nachrichten habe ich noch nicht bekommen. Die Störsender zwischen uns und der Erde wurden noch nicht deaktiviert. Ich bin gleich hierher geflogen, um Marcus vor diesen Fehler zu bewahren.«

»Wieso wusste er überhaupt von diesem Ding?« Sie berührte die Scheibe, die sie von Marcus trennte. Er wirkte blaß und mager unter dem blauen Medlablicht. Mit den vielen Schläuchen und Geräten, die an seinen Körper angeschlossen waren, sah er zerbrechlich aus. Ganz anders als sie ihn in Erinnerung hatte.

»Ich habe die Maschine erforscht. Wir hatten sie damals sichergestellt und verwahrt. Sheridan und ich waren uns einig, dass sie nie wieder benutzt werden dürfte, bevor wir nicht wussten, wie man sie steuern kann. Ich habe meine Videoeinträge mit mehreren Sicherheitsstufen und Codes versehen. Wenn er durchkommt, werde ich ein ernstes Wort mit ihm zu reden haben. So einfach knackt keiner meine Passwörter. Ich würde gerne wissen, wie er das angestellt hat!«

»Das ist so typisch für ihn! Er war schon immer so undiszipliniert. Ich wusste nie, wie ich sein Temperament umlenken konnte.« Susan senkte den Blick und knibbelte an ihren Fingernägeln.

»Einige nennen es defizitäres Verhalten, ich würde es Entschlossenheit nennen. Seine Loyalität war so stark, dass sie bis zum Tod gereicht hätte. Der Leitsatz der Ranger lautet doch 'Wir leben für den Einen. Wir sterben für den Einen.' Soweit ich mich entsinne, wird der Eine 'Entil'zha' genannt oder Ranger Eins… und das ist zur Zeit Delenn. Ich fand diese Einstellung immer schon irritierend, aber er hat dafür mit Leib und Seele gelebt. Bis heute.« Er sah Susan leicht schwanken und zog einen Stuhl für sie heran. Sie ignorierte ihn und blieb stehen.

»Ich verstehe es nicht, Stephen.«

»Er hat seinen Schwur gebrochen… für Sie, Susan. Er war bereit, für Sie zu sterben.«

»Aber warum? Ich habe ihn nicht darum gebeten! Ich hätte es auch niemals getan! Mein ganzes Leben lang habe ich diejenigen verloren, die mir etwas bedeutet haben. Meine Familie, meine Freunde, meine Partner. Sie sind entweder gestorben oder haben mich verlassen. Und ich war es leid, verlassen zu werden.« Verzweifelt suchte sie mit ihren Augen einen Punkt, an dem sie sich festhalten konnte. Doch ihr Blick irrte nur ziellos umher und vermied jeden Kontakt mit der Person, die bewusstlos hinter der Scheibe lag. »Ich habe gespürt, dass es zuende ging. Und es hat mich nicht gestört. Ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen. Sicher war es nicht der beste Ausgang, aber was hätte ich schon daran ändern können? In der Torah steht geschrieben, dass das irdische Leben eine Vorbereitung auf den Gan Eden ist, das Paradies, und dass alles beurteilt wird, was wir in unserem Leben vollbracht haben. Ich habe mich schon immer gefragt, ob das, was ich tue, als gute Tat gelten würde oder nicht. Und entweder man wird dann bestraft, oder man darf in das Paradies eintreten. Ich war in meinem ganzen Leben keine gute Jüdin gewesen. Ich habe die meisten Feiertage ignoriert oder mich nicht an die Torah gehalten. Trotzdem war ich im letzten Augenblick gespannt, ob ich das Paradies sehen würde. Ich fühlte mich leicht und unbekümmert. Die Schmerzen waren weg. Ich lief, so schnell und so weit wie ich es vorher nicht konnte. Mein ganzes Sein war nur noch von einem Gedanken beseelt: Ich würde endlich meine Mutter wiedersehen. Das hat mich mit einer unfassbaren Freude ausgefüllt, dass ich gar nicht mehr zurückgeschaut habe. Dann sah ich dieses warme Licht und ich hörte eine Stimme. Sie sagte 'Ich liebe dich' und ich war erschrocken. Es war nicht jüdisch, es war nicht russisch und die Stimme gehörte zu keinem aus meiner Familie. Sie hatte diesen eleganten, britischen Akzent und ihr Klang war sanft und liebevoll. Ich wusste, dass ich die Stimme kannte, aber ich konnte sie nicht zuordnen.«

Susan verbarg ihre Augen hinter ihren Händen. Die Stirn gegen die Scheibe gelehnt. Stephen legte seinen Arm um ihre Schulter, sagte aber nichts. Er hörte sie nicht weinen, aber er spürte wie sie lautlos schluchzte.

»Dann wurde alles dunkel und das Atmen fiel mir schwer. Die Glieder schmerzten wieder und ich konnte mich nicht bewegen. Ich sah ihn nur aus dem Blickwinkel als ich endlich die Augen öffnen konnte. Er hatte seine Hand mit meiner verschränkt. Sie war eiskalt…« Da brach ihre Stimme ab und ihr ganzer Körper bebte.

Wortlos nahm Stephen sie in den Arm. Es kümmerte ihn nicht, dass sein Hemdskragen feucht wurde. Er strich ihr tröstend über den Rücken und wartete, dass ihre Tränen versiegten.

Nach einer Weile wischte sie sich mit beiden Händen über die verweinten Augen. »Seien Sie ehrlich zu mir, Stephen. Wie steht es wirklich um ihn? Besteht überhaupt noch Hoffnung? Kämpfen Sie den Pessimisten in mir nieder.«

Stephen seufzte. »Es steht schlecht um ihn. Ich wage es zu bezweifeln, dass er die nächsten Stunden überlebt. Das würde schon an ein Wunder grenzen. Er ist den andern Ärzten schon zweimal unter der Hand fast weggestorben.«

»Kann ich zu ihm? Nur für einen Moment.«

Er zögerte. Er brachte es nicht übers Herz, ihr den Wunsch abzuschlagen. Vielleicht war es ihre letzte Chance. »Also gut… Aber Sie müssen einen Mundschutz tragen. Sein Immunsystem arbeitet nur noch defizient. Die Hoffnung ist zwar gering, aber wir wollen sie nicht gleich ganz vernichten.« Er hielt ihr das sterile Stück Stoff hin und setzte hinzu: »Und fassen Sie sich kurz, schließlich sind Sie ebenfalls noch nicht genesen.«

Sie nickte nur knapp und wartete darauf, dass Franklin die Türverriegelung für sie deaktivierte.

Die Tür glitt mit einem lauten Zischen auf.

Ihr Atem ging schwer als sie hindurchschritt.
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