Die Farben der Rose

von Liandis
GeschichteDrama, Fantasy / P18
27.08.2014
20.06.2018
6
35955
3
Alle
7 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
 
Ein herzliches Willkommen an alle, die sich zu meiner Geschichte verirrt haben! ;)

Das hier ist meine erste Eigenkreation, die ich der Öffentlichkeit zugänglich mache, wenn man es so formulieren will ^_^'
Wobei es ja sowieso die erste Eigenkreation meiner "Chronicles of Faith and Hope" ist, wenn man vom Auftakt mal absieht, den ich ohnehin erst später weiterschreiben werde.

Der Hauptgrund, warum ich mich jetzt doch entschieden habe eigene Geschichten hochzuladen war, dass ich einmal sehen wollte, wie sie Leuten gefallen, die ich nicht persönlich kenne.
Und ich will euch auch nicht mehr länger auf die Folter spannen, hoffe ihr habt Spaß beim Lesen und würde mich über die ein oder andere konstruktive Kritik freuen :)





Blutrot


In tausenden Facetten von Rot und Gold erstrahlten der Himmel und das umliegende Land, über dem dieser ewig Wache tat. Selten hatte Lacen einen schwindenden Tag sich so eindrucksvoll verabschieden sehen. Doch hatte er kaum Augen für dieses Naturschauspiel und nahm alles um ihn herum nur gedämpft und am Rande wahr. Das Schnauben der Pferde, das leise Gemurmel seiner heutigen Schwertbrüder und selbst das erschallende Horn, dessen lautes Surren sogar den Boden unter seinen Füßen in Schwingung zu versetzen schien, all das wurde übertönt vom Pochen des Herzens, welches in Lacens Brust Schlag um Schlag tat.

Auch als sich die vorderen Reihen der auf einem Hügel in einiger Entfernung Aufstellung bezogenen Armee langsam in Bewegung setzten, starrte er wie in Trance auf einen Punkt, irgendwo zwischen den Ohren seines Rappen. Und als er seinen Blick schließlich doch nach oben wandte, erschien es ihm nicht, dass die vorrückenden Mannen jegliche Vegetation auf ihrem Weg niedertrampelten, was sie freilich taten, sondern als würde sich langsam und lautlos ein Tuch aus Fleisch und Stahl auf die Ebene unter ihm legen und das ohnehin bereits gelbe, verdorrte Gras bedecken.

Der Klaps auf seine rechte Schulter kam unerwartet und ließ ihn hochschrecken, was ein raues Lachen und ein festes Tätscheln Lacens Schulter zur Folge hatte. Der lautstarke Ausdruck von Belustigung klang zwar tief und ohne rechte Wärme, doch konnte man auch keinen echten Spott an ihm erkennen.

»Warum auf einmal so schreckhaft? Was ist aus dem mutigen Knappen geworden, der erhobenen Hauptes in die Schlacht reitet, um das Land seines Herren und seine kleine Lady zu schützen?«, drang es mitsamt einem Schmunzeln aus Ser Warren Aldrichs Kehle. Anschließend bedachte er Lacen mit seinem warmen Lächeln, das er kaum jemand anderem, außer seinem Knappen, schenkte.

Der Ritter war eineinhalb Kopf größer als er und, obwohl es im Sattel sitzend einen nicht unerheblich geringeren Unterschied machte, musste Lacen, wie seit jeher, zu ihm aufblicken, was sich aber seiner Ansicht nach in dieser und in anderer Hinsicht für einen Knappen so geziemte.

Buschige Augenbrauen, ein bärtiges Antlitz, eingerahmt von einer wilden dunkelbraunen, von silbernen Strähnen durchzogenen Mähne und eine schon des Öfteren gebrochene, breite, krumme Nase bildeten die deutlichsten Gesichtsmerkmale Ser Aldrichs. Ein leichter Wanst wölbte seinen mit Stahl verstärkten, ledernen Brustharnisch und das schwere Kettenhemd darunter ein wenig nach außen, was ein Zeichen für gesundes Altern war, wie er stets zu sagen pflegte. Die gepanzerte Rechte seiner fast schon riesenhaften Hände hielt eine schlichte Reiterlanze mit eiserner Spitze gepackt, die sich dem rötlichen Himmel entgegenstreckte.

Die gesprochenen Worte brauchten eine Weile, bis sie Lacens Verstand erreichten, doch zeigten sie sodann außerordentliche Wirkung, indem sie sein Haupt dazu brachten, dem Himmel in Sachen Farbe würdige Konkurrenz zu machen. »Ich habe keine Ahnung von welcher ›Lady‹ Ihr jetzt schon wieder sprecht, Ser«, erwiderte der Jüngling, sogleich er sich gefangen hatte, jedoch schlug er darauf die Augen nieder, was seinen Worten deutlich an Glaubwürdigkeit raubte.

Erneut grölte ein tiefes Lachen aus dem Spalt in des alternden Ritters struppigen Bart. »Natürlich nicht, Junge! Und Astaroth, die barbrüstige Schlampe hat es mir gestern Nacht in meinem Zelt mit ihren ganzen Wassertricks wunderbar besorgt!«, platze er heraus, woraufhin ein Teil der umstehenden Reiter in schallendes Gelächter ausbrach und der Rest aufgrund der lästerlichen Äußerung aufstöhnte oder schlicht schwieg.

»Ihr solltet wirklich nicht so unverschämt über die Fünf sprechen. Vor allem vor einer Schlacht finde ich das äußerst unklug«, ermahnte ihn sein Knappe wie schon viele Male davor und schüttelte verständnislos den Kopf. »Wenn Ihr schon nicht an sie glaubt, dann solltet Ihr es zumindest für Euch behalten«, fügte Lacen hinzu. Den Haudegen zurechtzuweisen würden wohl nicht viele wagen, allerdings wusste er, dass er sich das ohne Weiteres erlauben konnte.

Ein belustigtes Schnauben entfuhr Ser Aldrich bevor er zu einer Erwiderung ansetzte. »Ach, findet Ihr das, Euer Hochwürden?«, neckte er ihn. »Du solltest doch mittlerweile ernsthaft wissen, dass mich die Fünf genauso wenig interessieren wie der Inhalt des Nachttopfs des obersten Quinton. Wahrscheinlich gibt es irgend eine höhere Macht da draußen, aber die manifestiert sich bestimmt nicht in Gestalt dieser mit den Elementen spielenden Witzfiguren. Überhaupt sollten die Leute aufhören irgendwelche Götter anzubeten, denn ich habe noch nie gehört, dass diese darum gebeten haben! Ich habe durchaus Freude an meinem Leben, aber wem ich es zu verdanken habe, ist doch einerlei, Junge!« erklärte er ihm, wie schon unzählige Male zuvor, aber Lacen konnte es einfach nicht lassen, ihn diesbezüglich zu ermahnen, wenn auch erfolglos.

»Sieh zum Beispiel mal da runter, Junge«, forderte Ser Aldrich ihn auf und deutete auf den wilden Haufen aus Menschen, der sich nahe des kleinen Dorfes im Tal unter ihnen versammelt hatte. »Wegen diesen Bauern, Handwerkern und Bettlern sind wir hier. Die Armee des einsamen Wolfs ist hier um das Volk zurechtzuweisen, weil es rebelliert hat, nur weil es nicht an die Fünf, sondern an ihren einen Gott, ihre prophetischen Zwillinge oder was weiß ich was glauben will«, führte der Ritter mit ernster Miene aus. »Wir wissen beide, wie das hier ausgehen wird. Es wird ein Massaker geben. Dieses Landvolk ist hoffnungslos unterlegen und wird in einer Welle aus Stahl und Blut hinweggefegt werden, und warum?! Wegen verschiedener Sichtweisen von Göttern und anderem Hokuspokus!« Nun blickte er seinen Knappen wieder direkt an. »Die Verehrung von Göttern hat noch niemals jemandem irgendetwas Gutes gebracht, Junge. Und genau deshalb gilt meine Ehrerbietung und mein Dank weltlicheren Dingen. Denn bei denen weiß ich immerhin, woran ich bin.«

Ein Augenblick verging, in dem sich die beiden nur schweigend musterten, bevor die Mundwinkel Aldrichs unter dem Graubraun seines Bartes wieder nach oben zuckten. »Jetzt aber mal im Ernst, Junge. Ich hoffe, du schlägst dir die Kleine allmählich mal wieder aus dem Kopf. Und stell dich nicht dumm, wir wissen beide, wen ich meine.« Der scheltende Blick seines Herren ließ keine Widerrede zu.

»Ich...«, setzte Lacen an. »Sie ist lediglich meine Prinzessin. Ebenso, wie die jedes anderen hier. Nicht mehr und nicht weniger.« Die Worte sollten überzeugend klingen, allerdings klangen sie eher so, als wäre er selbst der Einzige, den sie überzeugen sollten.

Erneut bedachte Ser Warren Aldrich seinen Knappen mit seinem warmen Lächeln. »Mag sein, dass dein Verstand dir das sagt, Junge. Dumm bist du ja nicht«, meinte der Ritter sachlich. »Aber das hier«, fuhr er Lacen auf die Brust klopfend fort, »ist da, glaube ich, gänzlich anderer Meinung. Ich würde ja vorschlagen, dich bei unserer Rückkehr ins nächstbeste Bordell zu schleppen, aber wie ich dich kenne, würde das nicht das Geringste bringen.«

Ein auf der Strapazierung seiner Nerven begründeter Seufzer entfuhr der Kehle des Jünglings. »Ich habe nie verstanden, was an der Gesellschaft von Huren auch nur ansatzweise ritterlich oder ehrenhaft sein soll.«

Daraufhin blickte der Ritter seinen Knappen einige Sekunden lang mit Augen, die aus ihren Höhlen zu springen drohten, an, um kurz darauf in derartiges Gelächter auszubrechen, dass Lacen vor Schreck zusammenzuckte und sein Rappe ein erschrockenes Wiehern ausstieß. »Habt ihr das gehört?! Huren sind nicht ehrenhaft! Heißt das jetzt ich bin kein echter Ritter mehr?! Männer! Wie kann ich denn jetzt noch von euch verlangen, mir zu gehorchen und mit mir in die Schlacht zu reiten?!« Nun hatte seine Stimme durchaus etwas zutiefst Spöttisches an sich.

Rund um Lacen stimmten alle außer ihm selbst in das Lachen mit ein. »Am besten schneiden wir uns gleich alle den Schwanz ab, damit wir ja nichts Unehrenhaftes mehr tun können«, rief ein hässlicher, schlaksiger, kinnloser Kerl zu des Jünglings Linken. »Brad! Erzähl dem Jungen, wie ehrenhaft du vor zwei Tagen warst!«

Brad war der Mann neben ›Ser Kinnlos‹ und auch wenn dieser in Sachen Hässlichkeit einer Kröte arge Konkurrenz machen konnte, so war Brad in seiner gesamten Erscheinung der Inbegriff eines gemästeten Schweins, wodurch die beiden ziemlich gleichauf lagen. Die beiden mussten einfache Soldaten sein, denn die Ritter, mit denen sein Herr sich umgab, kannte Lacen allesamt persönlich. Und doch lauschten alle aufmerksam ›Ser Schweinebacke‹, als er zu erzählen begann.

»In ‘nem Puff in Mühlbach hab ich ‘ne Kleine aus den Sultanaten erspäht. Musste mein ganzn letzten Sold für das Mädschn aufn Tisch legen. Hab se so ‘nem alten Knacker ganz ritterlich vor der Nase wegschnappt. Ich schwör, ich hab mich noch in keinem Weib so ehrnhaft gefühlt, wie in der«, blaffte er zwischen seinen gelben Zähnen hervor. Es war offensichtlich, dass er getrunken hatte und erneut hallte schallendes Gelächter durch die Reihen der rechten, leichten Kavallerie.

Ser Aldrich tätschelte seinem Knappen die Schulter. »Nimm es mir nicht übel, Junge. Die Männer sind weniger angespannt und kämpfen besser, wenn sie was zu lachen haben. Hör nicht auf uns und bewahre dir deine Tugenden und Vorstellungen von Ehre, solange du kannst. Sie sind selten dieser Tage und ich weiß nicht, ob mir gefällt, was aus dieser, unserer Welt zu werden droht.«

Bevor Lacen etwas erwidern konnte, begann der junge Ser Coldrin, der neben Aldrich auf seinem Schimmel saß, seine Stimme zu erheben. »Seht, Ser! Unten im Tal!«, rief er und deutete mit seiner Linken auf das freie Feld zwischen den Fußsoldaten des einsamen Wolfs und dem Knäuel aus Landvolk.

Etwas abseits der Mitte der freien Fläche, näher an den Rebellen gelegen, wenn man sie denn so nennen mochte, hatten sich die Unterhändler beider Parteien getroffen. Lacen wusste, dass dies in den meisten Fällen reine Förmlichkeit war und nur selten irgendetwas gebracht hatte. Doch dieses Mal schien sich die Prozedur eine unerwartete Änderung des Protokolls eingefangen zu haben.

Das Banner mit dem schwarzen Wolf, auf blutrotem Grund schien verschwunden, lag vermutlich im hohen Gras, sodass man es nicht erkennen konnte. Ein gepanzertes Pferd lief in schnellem Galopp auf die Reihen des einsamen Wolfs zu, herrenlos. Sein Reiter, Träger des königlichen Banners und Unterhändler seiner Majestät, lag vermutlich ebenso irgendwo zwischen den verdorrenden Halmen. Lacen war zu weit entfernt um Genaueres erkennen zu können, allerdings glaubte er zwei Gestalten auszumachen, bei denen es sich offensichtlich um die ›Verhandlungsführer‹ der Rebellen handelte. Die eine der beiden schien auf einen Stab oder Speer gestützt und die andere schien wild mit den Armen zu gestikulieren oder etwas in der Art.

Kaum hatte das Pferd die gewissermaßen eigenen Reihen erreicht, erschallte ein Horn irgendwo am hinteren Ende der Hauptarmee. Kurze Zeit später hörte man das Surren hunderter oder gar tausender Sehnen, die ihre todbringende Botschaft auf die Reise schickten. Unzählige Schatten verdunkelten plötzlich die untergehende Sonne, sodass man meinen könnte, das Ende des Tages wäre einige Minuten zu früh eingetreten. Doch so schnell die Wolke aus Schatten sich erhoben hatte, so schnell sank sie auch wieder hernieder, direkt ins Herz der Rebellion, wenn man es so ausdrücken mochte.

Auch wenn die Entfernung eigentlich zu groß sein mochte, so bildete Lacen sich doch ein, die Schreie der Toten und Verwundeten bis hierhin zu hören und atmete daraufhin tief aus. ›Es ist Krieg. So sind die Dinge nunmal. So sinnlos sie auch scheinen mögen.‹

»So viel also zu den Verhandlungen«, meinte Ser Aldrich neben ihm, ohne jeglichen Witz in der Stimme. »Wenn es denn der Tod ist, den sie suchen, so wird er ihnen natürlich bereitwillig geschenkt. Ich will mal für sie hoffen, ihre Sache war es wert.«

Und plötzlich begannen die Ereignisse sich zu überschlagen und keines davon war für Lacen auch nur irgendwie vorhersehbar gewesen. Denn in jenem Moment, als unerwarteterweise ein Horn zu Lacens Linken ertönte, löste sich auf einmal eine schwarze Wolke aus Schatten, gleich der ersten, aus den Reihen der Rebellen. Wusste die Verderbte, wo eine Armee aus Bauern einen derartigen Schwarm aus Geschoßen herzaubern mochte. Und kurz darauf klang aus derselben Richtung, aus welcher eben das Signal erklungen war, das Trappeln von beschlagenen Hufen und das Klirren von schweren Rüstungen an des Jünglings Ohr, bevor dieser sah, dass die schwere Reiterei, die den Kern der Kavallerie bildete, die eigentlich erst nachträglich in den Kampf eintreten sollte, sich in Bewegung gesetzt hatte.

»Was zum...?!« Ser Aldrich schien nicht zu wissen, wohin er seinen Blick wenden, welchem Geschehen er mehr Aufmerksamkeit schenken sollte. »Dieser verfluchte, kleine Narr! Ich habe doch gesagt, man gibt einem Jungen nicht den Oberbefehl über die gesamte Kavallerie, Prinz hin oder her! Ihm und seinem Vater, diesem verfluchten Sturkopf von einem König, werde ich gehörig den Arsch aufreißen, wenn diese Scheiße hier vorbei ist!«

»Ser Aldrich!«, versuchte Coldrin zu ihm durchzudringen, doch schien der ältere Ritter seinen jungen Eidgenossen gar nicht wahrzunehmen. »Ser!«, schrie er nun förmlich und klopfte ihm auf die Schulter.

»Ja, was denn?!«, blaffte dieser mit hochrotem Kopf zurück.

»Der Befehl zum Angriff wurde gegeben. Ihr habt den Befehl über die linke Flanke. Was sollen wir also...«, wollte Ser Coldrin die Frage stellen, doch wurde er von Aldrich sogleich unterbrochen.

»Na, was wohl, du schwertschluckender Holzkopf?! Blas auch zum Angriff oder ist das Horn an deiner Seite genauso nutzloser Tand, wie das Gold auf deinem Harnisch und das mich an meine Großmutter erinnernde Duftwasser, das du trägst!« schrie Ser Warren Aldrich und streckte seine Rechte, die die Lanze hielt, in die Höhe. »Fall langsam zurück bevor wir auf die feindliche Linie treffen«, meinte er noch an Lacen gewandt.

Dieser wollte widersprechen, doch versetzte sein Herr ihm einen leichten Schlag auf die Schulter. »Du wirst zurückfallen! Das ist ein Befehl!«, schärfte er ihm noch einmal ein und mit einem wilden Kriegsschrei gab Aldrich seinem Pferd die Sporen und hinter ihm folgten achthundert Reiter seinem Beispiel, wie es auch sein Knappe nach kurzem Zögern tat.

Rund um Lacen drängten sich die Pferde und ihre Reiter in schnellem Galopp vorwärts und das Trappeln der Hufe und das Geschrei der Soldaten war ohrenbetäubend. Auch wenn Lacen, trotz seines kurzen Zauderns vorhin, weiterhin ziemlich weit vorne ritt, so war er doch froh, dass der Hang, den sie hinunterritten, einigermaßen steil war, sodass er zumindest einen Teil des Schlachtfeldes überblicken konnte, auch wenn seine Kameraden verbargen, was direkt vor ihm lag.

Erneut stieg eine Wolke aus Geschoßen hoch in den rötlichen Abendhimmel auf und kaum einen Atemzug später eine weitere. Die erste schlug in die Reihen des Landvolkes ein, die sich entgegen dem, was man von ihnen erwarten mochte, nicht auflösten und in Panik verfielen, sondern sich schlossen und der neuen Bedrohung in Formation entgegentraten. Der zweite Geschosshagel ging auf die heranstürmende schwere Reiterei nieder, woraufhin man das Scheppern der getroffenen Rüstungen sowie das Wiehern und Geschrei der zu Boden gehenden Reiter und Pferde vernehmen konnte. Der Anteil der Schreie war, gemessen an der schweren Panzerung, die Mann und Tier trugen, beinahe absurd hoch. Auch wenn es Lacen bei dem ganzen Lärm um ihn herum nicht gewundert hätte, wenn sein Verstand ihm das Heraushören dieser Geräusche nur vorgaukelte.

Nun flachte das Gelände wieder ab und alles, was der Knappe noch sehen konnte, waren sein Vordermann und der Abendhimmel über ihm. Das Licht der letzten Sonne brachte die Spitze seiner leichten Reiterlanze zum Schimmern, wodurch es schien, als wäre sie bereits mit dem Blut des Feindes getränkt, welches sie wohl in Kürze kosten durfte. Nicht das erste Blut, das Lacen vergoss, jedoch würde er heute zum ersten Mal jemandes Leben beenden.

Und in eben jenem Moment fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Der Knappe dachte an sein vergleichsweise leichtes, kurzes Kettenhemd, das mit Nieten besetzte Lederwams, das er darüber trug, und an die Lanze in seiner Rechten, die man hatte kürzen müssen, um sie besser an seine Größe und Statur anzupassen. ›Du wirst zurückfallen! Das ist ein Befehl!‹ Die Worte Aldrichs zuckten durch seinen Verstand und bestätigten Lacens Erkenntnis.

›Er hätte mich so niemals in die Schlacht reiten lassen, leichte Kavallerie hin oder her. Es war nie geplant, dass ich kämpfen würde!‹ Die Infanterie der Hauptstreitmacht hätte kurzen Prozess mit dem unorganisierten Pöbel machen und die Kavallerie gar nicht erst in den wirklichen Kampf eintreten sollen. Das war Lacen nun klar, und es fiel ihm schwer sich zu entscheiden, was er nun fühlen sollte.

Einerseits sollte er wütend sein, dass sein Herr ihn wohl hatte täuschen wollen und seinen Knappen nicht bereit für einen echten Kampf hielt. ›Ich bin fast siebzehn! Und er nimmt mich noch immer nicht für voll...‹ Andererseits schlich sich Sorge in seinen Verstand, da das alles bedeuten musste, dass irgendjemand einen Fehler gemacht hatte, dass irgendetwas grundlegend schief gelaufen war.

Vielleicht jedoch, und nur vielleicht, wollte das Schicksal ihm einfach nur die Chance geben, sich endlich zu beweisen. Und am Ende war es auch in keinster Weise wichtig. Lacen würde kämpfen müssen, oder ›dürfen‹  wie er selbst es sah. ›Zurückgefallen bin ich. Ihr habt aber mit keinem Wort erwähnt, wie weit...‹

Sich auf diesen Gedanken berufend packte er seine Lanze noch etwas fester, hob den linken Arm, auf den ein kleinerer, hölzerner Rundschild geschnallt war, etwas an und lauschte dem Krachen und den übrigen Geräuschen, die verkündeten, dass die schwere Reiterei damit begonnen hatte, ihre Feinde einer Lawine gleich zu überrollen.

Ein letztes Mal versuchte er sich das Schlachtfeld vorzustellen. Die Infanterie hielt den Feind im Süden beschäftigt, während die Berittenen in schwerer Rüstung von Westen her eine Bresche durch die Mitte schlagen sollten. Der leichte linke Flügel würde versuchen das feindliche Aufgebot im Norden zu umrunden und vermutlich würde der einsame Wolf seine Reserve von Osten her in die Schlacht führen.

Lacen konnte sich dessen zwar nicht sicher sein, jedoch war es das Naheliegendste, vor allem wenn man bedachte, dass der König es sich wohl nicht würde nehmen lassen, selbst an der Schlacht teilzunehmen. Diese Taktik war jedoch auch zweischneidig. Sie nahm dem Feind die Möglichkeit zum Rückzug, was hieß, dass er bis zum Ende kämpfen würde, sofern er sich nicht bedingungslos ergab. Außerdem würde allein die Hälfte der leichten Reiterei den Gegner, im Falle, dass dieser einen Fluchtversuch wagte, aufhalten müssen, was zumindest zu großen Verlusten führen könnte, wenn sie überhaupt in der Lage war standzuhalten. Gegen einen ebenbürtigen Feind hätte wohl jeder anständige Militärberater, und sogar ein unerfahrener Knappe wie Lacen, von dieser Strategie abgeraten, allerdings ging es diesmal nur gegen einen Haufen Bauern, so hieß es zumindest. Nun war Lacen sich nicht mehr so sicher.

Sicher war er allerdings, dass auch der rechte Flügel der Kavallerie, dem er angehörte, nicht die ungefährlichste Position haben würde. Zwischen der Infanterie im Süden und der gepanzerten Reiterei nördlich von ihnen, könnte ein Rückzug schwierig werden, was allerdings nicht erforderlich sein sollte, wie zu hoffen blieb.

Und schließlich hatte auch die leichte Rechte die feindlichen Linien erreicht, was Lacen an dem Ruck, der durch die eigenen Reihen zog, zu erkennen glaubte. Es erstaunte ihn, dass sie sich dennoch weiterhin in relativ raschem Tempo vorwärtsbewegten, als würden auch sie den Gegner einfach überrollen. ›Vielleicht sind es ja doch nur einfache Bauern, die uns nichts entgegenzusetzen haben.‹

Nun spürte er wie das Terrain sich unter ihnen zu verändern schien und als der Knappe darüber nachdachte, woraus die Unebenheiten, über die sie ritten, bestehen mochten, bekam er es durchaus ein wenig mit der Übelkeit zu tun. Und so war er froh, dass das Schicksal ihm keine Zeit gab, weiter darüber nachzudenken.

Denn nun geriet die Flut aus Männern, Pferden und Stahl ins Stocken. Erst standen die Pferde eng aneinander und drückten von allen Seiten aufeinander ein, doch nach einiger Zeit, während das ohrenbetäubende Treiben der Schlacht sich Lacen und all seinen Sinnen aufdrängte, brachen die eigenen Reihen schließlich langsam auseinander. Der Jüngling war wahrlich nicht besonders weit zurückgefallen und befand sich im vorderen Feld der Reiterei, wodurch er auch sogleich auf den ersten Gegner traf, der sich ihm, mit einem provisorischem Spieß in Händen, entgegenwarf.

Der Kerl war, wie man auf den ersten Blick erkannte, ziemlich schlecht ausgerüstet, allerdings war eine Vollkörperlederrüstung, so alt und abgenutzt sie auch sein mochte, für einen einfachen Mann reichlich ungewöhnlich. Vergleichsweise unbeholfen griff der Rebell an und die rostige Spitze seines Spießes schrammte an Lacens Rundschild entlang. Dieser war erst ob der plötzlichen Attacke erschrocken, doch schoss ihm sogleich die erste Lektion durch den Kopf, die Aldrich ihm zum Kämpfen im Gedränge der Schlacht erteilt hatte. ›Nicht nachdenken! Zuschlagen!‹

Und genau das tat er auch, wenngleich ›Zustoßen‹ wohl das bessere Wort gewesen wäre, um seine folgende Handlung zu beschreiben. Da seine Lanze kürzer war, als der Spieß seine Gegners musste der Knappe sich linkerseits vom Pferd lehnen, um sein Gegenüber erreichen zu können, während er sich mit der Linken, so gut es ihm gelingen mochte, am Sattel festhielt. Die stählerne Spitze seiner Waffe traf den Rebellen auf die Brust, schrammte an der ledernen Rüstung nach oben und trat in den Hals des Mannes ein. Um nicht von seinem Ross zu fallen, musste Lacen sich wieder zurückbeugen, wodurch natürlich auch seine Lanze aus dem Hals ihres ersten Opfers glitt. Und in eben jenem Moment machte der Jüngling den Fehler, die zweite Lektion Aldrichs außer Acht zu lassen. ›Sieh ihnen niemals in die Augen, wenn sie fallen! Niemals!‹

Der Sterbende hielt seine Kehle umfasst, als könne er so seinen Lebenssaft davon abhalten, aus seinem Körper zu entweichen, doch dafür hatte der Knappe keinen Blick. Alles, was er sah, waren die vor Verwunderung und Angst weit aufgerissenen Augen des ersten Mannes, dessen Tod er verschuldete. Nichts Anklagendes lag in ihnen, auch kein Hass, lediglich der Unglauben an den eigenen Tod. Dann schienen sie ins Nichts zu schauen und der, dem sie gehört hatten, war wohl bereits nur noch eine Leiche, bevor er am Boden aufschlug.

Doch vor Lacens innerem Auge stand sein gefallener Feind noch immer da und strafte ihn mit Blicken, die dem Tod selbst zu gehören schienen. Um ihn herum tobte die Schlacht, doch er hörte nur das rasende Klopfen seines Herzens und immer wieder das zur Übelkeit gereichende Geräusch, wie seine Lanze ins Fleisch seines Opfers eindrang. ›Ich habe... Nun bin ich ein Mann, aber... So?! Will ich das überhaupt?!‹ Hätten diese Gedanken jemand anderem gehört und nicht ihm selbst, er hätte diese Person wahrscheinlich für eine Memme gehalten und still in sich hinein gelacht, allerdings... Nun, da er selbst erlebt hatte, wie... Es veränderte die Dinge. Es veränderte ihn. Es veränderte ALLES.

In einem Moment wie diesem, in dem der Körper Gefangener der Angst vor dem eigenen Monster ist, gibt es bekanntlich nur wenige Dinge, die für baldige Befreiung sorgen können. Eine Möglichkeit mochte ein dem eigenen verbundenes Herz sein und eine andere, wie in diesem Falle, überraschender und heftiger körperlicher Schmerz.

Aus dem Nichts schien der stumpfe Gegenstand aufzutauchen, der mit nicht unwesentlicher Wucht gegen seine Brust geführt wurde. Die Luft wurde Lacen aus seinen Lungen gepresst und hätte der Kampf um ihn nicht dermaßen viel Lärm verursacht, so hätten wohl auch ungespitzte Ohren ein äußerst ungesund klingendes Knacken vernehmen können. Im Sattel konnte er sich nun freilich nicht mehr halten und so fiel er vom Rücken seines Rappen auf glücklicherweise relativ weichen Boden, den die Körper zweier Gefallener bildeten.

So destruktiv der Schlag für den Leib des Knappen auch gewesen sein mochte, so konstruktiv war er doch für dessen Verstand, denn der Schock, der Fleisch und Geist in ihrer Gesamtheit gelähmt hatte, war ins Nichts entschwunden und holte Lacen in die Realität zurück. Sein von Neuem geklärter Blick fasste den Mann ins Auge, der wohl ungewollter Weise, zu seinem Retter geworden war.

Dabei handelte es sich um einen, verglichen mit dem vorigen, deutlich schlechter ausgerüsteten, jungen Burschen, der nicht viel älter als Lacen selbst sein konnte. Die paar lichten Härchen in des Knaben Gesicht konnte man schwerlich Bart nennen und sehr oft hatte er wohl auch noch nichts geschwungen, das man als Waffe verwenden würde. Sein Tötungswerkzeug bestand aus einem groben Holzknüppel, durch den ein langer, rostiger Eisennagel getrieben worden war. Hätte jemand Erfahreneres dieses Ding geführt, so hätte wohl eben jenes spitze Metallstück Lacens Tod bedeutet.

Mit der Klarheit seines Verstandes kehrte auch des Knappen Erinnerung an seines Herrn erste Lektion zurück. Dummerweise war die Lanze beim Sturz seiner Hand entglitten und als er nach minimalen Zögern das Heft des Kurzschwertes an seiner Seite ergriff, schien es bereits zu spät zu sein. Jedoch schien Lacen nicht der Einzige gewesen zu sein, dem man die essentielle Regel des Zuschlagens eingebläut hatte.

Der Hinterhuf von Lacens treuem Ross traf den ärmlichen Jüngling unerwartet und mit brutaler, ungedämpfter Härte. Dieser Tritt brach Kiefer, Schädel und Genick des Burschen, schleuderte dessen gesamten Körper zur Seite und war so heftig, dass Blut Lacens Brust und Haupt besprenkelte. Dieses Mal vernachlässigte er Aldrichs zweite Lektion nicht, allerdings wäre es auch äußerst schwierig gewesen bei diesem Jüngling die Augen noch so auszurichten, dass man in sie hätte blicken können.

Mit noch immer heftig vor Schmerz pochender Brust erhob Lacen sich und zog nun endlich sein Kurzschwert aus der Scheide. Neben ihm erklang der wiehernde Todesschrei eines Rosses, das strauchelnd seinen Reiter unter sich begrub und im Fallen den angeschlagenen Knappen an der Schulter traf, sodass er nach vorne und erneut in den blutigen Dreck des Schlachtfeldes stolperte.

Halb erhoben, tauchte vor ihm ein Paar Füße auf, das aufgrund seiner verschlissenen, leichten Bekleidung unmöglich einem echten Soldaten gehören konnte, woraufhin Lacen keine Zeit verlor und die kurze Klinge seines Schwertes nach ihm schnappen ließ. Da er als pflichtbewusster Knappe auch seine Waffen stets scharf hielt, drang die Schneide mühelos durch Stoff, Haut und Fleisch und wurde erst zurückgerissen, als sie auf den harten Widerstand eines Knochens traf.

Mit einem überdurchschnittlich hohen Schmerzensschrei ging der Rebell zu Boden, doch drang von links bereits ein weiterer auf Lacen ein, noch ehe er sich vollends erhoben hatte. Im letzten Moment riss er seinen hölzernen Rundschild nach oben, der die schartige und bereits rostige Klinge seines Gegners gerade noch abfing. Dennoch durchzuckte ein starker, stechender Schmerz den linken Arm des jüngst zum Mann Gewordenen, der durch das Rütteln seines Feindes, um sein Schwert freizubekommen, das sich im Schild verbissen hatte, nicht gerade gedämpft wurde.

Ein letzter Ruck, dann brach die Klinge entzwei, was denjenigen, der sie führte, einige Schritte zurücktaumeln ließ. Und noch bevor der armselig ausgerüstete Recke auch nur dazu ansetzen konnte, erneut anzugreifen, schlug der Hieb eines Langschwerts ihn beinahe in zwei Hälften und schickte seine nunmehr leere Hülle dem Erdboden entgegen.

»Hab ich dir nicht ›befohlen‹, dich zurückzuhalten, du verdammter Bengel?!«, schrie die vertraute Stimme Ser Aldrichs, der auch besagtes Langschwert geführt hatte. Trotz der scharfen Worte, ließen seine Züge keinen Zorn erkennen, als er Lacen wieder auf die Beine zog und ihm auf die Schulter klopfte, was erneut einen stechenden Schmerz durch dessen linken Arm schickte.

Bevor sein Knappe etwas erwidern konnte, brach ein mächtiges Schlachtross aus dem Getümmel vor ihnen, mit einem ebenso mächtigen Reiter auf seinem Rücken. Der Mann war, ebenso wie sein Pferd, in einen Harnisch aus rotem Stahl gehüllt. Auf seinem Brustpanzer prangte das schwarze Raubtier seines Hauses, mit rot blitzenden Augen aus Rubinen. Der Helm hingegen war geschwärzt und hatte die Gestalt eines brüllenden Wolfes, aus dessen Maul sich ein mächtiger Bart ergoss, in dessen schwarzes Haar verschiedene schlichte Schmuckstücke geflochten waren. Das Haupt des Hünen, dem er gehörte, wirkte im Vergleich zu seiner Gesichtsbehaarung eher klein, auch wenn es größer sein mochte als das der meisten Männer.

»Ein prächtiger Tag für eine Schlacht, findest du nicht auch, Schwarzblümchen?!«, rief er Aldrich vom Rücken seines Pferdes aus zu, bevor er die Axt in seiner Rechten auf einen überraschten Feind niedersausen ließ.

»Gab es einen derartigen Tag denn je?! Ich kann mich nicht erinnern, dass das Töten an irgendeinem Tag besser war als einem anderen! Und wenn dein verdammter Narr von einem Sohn vom Gemüt her nicht so sehr nach seinem Vater kommen würde, wäre ich immer noch oben auf diesem Hügel und könnte dir den ganzen Spaß überlassen, Vettelschänder!«, erwiderte Ser Aldrich lautstark und mit gespielter Schärfe in der Stimme.

»Hey, du schwarzes Röselchen! Das war nur ein verdammtes Mal und ich sage dir, die hatte vielleicht einen Hintern! Da kam meine reizende Frau Gemahlin in ihrer besten Zeit nicht ran! Und willig war sie verdammt nochmal auch! Und überhaupt! Wie sprichst du denn mit deinem König?!«, gab der Monarch im selben Tonfall zurück.

Aldrich wich einem halbherzigen Schlag zur Seite aus und enthauptete den Angreifer, bevor er, sich das Blut aus dem Gesicht wischend, zu einer Antwort ansetzte. »Gar nicht! Ich stehe hier auf dem Schlachtfeld und führe ein Schwätzchen mit meinem alten Waffenbruder!«, meinte Aldrich und ließ es ganz nebensächlich klingen. Daraufhin ließen beide Männer ein donnerndes Lachen erklingen und es wirkte, als wollten beide den jeweils anderen übertönen, was aber keinem wirklich zu gelingen schien.

Plötzlich ertönte der Schrei eines Falken irgendwo über dem Schlachtfeld, was außer Lacen aber niemand zu hören schien, denn der König erhob ungerührt erneut seine Stimme, während sich seine Axt, wie beiläufig, neue Beute suchte. »Sag das bloß nicht zu laut, sonst muss ich dich noch in Ketten legen lassen, damit die Männer nicht den Respekt vor mir verlieren!«

Nun schien aus der anderen Richtung ebenfalls ein Falke zu rufen, und gerade als Lacen sich einem Feind entgegenstellen wollte, der es irgendwie an Aldrich vorbeigeschafft hatte, wurde alles um ihn herum in gleißendes Licht getaucht. Es blendete so sehr, dass man nicht das Geringste erkennen konnte, allerdings verursachte es keinen Schmerz in den Augen, im Gegenteil. Es schien eine angenehme Wärme von dem Licht auszugehen.

Der Schlachtenlärm, war gänzlich verstummt und niemand schien es zu wagen, die Stimme zu erheben oder auch nur zu atmen. Nicht auch nur das leiseste Lüftchen wehte, als schien Beelzebub, der Herr des Windes selbst, Angst davor zu haben, diese allumfassende Stille zu stören.

Sosehr Lacen es auch versuchte, er war unfähig sich zu bewegen und aus einem seltsamen, ihm unerfindlichen Grund schien er das auch gar nicht zu wollen. In diesem Zustand ging jegliches Zeitgefühl verloren. Er wusste nicht, wie viel Zeit schon vergangen war. Wenige Sekunden? Minuten? Gar Stunden?! Er wusste nur, dass er, seit dieses gleißende Licht währte, nicht einen einzigen Atemzug getan hatte.

Äonen schienen vergangen, bis die Helligkeit nur einen winzigen Bruchteil nachzulassen schien, jedoch reichte es aus, um Lacen den Schemen bemerken zu lassen, der mit einem länglichen Gegenstand in Händen, nur einen Schritt entfernt an ihm vorüber huschte.

Nun schwand das Licht stetig und in Windeseile immer mehr, bis es gänzlich erloschen war und gab schließlich den Blick frei, auf eine Gestalt, die von Kopf bis Fuß in schwarzen Stoff gehüllt war, nicht einmal Sehschlitze für die Augen, waren vorhanden. Bewaffnet war sie mit einer Art Spieß, an dessen Ende sich eine gebogene Klinge aus einem seltsam blau schimmernden Metall befand.

Gerade setzte der Vermummte zu einem Stoß gegen den einsamen Wolf auf seinem prächtigen Streitross an, dem dieser sich im Schutze der Helligkeit, so absurd das auch klingen mochte, genähert hatte.

Bevor Lacen auch nur in irgendeiner Weise reagieren konnte, hörte er Aldrich zu seiner Linken wutentbrannt aufschreien. »NEIN!«, entfuhr es seiner Kehle, während er, sein Langschwert mit beiden Händen führend auf die Gestalt in Schwarz zustürmte.

Nur wenige Handbreit von dem überraschten Monarchen entfernt befand sich die bläuliche Klinge, als sie im letzten Moment blitzschnell herumgerissen wurde und sich, wie durch Butter, in die breite Brust Ser Aldrichs bohrte. Scheppernd fiel sein Langschwert zu Boden und einen Moment darauf hielten seine großen Hände, den Schaft des Spießes gepackt, sodass es dem Vermummten unmöglich war, ihn wieder aus des Ritters Brust herauszuziehen. Freilich würde Lacens Herr das nicht mehr sehr lange tun können, allerdings verschaffte es dem einsamen Wolf Zeit, genügend Zeit.

Die Axt des bärtigen Monarchen fuhr zischend herab und obwohl, die eigentümliche Gestalt zur Seite auswich, so traf der Hieb sie dennoch an der Schulter und die Wucht des Hiebes warf sie einige Fuß weit nach hinten. Und noch bevor sie am Boden aufschlug, wurde die gesamte Welt erneut von dem gleißenden Licht eingehüllt, für einige Momente nur, doch als die Helligkeit sich wieder verzogen hatte, war der Vermummte verschwunden. Und erst einige Sekunden später realisierte Lacen, was eben geschehen war.

Kurzerhand ließ er sein Schwert fallen und einige wenige Augenblicke später kniete er neben seinem Herrn, der mittlerweile auf dem Rücken und am Boden lag, der immer noch in ihm steckende Spieß lotrecht gen Himmel gerichtet. Mit immer trüber werdenden Augen sah der Ritter zu seinem Knappen auf.

»Du... ein Mann... ein echter Ritter...«, flüsterte er schwach. »Ich... bin stolz« Ein Hustenanfall schüttelte den Sterbenden, aus dessen Mund stetig mehr Blut hervorquoll. »Du musst...« Erneut spuckte er seinen roten Lebenssaft aus, um sprechen zu können.

»Ihr dürft nicht reden, Ser! Wir bringen Euch...«, setzte Lacen an, doch wurde er durch einen leisen Aufschrei des Ritters unterbrochen.

»Hör zu! Du musst... darfst nicht ver... bleib... treu! Und... vergiss nie, du... Ju... Lacen...« Der Name seines Knappen sollte sein letztes Wort sein. Seine Augen blickten ins Leere und seine Lungen leerten sich gurgelnd ein letztes Mal. Ser Warren Aldrich war tot. Und mit ihm schien auch jegliche Kraft Lacens gewichen zu sein.

Er sank zurück, spürte den Aufprall kaum und das letzte, was er noch sah, war der erste Stern des Abends, der ihm vom Himmel aus entgegenleuchtete, dann... nichts mehr... nur noch Dunkelheit...


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So das wars dann auch schon mit diesem Kapitel! :3

Ich hoffe, es hat euch gefallen und ihr lasst mir eine kleine Rückmeldung da :)

Bis zum nächsten Mal!

Euer Liandis
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