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Blutengel - Discobesuch

KurzgeschichteMystery / P16
27.08.2014
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Hallo zusammen,

die vorliegende Kurzgeschichte ist ein Ableger meiner Blutengel-Trilogie. Die Charaktere sind dieselben, allerdings habe ich mir die Freiheit genommen, ein alternatives Universum zu schaffen. Vorkenntnisse sind deswegen nicht notwendig.

Disclaimer: Die Charaktere und die Idee gehören mir, lediglich den Charakter der Lexi habe ich mir aus der TV-Serie The Vampire Diaries ausgeliehen.

Über Anmerkungen und Kritik freue ich mich sehr, wie immer. Viel Spaß beim Lesen!


Blutengel - Discobesuch


Dumpfe Trommeln.

In der nur schummrig ausgeleuchteten Nebenstraße roch es nach fettigem Essen, Autoabgasen und der nur hundert Meter weiter östlich fließenden Themse. Von einem der auch nachts belebten Zentren der Innenstadt gelangte man hierher, wenn man falsch abbog. Oder aber sehr genau wusste, wo man hinwollte.
Am Gang der soeben einbiegenden Personen in genau diese Nebenstraße war große Unsicherheit zu erkennen. Sie wagten sich nur zwei, drei Schritte in das Zwielicht und blieben dann gleichzeitig stehen.
„Bist du sicher, dass wir hier richtig sind, William? Das sieht mir nicht nach einem geeigneten Ort für eine Disco aus.“
Eine Person, William, löste sich von der neben ihm stehenden Frau und kehrte zurück in das Licht einer an der Einbiegung stehenden Laterne, in deren hellem Schein er den Straßennamen las. Schulterzuckend drehte er um. „Die Straße ist richtig. Und wir sind im richtigen Stadtteil. Die Disco muss hier sein.“

„Könnt ihr die Musik nicht hören? Den Beat?“ Die Frau wiegte sich auf den Fußballen vor und zurück und neigte den Kopf leicht zur Seite. Eine Haarsträhne löste sich aus dem kunstvollen Knoten, den sie im Nacken trug, und fiel in ihr schmales, sanft geschnittenes Gesicht. Der zweite Mann warf ihr durch den Halbschatten einen halb bewundernden, halb begehrlichen Blick zu. Wenn Leiah nicht mit seinem besten Freund liiert wäre, würde er alles versuchen, sie für sich zu gewinnen. Im waren bis jetzt nur sehr wenige Frauen begegnet, die gleichzeitig natürlich wirkten und mit jeder Bewegung Leidenschaft ausstrahlten. „Die Disco muss ganz in der Nähe sein.“
„Dann machen wir uns doch auf die Suche nach ihr.“ William fing seine Verlobte, die durch die Gasse tanzte, an der Hand ein, drehte sie in einer gekonnten Bewegung um ihre eigene Achse, zog sie zu sich und küsste sie. James machte einen Bogen um sie und folgte der Nebenstraße. Hinter ihm lachte Leiah, süß und glücklich.

James verwünschte sich seit gut zwei Jahren, nicht schneller gewesen zu sein. .So hätte er die wunderschöne Irin erobern können.

Gehend spürte auch er den Bass. Dröhnend fuhr er durch die Bodenplatten in seine Beine, animierten sie zum Tanzen. Es war Monate her, dass er eine Tanzfläche betreten hatte. Er war zu sehr von seiner Arbeit vereinnahmt worden und hatte nach einem anstrengenden Tag weder Energie noch Lust verspürt, sich in Londons Szene zu begeben. Er merkte, dass auch er begonnen hatte, unbewusst die Hüften kreisen zu lassen.
Heute Nacht würde es nur eines für ihn geben: Tanzen. Bis zur völligen Erschöpfung.
Jetzt hörte er die Musik. War sie am Anfang der Nebenstraße nur zu erahnen gewesen, drang der Beat nun auch an seine Ohren. Er durchschnitt die hereinbrechende Nacht, entweihte ihre stille Schönheit. Rief. Lockte ihn.
James war sich plötzlich sicher, dass diese Nacht unvergesslich werden würde.

„Kannst du nicht warten? Du bist ja ein toller bester Freund.“ William erschien wieder neben ihm, Leiah an seiner Seite. Den daumengroßen Knutschfleck an seinem Hals versuchte James vergeblich zu übersehen. Ein Bild schoss ihm durch den Kopf und brannte sich in seine Netzhaut: Leiah, die mit ihren vollen Lippen seinen Hals bearbeitete…
„Der Club muss am Ende der Straße sein.“ Leiah zog William an der Hand mit sich. „Komm endlich. Ich will tanzen!“
James wurde von ihrem Lachen mitgezogen.

Am Ende der Straße wurden sie wirklich fündig. Der Club lag auf der rechten Seite, aus dem weit geöffneten Eingang floss gedämpftes rötliches Licht, das von ebenfalls roten, durchsichtigen Vorhängen zu einem Großteil gestoppt wurde. Der silberne, über dem Eingang angebrachte Schriftzug verkündete: Night and Blood.
James reihte sich hinter seinen Freunden in die Schlange ein. Wie bekannt war diese Disco? James war in London geboren und aufgewachsen, und er konnte von sich behaupten, in vielen Discotheken getanzt zu haben. In einigen war er sogar Stammkunde, bei den Türstehern und Barkeepern bekannt. Seltsam, dass er den – zugegebenermaßen anziehend klingenden Namen – noch nie gehört hatte. Er würde James fragen, wie er darauf gestoßen war. Vor ihnen standen drei Frauen, die zum Beat ihre Hüften schwangen (die sollte er im Auge behalten), noch ein Paar und eine lärmende Männergruppe, die aufgrund ihrer Kleidung und Frisur eindeutig Punks waren. Ob es eine Kleiderordnung gab? Nicht, dass James sich darum Sorgen machte: Mit seiner schwarzen Echtlederhose, den auf Hochglanz polierten Schuhen und dem schwarzen Hemd aus bestem Material, dessen Kragen leger offenstand, war er bis jetzt noch von keinem Türsteher abgewiesen worden.
William – der seine typische Medizin-Universitäts-Uniform (Anzug mit Krawatte) am Wochenende generell gegen verwaschene Bluejeans und einfarbige Hemden (meist dunkelblau oder grau) tauschte, trug Turnschuhe und fuhr sich gerade (schon wieder) durch das kurze dunkelbraune Haar. Er war ein Mensch, der viel von sich forderte (genau wie seine Freundin), dafür an den Wochenenden alles zur Seite schob und das Leben genoss. James hatte ihn, wie könnte es anders sein, in einer Disco kennen gelernt. War das wirklich schon fünf Jahre her?

Die Punkgruppe verschwand hinter dem roten Vorhang, und die Frauen rückten auf. Leiah beugte sich zu ihrem Verlobten und fragte, laut genug, dass auch James sie hörte: „Hast du den Verstand verloren, William? Ich zahle keine fünfzig Pfund, um eine Disco zu besuchen!“
James stutzte und sah Leiah über die Schulter. Dabei kam er ihr so nahe, dass er ihr dezent aufgetragenes Parfum riechen konnte... Links neben dem Türsteher, einem wahren Schrank mit Glatze und kleinem goldenen Ohrringen, war eine Tafel mit den Eintrittspreisen ausgestellt. Tatsächlich: Immortals £50.
„Es ist mir gleich, wie gerne du diese Disco besuchen willst, William: Ich werde nicht ein Drittel meines Monatsgehaltes für einen Tanzabend ausgeben – “

„Guten Abend.“ Der Türsteher wandte sich direkt an William, der angesichts der offenkundigen Weigerung seiner Verlobten nicht zu wissen schien, welche Argumente er anbringen sollte. „Gibt es ein Problem? Kann ich Ihnen behilflich sein?“
„Nun…“ William zögerte kurz. Anscheinend wollte er dem Türsteher nicht vor den Kopf stoßen; er war nicht derjenige, der die Eintrittspreise festlegte. „Wir haben gerade erst den Eintrittspreis gesehen… Fünfzig Pfund, das ist für Studenten nicht wenig Geld…“ Er drehte sich halb und sah James fragend an. „Ich meine, wenn du auch…“
„Sir? Darf ich Sie unterbrechen?“ Der Türsteher wartete, bis alle ihn ansahen. Dann lächelte er. James fühlte, wie seine Mundwinkel zuckten. Wieso verspürte er den Drang, einen völlig Fremden anzulächeln? Er wusste es nicht, aber er tat es trotzdem. Genau wie William und Leiah. „Entschuldigen Sie, Sir.“ Der Türsteher sprach wieder mit William. „Da muss jemand vergessen haben, die normalen Preise anzuschlagen. Die fünfzig Pfund beziehen sich auf unsere VIPs, die besondere Privilegien genießen. Für Sie und Ihre Begleiter kostet der Eintritt je fünf Pfund.“

Endlich!
Sobald der schwarze Vorhang, der das Innere der Disco vom Eingang trennte, hinter ihm zurück schwang, legte sich in James ein Schalter um. Er dachte weder an die anstrengende Woche, die hinter ihm lag, noch an William und Leiah. Alles, auf das er jetzt noch reagieren würde, waren die zuckenden Lichteffekte über der Tanzfläche und der pulsierende Beat der Musik. Leiah hatte sich im Vorhinein informiert: Hauptsächlich wurde ein Mix aus Hardrock und Techno gespielt. James konnte das nicht gleichgültiger sein. Er wollte tanzen. Egal, zu welchem Rhythmus. William, der ihm ins Ohr brüllte, Leiah und er würden sich erst einmal einen Tisch suchen, ignorierte er. Wer ging in eine Disco und suchte sich einen Tisch?!?
Soweit James das von seinem Platz überblicken konnte, war die Tanzfläche mehr als großartig. Vor ihm führten drei flache Stufen nach unten und mündeten sofort in den blank polierten schwarzen Boden. Auch die – im Lichtspiel nur schattenhaft zu erkennenden – Wände waren schwarz und kunstvoll mit hellroten Tüchern verhängt. Der leicht erhöhte Gang, auf dem er stand, führte wohl einmal komplett um die Tanzfläche; an den Ecken rechts und links von James führten breite Wendeltreppen auf eine ebenfalls ringsum angelegte Empore mit einem kunstvoll geschmiedetem Gitter. Sehr wahrscheinlich der Bereich für die VIPs.
Genug der Beobachtung. Mit der Überleitung zum nächsten Lied stürzte James sich in die tanzende Menge.

Zeit verlor ihre Bedeutung. Zuerst hielt er die Augen geschlossen, ließ sich mitreißen. Er ließ sich in die Musik fallen, übergab sich der Urgewalt der Rhythmen für die Stunden bis zum Morgen. Um ihn herum, vor ihm, in seinem Rücken spürte er Bewegung, tanzende Köper. Sie wogten zusammen im Beat, ein Meer Männer und Frauen, die alle aus einem Grund hier waren: Den Alltag hinter sich zu lassen, den Stress herunterzufahren und sich die Seele aus dem Leib zu tanzen.

Jemand stieß ihm von hinten eine Hand in den Rücken. James stolperte nach vorne, spürte neben sich einen Luftzug – und wurde aufgefangen.
Grüne Augen. Das war das Erste, was James sah. Schalkhaft funkelnde Augen in einem schmalen Gesicht, das von roten Locken eingerahmt wurde. Eine Frau. Ein Stück kleiner als er. Ihre Hände auf seinen Schultern waren kalt. „Danke fürs Auffangen.“ Gleich darauf grinste er schief; bei der Musiklautstärke war es geradezu unmöglich, verstanden zu werden. Konversation musste auf anderen Ebenen stattfinden. Zu seinem Erstaunen erwiderte die Frau das Lächeln, wobei sie makellos weiße und ebenmäßige Zähne zeigte, beugte sich zu ihm und antwortete nah an seinem Ohr: „Ich habe Männer lieber, die unten liegen, nicht oben.“ Sie streckte ihm eine Hand hin. „Caitlin.“
„James.“ Gott, was für eine Frau! Auf den Gedanken, wie sie ihn bei der Lautstärke überhaupt verstanden hatte, kam er nicht. Sollte er seine Tanzpartnerin – vorausgesetzt, es blieb bei einer – bereits gefunden haben? Eine Voraussetzung war gegeben: Ihm gefiel außerordentlich, was er sah. Zu der wahren Haarkaskade, die bis weit in ihren Rücken floss, trug Caitlin ein dunkelrotes Kleid, das die linke Schulter ausließ, die reizvolle Statur betonte und knapp unterhalb der Hüfte geschlitzt war, sodass ein nacktes Bein herausschaute.
„Gefällt dir, was du siehst, James?“ Ihre gehauchte Stimme ganz nah an seinem Ohr schickte einen Schauer seinen Rücken hinab. Sie war neben ihn getreten, so eng, dass ihr Körper seinen berührte. Und das auf ganzer Linie. Ihre Hand, die seine hielt, drückte zu. Wie stark sie war! Wie selbstbewusst! „Gefallen dir meine Reize?“
„James sah ihr fest in die Augen. „Mein Ziel ist es, dich und deine Reize diese Nacht gänzlich in meiner unmittelbaren Nähe zu wissen.“
Caitlin lachte. Sie warf den Kopf in den Nacken, dass ihre roten Locken flogen, und lachte laut und verspielt. James bemerkte, dass sie um sie beide ein lockerer Kreis gebildet hatte. Räumliche Freiheit zwischen den Tanzenden gab es in diesem Ausmaß in einer Disco überhaupt nicht – James hatte das noch nie erlebt. Es war fast so, als hielten die Menschen (bewusst oder unbewusst) Abstand. Kalte Finger legten sich unter sein Kinn und drehten seinen Kopf zurück. „Wenn du mir zeigst, wie gut du tanzen kannst, können wir über dein Ziel sprechen. Und du genehmigst mir einen Drink.“
Anstatt einer Antwort zog James sie zu sich – so eng, wie es ihm möglich war – und schlang einen Arm um ihre Hüfte. Wie weich ihre Haut war! Seine Gedanken mussten in seinem Gesicht zu lesen sein, denn Caitlin lachte abermals – und entzog sich ihm. „Du zeigst mir, wie gut du tanzen kannst – aber ich gebe das Tempo vor.“

Abermals vergaß James die Zeit. Bei Gott, er war ein guter Tänzer und hatte in den vergangenen Jahren mehrere Frauen kennen gelernt, die ebenso tanzwütig waren wie er. Caitlin jedoch war der pure Wahnsinn. Die Lieder gingen ineinander über, und ebenso schienen die Bewegungen ihrer Körper sich immer stärker aufeinander einzustimmen. James konnte nicht sagen, was ihn mehr elektrisierte – wenn Caitlin ihm so nah war, dass zwischen ihren Körpern nicht einmal die kleinste Lücke bestand, oder wenn sie sich von ihm entfernte, nur um ihn im nächsten Augenblick fordernd an sich zu ziehen. Es war ein ekstatisches Gefühl.
Caitlin schien sich ebenfalls bestens zu amüsieren. Ihre grünen Augen blitzten im Schein und Zucken des Laserlichts, ihr Körper bog sich im Beat der Musik. Immer wieder warf sie unbewusst (oder bewusst?) ihr rotes Haar über die Schulter zurück und lachte. James war sich der Blicke – begehrlich, abwartend, rivalisierend – anderer Männer bewusst, die sie beobachteten. Caitlin strahlte ein so großes Selbstbewusstsein aus, dass niemand es wagte, sie anzusprechen und ihre Aufmerksamkeit von James abzulenken. Aber sie warteten. Sobald sie von ihrem jetzigen Tanzpartner, ihm, abließ, würde sie sofort angesprochen und belagert werden.
„Woran denkst du, James?“ Caitlin bewegte sich im Einklang mit ihm, gegen seinen Körper gedrückt, ihre Arme lagen in seinem Nacken. Sie sah ihm genau in die Augen.
„Daran, dass du anscheinend gar nicht bemerkst, von wie vielen Männern du gerade begehrlich angesehen wirst.“
Caitlin lächelte. „Ihre Blicke sind mir nicht verborgen geblieben. Aber ich habe beschlossen, für den Rest der Nacht dich bei mir zu behalten. Du bist genau der Mann, den ich mir für heute Nacht gewünscht habe: Ein begabter Tänzer, ehrlich und nicht abgeneigt, eine neue Erfahrung zu machen.“

James zuckte zusammen. Entnervt nahm er eine Hand von Caitlins Taille, fischte sein Handy aus seiner Hosentasche und drückte auf den Annahmeknopf. „Was?“, schrie er ungehalten, um die Musik zu übertönen. An seinem anderen Ohr lachte Caitlin.
„Wir haben einen Tisch gefunden!“, schrie William zurück. „Dreh dich um, ich winke!“
James rollte mit den Augen, drehte sich halb und hob den Kopf in Richtung der Balustrade. Trotz der unvorteilhaften Lichtverhältnisse bemerkte er seinen besten Freund fast auf Anhieb. Er war auch kaum zu übersehen. Auf dieser Seite, rechts vom Eingang, die vom übrigen Teil abgetrennt zu sein schien, standen kleine Tische, die zur Gänze besetzt waren. Kellner und Kellnerinnen eilten geschäftig umher und verteilten Getränke. Zumindest glaubte James zu erkennen, dass sie das taten. Am einem dieser Tische, ganz vorn am Geländer, stand William und winkte mit beiden Armen.
„Deine Begleiter haben offensichtlich einen Tisch ergattern können. Ein schwieriges Unterfangen, besonders am Wochenende.“ Caitlin drehte seinen Kopf zu ihr zurück. „Willst du dich zu ihnen gesellen?“ Der fragende, fordernde Unterton schwang unüberhörbar mit. James winkte zurück, steckte das Handy weg und legte seine Arme besitzergreifend um die Frau vor ihm. „Ich denke, sie können auf mich warten. Aber ich gebe zu, im Moment dürstet es mich nach einem kühlen Bier, oder einem Schluck Wodka. Ich vermute, der ist hier einfacher zu bekommen. Oder möchtest du noch tanzen?“
Das Lächeln entblößte Caitlins Zähne. „Zu einem Drink sage ich nie nein. Besonders nicht, wenn er so freizügig spendiert wird.“

Arm in Arm bahnten sie sich einen Weg durch die tanzende Menge. Diesmal bekam James es deutlich mit: Obwohl die Tanzfläche brechend voll war, hatten Caitlin und er keine Schwierigkeiten, sich zu bewegen. Ohne innezuhalten oder sich auch nur nach ihnen umzusehen, wichen die Menschen zurück und bildeten einen Korridor. Beim Verlassen der Tanzfläche wurde vom DJ ein neues Lied eingespielt, gleichzeitig wechselte die Lichtshow: Aus zuckenden weißen Laserstrahlen wurde ein pulsierender Rotton.
James bedauerte ein paar Sekunden, das Lied nicht abgewartet zu haben. Der Bass dröhnte in seinem Kopf, durchzuckte seinen gesamten Körper, forderte ihn auf, zu tanzen. Doch Caitlins Arm um seiner Hüfte hielt ihn bestimmend an ihrer Seite und erinnerte ihn daran, wieviel Glück er gehabt hatte, heute Nacht auf diese unglaubliche Frau gestoßen zu sein.
Was würde noch geschehen? Alles schien möglich…
Seltsamerweise steuerte Caitlin nicht die die Westseite der Disco dominierende metallisch schimmernde und in eisblaues Licht getauchte Bar an, sondern hielt sich links davon und führte James unter der Balustrade hindurch zu einem abgesonderten Bereich, auf den ein schwarzer, von der Decke bis zum Boden reichender Vorhang die Sicht versperrte. Eine an zwei versilberten Pfosten hängende rote Kordel und ein Hüne, wie der Türsteher mit Glatze, dunkelrotem Muskelshirt und schwarzer Jeans, bewachten den Eingang, vor dem drei Personen standen.

„Du kennst die Regeln, Lexi: Nur eine Begleitperson.“ Der Hüne verschränkte die massigen Arme vor der noch massigeren Brust und taxierte die in der Mitte der Personen stehende Frau. „Keine Ausnahmen.“
„Oh, komm schon, Samson.“ Lexi zog den Mann und die Frau enger an sich und legte den Kopf leicht auf die Seite. „Sei kein Spielverderber. Wenn ich einen der beiden Süßen laufen lasse, schnappt sie mir der Erstbeste unter der Nase weg. Die Nacht ist noch lang…“
„Das ist nicht mein Problem. Regeln sind Regeln, Lexi. Nur einer der Beiden kann dich begleiten.“
„Sei nicht böse, Samson. Meine Freundin Alexia möchte schon wieder zu viel für eine Nacht.“
Alexia drehte sich lachend um. Obwohl sie mit Caitlin sprach, wanderte der Blick ihrer braunen Augen, die von einem Hauch Lidschatten noch mehr betont wurden, prüfend über James, der sich kurz unbehaglich fühlte. Das lag garantiert nicht an Lexis‘ Aussehen, im Gegenteil: James fragte sich innerlich, wie es sein konnte, dass er nach Leiah und Caitlin innerhalb weniger Stunden der dritten Frau in London begegnete, die auf ihn eine dermaßen anziehende Wirkung ausübte.
„Deine Wahl gefällt mir, Caitlin.“ Lexi warf den Kopf zurück, was ihr dunkelblondes langes Haar und die großen silbernen Ohrringe zum Schwingen brachte. „Hätte ich nicht schon eine Verabredung…“ Ihre Augen glitten noch zweimal gründlich über James‘ Körper, wonach sie ihn mit einem intensiven Blick in die Augen bedachte. Was James sofort auffiel, war die kurze Irritation, die sich in Lexis Augen zeigte. „Ich nehme nicht an, dass du tauschen möchtest?“
Der Griff um James‘ Hüfte verstärkte sich. Er sah zu seiner Begleiterin, deren Körpersprache eindeutig ausdrückte, was sie von Lexis Vorschlag hielt. Anstatt aber zu antworten, lächelte sie den Türsteher an und fragte: „Lässt du wenigstens meine Begleitung und mich eintreten, Samson? – Viel Glück noch, Lexi.“

Im VIP-Bereich herrschte gedämpftes rotes Licht. Hinter dem Vorhang befand sich ein kurzer fenster- und schmuckloser Gang, dessen Wände dunkelrot gestrichen waren. Auch der Teppich war rot und dämpfte James‘ und Caitlins Schritte. James war verblüfft, am Ende des Ganges in einen ovalen Bereich zu treten, von dem mehrere Türen – sechs an der Zahl – wegführten. Den Straßenlaternen Londons nachempfundene Gaslampen hingen zwischen den Türen, unter jeder zweiten stand ein Beistelltisch mit einer gefüllten Blumenvase.
„Das zweite Zimmer steht zu Ihrer Verfügung, Madame.“
James zuckte zusammen. Den Mann in Schwarz hatte er nicht eintreten hören. Anscheinend gab es noch einen zweiten Zugang zu diesem Bereich. Caitlin nahm dem Angestellten des Clubs einen Schlüssel ab, der an einer silbernen Kette hing, und bedankte sich. Der Mann verschwand so schnell, wie er erschienen war.
„Bist du öfters hier?“
Vor der Tür schaute Caitlin über die Schulter. „Wieso glaubst du das?“
„Der Mann schien dich zu kennen.“
„Ich bin alle paar Wochen hier. Der Club ist einer der besten ganz Englands, und das preisliche Angebot kann sich sehen lassen.“ Sie beugte sich nach hinten – James hatte einen Augenblick lang einen freien Blick in ihr Dekolleté -, hob ihren Fuß und zog sich den roten Schuh aus. Beide stellte sie nebeneinander an die Wand und erklärte: „Die Caves dürfen nicht mit Schuhen betreten werden. Die Regeln müssen hier sehr strikt befolgt werden.“
James, der seine Schuhe bereits in der Hand hatte, stellte sie ebenfalls weg und legte der Frau neben ihm einen Arm um die Hüfte. Caitlin lächelte ihm kokett zu und schloss die Tür auf.

Obwohl James schon zu Gast in vielen Discos gewesen war, war es ihm bisher nie gelungen, in den VIP-Bereich vorzustoßen; sei es, weil er die falschen Frauen ansprach oder keine Lust hatte, horrende Summen für einen Mitgliedspass auszugeben. Wenn er eine Disco besuchte, wollte er tanzen und sich nicht abseits der Menge in einen Glaskasten setzen und Champagner trinken.
Der Cave war kreisrund und wesentlich kleiner als das Vorzimmer. Dunkler Eichenboden und schwarz gestrichene Wände setzten die Stilrichtung der Disco fort; auch hier waren dunkelrote, aus leichten Stoffbahnen gefertigte Vorhänge vor die Wände gehängt worden. In der Mitte stand ein rundes Bett ohne Rahmen, eine Insel aus roter Seide mit einer Unmenge an Kissen.
„Gibt es auch für diesen Bereich Regeln?“ James wies auf eine halbrunde schwarze Wölbung an der Decke genau über dem Bett, an der ein winziger roter Punkt blinkte. Caitlin, bemerkte er gleich danach, folgte seinem Finger nicht. Ihr Blick war unverwandt auf ihn gerichtet. „Das ist doch eine Kamera, oder?“
„Wie gesagt, es gibt Regeln, die von uns beachtet werden sollen. Aber darüber musst du dir keine Gedanken machen, James.“ Ihre Stimme hatte einen dunkleren, verführerischen Ton angenommen. „In den nächsten Minuten musst du dir überhaupt keine Gedanken mehr machen…“
James würde rücklings auf das Bett gestoßen. Vollkommen überrascht stolperte er. Die Matratze fing ihn auf; sie war perfekt, nicht so weich, dass man gänzlich einsank, aber weich genug, um das Gefühl zu haben, sich fallen lassen zu können. James wusste kaum, wie ihm geschah; Caitlin saß mit einem Mal rittlings auf ihm, beugte sich so nah, dass ihre Lippen beim Sprechen die seinen streiften. „Nicht denken, James…“
Er konnte nicht reagieren; jeder Gedanke in seinem Kopf wurde von dem ersten Kuss ausgelöscht. Caitlins Mund presste sich auf seinen. Fordernd. Ihre Lippen öffneten sich, ihre Zunge glitt über seinen Mund, seine Zähne, darunter. James frohlockte; diese Nacht wurde immer besser! Und sie war noch lange nicht vorbei…

Er erwiderte den Kuss begierig. Was für ein unverschämtes Glück er hatte: Erst angelte er sich die begehrenswertestete Frau des Clubs, und dann landete er mit ihr im Bett. Nicht schlecht für eine Nacht. Ganz und gar nicht schlecht.
„Du sollst nicht denken, James“, hauchte ihre Stimme an seinem Ohr. Fast lag sie auf ihm, ihre Brüste drückten gegen sein Hemd. Wenn er die Augen senkte, hatte er einen freien Blick in ihr Dekolleté. Was er sah, ließ seine Finger zucken. Bevor er jedoch Gelegenheit hatte, Caitlin auf irgendeine Weise zu berühren, glitten ihre Hände seine Arme hinab. Die Berührung sandte Energiestöße durch seinen Körper, die ihn packten und anstachelten. Er würde nicht denken, nicht mehr heute Nacht. Heute wollte er nur noch verführt werden und selbst verführen.

Caitlin packte seine Hände, bugsierte sie über seinen Kopf und hielt sie mit einer Hand fest. Mit der anderen fuhr sie über sein Hemd, hinunter zum Bund seiner Hose. James zog zischend Luft zwischen seine Zähne, als sie den Reißverschluss öffnete und mit den Fingern über die Beule in seiner Unterhose strich. Den Laut quittierte sie mit einem Lachen. „Willst du, dass ich sie dir ausziehe?“ Sie wartete die Antwort gar nicht ab; seine Hosen wurden mit einem Ruck bis zu seinen Knien gezogen. Seine Boxershorts rissen. James zuckte; sein bereits geschwollenes Glied, befreit von seinem einengenden Gefängnis, zuckte ebenfalls. Caitlin lachte. Lachend legte sie ihre Hand um seinen Penis, drückte leicht zu, bevor sie begann, ihm einen runterzuholen. James stöhnte heiser auf. Gott, wie gut es sich anfühlte! Wenn er jetzt noch sie anfassen, ausziehen könnte… Sie durfte ihn verwöhnen, aber er würde ihr sehr bald zeigen, wer hier das Sagen hatte…
Ihre Hand ließ ihn los. Fast gleichzeitig nahm sie seinen Penis in den Mund. James stöhnte auf.

Dann schrie er.

Schrie vor Schmerz. Schrie, weil Caitlin ihn biss. Kein sanftes, verspieltes Knabbern an seiner Haut; ihre Zähne drangen in den unteren Teil seines Penisschaftes ein, durchbohrten die Haut, sodass Blut floss. James bäumte sich auf – er konnte das Blut nicht sehen, Caitlins rote Haare  verdeckten alles, aber er konnte es spüren, wie es an seinem Glied hinablief – und schrie. Schrie und packte das rote Haar, um ihren Kopf nach oben zu zerren, um sie dazu zu bringen, ihre Zähne – bei Gott, ihre Zähne! – aus seinem Penis zu nehmen. Es wirkte; Caitlin hob den Kopf, warf mit einer Handbewegung ihr Haar über die Schulter zurück und wischte nebenbei seine Hand beiseite, als sei sie ein Blatt, das sich darin verfangen hatte. James wurde übel bei ihrem Anblick: Die grünen Augen funkelten in einem diabolischen Feuer und ihr gesamter Mund war blutverschmiert. Ihr Lächeln entblößte blutverschmierte Zähne.
James musste fliehen. Er wusste nicht, wie, aber er musste hier raus. Weg von dieser Verrückten, weg aus dieser Disco – Caitlin schlug ihm mit der Handkante auf den Kehlkopf. James röchelte; er bekam keine Luft mehr. Japsend fiel er wieder zurück in die Kissen. Vor seinen Augen tanzten schwarze Punkte. Nicht ohnmächtig werden…!
Er konnte sich nicht bewegen. War nicht imstande, sich zu wehren, als Caitlin sich abermals über seinen Unterleib beugte und in seinen blutenden Penis verbiss. Der Schmerz war unbeschreiblich. Das Gefühl, immer schwächer zu werden, zu hören, wie der eigene Herzschlag in seinen Ohren langsamer, verzweifelter wurde...

* * *

Caitlin schloss die Tür des Cave auf und trat in das ovale Vorzimmer. Der Angestellte von vorhin erwartete sie bereits, zusammen mit zwei weiteren Männern, die sich im Hintergrund hielten. Sie würden die Leiche entsorgen. Die Vampirin nahm das ihr angebotene feuchte Tuch und wischte sich sorgfältig den Mund ab; ihr Gesicht überprüfte sie danach in einem Handspiegel, der ihr gereicht wurde. Der Service war exzellent. Kein Wunder, dass sie Night and Blood ihren Freundinnen empfohlen hatte.
Die Reflexion zeigte ihr das Bett und den leblosen Körper des Menschen. Der aufgerissene, wieder in seine normale Größe geschrumpfte Penis hing halb auf seinem Bauch. Viel Blut hatte sie ihm nicht gelassen. Die Reinigung würde in der Hinsicht keine großen Schwierigkeiten machen; lediglich die Laken würden neu bezogen werden müssen.
Mit einem Lächeln gab Caitlin Spiegel und Tuch zurück und machte sich, nachdem sie ihre Schuhe übergestreift hatte, auf dem Weg zurück zur Tanzfläche. Das frische Blut in ihrem Inneren belebte und erquickte sie. Bis kurz vor dem Morgenrauen würde sie jetzt nur noch eines tun: Tanzen.

(16. Juni - 26. August 2014)



Wenn euch der OS gefallen hat und ihr mehr über Caitlin und James erfahren wollt, kommt ihr hier zum ersten Teil meiner Vampir-Trilogie.
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