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Josephine Klick - Allein unter Cops (2. Staffel)

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Fritz Munro Josephine Klick
25.08.2014
10.09.2015
40
155.144
9
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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21.01.2015 3.940
 
Kapitel 16

Ich saß auf meinem Bett, hatte mich an die Wand gelehnt und blickte ins dunkle Zimmer. Mein Kopf versuchte immer noch das zu realisieren, was passiert war. Meine Tränen auf der Wange waren getrocknet, aber das Schuldgefühl durchzog mich noch immer.

 Ich fühlte noch immer die Angst, die Panik, die Trauer und die Wut. Es war beängstigend, wie stark diese Gefühle den eigenen Körper lähmen konnten. Wie sie immer wieder den Puls hochschnellen ließen und die Tränen in die Augen trieben. Ich fühlte mich schutzlos, wusste nicht was ich machen sollte, fühlte mich verloren. Und ich hasste es, hasste dieses Gefühl, das ich nicht kontrollieren konnte. Es war beklemmend und selbst der Vorfall mit Stefan war hiermit nicht zu vergleichen. Damals hatte ich immer geglaubt, dass mich nie mehr etwas treffen könnte.

 Aber der Gedanke, dass Fritz wegen mir festgenommen wurde, dass er wegen mir vor Gericht musste, vielleicht ins Gefängnis kam - es war einfach zu viel. Ich werde nie die Verzweiflung vergessen, die sich durch meinen Körper zog, als ich aus den Armen von Fritz gerissen und er abgeführt wurde.
 Ich sah auf den Wecker. 04:30 Uhr. Normaler Weise würde ich mich noch einmal hinlegen und versuchen eine oder auch zwei Stunden zu schlafen. Aber ich wusste, dass es heute Nacht keinen Sinn mehr hatte.

 Ich krabbelte aus dem Bett und ging ins Bad. Das Frühstück bekam ich nur schwer herunter. Ich machte mir einen Kaffee, damit ich überhaupt schaffte, heute in die Gänge zu kommen.
 Wotan scharrte schon mit den Hufen im Stroh als ich in den Stall kam. Ich putzte ihn und war wenig später mit ihm im Wald. Ich gönnte uns einen langen Ausritt und hoffte meinen Kopf frei zu kriegen. Aber es hatte alles keinen Sinn. Wotan kam gut versorgt wieder in seine Box, bevor ich mich auf den Weg zur Arbeit machte.
 Als der Bus an der Haltestelle hielt, stieg ich ein und nahm am Fenster platz. Ich legte meinen Kopf erschöpft gegen die Scheibe und schloss meine Augen. Es war nur ein Traum, versuchte ich mir zu sagen. Nur ein Traum. Aber es hatte sich so echt angefühlt. Und dieses Gefühl ließ mich einfach nicht los.

 Ich hatte diesen Traum das erste Mal vor fast zwei Wochen gehabt. Als krönenden Abschluss für den wirklich beschissensten Freitag den Dreizehnten aller Zeiten. Ich war früh ins Bett gegangen, aber mit Herzrasen und Tränen in den Augen aufgeschreckt. Als ich auf die Uhr sah war es kurz vor Mitternacht gewesen. Seit dem war der Traum immer wieder gekommen. Und er wurde immer länger, immer detaillierter und schmerzhafter.

 Die Intensität mit der dieser Traum immer wieder kam, warf mich aus der Bahn. Ich hatte am darauffolgendem Mittwoch nicht darauf gewartet, dass Fritz ins Revier kam. Und ich ging auch nicht mit den beiden zu Addie, sondern direkt nach Haus. Den Rest der Zeit versuchte ich Fritz zu meiden. Ich hatte das Gefühl, dass es nicht Realität werden würde, wenn ich ihn nicht sah.

 Alex war es schon aufgefallen und er hatte mich gefragt, ob alles in Ordnung sei. ER sagte mir, dass Fritz mehrfach nach mir gefragt hatte. Er glaubte wohl, dass ich wegen jenem Freitag auf ihn sauer war. Bisher hatte er aber weder bei mir angerufen, noch mir eine Nachricht geschickt. Ich musste gestehen, dass ich froh darüber war. Ich wusste nicht, was ich ihm sagen sollte. Ich konnte ihm nicht erzählen, dass ich von seiner Verhaftung geträumt hatte. So etwas konnte ich ihm doch nicht sagen, so kurz vor der Entscheidung der Staatsanwaltschaft.
 Wir warteten jetzt schon fast zwei Wochen auf eine Entscheidung. Wie lange würde man uns noch im Ungewissen lassen? Die Anspannung war auch im Büro kaum auszuhalten.

 Der Tag schleppte sich wieder mehr oder weniger vor sich hin. Heute war wieder Mittwoch und ich wusste wann Fritz ungefähr hier sein würde. Er musste noch immer Gespräche mit dem Psychologen führen. Unser Chef glaubte, dass es ihm gut tun würde. Und mir gab es die Chance besser zu kalkulieren, wann ich nach Hause gehen musste um Fritz nicht über den Weg zu laufen. Ich packte gerade meine Sachen zusammen, als unser Chef den Raum betrat.

 „Josephine?“, rief er mich.
 Ich drehte mich zu ihm. „Ja, Chef?“
 „Kommen Sie mal bitte in mein Büro?“ Ich nickte bejahend und er drehte sich zum Gehen um. Immer wenn ich in sein Büro gerufen wurde, gab es Ärger. Entweder bekam ich Arbeitsverbot für den nächsten Tag oder mir wurde angedroht, dass mir mein Waffenschein entzogen wurde.
  Was konnte es wohl dieses Mal sein? Wir hatten die ganze Woche nur Innendienst geschoben. Es lag noch immer kein neuer Fall an. Ich konnte also eigentlich nichts angestellt haben. Eigentlich.
 Ich folgte ihm in sein Büro und schloss die Tür hinter mir.
 „Setzen Sie sich doch bitte“, sagte er und deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Danach nahm er ebenfalls hinter dem Schreibtisch in seinem Stuhl platz.
 Eine Weile sagte er nichts, tippte auf eine Akte und sah diese nachdenklich an. Dann beugte er sich nach vorne und blickte zu mir.
 „Josephine“, begann er. „Ich habe einen Anruf bekommen vom Chef von Herrn Altenburg.“ Ich sah ihn fragend an. Warum sollte der Chef von Herrn Altenburg hier anrufen? Und was hatte das mit mir zu tun? Als ich nichts erwiderte, sah er wieder die Akte auf  seinem Tisch an.

 „Er hat Sie für einen Fall angefordert“, erklärte mir mein Chef.
 „Er hat mich ... angefordert?“, fragte ich verwirrt. „Warum sollte er das tun?“
 „Das habe ich mich auch gefragt“, erwiderte er und sah mich dabei nachdenklich an. „Haben Sie irgendwelche Deals mit Herrn Altenburg gemacht?“
 „Deals?“, fragte ich ihn verwirrt. Wie meinte er das denn jetzt schon wieder? Warum sollte ich irgendwelche Deals mit Herrn Altenburg machen?
 „Wenn Sie wegen Fritz irgendwelche Deals mit Herrn Altenburg eingegangen sind, muss ich davon wissen.“
 Ich war irritiert als ich verstand was er meinte. Wie kam er nur auf diese Idee?
 „So etwas habe ich nicht gemacht.“
 „In den letzten Wochen hat man sie beide viel zusammen gesehen. Das ist nicht nur mir aufgefallen“, gab er zu bedenken.

  Ich sah ihn ungläubig an. „Chef, das lag alleine an den Ermittlungen. Ich habe nur versucht Fritz zu helfen ohne irgendwelche Deals mit jemandem einzugehen.“ Mir lag auf der Zunge, dass Herr Altenburg dafür zu oberkorrekt war. Langsam bekam ich aber das Gefühl, dass das nicht der Fall war. Er hatte mir Infos gegeben und Fotos gezeigt, die er anderen nicht gezeigt hatte. Warum hatte er das getan? Welches Ziel hatte er damit verfolgt?
 „Wieso hat Herr Altenburg speziell Sie angefordert?“
 Ich sah ihn fragend an. „Ich dachte der Chef von ihm hat mich angefordert.“
 „Der Wunsch kam aber von Herrn Altenburg“, erklärte mir der Chef. „Sein Vorgesetzter tat so, als wenn schon alles in Sack und Tüten wäre und er mich nur noch informieren müsste.“ Er klang entnervt, was ich gut verstehen konnte. Er hatte öfter mit Vorgesetzten zu tun, die glaubten über alles frei entscheiden zu können.

 „Ich habe nie mit Herrn Altenburg über dieses Thema gesprochen“, beteuerte ich. Er sah mich eindringlich an und es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis er mir zunickte.
 „Wissen Sie“, sagte er nach einer Weile. „Sie sind eine gute Kommissarin. Ich kann verstehen, wenn man Sie anfordert. Aber es ist ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt dafür.“ Er machte eine kurze Pause. „Wir wollen doch alle das Beste für Fritz. Was denken Sie, wie das auf die Staatsanwaltschaft wirkt, wenn so ein Gerücht aufkommt?“ Ich verstand was er meinte. Wenn der Fall von Fritz positiv für ihn ausging, wollte der Chef nicht, dass etwas im Nachgang dazwischen kam. Wenn aber Gerüchte auftauchten, dass mit Herrn Altenburg ein Deal gemacht wurde, würde genau das passieren. Es wäre für Fritz und auch für alle anderen Beteiligten eine Katastrophe.

  „Chef“, setzte ich an. „Ich verstehe, was Sie meinen. Aber ich würde niemals einen Deal mit jemandem eingehen. Ich gefährde doch nicht einen meiner Partner.“
  „Ich habe das auch nicht von Ihnen erwartet, Josephine. Aber ich musste sicher sein. Es steht einfach zu viel auf dem Spiel. Die Anforderung wurde von mir abgelehnt. Alex braucht Sie hier. Solange Fritz suspendiert ist, spielt das Thema auch keine Rolle. Wir haben in unserem eigenen Revier genug zu tun.“ Ich nickte zustimmend, als im selben Moment mein Handy klingelte.
 „Entschuldigen Sie“, sagte ich zu meinem Chef. Ich holte das Handy aus meiner Tasche. Herr Altenburg versuchte mich zu erreichen. Dieser Mann hatte wirklich ein sensationelles Timing, dachte ich entnervt. Ich drückte ihn weg und stellte mein Handy tonlos.
  „Müssen Sie da nicht rangehen?“, fragte mich mein Chef.
  „Das kann warten. War nichts Wichtiges.“ Ich packte mein Handy wieder in die Tasche.

Dabei war ich mir nicht sicher, ob das wirklich stimmte. Er hatte mich seit dem Freitag, an dem ich mein Handy abgeholt hatte, nicht mehr kontaktiert. Ich konnte mich daran erinnern, wie er gesagt hatte, dass er nach der Entscheidung der Staatsanwaltschaft mit mir über etwas reden wollte.
 Ging es um den Fall, für den man mich hatte anfordern wollen? Aber dann würde seine Äußerung nicht passen, dass er NACH dem Fall von Fritz mit mir sprechen wollte. Oder wusste er mehr? Gab es eine Entscheidung? Hatte er deswegen versucht mich zu erreichen? Jetzt wo ich darüber nachdachte, wurde ich nervös. Vielleicht hätte ich doch an das Handy gehen sollen.
  „Chef?“, fragte ich.
 Er sah mich an. „Ja?“
 „Haben Sie schon was von der Staatsanwaltschaft gehört?“ Einen Augenblick sagte er nichts. Hatte ich etwa Recht? Wusste er etwas?
 „Chef“, sagte ich wieder. „Wenn Sie Informationen haben, sollten Sie es uns doch wissen lassen.“
 Ich sagte es vielleicht ein wenig zu energisch und fordernd und konnte sofort sehen, wie er mich streng ansah. „Josephine“, mahnte er mich. „Finden Sie nicht auch, dass ich erst mal mit Fritz darüber reden sollte, bevor ich es Ihnen oder Alex sage?“
 Ich biss mir auf die Lippen. Natürlich hatte er Recht. Aber er konnte doch nicht erwarten, dass ich von neuen Infos erfuhr, aber nicht nach den genauen Details fragte. Wann würde er mit Fritz darüber reden? Wusste Fritz überhaupt schon Bescheid?

 Das Telefon vom Chef klingelte als ich gerade noch eine Frage stellen wollte. Er seufzte. „Wenn man vom Teufel spricht“, sagte er. Ich schielte auf seinen Display. Es war nicht die Nummer von Fritz. War es die Nummer von der Staatsanwaltschaft?
 „Herr Schulz“, beantwortete der Chef seinen Anruf in einer ernsten Tonlage. Er sah zu mir und deutete an, dass er unser Gespräch für beendet erklärte und ich gehen könne. Ich stand langsam auf und ließ mir Zeit, als ich das Büro verließ. Vielleicht würde ich so das eine oder andere Wort noch mitkriegen.
 „Das ist doch kein Problem“, sagte der Chef. „Herr Munro ist auch noch nicht vor Ort. In einer halben Stunde sagen Sie? Gut. Ja, ich werde alles Nötige vorbereiten. Aber Herr Schulz, sagen Sie mir doch...“
Die Tür fiel ins Schloss. Selbst als ich mein Ohr noch daran hielt, konnte ich nichts mehr verstehen.
 Verflucht, dachte ich. Der Chef hatte was von einer halben Stunde gesagt. Ich kämpfte innerlich mit mir. Sollte ich fliehen oder lieber warten? Wenn es hier um die Entscheidung ging, wollte ich auf keinen Fall fehlen. Sollte es sich aber nur um einen Zwischenstand oder um weitere Fragen oder Gutachten handeln, würde ich unnötig auf Fritz treffen. Aber ich konnte nicht riskieren die Entscheidung zu verpassen. Egal wie große Angst ich auch davor hatte, ich wollte an der Seite von Fritz sein.

 Ich ging wieder ins Büro. Karin war schon weg und Ewald packte gerade seine Sachen. Auch Alex sah aus, als ob er nicht mehr lange bleiben würde.
 „Wo wollt ihr denn hin?“, fragte ich.
 „Nach Hause“, sagte Ewald.
 „Und du?“, fragte ich an Alex gewandt.
 „Fritz müsste eigentlich jeden Moment hier sein. Wir wollten zu Addie. Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, heute ist Mittwoch. Mich wundert es, dass du überhaupt noch hier bist.“
  „Ihr bleibt schön hier“, sagte ich nur. Beide schauten mich erstaunt an.
 „Was ist denn los?“, wollte Ewald wissen, während er seine Jacke anzog.
 „Der Chef hat gleich einen Termin mit Fritz und ich glaube, dass einer von der Staatsanwaltschaft dabei sein wird.“ Jetzt sahen sie mich mit großen Augen an und ich hatte die volle Aufmerksamkeit von beiden.
 „Weißt du, worum es im Termin geht?“, wollte Alex wissen.
  Ich musste den Kopf schütteln. „Nein. Aber es ist die erste Information seit fast zwei Wochen. Die wollt ihr doch nicht verpassen, oder? Ich komm gerade aus dem Büro vom Chef, der mit einem Herrn Schulz telefoniert hatte.“
 „Das ist der zuständige Kollege von der Staatsanwaltschaft“, sagte Alex.
 „Wirklich?“, fragte ich.
 Alex verdrehte nur die Augen. „Hättest du Fritz die letzten Tage nicht ignoriert, hätte er dir das vielleicht selber erzählt. Er hatte bereits eine erste Anhörung letzte Woche bei ihm .“
  Ich ärgerte mich über mich selbst. Warum hatte ich mir diese Informationen nicht selber geholt? Hatte mich der Traum wirklich so gelähmt? Ich versuchte die Gedanken an den Albtraum abzuschütteln. Dafür war jetzt kein Platz.
 „In etwa einer halben Stunde wird dieser Schulz eintreffen“, informierte ich die beiden. Beide nickten mir zu. Alex holte sein Handy aus seiner Tasche und wählte eine Nummer. Als wir es auf dem Flur klingeln hörten, drehten wir uns alle drei zum Eingang. Im Türrahmen stand Fritz.

***

Eine halbe Stunde hatten wir zusammen mit Fritz im Büro gewartet. Er war erstaunt mich zu sehen. Schweigend hatte er mich beobachtet, während er das noch immer klingelnde Handy in den Händen hielt. Der Ton war verklungen als Alex den Anruf beendete. Bevor ich aber was sagen konnte, war Alex schon auf ihn zugegangen.
  „Alter, warum hast du mir nicht erzählt, dass du heute mit dem Typ von der Staatsanwaltschaft redest?.“  
  „Hab ja selber erst vor meinem Termin mit dem Seelenklempner davon erfahren.“ Fritz war erstaunt, dass wir davon wussten. Seiner Körperhaltung konnte man die Anspannung ansehen. Die innere Unruhe war aber nicht nur bei ihm von Minute zu Minute gestiegen. Unser Chef kam wenig später ins Büro und holte Fritz ab. Zusammen gingen sie in einen Besprechungsraum.

 Wie lange warteten wir schon? Fritz musste seit mindestens einer halben Stunde im Termin sein. Ich ging im Zimmer auf und ab, als ich abwechselnd die Tür und die Uhr beobachtete. Mein Puls wollte sich einfach nicht beruhigen, so sehr ich mich auch darum bemühte.
 „Josy, nun setzt dich doch endlich mal hin. Du machst mich noch wahnsinnig“, sagte Waldi.
 „Ich kann jetzt nicht sitzen“, entgegnete ich genervt.
 „Und ich kann nicht mehr mit ansehen, wie du uns ein Loch in den Boden läufst. Mit deinem Rumgerenne änderst du den Ausgang des Gespräches auch nicht.“
 Ich stellte mich ans Fenster und versuchte stillzustehen. Aber es kribbelte in meinen Beinen. Alex sagte nichts. Er schaute konzentriert zur Tür, als wenn er ahnte, dass Fritz jeden Moment durch die Tür treten würde.

 Ich war drauf und dran in den Besprechungsraum zu stürzen, in dem der Typ von der Staatsanwaltschaft mit Fritz und dem Chef verschwunden war. Es konnte sich nur um die Entscheidung der Staatsanwaltschaft handeln. Warum sollte sonst der Chef dabei sein? Als ich das nächste Mal auf die Uhr sah, zeigten mir die Zeiger an, dass es kurz nach halb acht war. Ich stöhnte innerlich. Wie lange sollte dieses beschissene Gespräch denn noch dauern?

Die Tür ging auf und mein Herz setzt für einen Moment aus. Mein Kopf schnellte rum. Auch Alex stand plötzlich und starrte auf den Eingang. In der Tür stand Karin. Ich atmete zitternd aus und Alex ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen.
 „Hey“, sagte sie vorsichtig. Sie musste die Stimmung bemerkt haben. „Tut mir leid. Ich wäre eher gekommen, aber Tulpe ist nicht angesprungen.“ Sie verlor keine weiteren Worte und ging zu ihrem Platz. Im Zimmer breitete sich wieder Stille aus.
 „Gott, das ist ja nicht zum Aushalten“, platzte es nach einer Weile aus Alex, als er aufstand und wie ich durch den Raum marschierte.
 Ewald stöhnte laut auf. „Nicht du auch noch.“
  Ich sah wieder auf die Uhr. Es war kurz vor Acht. Langsam mussten die doch mal fertig werden, dachte ich genervt. Ich ging auf die Tür zu.
 „Wo willst du denn hin?“, fragte Alex.
 „Ich will nur mal gucken, ob -“, setzte ich an, als die Tür vor meiner Nase geöffnet wurde. Ich zuckte zurück.
  Vor mir stand unser Chef. Er sah müde und ernst aus. Hinter ihm stand Herr Schulz. Warum war Fritz nicht bei ihnen? Mein Magen zog sich zusammen und ich fühlte, wie eine Übelkeit mich überkam. Er sah in den Raum, blickte uns an.
 
 „Wo ist Fritz?“, platze es aus mir raus.  
 „Noch im Besprechungsraum“, entgegnete der Chef.
 „Kann man zu ihm?“, fragte Alex, der sich jetzt auch auf die Tür zubewegte.
 Der Chef hielt kurz inne, nickte dann aber. „Ich denke, dass euch Fritz sehen möchte.“ Warum sagte er uns nicht was los ist? Man konnte seinem Gesichtsausdruck auch nichts entnehmen. Das war ja zum verrückt werden.
 Auch wenn uns die Füße brannten, warteten wir noch bis die beiden im Büro vom Chef verschwunden waren. Sobald die Tür zuging, stürmten wir zum Besprechungsraum. Mein Herz klopfte wie wild in meiner Brust. Die Übelkeit durchzog noch immer meinen ganzen Körper. Ich war die Erste vorm Besprechungsraum und riss mit zittriger Hand die Tür auf.
 Ich atmete schwer als ich im Türrahmen inne hielt. Fritz stand am anderen Ende vom Zimmer, sein Kopf war ans Fenster gelehnt und er blickte nach draußen. Langsam drehte er seinen Kopf zu mir und sah mich an.

 Diesen Blick, ich hatte ihn in meinem Traum gesehen. Fritz hatte mich auf die selbe Art und Weise angesehen, bevor er in Handschellen abgeführt worden war. Dieser Blick, der mir versuchte zu sagen, dass alles gut werden würde, egal was mit ihm passierte. Nein! Das konnte nicht sein. Das wollte ich nicht sehen.
 Die anderen drängten sich an mir vorbei, als ich wie angewurzelt im Türrahmen stehen blieb und Fritz anstarrte. Alex ging auf Fritz zu, versperrte mir die Sicht.
„Was ist los?“, fragte Alex atemlos. „Wie war der Termin?“
  Ich senkte meinen Kopf. Nein! Nein! Nein! Ich wollte nicht hören was er sagte. Nicht, wenn es den gleichen Ausgang hatte wie der Traum. Die Bilder davon zogen sich wieder durch meinen Kopf wie ein Film. Mein Kopf dröhnte und der Puls schnellte in die Höhe. Ich hatte das Gefühl, dass ich keine Luft bekam.
  Fritz hatte irgendwas gemurmelt. Für mich war es nicht verständlich. Dafür stand ich zu weit weg. Alle drei standen um ihn rum und ich konnte sein Gesicht nicht sehen.

 „Und was heißt das?“, hörte ich Karins Stimme. Ein Moment war Stille.
 „Das heißt doch, dass sie die Ermittlungen gegen dich einstellen, oder?“, fragte Alex. Ich konnte die Hoffnung in seiner Stimme hören. Aber mein Kopf war noch zu durcheinander um irgendwas davon zu fassen. „Das heißt es doch, oder Fritz?“, fragte Alex erneut nach.
  Ewald bewegte sich ein wenig zur Seite und ich konnte ein leichtes Lächeln auf den Lippen von Fritz erkennen, als er nickte. Alex fiel ihm in die Arme und hob ihn hoch, als ich alle erleichtert ausatmen hörte.

 Meine Kraft verließ mich und ich musste mich an die Tür lehnen, während ich ausatmete. Die Ermittlungen waren eingestellt? Konnte das wahr sein? Das hieß doch, dass es keine Anklage geben würde... Erleichterung durchströmte meinen Körper, auch wenn ich schrecklich Angst davor hatte sie zuzulassen. Konnte es wirklich stimmen? Oder spielten mir meine Ohren und Augen einen Streich? Hatte ich mich verhört?
 Wenn das nur ein Traum wäre, würde es mich umbringen. Es war die eine Sache aus einem Albtraum aufzuwachen mit dem Wissen, dass es nicht wirklich passiert war. Aber jetzt alleine in meinem Bett aufzuwachen und zu wissen, dass auch das hier nur ein Traum war... Ich wollte mir das gar nicht erst ausmalen.

 Ich hörte die Stimmen von allen vieren nur gedämpft. Alle stellten Fritz fragen, der antwortete aber es drang nicht bis zu meinem Kopf vor. Ich starrte ihn noch immer an, auch wenn er leicht vor meinen Augen verschwamm. Ich versuchte die Tränen zurückzuhalten.
 Fritz sah mich in dem Moment an, wo ich mir die Tränen aus den Augen rieb. Er stoppte mitten in seinem Satz und ging an unseren Kollegen vorbei. Er schaute besorgt. Wie konnte er besorgt sein? Die Ermittlungen waren eingestellt, oder? Er musste doch vor Erleichterung platzen. Zumindest fühlte ich mich gerade so. Die Erleichterung stieg mir immer mehr zu Kopf, je länger ich ihn ansah. Sie war einfach nicht zu stoppen und wärmte meinen Körper.

 Wenn Menschen davon sprachen, dass ihnen ein Stein vom Herzen fiel, konnte ich es verstehen. In den letzten Wochen hatten sich so viele Sorgen und Ängste auf meine Brust gelegt, dass ich das Gefühl hatte, daran ersticken zu müssen. Jetzt aber fühlte ich mich, als wenn ich das erste Mal wieder durchatmen konnte.

Fritz kam auf mich zu. „Josephine?“, sagte er behutsam. „Ist mit dir alles in Ordnung?“ Ich schüttelte den Kopf. Das wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Ich war mehr als in Ordnung. Er kam noch näher auf mich zu und blieb vor mir stehen. “Geht es dir nicht gut?”, wollte er wissen.
 „Es wird keine Klage geben?“, fragte ich. Er schüttelte seinen Kopf.
 „Keine Klage“, entgegnete er knapp und sah mich sanft an.
 „Keine Suspendierung? Und die Ermittlungen werden eingestellt?“
 „Die Ermittlungen wurde heute eingestellt“, bestätigte er. Fritz fuhr sich nachdenklich durch die Haare. „Es wird ein paar Konsequenzen haben, aber ich kann meinen Job behalten. Das ist alles recht kompli-“ Ich ging auf ihn zu und legte meine Arme um ihn, drückte mich fest an ihn.

 Die ganzen Tage und Wochen der Ungewissheit hatten an mir gezerrt. Und die Gefühle der Erleichterung übermannten mich. Ich atmete keuchend aus, als sich Tränen ihren Weg bahnten. Gleichzeitig musste ich aber auch Lachen. Es waren Tränen der Freude. Konnte es sein? Hatten wir es wirklich geschafft?
 „Hey, Hey“, sagte er beruhigend in einem sanften Ton, als er immer wieder mit seiner Hand über meinen Rücken fuhr. Ich versuchte meinen Atem zu beruhigen, aber das schien im Moment unmöglich zu sein.
 „Wir haben es geschafft?“, fragte ich nach einer Weile. Ich war mir nicht sicher ob er es verstanden hatte. Ich hatte mein Gesicht in sein T-Shirt gedrückt und vor mir hingenuschelt.

 „Ja, haben wir“, erwiderte er flüsternd und ließ seine andere Hand über meine Haare fahren. Ich beruhigte mich langsam. Er musste seinen Kopf zu mir runter geneigt haben, denn ich konnte seinen warmen Atem an meinem Ohr spüren. Ich schloss meine Augen und genoss den Moment. Fritz hatte es also geschafft. Er hatte es wirklich geschafft. Diesen Moment konnte uns niemand nehmen.
 Wir hielten noch eine ganze Weile diese Umarmung. Er machte keine Anstalten sich zu lösen und auch mir lag es fern den ersten Schritt zu machen.
 Ich lächelte in sein T-Shirt. Noch nie in meinem Leben war ich so froh darüber gewesen, dass mich mein Gefühl getäuscht hatte.
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